Ich fasse die nächsten drei Verse zusammen, da diese aus meiner Sicht eine Sinneinheit darstellen.
Mt.5,7:Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“.
Bei Lk.6 konnte ich keine wirkliche Parallele finden. Lk. 36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist, korrespondiert mit Mt. 48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Das bestärkt bei mir den Gedanken, dass es bei den Seligpreisungen um die schrittweise Vervollkommnung einer christlichen Lebensführung handelt.
Daher so meine Gedanken zu Mt.5,7:
Im ersten Verstehen nehmen ich den Satz wörtlich: So wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, so geht auch Jesus mit uns um.
Für mich ist Barmherzigkeit die Steigerung von Gerechtigkeit, sie macht Gerechtigkeit erst vollkommen. Der Barmherzigkeit liegt die Einsicht zugrunde, dass der Mensch kein wirklich gerechtes Urteil über einen anderen Menschen treffen kann (und es daher auch nicht soll), d.h. sich nicht immer angemessen gegenüber anderen verhält. ´Urteil` ist eher im Sinne von Haltung oder Einstellung zu verstehen.
Im Alltag wird man immer wieder vor die Situation gestellt, abzuwägen, wie man gegenüber anderen angemessen (= gerecht) sich verhalten soll. Also was ist das Gute, dass ich jemanden tun will? Dabei ist man notwendig ungerecht, weil man nicht alle Fakten und Umstände kennt, so dass es besser ist, im Sinn der Barmherzigkeit großzügig zu handeln. Wer überlegt und kalkuliert kann Fehler machen, wer barmherzig ist, ist immer auf der sicheren Seite.
Barmherzigkeit wird von der Hoffnung getragen, Gott möge Gnade vor Recht ergehen lassen, so wie man selbst auch großzügig und nicht kleinlich von seinen Mitmenschen beurteilt und behandelt werden möchte (siehe die entsprechende Stelle im ´Vater unser`; das Gleichnis über den Schuldner, dem die Schulden erlassen worden sind, der aber seinerseits unbarmherzig gegen seinen Schuldner vorgeht; Mt.18,23 sowie Sir.21).
Barmherzigkeit baut auf den bisher genannten Tugenden (Haltungen) auf, vor allem auf Friedfertigkeit und Geduld, dann auf das Armsein im Geiste (nicht selber alles schon zu wissen, sondern demütig das Urteil Gott überlassen). Bei Lk.6 wird beschrieben, dass Barmherzigkeit angewandte Liebe ist
Kann es vorkommen, dass man sich gegenüber dem Falschen barmherzig verhält?
Eigentlich nicht. Ich habe eine Szene vor Augen: Ich warte auf dem Bahnsteig auf den Zug. Da kommt ein junger Mann, heruntergekommen und offensichtlich drogensüchtig und bittet um Geld „(Brauch dringend eine Fahrkarte …) Ich geben ihm zwei Euro, obwohl ich denke, dass er kein Fahrkarte kaufen wird und dass ihm das nicht wirklich helfen wird. Meine Begleitung ist dagegen: Du hilfst ihm nicht, sondern den Dealern. Besser wäre es ihm direkt eine Fahrkarte oder was zu Essen zu geben.
Wäre beides in gleicher Weise barmherzig?
Ein anderes Beispiel findet sich in einem rabbinischen Kommentar zum Hiob Bericht (bekannt als Hiobs Testament). Darin wird berichtet, dass Hiob sich die Feindschaft Satans zugezogen hat, weil er ein Götzenbild gestürzt hat. Satan tritt als Bettler verkleidet vor sein Haus und bat um Brot. Um gerecht und barmherzig zu blieben ließ Hiob ihm verbranntes Brot geben mit den Worten: „Von meinem Brote sollst du nie mehr essen; ich bin dein Gegner ja geworden. Dies gebe ich dir gerade noch, damit ich nicht verrufen würde, ich hätte meinem Feind auf seine Bitten nichts gegeben.“ (HT. 7,10-11). Man könnte das verbrannte Brot als Verhöhnung von Barmherzigkeit / Nächstenliebe ansehen. Dies aber nur, wenn der Empfänger tatsächlich ein Hungernder wäre. Das verbrannte Brot ist angemessen, da Hiob Satan damit einen Spiegel der ihm eigenen Hinterlist vorhält. In diesem Sinne entspricht Hiobs Verhalten dem Gebot der Feindesliebe, da Satan, der ja nicht hungert, erhält, wessen er bedarf. Nämlich einen deutlichen Hinweis, wie verlogen er ist und die Aufforderung, sich zu besinnen.
Mt.8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Was ist und wie erlangt man ein reines Herz? Zunächst was es aus meiner Sicht nicht ist: eine kindliche naive, blauäugige Haltung zur Welt, die nichts Böses und keine Verführung kennt. Im Gegenteil: ein reines Herz weiß um die Schlechtigkeit in der Welt, hält sich aber davon fern. Eine reines Herz ist mehr als nur Freiheit von Sünde, sondern eine Grundhaltung, die an die Barmherzigkeit anschließt und wie David es beschreibt, darüber hinaus geht (Ps.101,1 ff):
1 Huld und Recht will ich besingen, spielen will ich dir, o Herr,
2 will auf frommen Wandel achten, Treue gehe zu mir ein. In der Mitte meines Hauses will ich reinen Herzens wandeln.
3 Meine Augen will ich nie hin auf böse Dinge richten; denn ich hasse frevles Tun. Nimmer soll es an mir haften!
4 Fern von mir sei falscher Sinn! Nichts will ich vom Bösen wissen.
5 Wer von seinem Nächsten Übles im Verborgenen berichtet, den will ich zum Schweigen bringen. Wer mit stolzen Augen blickt und ein Herz voll Hochmut hegt, den mag nimmer ich ertragen.
6 Meine Augen sind gerichtet auf die Redlichen im Land, daß sie bei mir weilen möchten. Wer auf rechten Wegen wandelt, der nur soll mein Diener sein!
7 Nimmer darf in meinem Haus wohnen, wer Betrug verübt. Und wer lügt, der darf nicht hoffen, vor meinen Augen zu bestehen.
8 Jeden Morgen bringe zum Schweigen alle Frevler ich im Land, um so aus der Stadt des Herrn alle Bösen zu verbannen.
Das reine Herz ist weder einfältig noch dumm. Es hat ein tiefes (nicht immer bewusstes) Wissen um die Verlockungen Satans; es entscheidet sich gegen seine Einflüsterungen und ist stark im Widerstand (=Abscheu ) gegen seine Versuchung. Das reine Herz ist ein Geschenk Gottes: „Ein reines Herz erschaffe mir, o Gott! Erneuere in mir den rechten Geist!“ (Ps.51,12), das der Mensch in seiner Freiheit annehmen und kultivieren oder verkümmern lassen kann. Das reine Herz wendet sich ab vom Bösen (Sir.38,10) und bittet Gott um die Vergebung der Sünden. Das reine Herz achtet die Schwierigkeiten des Alltags, die Anforderungen der säkularen Welt, doch wiest es ihnen den gebührenden Stellenwert zu und erhebt sich darüber. Das reine Herz schaut weit und tief, es lässt sich weder von Flüchtigem noch von Vordergründigem ablenken. Seine Perspektive ist das Leben über den Tod hinaus.
Das Herz bestimmt über die Vorlieben und Interessen, bestimmt darüber, mit welche Menschen man sich umgibt; von welchen man sich angezogen fühlt und selber anzieht, welches Tun attraktiv und sinnvoll erscheint, was man meidet und verabscheut. Bei Mt.6, 21heißt es: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
Das reine Herz ist nicht nur eine innere Einstellung, sondern auch Erkenntnismittel. Das reine Herz ist eine Quelle für die Ästhetik eines gottgefälligen Lebens, in der >schön< und >gut< zusammenfällt. Praktisch: wer z.B. die Schönheit der Natur erleben will, benötig vorweg eine bestimmte innere Haltung, diese überhaupt erkennen zu können. Wer nicht im Inneren bewusst eine Haltung gegen z.B. Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit oder für Bruder-/ Schwesterlichkeit hat, der wird diese auch nicht erkennen und nicht praktizieren können. Wer im Leben immer wieder betrogen worden ist, der wittert schnell überall Betrug. Obwohl menschlich verständlich, wäre das das Gegenteil von ´reines Herz`. Vergebung und Versöhnung wären dann, auch wenn es schwer fällt, der Weg zu einem reinen Herzen. Zu wissen, dass die Welt schlecht ist, aber erst einmal mit wachem Blick und positiver Haltung sich auf die Welt und ihre Menschen einlassen und dabei auf Gott vertrauen, ist für mich praktisch gesehen, das ´reine Herz`.
In diesem Sinne schaut es Gott: Es orientiert sich an Gottes Ordnung und nimmt eine transzendente Haltung ein. Es begreift die Welt und das Leben aus Sicht Gottes. Das reine Herz ist erfüllt von Liebe, es hat keine Angst vor Verlust und ist frei zu geben. Der Mensch ist mit sich im Reinen, er kann sein Leben vor sich und Gott verantworten. Der Mensch reinen Herzens ist zwar nicht frei von Sünde, aber er sieht seine Schuld ein und kann sie tragen. Das reine Herz ist der Quelle inneren und äußeren Friedens.
Ins besonders in verschiedenen Apostelbriefen wird auf das ´reine Herz`/ `reine Liebe` Bezug genommen 1Tim.1,5; 2Tim.2,22; Tit.1,15; Jak.1,27; 1Petr.1,22
Mt5.9: „Selig die Friedenstifter; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“
Was ist Frieden? Im Grunde das Reich Gottes auf Erden. Also vielmehr als nur das Schweigen der Waffen und dass ´Stillehalten` aus Angst, der andere ist stärker (= Gleichgewicht des Schreckens durch gegenseitige Aufrüstung)
Der Mensch reinen Herzens hat seinen inneren Frieden gefunden. Er ist mit sich und seinen Bedürfnissen, mit seinen Verletzungen und Kränkungen, mit seinen Zurücksetzung und Benachteiligung im Reinen. Er ist mit seiner Existenz, seiner sozialen Stellung, seinem Leben und seinen Hoffnungen und auf diese Weise mit Gott ´seinem Vater und Schöpfer ´zufrieden`, „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen." (Mk.10,14, siehe auch Lk.18,16). Der innere Frieden ist Voraussetzung, um über friedlich hinaus auch friedensstiftend zu handeln. Die Ehrlichkeit zu sich selbst bringt die Weisheit hervor, die nötig ist, um andere Menschen in gottgefällige Weise beeinflussen zu können. Nur wer aus innerer Überzeugung sich in die Ordnung Gottes fügt, kann nach außen Frieden stiften. So erweisen sie sich die ´Überzeugten` als von Gott ´ernährte` und erzogene ´Kinder`, als Teil des auserwählten Volkes (= Familie). Wenn es bei Mk.10,18 und Lk.18,16 heißt: "Laßt die Kinder zu mir kommen und wehrt es ihnen nicht, denn für solche wie sie ist das Reich Gottes“ sind mit >Kinder< keine chronologisch jungen Menschen gemeint. Kinder sind Menschen, die im Vertrauen auf die Liebe und die Weisheit von Vater / Mutter tun, was diese ihnen sagen und sich zu Herzen nehmen, was diese lehren. Umgekehrt ergibt sich der Sinn der Seligpreisung: Wer anderen Menschen Frieden bringen will muss sie Lieben wie Eltern ihre Kinder und muss einen Vorsprung in der Weisheit haben, wie Eltern vor ihren Kindern. Beachte: Kinder müssen erwachsen werden und im Herzen doch Kind bleiben. Damit meine ich nicht eine Aussage wie ´im jedem Mann steckt ein Kind`.
Lässt man die bisher besprochenen Seligpreisungen in ihrer Gesamtheit und inneren Verbundenheit an sich vorbeiziehen, leuchtet unmittelbar der unüberbrückbare Gegensatz zu Satan ein. An die Stelle von Demut setzt Satan Hochmut; an die Stelle der Trauer um der Unvollkommenheit willen setzt er Ignoranz und Selbstgefälligkeit; an die Stelle frommer Sanftmut setzt er den Willen zur Macht über andere; an die Stelle der Sehnsucht nach Überwindung des Materiellen und Irdischen setzt er auf das Verhaftetsein im Streben nach schneller und immer wieder neu erwachender Bedürfnisbefriedigung (= ständige Unzufriedenheit); an die Stelle von Barmherzigkeit mit Schuldnern setzt er die Hartherzigkeit ´gerechter` Abrechnung mit dem Gegner; an die Stelle von Offenheit und Arglosigkeit des reinen Herzens setzt er List, Täuschung und vor allem falsche Versprechungen; an die Stelle von Frieden und Eintracht setzt er Zwietracht und Verschlagenheit um der Macht willen.
Ich fasse die nächsten drei Verse zusammen, da diese aus meiner Sicht eine Sinneinheit darstellen.
Mt.5,7:Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“.
Bei Lk.6 konnte ich keine wirkliche Parallele finden. Lk. 36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist, korrespondiert mit Mt. 48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Das bestärkt bei mir den Gedanken, dass es bei den Seligpreisungen um die schrittweise Vervollkommnung einer christlichen Lebensführung handelt.
Daher so meine Gedanken zu Mt.5,7:
Im ersten Verstehen nehmen ich den Satz wörtlich: So wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, so geht auch Jesus mit uns um.
Für mich ist Barmherzigkeit die Steigerung von Gerechtigkeit, sie macht Gerechtigkeit erst vollkommen. Der Barmherzigkeit liegt die Einsicht zugrunde, dass der Mensch kein wirklich gerechtes Urteil über einen anderen Menschen treffen kann (und es daher auch nicht soll), d.h. sich nicht immer angemessen gegenüber anderen verhält. ´Urteil` ist eher im Sinne von Haltung oder Einstellung zu verstehen.
Im Alltag wird man immer wieder vor die Situation gestellt, abzuwägen, wie man gegenüber anderen angemessen (= gerecht) sich verhalten soll. Also was ist das Gute, dass ich jemanden tun will? Dabei ist man notwendig ungerecht, weil man nicht alle Fakten und Umstände kennt, so dass es besser ist, im Sinn der Barmherzigkeit großzügig zu handeln. Wer überlegt und kalkuliert kann Fehler machen, wer barmherzig ist, ist immer auf der sicheren Seite.
Barmherzigkeit wird von der Hoffnung getragen, Gott möge Gnade vor Recht ergehen lassen, so wie man selbst auch großzügig und nicht kleinlich von seinen Mitmenschen beurteilt und behandelt werden möchte (siehe die entsprechende Stelle im ´Vater unser`; das Gleichnis über den Schuldner, dem die Schulden erlassen worden sind, der aber seinerseits unbarmherzig gegen seinen Schuldner vorgeht; Mt.18,23 sowie Sir.21).
Barmherzigkeit baut auf den bisher genannten Tugenden (Haltungen) auf, vor allem auf Friedfertigkeit und Geduld, dann auf das Armsein im Geiste (nicht selber alles schon zu wissen, sondern demütig das Urteil Gott überlassen). Bei Lk.6 wird beschrieben, dass Barmherzigkeit angewandte Liebe ist
Kann es vorkommen, dass man sich gegenüber dem Falschen barmherzig verhält?
Eigentlich nicht. Ich habe eine Szene vor Augen: Ich warte auf dem Bahnsteig auf den Zug. Da kommt ein junger Mann, heruntergekommen und offensichtlich drogensüchtig und bittet um Geld „(Brauch dringend eine Fahrkarte …) Ich geben ihm zwei Euro, obwohl ich denke, dass er kein Fahrkarte kaufen wird und dass ihm das nicht wirklich helfen wird. Meine Begleitung ist dagegen: Du hilfst ihm nicht, sondern den Dealern. Besser wäre es ihm direkt eine Fahrkarte oder was zu Essen zu geben.
Wäre beides in gleicher Weise barmherzig?
Ein anderes Beispiel findet sich in einem rabbinischen Kommentar zum Hiob Bericht (bekannt als Hiobs Testament). Darin wird berichtet, dass Hiob sich die Feindschaft Satans zugezogen hat, weil er ein Götzenbild gestürzt hat. Satan tritt als Bettler verkleidet vor sein Haus und bat um Brot. Um gerecht und barmherzig zu blieben ließ Hiob ihm verbranntes Brot geben mit den Worten: „Von meinem Brote sollst du nie mehr essen; ich bin dein Gegner ja geworden. Dies gebe ich dir gerade noch, damit ich nicht verrufen würde, ich hätte meinem Feind auf seine Bitten nichts gegeben.“ (HT. 7,10-11). Man könnte das verbrannte Brot als Verhöhnung von Barmherzigkeit / Nächstenliebe ansehen. Dies aber nur, wenn der Empfänger tatsächlich ein Hungernder wäre. Das verbrannte Brot ist angemessen, da Hiob Satan damit einen Spiegel der ihm eigenen Hinterlist vorhält. In diesem Sinne entspricht Hiobs Verhalten dem Gebot der Feindesliebe, da Satan, der ja nicht hungert, erhält, wessen er bedarf. Nämlich einen deutlichen Hinweis, wie verlogen er ist und die Aufforderung, sich zu besinnen.
Mt.8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Was ist und wie erlangt man ein reines Herz? Zunächst was es aus meiner Sicht nicht ist: eine kindliche naive, blauäugige Haltung zur Welt, die nichts Böses und keine Verführung kennt. Im Gegenteil: ein reines Herz weiß um die Schlechtigkeit in der Welt, hält sich aber davon fern. Eine reines Herz ist mehr als nur Freiheit von Sünde, sondern eine Grundhaltung, die an die Barmherzigkeit anschließt und wie David es beschreibt, darüber hinaus geht (Ps.101,1 ff):
1 Huld und Recht will ich besingen, spielen will ich dir, o Herr,
2 will auf frommen Wandel achten, Treue gehe zu mir ein. In der Mitte meines Hauses will ich reinen Herzens wandeln.
3 Meine Augen will ich nie hin auf böse Dinge richten; denn ich hasse frevles Tun. Nimmer soll es an mir haften!
4 Fern von mir sei falscher Sinn! Nichts will ich vom Bösen wissen.
5 Wer von seinem Nächsten Übles im Verborgenen berichtet, den will ich zum Schweigen bringen. Wer mit stolzen Augen blickt und ein Herz voll Hochmut hegt, den mag nimmer ich ertragen.
6 Meine Augen sind gerichtet auf die Redlichen im Land, daß sie bei mir weilen möchten. Wer auf rechten Wegen wandelt, der nur soll mein Diener sein!
7 Nimmer darf in meinem Haus wohnen, wer Betrug verübt. Und wer lügt, der darf nicht hoffen, vor meinen Augen zu bestehen.
8 Jeden Morgen bringe zum Schweigen alle Frevler ich im Land, um so aus der Stadt des Herrn alle Bösen zu verbannen.
Das reine Herz ist weder einfältig noch dumm. Es hat ein tiefes (nicht immer bewusstes) Wissen um die Verlockungen Satans; es entscheidet sich gegen seine Einflüsterungen und ist stark im Widerstand (=Abscheu ) gegen seine Versuchung. Das reine Herz ist ein Geschenk Gottes: „Ein reines Herz erschaffe mir, o Gott! Erneuere in mir den rechten Geist!“ (Ps.51,12), das der Mensch in seiner Freiheit annehmen und kultivieren oder verkümmern lassen kann. Das reine Herz wendet sich ab vom Bösen (Sir.38,10) und bittet Gott um die Vergebung der Sünden. Das reine Herz achtet die Schwierigkeiten des Alltags, die Anforderungen der säkularen Welt, doch wiest es ihnen den gebührenden Stellenwert zu und erhebt sich darüber. Das reine Herz schaut weit und tief, es lässt sich weder von Flüchtigem noch von Vordergründigem ablenken. Seine Perspektive ist das Leben über den Tod hinaus.
Das Herz bestimmt über die Vorlieben und Interessen, bestimmt darüber, mit welche Menschen man sich umgibt; von welchen man sich angezogen fühlt und selber anzieht, welches Tun attraktiv und sinnvoll erscheint, was man meidet und verabscheut. Bei Mt.6, 21heißt es: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
Das reine Herz ist nicht nur eine innere Einstellung, sondern auch Erkenntnismittel. Das reine Herz ist eine Quelle für die Ästhetik eines gottgefälligen Lebens, in der >schön< und >gut< zusammenfällt. Praktisch: wer z.B. die Schönheit der Natur erleben will, benötig vorweg eine bestimmte innere Haltung, diese überhaupt erkennen zu können. Wer nicht im Inneren bewusst eine Haltung gegen z.B. Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit oder für Bruder-/ Schwesterlichkeit hat, der wird diese auch nicht erkennen und nicht praktizieren können. Wer im Leben immer wieder betrogen worden ist, der wittert schnell überall Betrug. Obwohl menschlich verständlich, wäre das das Gegenteil von ´reines Herz`. Vergebung und Versöhnung wären dann, auch wenn es schwer fällt, der Weg zu einem reinen Herzen. Zu wissen, dass die Welt schlecht ist, aber erst einmal mit wachem Blick und positiver Haltung sich auf die Welt und ihre Menschen einlassen und dabei auf Gott vertrauen, ist für mich praktisch gesehen, das ´reine Herz`.
In diesem Sinne schaut es Gott: Es orientiert sich an Gottes Ordnung und nimmt eine transzendente Haltung ein. Es begreift die Welt und das Leben aus Sicht Gottes. Das reine Herz ist erfüllt von Liebe, es hat keine Angst vor Verlust und ist frei zu geben. Der Mensch ist mit sich im Reinen, er kann sein Leben vor sich und Gott verantworten. Der Mensch reinen Herzens ist zwar nicht frei von Sünde, aber er sieht seine Schuld ein und kann sie tragen. Das reine Herz ist der Quelle inneren und äußeren Friedens.
Ins besonders in verschiedenen Apostelbriefen wird auf das ´reine Herz`/ `reine Liebe` Bezug genommen 1Tim.1,5; 2Tim.2,22; Tit.1,15; Jak.1,27; 1Petr.1,22
Mt5.9: „Selig die Friedenstifter; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“
Was ist Frieden? Im Grunde das Reich Gottes auf Erden. Also vielmehr als nur das Schweigen der Waffen und dass ´Stillehalten` aus Angst, der andere ist stärker (= Gleichgewicht des Schreckens durch gegenseitige Aufrüstung)
Der Mensch reinen Herzens hat seinen inneren Frieden gefunden. Er ist mit sich und seinen Bedürfnissen, mit seinen Verletzungen und Kränkungen, mit seinen Zurücksetzung und Benachteiligung im Reinen. Er ist mit seiner Existenz, seiner sozialen Stellung, seinem Leben und seinen Hoffnungen und auf diese Weise mit Gott ´seinem Vater und Schöpfer ´zufrieden`, „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen." (Mk.10,14, siehe auch Lk.18,16). Der innere Frieden ist Voraussetzung, um über friedlich hinaus auch friedensstiftend zu handeln. Die Ehrlichkeit zu sich selbst bringt die Weisheit hervor, die nötig ist, um andere Menschen in gottgefällige Weise beeinflussen zu können. Nur wer aus innerer Überzeugung sich in die Ordnung Gottes fügt, kann nach außen Frieden stiften. So erweisen sie sich die ´Überzeugten` als von Gott ´ernährte` und erzogene ´Kinder`, als Teil des auserwählten Volkes (= Familie). Wenn es bei Mk.10,18 und Lk.18,16 heißt: "Laßt die Kinder zu mir kommen und wehrt es ihnen nicht, denn für solche wie sie ist das Reich Gottes“ sind mit >Kinder< keine chronologisch jungen Menschen gemeint. Kinder sind Menschen, die im Vertrauen auf die Liebe und die Weisheit von Vater / Mutter tun, was diese ihnen sagen und sich zu Herzen nehmen, was diese lehren. Umgekehrt ergibt sich der Sinn der Seligpreisung: Wer anderen Menschen Frieden bringen will muss sie Lieben wie Eltern ihre Kinder und muss einen Vorsprung in der Weisheit haben, wie Eltern vor ihren Kindern. Beachte: Kinder müssen erwachsen werden und im Herzen doch Kind bleiben. Damit meine ich nicht eine Aussage wie ´im jedem Mann steckt ein Kind`.
Lässt man die bisher besprochenen Seligpreisungen in ihrer Gesamtheit und inneren Verbundenheit an sich vorbeiziehen, leuchtet unmittelbar der unüberbrückbare Gegensatz zu Satan ein. An die Stelle von Demut setzt Satan Hochmut; an die Stelle der Trauer um der Unvollkommenheit willen setzt er Ignoranz und Selbstgefälligkeit; an die Stelle frommer Sanftmut setzt er den Willen zur Macht über andere; an die Stelle der Sehnsucht nach Überwindung des Materiellen und Irdischen setzt er auf das Verhaftetsein im Streben nach schneller und immer wieder neu erwachender Bedürfnisbefriedigung (= ständige Unzufriedenheit); an die Stelle von Barmherzigkeit mit Schuldnern setzt er die Hartherzigkeit ´gerechter` Abrechnung mit dem Gegner; an die Stelle von Offenheit und Arglosigkeit des reinen Herzens setzt er List, Täuschung und vor allem falsche Versprechungen; an die Stelle von Frieden und Eintracht setzt er Zwietracht und Verschlagenheit um der Macht willen.