Zur Übersetzung von ἁμαρτία (hamartia) und ἁμαρτάνειν (hamartanein) im sogenannten Neuen Testament
Warum die Wiedergabe mit „Sünde” eine semantische Verzerrung darstellt und warum „Verfehlung” der nüchternere, präzisere Ausdruck ist.
Sünde ist eine kirchengeschichtlich aufgeladene Schuldkategorie, ein juridisch gefärbter Zustandsbegriff, dessen versprochene Auflösung sich systembedingt in endloser Wiederholung verliert: der Vergebung folgt der nächste Fall, der nächste Beichtgang, das nächste Sakrament.
Was sich als Heilsangebot ausgibt, erweist sich der Sache nach als Dauerverwaltung eines Mangels.
Wenige theologische Begriffe haben die abendländischen religiösen Gemeinschaften und institutionellen Einrichtungen so tief geprägt (und zugleich so nachhaltig verzerrt) wie eben dieses Wort. Es ist zum semantischen Zentralgestirn ganzer dogmatischer Systeme geworden, hat Bußpraxis, Ablasswesen, Beichtordnung und Erbsündenlehre umkreist und sich dabei so weit von seinem griechischen und hebräischen Ausgangswort entfernt, daß heutige Leser des deutschen Bibeltextes bei „Sünde” nahezu reflexhaft an Schuld, Gesetzesübertretung und moralische Befleckung denken, selten jedoch an das, was im Grundtext eigentlich gesagt wird.
Im Zentrum der Frage stehen das griechische Substantiv ἁμαρτία (hamartia) und das zugehörige Verb ἁμαρτάνειν (hamartanein), die im Neuen Testament an theologisch entscheidenden Stellen begegnen und im Hintergrund das hebräische חטא (chata) der hebräischen Schriften, das in der Septuaginta fast durchgängig mit ἁμαρτία wiedergegeben wird
Die folgende Abhandlung untersucht, warum die herkömmliche Übersetzung mit „Sünde” weder philologisch noch sachlich angemessen ist, und argumentiert, daß die nüchterne Wiedergabe mit „Verfehlung” im Bedarfsfall durch „(Ziel-) Verfehlung” als erklärende Präzisierung ergänzt, das Bedeutungszentrum des Grundtextes deutlich genauer trifft.
I. Wortwörtliche Bedeutung: ἁμαρτία ist „Verfehlung”
ἁμαρτία ist ein Substantiv, gebildet aus dem Verbalstamm ἁμαρτ- und der Endung -ία, die im Griechischen häufig abstrakte Substantive bildet (vergleichbar deutschen Bildungen auf „-ung” oder „-heit”). Wortwörtlich bedeutet ἁμαρτία daher: „Verfehlung”, im konkreten Sinn von „das Nicht-Treffen” oder „das Fehlgehen”. Das zugrunde liegende Verb ἁμαρτάνειν trägt die Bedeutungen „verfehlen”, „nicht treffen”, „fehlgehen”, „den Punkt nicht erreichen” oder (kontextabhängig) „das Ziel verfehlen”. Daraus ergeben sich für ἁμαρτία wortnahe Wiedergaben wie „das Verfehlen” (als Vorgang), „die Verfehlung” (als Ergebnis) oder „das Nicht-Treffen” (als Zustand gegenüber einem verfehlten Bezugspunkt).
Eine kleine, aber instruktive philologische Beobachtung: Das α- am Wortanfang ist kein Alpha privativum, also keine Verneinungs-Vorsilbe (wie in „a-moralisch” oder „a-typisch”), sondern gehört zum Stamm selbst. Die Verfehlung wird nicht durch eine Vorsilbe „nicht-” gebildet, sondern liegt im Verb ἁμαρτάνειν unmittelbar.
Für den weiteren Argumentationsgang ist entscheidend, daß eine wortwörtliche Übersetzung nicht „Sünde”, nicht „Schuld” und nicht „Übertretung” ergibt, sondern zunächst schlicht „Verfehlung”. Erst wenn der im Verb mitgedachte Bezugspunkt ausdrücklich genannt werden soll, entsteht die erklärende Präzisierung „(Ziel-) Verfehlung”. Wichtig ist hier eine morphologische Klarstellung: ἁμαρτία setzt sich nicht transparent aus heute noch erkennbaren Wortteilen für „Ziel” und „Verfehlung” zusammen; das Wort enthält kein eigenes griechisches Lexem für „Ziel”. Das „Ziel” steckt vielmehr in der Bedeutung des Verbs ἁμαρτάνειν, sofern dieses im Sinne von „ein Ziel verfehlen” gebraucht wird. „(Ziel-) Verfehlung” ist also eine sinnnahe und in vielen Kontexten erhellende Wiedergabe, aber morphologisch nicht wörtlich. Wörtlich am nächsten ist und bleibt: Verfehlung.
II. Die Bildlogik: Verfehlen eines Bezugspunkts
Das Verb ἁμαρτάνειν kann in einer seiner konkreten klassischen Verwendungen das Verfehlen eines Ziels bezeichnen, beim Bogenschuß ebenso wie beim Wurf oder bei jeder anderen Form des gerichteten Tuns. Bei Homer, in der griechischen Tragödie und in Aristoteles’ Poetik, wo die ἁμαρτία des tragischen Helden den fatalen Fehlgriff bezeichnet, der den Untergang einleitet, ist die Bildlogik des Verfehlens noch deutlich präsent. In der klassisch-griechischen Verwendung ist ἁμαρτία dabei zunächst moralisch neutral: ein objektives Fehlgehen, kein primär schuldhafter Akt.
Hier ist allerdings methodische Vorsicht geboten. Aus dem Befund, daß für das Verb ἁμαρτάνειν „ein Ziel verfehlen” als konkreter Sinn belegt ist, folgt nicht, daß im Substantiv ἁμαρτία im Neuen Testament durchgehend eine aktive Bogen- oder Schützenmetapher mitschwingt. Lexikalisch ist ἁμαρτία in der gräzistischen Belegbreite eher allgemein „Fehler”, „Fehlhandlung”, „Verfehlung”; in religiöser und neutestamentlicher Verwendung tritt der ethische Sinn deutlich hervor. Die Bogen- oder Pfeilmetapher ist daher als anschauliche Veranschaulichung der Grundvorstellung legitim, sie ist aber kein durchgängig mitlaufender Wortbestandteil und sollte philologisch nicht so behandelt werden, als sei sie es.
Das hebräische Pendant חטא (chata) trägt eine vergleichbare Bildlogik. Auch dieses Verb bedeutet zunächst und buchstäblich: „verfehlen”. Ein aufschlußreicher Beleg ist Richter 20,16: Dort wird von Schleuderern berichtet, die einen Stein „auf ein Haar” schleudern und „nicht חטא“, also nicht verfehlen. Die Stelle ist als Beispiel für den konkreten, unmetaphorischen Gebrauch des Wortes hervorragend geeignet; es geht hier ausdrücklich nicht um Bogenschützen, sondern um Schleuderer, was die These einer ausschließlich auf den Bogen bezogenen Grundmetapher zusätzlich relativiert. Die Wortbildung trägt vielmehr die allgemeinere Vorstellung: zielen und nicht treffen. Erst durch metaphorische Übertragung wird der Begriff theologisch gefüllt: das Verfehlen des göttlichen Maßstabs, das Verfehlen der Beziehung, in der der Mensch stehen soll.
Daß die Septuaginta-Übersetzer im 3. und 2. Jahrhundert vor der Zerstörung des zweiten Tempels חטא mit ἁμαρτία wiedergaben, war kein Zufall, sondern philologisch konsequent: zwei Sprachen, dieselbe Grundvorstellung des Fehlgehens, dieselbe Offenheit für metaphorische Vertiefung.
III. Wie aus dem Verfehlen das deutsche Wort „Sünde” wurde
Die entscheidende Verschiebung geschieht in zwei Schritten. Zunächst über die lateinische Tradition: Vetus Latina und Vulgata übersetzten ἁμαρτία mit peccatum, das im klassischen Latein zwar zunächst breit „Fehltritt”, „Versehen”, „Vergehen” bedeutete, in der kirchenlateinischen Verwendung aber eine massive Verengung erfuhr; vom Versehen zum Vergehen, vom Fehltritt zum schuldhaften Bruch des göttlichen Gesetzes, schließlich zur juridisch-sakramental verhandelten Größe, die mit peccatum mortale, peccatum veniale und peccatum originale ein ganzes System dogmatischer Kategorien aufspannte.
Der zweite Schritt vollzieht sich im Deutschen, und hier wird die etymologische Spurensuche besonders aufschlußreich. Das deutsche Wort „Sünde” ist durch kirchliche Dogmatik, Bußpraxis und Schuldvorstellungen stark aufgeladen; etymologisch wird es mit althochdeutsch sunta und mittelhochdeutsch sünde verbunden. In etymologischen Darstellungen (etwa bei Grimm und Kluge-Seebold) wird eine Herleitung aus einer germanischen Wurzel diskutiert, die mit „seiend, wahr” zusammenhängt; die Nähe zum altnordischen sannr („wahr”; auch „schuldig”) und zum lateinischen sons („schuldig”) wird in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt. Diese Herleitung ist in der Forschung nicht unumstritten und hier nicht als gesicherte Endaussage zu verstehen, aber sie weist in eine bemerkenswerte Richtung: „Sünde” hat im Deutschen, anders als ἁμαρτία im Griechischen, eine forensisch-juridische Färbung schon im sprachlichen Vorfeld. Was etymologisch durchschimmert, ist nicht das Bild des Verfehlens, sondern die Vorstellung der erwiesenen Tatschuld.
Das Resultat ist eine Übersetzung, in der vom griechischen Original kaum noch etwas durchscheint. Wer im Deutschen „Sünde” hört, denkt an Schuld, Strafe, Beichte, Befleckung, Erbsünde, Sündenfall, Sündenstrafe, Sündenbock, ein institutionell, moralisch und juridisch geprägtes Bedeutungsfeld. Was er nicht hört, ist das, worauf der Grundtext zielt: das nüchterne Faktum eines Verfehlens.
IV. Die etablierten Alternativen und ihre Grenzen
Neuere Bibelübersetzungen haben den Verzerrungseffekt erkannt und Alternativen versucht.
Das Wort „Übertretung” verschiebt den Fokus erneut ins Juridische: man übertritt eine Linie, ein Gebot, ein Gesetz. Das Bild des Verfehlens verschwindet vollständig; an seine Stelle tritt das räumliche Bild des Schwellenüberschreitens. Das paßt gelegentlich zu παράβασις (parabasis) oder παράπτωμα (paraptoma), nicht aber als Standardwiedergabe von ἁμαρτία.
Das Wort „Schuld” ist die theologisch gewichtigste, aber zugleich die weitestgehende Verschiebung: Hier wird das Verfehlen eines Bezugspunkts durch den juristischen Schuldzustand ersetzt, also gerade durch jene Bedeutung, die das deutsche Wort „Sünde” schon mitbringt. Es ist der Tautologie-Effekt: das eine wird durch das andere erklärt, ohne daß zur Sache vorgedrungen würde.
Das Wort „Verfehlung” schließlich ist die nächste und nüchternste Wiedergabe und sollte als Grundübersetzung gewählt werden, gerade weil sie den semantischen Kern von ἁμαρτία wiedergibt, ohne den Inhalt der jeweiligen Verfehlung vorwegzunehmen. Der oft erhobene Einwand, das Ziel bleibe bei „Verfehlung” unsichtbar, ist sachlich gerade kein Mangel, sondern die korrekte philologische Repräsentation: ἁμαρτία benennt zunächst nichts anderes als den Sachverhalt des Fehlgehens. Was genau verfehlt wird, Treue, Glaube, Gesetz, Liebe, Gerechtigkeit, die Bestimmung zum Ebenbild Gottes, die Gemeinschaft mit dem Vater, ergibt sich aus dem jeweiligen Textzusammenhang. Das deutsche „Sünde” macht dagegen aus der Verfehlung schon vor jeder Kontextprüfung eine Schuldkategorie.
V. „(Ziel-) Verfehlung” als Auslegungshilfe, nicht als Standardübersetzung
Wo der biblische Kontext es nahelegt, ist „(Ziel-) Verfehlung” eine wertvolle erklärende Wiedergabe. Sie hat drei Vorzüge:
— Sie macht den Aspekt des Verfehlens unübersehbar.
— Sie verhindert, daß der Leser sofort und reflexhaft an die kirchliche Schuldmechanik denkt.
— Sie zwingt zur Frage: Welches Ziel wird verfehlt? (und damit zur Auslegungsarbeit, die die Übersetzung mit „Sünde” seit Jahrhunderten vermeintlich erspart).
Zugleich hat das Wort spürbare Nachteile: Es klingt im Deutschen technisch-abstrakt, und das Verb „ziel-verfehlen” wirkt sprachlich künstlich und wäre für eine Bibelübersetzung in der Fläche stilistisch schwer tragbar. „(Ziel-) Verfehlung” eignet sich daher nicht als durchgängige Standardwiedergabe, sondern als erklärende Präzisierung, als hermeneutische Hilfe und als didaktischer Ausdruck, überall dort, wo das Fehlgehen gegenüber einer von Gott her gesetzten Bestimmung im Vordergrund steht.
VI. Zwei neutestamentliche Prüfsteine
Römer 3,23. Der Vers lautet sinngemäß: „Alle haben verfehlt und ermangeln / bleiben zurück hinter der Herrlichkeit Gottes.” Die Formulierung paßt sehr gut zu einer „(Ziel-) Verfehlungs”-Lesart und ist einer der starken Texte für den Gedanken, daß die Menschen hinter einem von Gott her gesetzten Maß zurückbleiben. Sie beweist aber nicht, daß ἁμαρτία hier primär als Bogenschußmetapher gemeint ist; das Bild liegt im Bereich der nahegelegten Veranschaulichung, nicht im Bereich des philologisch zwingend Mitgemeinten. Auch die Wendung „Herrlichkeit Gottes” ist exegetisch umstritten: vertreten werden u. a. die Lesarten „Gottes Herrlichkeit nicht widerspiegeln”, „nicht an der von Gott gemeinten Herrlichkeit teilhaben” und „hinter Gottes Standard zurückbleiben”. Was alle drei Lesarten gemeinsam haben, ist gerade die Grundvorstellung des Zurückbleibens hinter einem Bezugspunkt, und damit die Strukturlogik, die im griechischen Wort selbst angelegt ist.
1Johannes 3,4. Der Vers stellt eine Identifikation auf, die als scheinbarer Einwand gegen die hier vorgeschlagene Lesart wirken könnte: ἡ ἁμαρτία ἐστὶν ἡ ἀνομία, daß ist: „die Verfehlung ist die Gesetzlosigkeit”. Damit wird ἁμαρτία unmittelbar mit ἀνομία verbunden, also mit Normwidrigkeit gegenüber dem Gesetz. Bei genauerem Hinsehen verschärft die Stelle aber gerade die Frage, statt sie zu schließen: Welches Gesetz ist gemeint? Und für wen gilt es? Wer will dieses Gesetz halten, und wer kann es halten? Der Verfasser des ersten Johannesbriefes setzt ein Gesetzesverständnis voraus, das im Kontext des Werkes eng mit dem Gebot der gegenseitigen Liebe verbunden ist (vgl. 1 Johannes 3,11.23), nicht ein abstrakter, juristisch verwalteter Strafkodex. Und Paulus’ Antwort auf eben dieselbe Frage ist hochkomplex: Er schreibt zugleich, daß durch das Gesetz die Erkenntnis der ἁμαρτία (Verfehlung) komme (Römer 3,20), daß das Gesetz heilig (d.i. abgesondert für…) sei (Römer 7,12), und daß dennoch niemand durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt werde (Galeter 2,16). Eine Übersetzung mit dem schon vorbelasteten Wort „Sünde” suggeriert eine Eindeutigkeit der „Schuld vor dem Gesetz”, die der neutestamentliche Befund gerade nicht hergibt. „Verfehlung” hält die Frage offen und verlangt vom Leser, sie aus dem jeweiligen Textzusammenhang zu beantworten.
VII. Das eigentliche Problem der Standardübersetzung „Sünde”
Der Befund läßt sich knapp zusammenfassen: In Bibelübersetzungen wird ἁμαρτία sehr häufig institutionell-religiös als „Sünde” mit dem ganzen Schuldkomplex wiedergegeben, obwohl der griechische Kontext oft nur von einem Verfehlen (etwa im Sinne eines verfehlten Ziels) spricht. Damit trägt die Übersetzung etwas in den Text hinein, was im Wort selbst nicht steht: eine spätere institutionell-kirchlich und dogmatische Schuldsemantik, die als Auslegung in bezeichneten Kreisen legitim sein mag, als Wiedergabe aber präjudiziert, was sich allein aus dem Kontext klären sollte.
Die wortwörtliche Übersetzung zeigt dies unmißverständlich: „Sünde” gibt nicht die elementare Grundbedeutung von ἁμαρτία wieder, sondern eine traditionsgeschichtlich verdichtete, religiös-institutionell geprägte Auslegung des Bedeutungsfeldes und diese Auslegung wird, sobald sie in Übersetzungen den Status der Standardwiedergabe erhält, im Bewußtsein der Leser zur scheinbar selbstverständlichen Bedeutung des Wortes.
VIII. Objektive Qualität vor traditioneller Naivität
Die wortwörtliche Übersetzung von ἁμαρτία ist nicht „Sünde”, nicht „Schuld” und nicht „Übertretung”, sondern schlicht: Verfehlung. Diese Wiedergabe ist gegenüber „Sünde” die präzisere Grundübersetzung, weil sie den semantischen Kern des griechischen Wortes wiedergibt, ohne den Inhalt der jeweiligen Verfehlung vorwegzunehmen. Erst der Kontext zeigt, worin die Verfehlung im einzelnen besteht: Untreue, Unglaube, Gesetzlosigkeit, Gewalt, Götzendienst, Lieblosigkeit, Trennung von der Gemeinschaft mit Gott oder Verfehlen der göttlichen Bestimmung.
„(Ziel-) Verfehlung” und in zurückhaltender Verwendung auch das Verb „ziel-verfehlen”, ist als erklärende Auslegungshilfe wertvoll: dort, wo das Fehlgehen gegenüber einer von Gott her gesetzten Bestimmung in den Blick treten soll. Als durchgängige Standardübersetzung trägt das Kompositum jedoch eine Spezifizierung in den Text ein, die das griechische Wort an dieser Stelle gar nicht von sich aus mitbringt; es eignet sich daher als Präzisierung, nicht als Ersatz.
„Sünde” hingegen ist als Standardübersetzung irreführend, weil sie eine spätere institutionell-kirchlich und dogmatische Schuldsemantik in den Text einträgt und in dieser Schuldsemantik bleibt der Mensch dauerhaft gefangen, denn das System, das die Sünde verwaltet, lebt von ihrem Fortbestand.
„Verfehlung” als Grundübersetzung hält (wie das griechische Grundtextwort) den Begriff offen und erlaubt dem jeweiligen biblischen Zusammenhang, seine eigene Stimme zu finden. Damit wird sichtbar, was die institutionelle Übersetzungstradition systematisch verdeckt: daß die biblische Rede vom Fehlgehen des Menschen nicht bei einer Schuldverwaltung endet, sondern bei der Frage anfängt, was ist es, hinter dem zurückgeblieben wird, und wer ist es, dem gegenüber das Ziel verfehlt wurde?
Diese Frage offenzuhalten (und gerade nicht durch ein vorbelastetes Wort vorzeitig zu beantworten) ist die eigentliche Aufgabe einer Bibelübersetzung, die der Sache dienen will und nicht der Tradition.
Holger T. Schubert