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Wer oder was lenkt unsere Lebenswege?


AWHler
 AWHler
Themenstarter
Beiträge : 2463

Der us-amerikanische Schriststeller PAUL AUSTER (+2024) ist einer meiner Lieblingsautoren und in seinen Büchern geht es immer wieder um die Frage nach Zufall und Schicksal, um die Frage, was unsere Lebenswege lenkt, was wohl passiert und geschehen wäre, "wenn" oder "wenn nicht".

Sein Roman "4321" schildet das Leben des jungen Archibald Ferguson, in dessen frühen Jahren ein Familienschicksal passiert. Das Agieren des Vaters geht wird dann mit vier verschiedenen Szenarien geschildert, die zur Folge haben, dass der EINE Archie in der Folge für sein Leben sich in vier verschiedene Richtungen entwickelt - aus dem EINEN werden im Älterwerden und im weiteren Lebensverlauf VIER unterschiedliche Personen. 

Auster war Jude, aber nicht religiös oder gläubig. Und seine Überzeugung war, dass jederzeit Dinge auch anders sein könnten, dass das ganze Leben eine Verkettung von z.T. beliebigen Zufällen, Gegebenheiten und Ereignissen ist (im Guten wie im Schlechten), ein Geflecht von unzähligen Kausalketten, innerhalb derer wir zwar auch entscheiden, handeln und etwas tun können, etwas wollen. Aber letztendlich hätte unser Leben auch ganz anders verlaufen können oder nimmt morgen vielleicht schon eine Wende, über die wir nicht selbst entscheiden. Letztendlich ist das ganze Leben prallvoll von "Zufällen", die auch anders oder garnicht hätten passieren können.

Wären sich unsere Eltern nicht zufällig irgendwann begegnet, hätte ihr Leben einen anderen Verlauf genommen und es gäbe uns nicht.

Hätte Jemand nicht die Straßenseite gewechselt, wäre ihm das Gerüst auf den Kopf gefallen und hätte ihn getötet.

Wäre der weltberühmte Musiker nicht damals an der Straßenecke zu einem bestimmten Zeitpunkt einem Mann der Plattenfirma aufgefallen, der mal eben Zigarettenholen ging, wäre er nicht zum Weltstar geworden.

Hätte ich im Regal nach etwas anderem gegriffen, hätte ich mir nicht den Magen verdorben.

usw.

Warum?

Das ist auf den ersten Blick irgendwie eine "Binsenweisheit", eine Tatsache und "es ist eben so (gekommen, passiert)".

Doch nun wird's spannend, wenn wir damit auf unseren Glauben schauen - und auf das, was wir mit Gottvertrauen, Gebet, Führung - Lenkung - Bewahrung durch Gott verbinden.

Wir Christen sagen einerseits oft, dass wir genauso wie alle Menschen Teil der vergänglichen Welt mit ihren Ambivalenzen, Schmerzen, Grenzen und Rätseln leben. Halten aber andererseits daran fest, dass Gott "im Regimente" sitzt (altes Kirchenlied), dass er uns schützen und bewahren will, bitten um seine Führung und Lenkung, reden davon, dass etwas "kein Zufall" war, sondern von Gott gelenkt und gegeben.

Macht Gott Unterschiede im Zulassen, Eingreifen, Lenken und Sich-Verweigern in dieser Welt? 

Im Zweifelsfall sagen wir einfach: "Wir wissen das alles nicht." -  "Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken" - etc.

Aber auch, wenn wir von Heil und Erlösung reden, die geknüpft ist an eine Begegnung mit dem Evangelium, an eine Bekehrung, an eine Situation, die Menschen dahin führt, Christ zu werden, stellt sich die Frage, warum eben Unzählige niemals zu Lebzeiten dahin kommen - weil ihre Wege, ihre Begegnungen, ihre Einflüsse und Chancen dazu garnicht gegeben sind.

Hat Auster vielleicht Recht mit seiner Weltsicht, dass das Leben letztlich aus Zufällen zusammengesetzt ist, das auch gestern, heute, morgen ganz anders denkbar (gewesen) wäre?

Was denkt Ihr darüber?

L'Chaim

 

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4 Antworten
Stern
 Stern
Beiträge : 3637

@awhler 

Im Zweifelsfall sagen wir einfach: "Wir wissen das alles nicht."

Naja, woher sollen wir es auch wissen? Wir werden hier in unsere Umgebung reingeboren und beides ist denkbar. Den grossen Überblick über alles haben wir nicht. 

Individuelle Sichtweisen heissen ja nichts, sie sind nur Sichtweisen…

Für mich macht die „alles läuft nach Plan bzw. wurde durch die Anfangsbedingungen schon festgelegt“ genauso Sinn wie „nichts ist festgelegt, wir sind unseres Glückes Schmied“.

Vor Unglücken bewahrt zu werden ruft, glaube ich zumindest, auch bei Atheisten den Gedanken auf, ob es nicht doch einen Gott geben könnte. Ich persönlich mache mir aus der Frage nicht so viel, weil es mir im Alltag hinderlich und wenig hilfreich ist, darüber nachzudenken.

stern antworten
2 Antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 2463

@stern 

Danke für Deine Antwort.

Mir kommt noch ein Gedanke: Der christliche Glaube schaut auf die Welt mit den Kategorien von "Gut und/oder Böse", d.h. alle Dinge, alles was geschieht und passiert, in der Welt und im Leben, findet wohl eine christliche Wertung, Einordnung und Deutung.

Paul Auster dagegen stellt - ohne eine religiöse Deutung - einfach nur fest, dass die Dinge sind und passieren, wie sie sind und wie sie passieren. Nicht mehr und nicht weiniger. Er tritt sozusagen "einen Schritt zurück" von diesen Verstehens- und Zugriffskategorien - und thematisiert in seinen Erzählungen und Romanen die "Zufälle des Lebens" und das, was wir schlicht annehmen müssen als Gegebenheit, als Folge zufälliger (weil auch anders möglicher) Kausalketten, als Widerfahrnisse und Bedingtheiten (auf die wir keinen Einfluss haben).

"Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten/zum Guten dienen" (Römer 8,28) scheint mir dabei ein herausfordernder Satz des Glaubens - und ein Schlüssel zum Umgang mit dem Leben, wie es ist.

L'Chaim 

awhler antworten
Stern
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(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3637

@awhler 

Der christliche Glaube schaut auf die Welt mit den Kategorien von "Gut und/oder Böse", d.h. alle Dinge, alles was geschieht und passiert, in der Welt und im Leben, findet wohl eine christliche Wertung, Einordnung und Deutung.

Ich glaube, das tun viele Menschen, das ist nicht unbedingt was typisch christliches, oder?

Und meiner Meinung nach ist da auch schon die grosse Tragik in dem Gedanken zu finden: dass wir durch diese Bewertung uns oft des eigentlichen Lebens berauben, weil wir in dieser Bewertung hängen bleiben und das scheinbar schlechte kaum zu überwinden wissen und wieder erfüllt leben können.

und das, was wir schlicht annehmen müssen als Gegebenheit, als Folge zufälliger (weil auch anders möglicher) Kausalketten, als Widerfahrnisse und Bedingtheiten (auf die wir keinen Einfluss haben).

Ja, das sind manchmal unglaubliche Verkettungen und je unwahrscheinlicher, desto mehr ist man geneigt an eine Dimension jenseits des Sichtbaren zu glauben. 🙂❤️ Es hebt die „normale“ Wahrnehmung, dass man ein vom Rest getrenntes Individuum ist, eigentlich auf. Was ich persönlich sehr schätze und als wahrer empfinde.

Gerade weil wir keinen Einfluss darauf haben und es nicht willentlich so steuern können ist es so erstaunlich …und neigt unser Herz demjenigen zu, der das alles für uns bereithält.

Meine Angst kommt dann immer hoch und sagt: ja, aber dann musst du auch die schlimmen Dinge in deinem Leben als Segen sehen…und auch damit rechnen, dass auch wieder schlimme Dinge passieren, die du auch wieder verarbeiten musst und als Segen nehmen musst…du bist nicht sicher mit dieser Sichtweise….und du musst dann akzeptieren, dass Gott auch schlechtes schickt.

Naja, und das geht ja mal gar nicht. 🙂 So wie ich den christlichen Glauben sehe (und ja, ich weiss, das Leiden hat seinen festen Platz in unserem Glauben und man kann es nicht abstellen) ist das nicht mehr denkbar. Gott gibt nur Gutes. Punkt. Damit ist auch alles Schlechte, was mir zu widerfahren scheint, nur Wind unter meinen Flügeln.

Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten/zum Guten dienen

Genau so ❤️

 

stern antworten


Chai
 Chai
Beiträge : 5205

Mir gefällt der Satz, Zufall wäre ein Pseudonym Gottes, wenn er nicht direkt in Erscheinung treten will.

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