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Haben wir einen freien Willen (ich spoilere mal: Ja)


Orthodox
Themenstarter
Beiträge : 31

Die endlose Debatte um den freien Willen krankt fast immer an einer falschen Grundannahme: dem materialistischen Scheindilemma.Wer die Welt rein naturalistisch betrachtet, kennt nur zwei Schubladen: Determinismus (jede Entscheidung ist die biochemische Zwangswirkung vorangegangener Zustände, wie fallende Dominosteine) oder Zufall (ein neuronales Quantenrauschen lässt den Stein grundlos kippen). In beiden Fällen gibt es keinen freien Willen – entweder bist du eine biologische Marionette oder ein Würfelbecher.Dass der Naturalismus hier in einer Sackgasse landet, liegt schlicht an seiner Ideologie: Er kennt ausschließlich Ereigniskausalität (ein physisches Ereignis stößt das nächste an).Es gibt jedoch keinen zwingenden Grund, Bewusstsein und Geist auf feuernde Synapsen zu reduzieren. Der Philosoph Roderick Chisholm hat das treffend aufgelöst: Neben der Ereigniskausalität gibt es die Akteurskausalität (Agent Causation). Nicht ein biochemischer Vorzustand stößt die Handlung an, sondern die Person selbst als geistiges Subjekt initiiert eine völlig neue Kausalkette. Chisholm bezeichnete den frei handelnden Menschen deshalb treffend als einen „unbewegten Beweger im Kleinen“ (a prime mover unmoved).Genau hier berühren sich Metaphysik und Theologie: Wer die Fähigkeit besitzt, als personale Ursache eine neue Wirklichkeit ins Sein zu rufen, statt bloß ein Getriebener vorangegangener Naturgesetze zu sein, ist kein passiver Dominostein im Getriebe. In dieser realen schöpferischen Freiheit, als echte Erstursache zu handeln, zeigt sich das Fundament der Gottesebenbildlichkeit: der Mensch als freies, verantwortliches Gegenüber seines Schöpfers.

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12 Antworten
Rafael
 Rafael
Beiträge : 473

Handlungs- oder Willensfreiheit? Oder sind die für Dich identisch?

rafael antworten
4 Antworten
Orthodox
(@orthodox)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 31

@rafael Meine Handlungsfreiheit ist natürlich eingeschränkt. Obwohl der Akt eine Kaffeetasse anzuheben genauso Erstursache ist wie Gottes Erschaffung des Universums kann ich letzteres natürlich nicht machen.

orthodox antworten
Rafael
 Rafael
(@rafael)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 473

@orthodox Ja, schon, stimme zu. Allerdings bin ich in dieser Frage grundsätzlich unschlüssig. Freier Wille? Sind wir wirklich frei darin, etwas zu wollen, gerade wenn es darum geht dem Leben Richtung zu geben? Handlungsfreiheit? Merken wir nicht täglich, wie wir in unserem Handeln versagen ? Entscheidungsfreiheit? Wie stark sind wir tatsächlich von sozialen, gesellschaftlichen und politischen Erwartungen an uns beeinflusst?

rafael antworten
Orthodox
(@orthodox)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 31

@rafael Ja . 100%. Wenn ich todmüse bin kann ich einen Kaffee trinken oder eben nicht. Wenn ich eine Krebsdiagnose habe kann ich in Depressionen versinken oder noch einen schönen Urlaub machen. Beeinflussungen kann ich dekonstruieren oder eben nicht.

orthodox antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8083

@orthodox 

"Beeinflussungen kann ich dekonstruieren oder eben nicht." Hervorhebung von mir.

Beeinflussungen des Willens gibt es nur in sehr geringem Umfang und dann am ehesten bei Einflüssen von außen. Die eigenen unbewussten Einflüsse auf die Willensbildung sind so gut wie gar nicht beeinflussbar.

queequeg antworten


Lucan-7
Beiträge : 29918

@orthodox 

Dass der "Wille" nicht frei sein kann ergibt sich nicht aus den materiellen Zusammenhängen, sondern aus der Logik dass für die Änderung eines Willens immer ein jeweils übergeordneter Wille notwendig ist, womit man in einer endlosen Schleife festhängt.

Um zu verdeutlichen was ich meine:

Mein Wille: "Ich möchte gerne im Wald spazieren gehen." 

Um diesen Willen in Frage stellen und alternative Möglichkeiten in Betracht zu ziehen brauche ich einen übergeordneten Willen.

Also folgt:

Wille 2: "Ich hinterfrage meine Entscheidung. Ich entscheide mich, stattdessen in die Stadt zu gehen!"

Wer aber hat jetzt über den "übergeordneten Willen" entschieden, der mich in die Stadt führt? Wo kommt das her?

Wir benötigen also einen weiteren übergeordneten Willen, nämlich einen Willen, der "Wille 2" seinerseits hinterfragt und kontrolliert - schließlich reden wir von einem Willen, der in Gänze von uns selbst kontrolliert wird.

Aber wir sehen schon: Die Reihe an Instanzen, die über unseren Willen verfügen, würde sich bis ins Unendliche fortsetzen. Und zwar völlig unabhängig davon, ob diese "Willen" jetzt materiell gebunden sind oder nicht.

 

Deshalb halte ich den "freien Willen" im strengen Sinne auch für eine (gesellschaftlich notwendige) Illusion.  

lucan-7 antworten
6 Antworten
Rafael
 Rafael
(@rafael)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 473

@lucan-7 

Deshalb halte ich den "freien Willen" im strengen Sinne auch für eine (gesellschaftlich notwendige) Illusion.  

Würde es streng genommen bedeuten, dass unser Strafrecht abgeschafft werden müsste?

rafael antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29918

@rafael 

Würde es streng genommen bedeuten, dass unser Strafrecht abgeschafft werden müsste?

Nein. Das Strafrecht hat ja unter anderem Abschreckung, Resozialisation und Schutz der Bevölkerung zum Ziel... auch wenn das in der Realität nicht ganz so wie gedacht funktioniert. Aber was Besseres haben wir halt nicht (Oder fällt dir was ein?).

Mir selber hilft der Gedanke jedenfalls bei der Vergebung... ein Täter ist immer auch ein Opfer der Umstände. Wobei das oft ein schwacher Trost ist, aber es mag helfen.

Keinen Sinn macht unter diesen Umständen natürlich ein göttliches Strafgericht, das Menschen für ihre Verfehlungen bestraft. Denn Gott würde ja wissen, dass die Menschen gar nicht anders konnten, als sich so zu verhalten, wie sie es nun einmal taten... und er würde auch die Gründe dafür kennen.

lucan-7 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6361

Die Frage kommt immer wieder mal so oder ähnlich im Zusammenhang mit dem "Freier Wille"-Problem. Lucan-7 hat eigentlich, indem er die Illusion vom Freien Willen als "gesellschaftlich notwendig" schrieb, schon angedeutet, dass er wohl eher nicht dafür ist, das Strafrecht generell und komplett abzuschaffen.

Die Frage, die sich ganz praktisch stellt in Hinsicht auf das Strafrecht, ist allerdings nicht: Sind Täter für ihre Taten im philosophisch-metaphysischen Sinne verantwortlich? Sondern: Wie kriegen wir als Gesellschaft es hin, halbwegs zivilisiert miteinander umzugehen? Solange keine effektiveren Maßnahmen zur Verfügung stehen, asoziales/kriminelles Verhalten der Gesellschaftsmitglieder auf einem möglichst niedrigen Level zu halten, als es zu sanktionieren (zu bestrafen), funktioniert ein möglichst genau kalkuliertes System von Sanktionen (Bestrafungen), d.h. ein Strafrecht zumindest besser als Recht-Losigkeit.

Dabei wird ja dem Umstand, dass das Handeln von Menschen häufig so stark determiniert ist, dass die Vorstellung, da habe einer aus "freiem Willen" gehandelt, wenn er unter Drogen- oder Erpressungseinfluss oder einfach aufgrund geistiger Verwirrtheit ein Verbrechen beging, als absurd erkennbar ist, sogar schon in unserem geltenden Strafrecht Rechnung getragen, indem man mal schnell, mal langwierig, zu ermitteln versucht, ob ein Täter zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig (schuldfähig) war.

 

 

jack-black antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8083

@rafael 

Ja, weil es sein Ansinnen, aus Tätern ordentliche Bürger zu machen, nicht erfüllen kann.

Es gibt hier m.E. nur zwei Möglichkeiten. Entweder effektivere Maßnahmen als Strafen zu finden. Oder wenn das nicht gefunden oder gewollt ist, dann aber auch mit Strafen konsequent sein und Täter nicht vorzeitig entlassen. Eine frühere Terroristin soll jetzt nach 24 Jahren entlassen werden. Wozu dann das Urteil lebenslänglich?

Da letzteres aber kaum menschenwürdig etabliert werden kann und es mir sowieso sinnvoller erscheint, plädiere ich für Alternativen zu Strafen. Z.B. wäre es für eine Reihe von Straftaten sinnvoller dem Opfer eine Lebenslange Rente zu zahlen, wenn es erheblich finanziell geschädigt wurde oder durch Verletzungen keinem Beruf mehr nachgehen kann.

queequeg antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6708

@lucan-7 

Deine Logik hat ein Problem. 

Du gehst davon aus das Wille 1 und Wille 2 gleich bewertet werden, plus das in eine Entscheidungsfindung nur ein Wille  einfiesst. Wille ist in diesem Veispiel eine mischung zwischen bewussten und unbewussten Impulsen (hungegefühl), Bedürfnissen (ich muss abnehmen), Wünschen (ich habe lust auf einen Döner). Auf diese Elemete habe ich nur wenig möglichkeit einfluss zu nehmen, aber eben nicht keine. Das hungegefühl kann man überlisten wenn man mechanistisch weis wie das geht, oder entsprechende Medikamente nimmt. Die Lust auf den Döner kann man sich Abgewöhnen.  

Also ich kann nicht wollen was ich will. Das ist ja das berümte Postulat das du so gerne verteidigst. Ich behaupte hingegen, das ein Wille ein koposit aus diversen Faktoren ist, wie oben Beschrieben (ohne anspruch auf Vollständigkeit). Diese Faktoren haben eine Gewichtung, und eine Entscheidung wird wohl grossmehrheitlich entsprechend der Gewichtung gefasst. Was auf eine Determinierung der Entscheidung hinausläuft. 

Das wir also dennoch in den Döner beissen, anstatt einen Apfel zu essen und einen Spaziergang zu machen, ist keine 'Frei'willige Entscheidung, sondern beruht auf der Gewichtung der Faktoren die hinter einem Willen stecken. Ich behaupte aber, das diese Gewichtungen und Faktoren beeinflussbar sind und damit eben auch der Willen geändert werden kann. 

Aber und das ist das wichtig, dies ist eine rein naturalistische Dikusion. Die Diskusion darüber ob der Mensch sich frei für oder gegen Gott entscheiden kann ist davon Grundsätzlich entkoppelt. Denn selbst in der christlichen Theologie (ausserhalb des Calvinismus) geht man davon aus, das die Entscheidung für oder gegen Gott nicht losgelösst von seinem Handeln geschehen kann. Die vollkommen freie Entscheidungsmöglichkeit haben wir durch die Sünde verlohren, zumindest ist dies die Position im Westen seit Augustinus. 

arcangel antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29918

@arcangel 

Du gehst davon aus das Wille 1 und Wille 2 gleich bewertet werden, plus das in eine Entscheidungsfindung nur ein Wille  einfiesst. 

Nein, das Beispiel dient nur der Veranschaulichung der Logik. In Wahrheit handelt es sich um ein komplexes Netzwerk verschiedener Einflüsse. Das ändert aber nichts am hier dargestellten Prinzip: Irgendwo am Ende dieses Netzwerkes laufen Prozesse, die wir nicht willentlich beeinflussen können.

Konkretes Beispiel: Raucher wissen bekanntlich selbst um die Schädlichkeit von Zigaretten, unternehmen aber oft dennoch keine Anstrengungen, damit aufzuhören.

Raucher 1 erreicht irgendwann einen Punkt, an dem er sich sagt: "So, jetzt werde ich Anstrengungen unternehmen, mir das Rauchen abzugewöhnen!". Ob das gelingt oder nicht hängt dann auch wieder von verschiedenen Faktoren ab.

Raucher 2 erreicht diesen Punkt nicht. Er weiß zwar, dass Rauchen nicht gut ist, dringt aber nicht bis zu dem Punkt vor, an dem er ernsthaft versucht, damit aufzuhören.

Und: Raucher 2 kann sich auch nicht "willentlich" dazu entschließen, diesen Punkt zu erreichen. Denn der Wille dazu ist schlicht nicht vorhanden. Es müssen erst Faktoren hinzukommen, die diesen Willen formen, damit er sich dazu entschließen kann.

 

Aber und das ist das wichtig, dies ist eine rein naturalistische Dikusion. Die Diskusion darüber ob der Mensch sich frei für oder gegen Gott entscheiden kann ist davon Grundsätzlich entkoppelt.

Eigentlich nicht. Ich kann mich nicht willentlich für Gott entscheiden. Ich habe es versucht, aber ich kann nichts daran ändern, dass mir der christliche Glaube in wesentlichen Punkten unsinnig erscheint.

Ich kann das wieder und wieder prüfen... aber so lange kein anderes Ergebnis herauskommt kann ich daran auch nichts ändern.

lucan-7 antworten
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