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Kinder brauchen Märchen

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Queequeg
Themenstarter
Beiträge : 3131

"Kinder brauchen Märchen", sagt Bruno Bettelheim zu Recht. Natürlich gibt es im Märchen Grausamkeiten, die wir als Erwachse im realen Leben in keiner Weise tolerieren würden. Aber im Gegensatz zu Mutmaßungen vieler Erwachsener machen die Kindern in der Regel keine Angst, weil sie sie völlig anders verstehen als ein Erwachsener - nämlich nicht als äußeren Handlungsvollzug, sondern als quasi innewohnende Konsequenz des Bösen.

Und vor allem - die Grausamkeiten der Märchen machen keine Ängste, sie binden sozusagen Ängste, die ohnehin da sind, aber für das Kind völlig ungreifbar sind. 

Und nicht zuletzt: Kinder können in die Märchenfiguren und Szenerien ihre eigenen Lebensgefühle projizieren und sich damit entlasten. Wenn z.B. die Mutter als lieblos, versagend erlebt wird, kann es sehr tröstlich sein, wenn sie eines Tages als Hexe im Ofen endet. Wobei das ein Kind durchaus nicht so konkret meint, wie es im Bild aussieht.

 

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76 Antworten
Kintsugi
Beiträge : 222

Tatsächlich glaube ich, dass das wirklich ein wichtiger Aspekt von Militär und/oder Einsatz in Kriegen für viele Soldaten ist. Ich kenne einige junge (und ältere) Männer, die so auch auf ihren Wehrdienst zurückschauen. Was wirklich schön war und sie vermissen, war die Gemeinschaft und Kameradschaft. Und das kann ich nachvollziehen.

Das Hinterfragen kommt dann schon auch, bei manchen allerdings nie…

Nachtrag: Falsch oder gar nicht angehängt… war gedacht als Antwort auf Queequegs letzen Beitrag. 

kintsugi antworten
6 Antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 15 Jahren

Beiträge : 3131

@kintsugi 

Gemeinschaft und Kameradschaft kann man auch bei Pfadfindern finden. Und Wehrdienst ist - bislang jedenfalls -noch etwas ganz anderes als Krieg an der Ostfront.

Aber bei letzterem zu sagen, dass das Töten nur Nebensache war und die Hauptsache eben Kameradschaft usw. ist eine derartig abgrundtiefe Realitätsverleugnung, das einem die Worte fehlen. Aber ich weiß noch, dass das damals manchen Halbwüchsigen begeistert hatte.

queequeg antworten
Kintsugi
(@kintsugi)
Beigetreten : Vor 5 Monaten

Beiträge : 222

@queequeg Du bist der Psychologe, aber für mich klingen solche Aussagen dann auch sehr nach Verdrängung und nachträglicher Verklärung einer Realität, mit der man im Grunde nicht fertig wird. Eben: Realitätsverweigerung.

Wehrdienst mag in den seltenen Fällen, in denen man an gute Vorgesetzte gerät, etwas ansatzweise Sinnvolles haben. Ansonsten zielt es auf Erniedrigung, blinden Gehorsam und seelische und körperliche Beschädigung der Untergebenen, die sich zudem in einem rechtsfreien Raum befinden. Aber Du hast Recht, es ist etwas anderes, als Krieg (obwohl so geta. Wird, als befände man sich in selbigem).

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Seidenlaubenvogel
(@seidenlaubenvogel)
Beigetreten : Vor 10 Jahren

Beiträge : 899

@queequeg Ist es Realitätsverleugnung oder nicht einfach „nur“ eine Überlebenstaktik? Und ist es womöglich gar auch abgrundtief, dass wir hierzulande überwiegend doch ein sehr feines Leben haben und wir es meist recht gut aushalten, wie viel schlechter es anderen geht - wozu wir letztendlich zumindest indirekt auch aktiv beitragen?

Der Mensch und seine Abgründe - vielleicht können wir alle nicht ohne? Anerkennen, Überwinden, Heil werden, seinen Teil beitragen - das kann ein Schlüssel sein. Sind wir ehrlich, wem gelingt das in allem? Wir können wohl gar nicht anders als uns immer wieder etwas vorzumachen - allein das Ausmaß mag unterschiedlich sein.

Ohne schuldig zu werden, ohne Abgründe - WIR müssten weltweit alle GANZ ANDERS leben. Wir sind alle Kinder unserer Zeit… DANKBAR bin ich für Vergebung & Gnade, letztendlich ist es immer „nur“ das, was uns am Leben hält.

seidenlaubenvogel antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 15 Jahren

Beiträge : 3131

@seidenlaubenvogel 

30 Jahre nach dem Krieg kann das keine "Überlebenstaktik" mehr sein. 

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Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 12 Jahren

Beiträge : 15595

@queequeg 

Und Wehrdienst ist - bislang jedenfalls -noch etwas ganz anderes als Krieg an der Ostfront.

Aber bei letzterem zu sagen, dass das Töten nur Nebensache war und die Hauptsache eben Kameradschaft usw. ist eine derartig abgrundtiefe Realitätsverleugnung, das einem die Worte fehlen.

Nicht unbedingt. Wenn ich mich recht erinnere sind in einem derartigen Krieg ja meist nur 10% aller Soldaten unmittelbar an der Front, während der Rest in der Etappe bei der Versorgung und Sicherung stationiert ist.

Zwar war die Ostfront damals sicher generell kein schöner Ort, aber es ist durchaus so, dass nicht jeder einzelne Soldat das Grauen in voller Stärke mitbekommen hat. Natürlich ist da generell auch viel Verdrängung dabei, aber eben auch in unterschiedlichem Ausmaß, je nach persönlichem Erleben. Und darüber kann man ohne weitere Information nur spekulieren.

 

 

lucan-7 antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 18 Jahren

Beiträge : 16226

@queequeg derartig abgrundtiefe Realitätsverleugnung

sieht für mich eher nach Notverdrängung eines Kriegstraumas aus, evtl gepaart mit dem Wunsch, das Trauma nicht über Erzählungen weiterzugeben.

Erinnert mich an meine Oma. Sie hat uns Enkel dadurch geschützt, in dem sie nur Erinnerungen wiedergegeben hat, wie sie in der Familie Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung gelebt haben, welche glücklichen Umstände sie vor krassen Dingen bewahrt haben und alles, wo humorvolle Dinge  zu erwähnen waren.

Sie war eine sehr starke Frau und ihr Lieblingslied war "Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Christus offenbart"

deborah71 antworten


Queequeg
Themenstarter
Beiträge : 3131
Veröffentlicht von: @deborah71

Notverdrängung eines Kriegstraumas

Kaum. Der Mann war einfach unbelehrbar. Entstammte einer Offiziersfamilie bis zurück zu Karl dem Nackten und konnte gerade mal davon abgehalten werden, einen seiner Söhne zu enterben, weil der lieber zur Handelsmarine ging als zur Bundeswehr. In den 60-er Jahren ging das.

queequeg antworten
2 Antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 18 Jahren

Beiträge : 16226

@queequeg Das kommt noch erschwerend hinzu.  Dann pack noch ein paar Festlegungen drauf und einen Stapel innere Schwüre..... das Rezept für Alpträume jedes Therapeuten.

deborah71 antworten
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 15 Jahren

Beiträge : 3131

@deborah71 

 das Rezept für Alpträume jedes Therapeuten.

Nee, nicht wirklich, weil so ein Typ nie im Leben zum Therapeuten gehen würde und der den Dann, wenn er wüsste, was mit dem Mann los ist, eine Behandlung wohl verweigern würde.

Übrigens war der Mann bis zum Ende seiner Tage begeistertes Mitglied des Kyffhäuser-Bundes, ein ultrareaktionärer Verein, der "für König, Gott und Vaterland" mit dem späteren Zusatz "gegen die Sozialisten" in Erscheinung trat. Ich denke, die Verein war nur deshalb nicht klassisch nationalsozialistisch, weil er es Zumutung empfand, dass ein "Gefreiter" die Leitung der Armee hatte.

Nein, dieser Mann hatte tatsächlich die Vorstellung, dass ein Krieg die "Schule der Nation" ist und eigentlich jede Generation die Gelegenheit haben müsste, einen Krieg zu führen.

So, damit will ich das jetzt aber auch beenden, weil es ja nur ein Beispiel sein sollte, dass die Einstellung der Eltern bestimmt, was und wie ein Kind etwas rezipiert. Bei ihm eben das Militaristische und bei Eltern die Märchen lieben, Märchen.

 

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Tineli
 Tineli
Beiträge : 1372

@queequeg Wie alle Geschichten: Es kommt darauf an, das Kind empathisch zu begleiten und hinzusehen, wie es dem Kind damit geht. Letztlich kann (fast) jeder scheinbar harmlose Satz beim Kind auch negative Emotionen und Gedanken auslösen, und genauso kann es umgekehrt sein, dass schlimme Szenen vom Kind positiv aufgenommen werden.

Kurze Anekdote (die ich so erzählt bekam): Eine Mutter erlebte selbst als Kind das Märchen vom "Brüderlein und Schwesterlein" als ganz schrecklich. Sie fand es als Kind kaum aushaltbar, dass das Brüderlein in ein Tier verwandelt wird und konnte es kaum bis zum Ende aushalten, wenn alles wieder gut wird. Und so wollte sie dieses Märchen ihrer eigenen Tochter nicht vorlesen. Aber irgendwann wollte es die Tochter unbedingt hören, und so hat sie es eben gelesen. Reaktion der Tochter: "Oh, ein Reh! Ich will auch ein Reh sein!" und schaute verträumt-glücklich vor sich hin. 

Also, lest euren Kindern vor, was immer ihr für gut haltet, aber bleibt mit euren Kinder darüber im Gespräch. Helft euren Kindern, es zu verarbeiten, wenn sie eine Geschichte heftiger beschäftigt. So lernen sie, das später auch für sich selbst zu tun, wenn sie die realen Lebens-Geschichten stark beschäftigen.

tineli antworten
1 Antwort
Queequeg
(@queequeg)
Beigetreten : Vor 15 Jahren

Beiträge : 3131

@tineli 

Ja, das - "Es kommt darauf an, das Kind empathisch zu begleiten und hinzusehen, wie es dem Kind damit geht." -

habe ich ja irgendwo geschrieben. Und das gilt natürlich nicht nur für Vorlesen und nicht nur für Märchen, sondern für alles, was einem Kind begegnet.

Übrigens habe ich selbst Märchen aus dem Märchenbuch erst gekannt, nachdem ich selbst lesen konnte. Vorher hatte mir immer meine Großmutter Märchen erzählt und das war um Längen spannender.

queequeg antworten


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