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Die Bibel richtig Lesen


Arcangel
Themenstarter
Beiträge : 6685

Als die Heilige Schrift in der sich Gott offenbart hat ist die Bibel einzigartig. 

Die Frage die sich nur stellt ist wie lese ich die Bibel richtig. Anhänger der alten Kirchen werfen ja evangelikalen vor das ein Sola Scriptura, zu einer Atomosierung der Meinung und einer Beliebigkeit führt. Eine nicht ganz unberechtigte Kritik, die ich hier gerne adressieren möchte. 

Ich begegne einigen unterschiedlichen Formen wie Menschen die Bibel lesen.

Das ist zum einen die: "Stimmt für mich" Fraktion. Da wird die Bibel so gelesen, wie es sich richtig anfühlt, wie es der eigenen Wahrnehmung entspricht und wie es in die eigenen Umstände passt. Diese Art des Bibellesens hat durchaus seine Berechtigung, wenn es um die eigene Spiritualität geht. "Was will der Text MIR sagen?" Und was der Text mir zu sagen hat ändert sich auch mit der Zeit. Vollkommen legitim, wo aber die legitimität dieser Art des Bibellesens aufhört, ist wenn man der Meinung ist, dass das was der Text MIR sagt, auch das ist was der Text effektiv sagt. Und wenn mann dann noch diese überzeugung nimmt und sie anderen aufdrängt dann begiebt man sich auf sehr dünnes Eis. 

Dann gibt es die: "Die Bibel ist eindeutig" Fraktion. Da wird dann gesagt, dass es doch offensichtlich ist was die Bibel sagt. Und das Bibelstellen die nicht so eindeutig sind, anhand der Stellen die eindeutig sind interpretiert werden sollen. "Die Bibel legt sich selbst aus." Das Problem mit dieser herrangehensweise ist, dass die Stellen die offensichtlich und eindeutig sind, sich erstaunlicherweise sehr gut mit der eigenen Dogmatik decken. Für jemand der eine Prädestination vertritt ist Römer 9 sowas von eindeutig, für alle anderen ähm na ja. Welche Stelle jemand als eindeutig einstufft sagt mehr über die jeweilige Dogmatik als über die Bibelstelle aus. 

Weiter gibt es die: "Der richtige Glaube" Fraktion. Da beruft man sich auf Autoritäten, Prediger XY dieser Denomination, oder Prediger A (den ich schon immer richtig gut fand) der Glaubensheld oder Kirchenvater haben, folgendes zu dieser Bibelstelle gesagt. Bis man dann merkt dass diese Autoritäten auch nicht ganz so eindeutig sind, und oft sogar sehr vielstimmig. Dann hat man also drei Meinungen, und kann sich dann aussuschen was einem am Besten in den Kram passt. Bleibt aber die ganze zeit bei DEM richtigen Glauben, weil ja XY das auch so gesehen hat. 

Dann gibt es noch die: "Paulus hat das gemeint" Fraktion. Da wird versucht, hinter den Text zu schauen und zu verstehen was der jeweilige Autor damit gemeint hat. Da ist man dann der Meinung, dass man um einen Text richtig zu verstehen man die Schalen der Kultur und Zeitgeschichte wegdividieren müsste um zu verstehen welches (zeitlose) Prinzip dann der Autor damit vermitteln wolte. Dies ist jedoch nur ein Bauchpinseln. Man nimmt einen Text der nicht in die Morderne Sensibilität passt, identifiziert alle Elemente die nicht in unsere Modernes Verständiss passen und verwirft diese und sucht dann den wahren Kern dahinter, wie würde ein Paulus dies heute Formulieren. Das Problem ist wir können uns nicht in die Köpfer der Neutestamentlichen Autoren Versetzen, und noch viel weniger in die Alttestamentelichen, wir wissen ja oft garnicht wer was wann geschrieben hat. Dazu kommt, was wir als kulturelle Hülle betrachten und was als tieferliegende Wahrheitsaussage variert je nach eigener Herkunft und Sozialisierung. 

Es sollte glaube ich klar sein, dass man sich gleichzeitig in mehreren Fraktionen wiederfinden kann oder zwischen den Fraktionen ja nach gusto wechseln kann. 

Wie lese ich also die Bibel richtig?

Mein Vorschlag. 

Die Bibel ist kein Geschichtsbuch, sondern ein Buch voller Geschichten. Die Autoren waren keine objektive oder neutrale Betrachter. Diese Autoren wollten eine Aussage machen und sie hatten keine Hämmungen, Dinge so darzustellen wie es ihnen passte um die Aussagen zu machen die sie wollten. (für alle die sich an dieser Aussage stören, schon mal die Evangelien gelesen) 

Und wie bei allen Geschichten, gilt auch hier. Am besten beginnt man am Anfang. Und der beste Weg diese Geschichte zu verstehen, ist es zu wissen wie die Geschichten von den Zeitgenossen verstanden wurde. Aber auch hier hat man das Problem das diese Geschichten sehr unterschiedlich verstanden wurde. Diese Herrangehensweise löst auf den ersten Blick das Problem also nicht. Bis man realisiert, dass diese Kommentare von damals von den biblischen Autoren ebenfalls kommentiert wurden. Wenn nun ein Biblischer Autor (gerade im neuen Testament) eine dieser Meinungen Zitiert (und die drei anderen garnicht erwähnt), dann kann man durchaus davon ausgehen, dass dieser Autor das Verständiss dieser Quelle teilt. 

Das Verständiss der Bibel wird nicht rückwerts gebildet, sondern beginnt vorne und endet hinten. Und auf dem Weg dahin haben wir ganz ganz viele zeitzeugen (heute mehr als dies noch die Kirchenväter hatten) die beleuchten wie diese Texte damals verstanden wurde, worauf sich diese Texte bezogen, wenn sie kopierten oder kommentierten. 

Wenn also Paulus über das natürliche Gesetz und lange Haare referiert dann ist es wichtig zu verstehen was die Leute bei diesen Worten Gehört haben und woran die Menschen gedacht haben um zu verstehen was der Text hier zu sagen hat. Und es ist absolut irrelevant was Luther zu diesem Text gesagt hat, was die Tradition daraus gemacht hat, was Prediger XY dazu gepredigt hat, oder was es mir sagt. 

Just my two cents. 

Antwort
2 Antworten
Deborah71
Beiträge : 29961

@arcangel 

Zum Beitrag

Passt gut zu dem neuen Buch in meiner Sammlung von Seth D. Postell: 

The Art of Narrative Analogy: Identifying and Interpreting Parallel Passages in the Bible

Die Kunst der narrativen Analogie: Das Erkennen und Interpretieren paralleler Passagen in der Bibel

 

In der letzten Unterrichtsstunde zeigte uns Netanel, was ein verfolgbarer Grund für die Zerstreuung beim Turmbau zu Babel eher war, als das, was ich in Predigten gehört hatte. In den Predigten hörte ich immer wieder, es ginge um "sich einen Namen machen" und "aus eigener Kraft den Himmel erreichen wollen". Aber sie gluckten zusammen und hatten den Befehl vergessen. 

Im Hebräischen wurde deutlich, dass durch dieselben Formulierungen der Weg von einem Befehl ausging:

Adam (Menschheit) 1. Mose 1, 28a  Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde ....

Noah 1 Mose 9, Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde. 

1.Mose 9, 7 Seid fruchtbar und mehret euch und reget euch auf Erden, dass euer viel darauf werden. 

1. Mose 11, 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. 

1. Mose 11,  8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. 

 

Im NT beginnt die Umsetzung des Sendungsbefehls auch erst schleppend. 

 

Spuren verfolgen hindert mich aber nicht, die Schrift als persönliche Ansprache zu lesen und Gottes Liebe darin zu finden. 

deborah71 antworten
1 Antwort
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6685

@deborah71 

Ich denke diese Episode ist ein gutes Beispiel für die Mehrschichtigkeit dieser Geschichte. Das sich auf der Erde ausbreiten ist sicher eines der Themen. Sich aber einen Namen machen ist ja auch das Thema bei den Gottessöhnen und Noah. In den Übersetzungen kommt es nicht so zur geltung. 

Gen 6,4 In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die namhaften Männer.

Du hast hier zwei themen die sich konkurenzieren. Gottes Auftrag sich zu vermehren und die Erde zu füllen. Und dem entgegen läuft die Tendenz der Menschen und Götter sich einen Namen zu machen und Macht zu Konzentrieren. 

Das eine ist Gehorsam und Gott die ehre geben, das andere ist Eingenutz und sich selbst verherrlichen. 

Spuren verfolgen hindert mich aber nicht, die Schrift als persönliche Ansprache zu lesen und Gottes Liebe darin zu finden.

Wie gesagt diese persönliche Ansprache Gottes an dich ist vollkommen legitim, und absolut notwenig. Aber es darf halt nicht dazu führen das diese persönliche Ansprache die für dich gedacht ist, als normativ für andere wird. 

arcangel antworten


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