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Selbstverleugnung versus „Fülle des Lebens“

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Stern
 Stern
Themenstarter
Beiträge : 3751

Hallo @lle, 

ich bekomme mal wieder etwas nicht zusammengebacken:

Jesus Aussagen

“wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“ 

und

“ich bin gekommen damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“

sind für mich diametral und ein „entweder oder“ und nicht ein „beides“.

Wenn ich mich selbst verleugne, erscheint mir mein Leben schwer und vor allem leer - logisch, denn ich komm darin ja nicht mehr vor.

Eine möglich Auflösung bietet sich an in der Trennung der Angesprochenen:

Sind in der ersten Aussage einfach nur und ausschließlich diejenigen gemeint, die ihr Leben dann tatsächlich ganz in den Dienst der Verkündung stellen? Dann sind sie ja quasi mit was anderem gefüllt, mit dem Dienst an Jesu Stelle. Und mit der zweiten Stelle wäre dann quasi die breite Masse gemeint, die das Evangelium hört.

Wie geht es euch mit diesem scheinbaren Widerspruch? Ist es für euch überhaupt einer?

Liebe Grüße, ⭐️

 

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133 Antworten
neubaugoere
Beiträge : 19420

@stern 

Mir kam gerade noch ein Gedanke ... ich versuchs mal so zu sagen: wir verleugnen den Menschen in uns, WEIL wir unsere Identität in Gott haben.

neubaugoere antworten
3 Antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@neubaugoere 

Mir kam gerade noch ein Gedanke ... ich versuchs mal so zu sagen: wir verleugnen den Menschen in uns, WEIL wir unsere Identität in Gott haben.

Kann sein. 

Aber wenn ich ganz ehrlich bin: dann will ich den Menschen in  mir gar nicht verleugnen. Ich will ja ein Mensch sein.

 

stern antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@stern 

"will ich den Menschen in  mir gar nicht verleugnen. Ich will ja ein Mensch sein."

Seh ich auch so.

queequeg antworten
neubaugoere
(@neubaugoere)
Beigetreten : Vor 15 Jahren

Beiträge : 19420

@stern 

Das verstehe ich. Vielleicht ist dieser dein Gedanke nicht so ganz die Spur ... Das ist nur für dich zum Nachdenken (nicht hier antworten): Das, woran du denkst, dass du es "verlieren" würdest ... du wirst DICH nicht verlieren, denn Gott kennt dich und hat in dich etwas hineingelegt für diese Welt - mit Bedacht. Und er nutzt es, so du dich ihm als Werkzeug zur Verfügung stellst. Es geht nicht um die Dinge, an die du vielleicht jetzt denkst. Du bleibst du, wirst aber verändert zu einer besseren Version deiner selbst und als gutes Werkzeug bereitet für diese Welt.

neubaugoere antworten


AWHler
 AWHler
Beiträge : 2518

@stern 

Ich beschäftige mich gerade nocheinmal mit "christlicher Mystik", die einerseits christ-lich (in ihrer Grundierung & Ausrichtung) war/ist, und zugleich Berührungen hat mit mystischer Erfahrung/Deutung in außerchristlichen Bereichen (ZEN, Yoga, Sufismus, Kabbala und auch trans-personaler Psychologie).

Hier wird (ich muss es vereinfachen) ein Unterschied gemacht zwischen dem "Ich"  (dem unerlösten, kleinen EGO), wie Menschen es in der Welt und für sich gewöhnlich leben - und der "Ich-Findung" IN GOTT.

Auch christliche Mystiker verstehen so das Aufgeben, Zurücklassen, Verlieren des Kleinen Ich (gekreuzigt) - und das "Leben in Fülle" finden gerade in dieser Tranformation - und damit nicht als Widerspruch, sondern als Folge des einen aus dem anderen.

Bedenkenswert.

L' CChaim

awhler antworten
1 Antwort
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@awhler 

Hier wird (ich muss es vereinfachen) ein Unterschied gemacht zwischen dem "Ich"  (dem unerlösten, kleinen EGO), wie Menschen es in der Welt und für sich gewöhnlich leben - und der "Ich-Findung" IN GOTT.

Ok. 
Hauptsache es bleibt eines da, ein „ich“.🙂 Jemand muss das ja dann „erleben“.

stern antworten
Queequeg
Beiträge : 8015

@stern 

Ich kann mit dem Begriff "Selbstverleugnung" nichts anfangen.

Ich bin im Rahmen meiner früheren Tätigkeit so vielen Menschen begegnet, die sich selbst erheblich verleugnet haben und sich durch anderen bestimmt und geleitet haben lassen. Bei denen musste im Gegenteil überhaupt mal erst ein "Selbstbewusstsein" und positives "Selbstgefühl" entwickelt werden.

queequeg antworten
22 Antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 29918

@queequeg 

Der Begriff ist ziemlich einfach erklärt: 

es geht um "mein Wille geschehe" gegenüber "Jesus, dein Wille geschehe"

Ich, Meiner, Mich, Mir, wir Vier wissen eh immer alles besser.... 😉 🤣  Das ist aufzugeben, denn Jesus weiß definitiv besser, was gut für den Menschen ist. 

deborah71 antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@deborah71 

Das ist aufzugeben, denn Jesus weiß definitiv besser, was gut für den Menschen ist. 

Ja. Jesus Gebote gehören für mich zur Nachfolge dazu. Wenn ich sie nicht mag, brauch ich nicht nachzufolgen. Aber wenn ich nachfolgen will, dann sind sie Anhaltspunkte und meinen eigenen Leitlinien übergeordnet. Dann zählen meine quasi nicht mehr. So verstehe ich Selbstverleugnung schon. 

stern antworten
Kappa
 Kappa
(@kappa)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 1804

@stern nunja manches kann schwer zu mögen sein .... Es gibt da Dinge die sind im Grunde gegen die Seele. 

Aber ändert nichts es ist so wie du sagst.

kappa antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@deborah71 

Wenn ich also morgen früh entweder Weizenmischbrot oder Knäckebrot essen kann, soll ich nicht nach meinem aktuellen Geschmack gehen, sondern Jesus fragen, was jetzt gut für mich ist?

queequeg antworten
Kappa
 Kappa
(@kappa)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 1804

@queequeg nein. Dreh und Angelpunkt ist die Liebe.

Welches Brot ich esse hat damit wenig zu tun.

kappa antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@kappa 

Das Beispiel mit der Frühstücksentscheidung zeigt die Struktur der ganz überwiegenden Alltagskonflikte. 

queequeg antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 29918

@queequeg 

Zum Beitrag

Dein Ansatz zeigt eine religiöse Haltung: darf ich dies als Christ, darf ich das als Christ.... das ist nicht mit Selbstverleugnung und Gottes Willen tun gemeint.  In deinem Beispiel steht wieder das Ich-Meiner-Mich-Mir-wir vier  am Anfang. 

Bei Selbstverleugnung steht ein Auftrag Jesu am Anfang und du bist gefragt, ihn anzunehmen und auszuführen, statt dich noch mal bequem im Bett umzudrehen oder zu mäkeln... will ich nicht, lass das mal die anderen machen. 

Wie Kappa schon schrieb: es geht um die Liebe/Loyalität und die Nachfolge. 

 

deborah71 antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@deborah71 

Ich verstehe ja durchaus, was es bedeuten soll. Nur kommt das in der Wirklichkeit des Lebens kaum zum Ausdruck Da ist dann doch die Parole meines Frühstück - das ja nur ein Beispiel ist - wirksam.

Und was die Liebe betrifft: entweder man lebt in ihr oder nicht, aber man entscheidet sich nicht bei jeder Frage, die ein anderer Mensch für einen ist, erneut, ob man egozentrisch oder nicht doch lieber egoistisch (also so, wie man gemeint ist) handeln will.

queequeg antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 5551

@queequeg Ich denke, dieses 'sich selbst nicht zu wichtig nehmen' ist einfach eine Haltung. 
Und es hat auch gar nichts mit 'sich klein machen' zu tun - man muss sich seines Wertes schon bewusst sein, um sich zu entscheiden, dass man nicht ständig im Vordergrund stehen muss.

chai antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@chai 

Und es hat auch gar nichts mit 'sich klein machen' zu tun - man muss sich seines Wertes schon bewusst sein, um sich zu entscheiden, dass man nicht ständig im Vordergrund stehen muss.

Die Frage ist halt: wie weit geht man da?

Wie lange bleibe ich in einer dysfunktionalen Beziehung/Ehe weil ich mich zurücknehmen kann, weil mir mein Wert ja bewusst ist? Ergibt das Sinn so zu denken? Wenn ja, bräuchte es unter dem Aspekt tatsächlich nie eine Scheidung….

stern antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 5551
Veröffentlicht von: @stern

@chai 

Und es hat auch gar nichts mit 'sich klein machen' zu tun - man muss sich seines Wertes schon bewusst sein, um sich zu entscheiden, dass man nicht ständig im Vordergrund stehen muss.

Die Frage ist halt: wie weit geht man da?

Wie lange bleibe ich in einer dysfunktionalen Beziehung/Ehe weil ich mich zurücknehmen kann, weil mir mein Wert ja bewusst ist? Ergibt das Sinn so zu denken? Wenn ja, bräuchte es unter dem Aspekt tatsächlich nie eine Scheidung….

Die Frage ist berechtigt. 
Ich weiß zu gut, dass dieser Vers gern missbräuchlich verwendet wird / wurde, um jemanden kleinzumachen / kleinzuhalten. 

chai antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@chai 

Die Frage ist berechtigt. 

Für mich geht die Frage auch noch weiter:

Hat Jesus das mit Selbstverleugnung sagen wollen? Dass Selbstverleugnung bedeutet, dass man, weil man sich seines Wertes bewusst ist, Situationen um eines höheren Zieles Willen aushalten soll?

stern antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@stern 

Ich denke nicht, dass Jesus fordert, etwas aushalten zu sollen. Ich denke, er wird im Gegenteil die Menschen ermutigt haben wollen, ihren Wert - immerhin ja von Gott erschaffen - erkennen und von daher keine Egozentriker mehr sein zu müssen. Egozentriker wollen ja im Gegensatz zu Egoisten wie Götter sein, die die Welt beherrschen.

queequeg antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 5551

@stern Du stellst Grundsatzfragen. Ich sehe individuelle Antworten. 

Ja, es kann vorkommen, dass man sich um eines höheren Ziels willen zurücknehmen sollte. 
Aber ich denke, es kommt auf die Situation an. 

chai antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@chai 

Richtig, so sehe ich das auch. Wer sich selbst liebt, der braucht nicht permanent um die Liebe anderer zu buhlen und braucht nicht ständig der erste zu sein.

queequeg antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 5551
Veröffentlicht von: @queequeg

Wer sich selbst liebt, der braucht nicht permanent um die Liebe anderer zu buhlen und braucht nicht ständig der erste zu sein.

Wer mit sich selbst im Einklang ist ...

chai antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@chai 

Ich denke, wer mit sich im Einklang ist, liebt sich auch.

Aber wer sich liebt, ist deshalb nicht unbedingt im Reinen mit sich. Es kann in seinem Leben einzelne Gedanken oder Taten gegeben haben, die nicht von Liebe geprägt sind. Das müsste eigentlich diese Liebe zerstören. 

Tut sie aber nicht, weil nach christlichem Verständnis eine solche beschädigte Liebe geheilt wird.

queequeg antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 2518

@queequeg 

Ja, diese Seite unseres menschlichen Daseins kenne und befürworte ich auch. Gestalttherapeutisch und seelsorglich habe ich viele Menschen in dieser Richtung wahrgenommen und versucht, ihnen eine Hilfe zu sein.

Aber es ist wohl - wie das Leben selbst - dialektisch.

Damit meine ich: Man muss wohl erstmal (in der biografischen Entwicklung) ein "Ich" haben, um in der Welt zu funktionieren UND zugleich muss (wird und darf) man erkennen, dass die Lebenserfüllung und Lebensfindung, von der Jesus und die Mystiker (auch die christlichen) sprechen nicht in der "Blase" einer EGO-Füllung liegt - sondern letzt-endlich in der Entdeckung eines anderen "Ich", das den "alten Adam" (und natürlich auch die "alte Eva") transzendiert ... 

Richard Rohr hat dazu viel Gutes geschrieben (z.B. "Befreiung vom Ego") ---  und das beste Buch, das ich dazu kenne ist "Identität und Befreiung. In Gestalttherapie, Zen und christlicher Spiritualität" vom Ludwig Frambach.

https://claudius.de/products/befreiung-vom-ego

https://www.amazon.de/Identit%C3%A4t-Befreiung-Gestalttherapie-christlicher-Spiritualit%C3%A4t/dp/3928632108

L'Chaim

awhler antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@awhler 

Ich stimme Dir hier vollkommen zu.

Die meisten Menschen unterscheiden nicht zwischen "Egoismus" und "Egozentrik". Das Problem ist nicht das "Ego", sonders das, was dem folgt. Für den Egozentriker gilt nur, was er selbst denkt. Der Egoist geht wohl von sich aus, versteht sich aber als Teil einer Gemeinschaft und zieht daher auch die Interessen anderer mit in Betracht.

queequeg antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@awhler 

kennst Du die "Schlüsselmethode" von Karl Frielingsdorf.

 

queequeg antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 2518

@queequeg 

Nein - hast Du Erfahrungen damit?

L'Chaim

awhler antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@awhler 

Mit der Theorie der "Schlüsselmethode". Hab auch mal mit ihm darüber gesprochen. Sie schon faszinierend, eine Art Psychoanalyse ohne Worte.

Zuerst werden die Türen aufgesucht, hinter denen sich ungelöste Probleme verbergen. Nach dem Öffnen soll der Klient möglichst genau die Körperhaltung annehmen, die dem Problem entspricht, und eine Weile darin verharren, was kolossal schwierig ist. Dann wird er langsam, Schritt für Schritt da hiausgeleitet.

Der besondere Wert dieser Methode ist, dass sie weitgehend auf emotionaler und nicht mentaler ebene arbeitet.

queequeg antworten


Claudius
Beiträge : 139

@stern
Das liegt meiner Meinung nach daran, weil die Aussagen von Jesus für Menschen getätigt wurden, welche Träger einer archaisch orientalischen Kultur des Nahen Ostens gewesen sind, die entgegen westlicher Zivilisation (und eingeschränkt griechisch/römischer) unseres Umfeldes auf einem kollektiven Eigenverständnis beruhte. Da die Idee 'des Selbst' von der Vorstellung des 'ich' abhängt, lässt sich dies recht einfach aufzeigen, nämlich anhand der Sprache: Sowohl das biblische Hebräisch als auch Aramäisch verfügen nämlich über gar kein eigenständiges Wort für den Ausdruck 'selbst'! Wenn etwas in Bezug auf die eigene Person ausgesagt wurde, dann in Hinblick auf geistige Kategorien, wie etwa Seele, Emotion oder Willen, die grammatikalisch notwendig in direkten Bezug zu entweder einer Handlung oder Handlungsausrichtung standen und in Hinblick auf ihre kollektiven Auswirkungen das  Selbst überhaupt erst bestimmten.

Wenn der synoptische Jesus also in den griechischen Abschriften vom 'selbst' sprach, dann meinte er im nahöstlich kulturellen Kontext kein individuelles Selbst und erst recht kein individuelles Selbstempfinden - kein Ego, sondern eine kollektive Präferenz in der Nachfolge, die unabhängig individueller Persönlichkeit und Situation aus Loyalität zur Gemeinschaft darin bestand die Lehre Gottes durch Ihn gegenüber zusammen umzusetzten und alle Konsequenzen hieraus als Gemeinschaft kollektiv zu tragen.

Wenn Du beispielsweise Nathanael gefragt hättest, was ihn persönlich ausmacht, hätte er mit Wahrscheinlichkeit geantwortet: Wir leben und sterben in  Nachahmung des Messias!

Dieses 'selbst' der griechischen Abschriften und Übersetzungen ist also ein Artefakt der Begriffsfindung nicht nur durch Übertragung aus einem lokal westaramäischen Dialekt ins reduzierte Koiné Griechisch, sondern auch Interpretation zweier teilweise diametral gegenüberstehender Kulturräume wie Selbstverständnissen. 

claudius antworten
3 Antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@claudius 

Sowohl das biblische Hebräisch als auch Aramäisch verfügen nämlich über gar kein eigenständiges Wort für den Ausdruck 'selbst'! Wenn etwas in Bezug auf die eigene Person ausgesagt wurde, dann in Hinblick auf geistige Kategorien, wie etwa Seele, Emotion oder Willen, die grammatikalisch notwendig in direkten Bezug zu entweder einer Handlung oder Handlungsausrichtung standen und in Hinblick auf ihre kollektiven Auswirkungen das  Selbst überhaupt erst bestimmten.

Das kann ich sogar gut nachvollziehen, weil das „Selbst“ ja über Emotionen, Willen usw. erlebt wird.

Würde das dann aber nicht bedeuten, dass Jesus damit eben sagt: verleugne deinen Willen, verleugne deine Emotionen usw…?

stern antworten
Claudius
(@claudius)
Beigetreten : Vor 5 Monaten

Beiträge : 139

@stern Nein, eben gerade nicht aber dies darzustellen wird im kurzen nicht möglich sein, daher bitte ich um Entschuldigung für die voraussichtlich etwas umfassendere Antwort:

Aramäischer und hebräischer Sprachlogik nach ist der Begriff Seele: (Aramäisch) Nap̄šā nicht beschränkt auf einzelne Individuen, sondern eine Konsequenz des allumfassenden Wirkens durch den Geist Gottes, dem (hebräisch) Rûaḥ. Wir haben demnach also keine (individuelle) Seele, sondern finden Anteil an einer allumfassenden Beseeltheit, die von Gott stammt und uns mit allem Leben, ja der ganzen Schöpfung als mannigfaltige Aspekte eines Seins verbindet (bitte nicht mit Animismus verwechseln). Aus diesem Grund ist Gott uns auch prinzipiell unmittelbar nahe, ebenso wie das Leben unserer Nächsten. Der Mensch findet dahingehend Identität nicht aus seinem Eigenerleben, sondern allein in Relation zu anderen und der Schöpfung insgesamt. Die orientalischen Menschen des Altertums verfügten dahingehend geradezu über große, emotionale Intelligenz sowie mystisch-geistige Sensibilität, denn sie verstanden sich essentiell als nicht als getrennt von der Schöpfung noch ihrer Mitmenschen. Sie fühlten, empfanden intuitiv in der Regel gleichsam alltäglich was ihre Mitmenschen empfinden, litten wie freuten sich mit Ihnen, sowohl im guten wie im schlechten unmittelbar und um es mit semitischer Begrifflichkeit auszudrücken: Ihre Augen und Münder waren weit geöffnet und mit ihren Gedärmen erlebten sie das allumfassende Wirken Gottes als Normalität.

Da nun Emotion und Wille ebenfalls nicht individuell sondern relational begriffen wurde, ist daran grundsätzlich überhaupt nichts problematisches. Zur Emotion gehört jedoch auch ein Empfinden von Verantwortung und an diesem Punkt finden wir dann auch individuelle Schriftbezüge, nämlich als Willen zum Handeln im Sinne kollektiven Heils aus allgemeiner Verantwortlichkeit.

Die Entscheidung der Nachfolge wurde aus diesem Verständnis getroffen, nicht um individuell seine Seele zu retten, sondern um zur Heilung und Heiligung der Welt aus reinem Herzen heraus beizutragen. Ich bin überzeugt, jeder Apostel fühlte nämlich, das die Harmonie der jüdischen Welt gestört war, ihre Mitmenschen der Isolation zunehmend anheim fielen, verloren gingen (wenn nun das Salz untauglich wird, so taugt es zu nichts weiter als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden) und dies müsste emotional mit großem Schmerz verbunden gewesen sein.

Sie entscheiden sich zur Nachfolge gerade nicht, weil sie ihre Emotionen und ihren eigenen Willen verleugneten. Sie sahen beides nur nicht getrennt von ihren nächsten und dies trieb sie an.

Frieden Dir!

claudius antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@claudius 

Danke dir für deine ausführliche Antwort!

stern antworten
Hesed
 Hesed
Beiträge : 243

Ich habe mal versucht durch Claudius Ausführungen heraus mir den Vers vom Aramäischen Poetisch ins Deutsche zu übersetzen. Das kam dabei heraus. 

Aus der Stille des Aramäischen
 
„Wer den Weg mit mir gehen will,
der trete aus dem Schatten seines bangen Egos
und lasse das krampfhafte Festhalten am eigenen Ich los.
Hebe aufrecht und voller Würde
den Stamm deiner Lebensbestimmung empor
und fließe im Gleichklang meiner Spuren.“
 

 
Warum diese Worte so tief berühren
Diese poetische Fassung spiegelt das Herz der semitischen Mystik wider:
  • „Aus dem Schatten des bangen Egos“: Im Aramäischen ist die Naphsha (das kleine Selbst) oft von Urängsten und dem Drang nach Selbsterhaltung getrieben. Es zu „verleugnen“ bedeutet poetisch, aus diesem engen, dunklen Raum der Angst ins Licht zu treten.
  • „Das krampfhafte Festhalten loslassen“: Da Naphsha auch den physischen Atem bedeutet, gleicht das Loslassen dem Ausatmen. Nur wer ausatmet, hat wieder Raum, um den neuen, göttlichen Lebensatem zu empfangen.
  • „Voller Würde emporheben“: Das Kreuz (Zqifa) ist hier keine drückende Last, unter der man zerbricht. Es ist ein Aufrichten. Es bedeutet, sich der eigenen Verantwortung und der eigenen Größe zu stellen – verwurzelt auf der Erde, ausgestreckt zum Himmel.
Gott wirkt in dieser Poesie nicht als strenger Richter, sondern als der große Rhythmus, in den wir einstimmen, sobald wir unser Ego zum Schweigen bringen.
hesed antworten
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Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3751

@hesed 

Sehr schön.

Aber es wirkt so ganz anders, als die bisher angenommene christliche Bedeutung des Kreuzes.

Hier ist es ein „Stamm der Lebensbestimmung“ und das hört sich für mich nach „lebe deinen Traum“ an.  Verstehst du was ich meine? Das ist schon was ganz anderes…das ist im Prinzip der Slogan der Zeit…yolo!

stern antworten


Hesed
 Hesed
Beiträge : 243

Aramäisch Kreuz:

Die Bedeutung von Z'kifa (Kreuz / das Aufgerichtete)
Das ist der absolute Schlüsselbegriff. Das Wort Z'kifa leitet sich direkt von der aramäischen Wurzel zakaf (ܙܩܦ) ab. Diese Wurzel bedeutet primär:
  • „Aufrichten“
  • „Aufrecht stehen“
  • „Erhöht/erhoben werden“
Historisch gesehen war das Kreuz (der Pfahl) ein aufrecht stehendes Holz. Doch für die Menschen, die Jesus zuhörten, schwang in der aramäischen Muttersprache bei zakaf immer die Aufrichtung des Menschen mit. Z'kifa auf sich zu nehmen bedeutete: „Richte dich auf! Steh gerade für das, was deine Bestimmung ist.
hesed antworten
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Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 8015

@hesed 

Interessante Erklärung. Das gibt der "Bestimmung" Jesu einen nachvollziehbaren Hintergrund.

queequeg antworten
Seite 3 / 4
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