Gebet am Grab
Mama, Papa
die Ihr uns voraus gestorben seid …
Ist DA ein Gott zu fürchten?
Ein Gericht, dass Euch nun auf ewig verdammt hat in Gottesferne?
Eine Verwerfung unendlicher Dimension?
Weil es Euch zu Lebzeiten
nicht gegönnt, nicht möglich, nicht geschenkt gewesen ist
Jesus als Euren persönlichen Heiland
anzunehmen, zu erkennen, zu verstehen?
So, wie Ihr gewesen seid
mit Eurer Lebensgeschichte
und Euren Möglichkeiten?
Ihr
schon von Anbeginn ins Dasein geworfene
Euch vorfindende Menschenkinder
mit all Euren, ja, Fehlern, Schwächen, Defiziten
vielleicht auch Abgründen
aber auch so wunderbar, bemüht, gutwillig und segensreich
Das kann ich
und das will ich nicht glauben:
Dass mein, unser Gott
in Christus Jesus
Euch
so
in ewige Gottesferne
verstoßen hat
Weil es aber so
in der Bibel steht
Unser Glaube ist
unser Glaube zu sein hat?
No
Amen
@awhler Wo hast Du denn das gelesen, was angeblich in der Bibel stehe?
Die pietistisch-evangelikale Heilslehre begegnet uns - verstanden und vertreten als "biblisch begründet" - mit der Vorstellung, dass das "ewige Heil" und die post-mortale Seligkeit (das "Gerettetsein" und "Gerettet werden") nur denen zuteil wird, die zu Lebebzeiten Jesus als ihren persönlichen Herrn & Heiland erkannt und angenommen haben, durch eine "Bekehrung" (Glaubensentscheidung) und eine dadurch erfolgte "Wiedergeburt", die fortan eine klare Unterscheidung bedeutet zwischen Geretteten und Verlorenen.
Meine Eltern fielen nicht in diese Kategorie und ich erinnere mich, sie zu Jugendzeiten mal zu einer Evangelisation mit Luis Palau in der Essener Grugahalle mitgenommen zu habe, wo am Ende zur Glaubensentscheidung aufgerufen wurde ... Sie gingen nicht "nach vorne", sondern reagierten entsetzt, weil sie mit dem Erlerbten nicht klar kamen, es befremdlich, unverständlich und ideologisch-drängend empfanden. Auch später waren sie nie antichristlich oder unchristlich, eher normale und liebe Menschen mit ihren Möglichkeiten und Grenzen - aber nach dem oben beschriebenen (und missionarisch gefestigten) Heilsverständnis waren sie bis zum Schluss ihres Lebens keine "geretteten, wiedergeboreren Christen".
Da hilft auch kein "aber wir wissen ja nicht, wo und wie Gott nicht doch etc." - sie waren es nicht.
L'Chaim
nur denen zuteil wird, die zu Lebebzeiten Jesus als ihren persönlichen Herrn & Heiland erkannt und angenommen haben
Du darfst aber dabei nicht vergessen, dass Gott selbst die Menschen zu seinem Sohn führt.
Ich denke mir, es wird seine Gründe haben, wieso Gott manche offensichtlich nicht zieht…und wohl nicht zu ihrem Verderben.
Manchmal denke ich, dass gerade die Generation, der vermutlich deine Eltern auch angehörten, sowieso ihr ganzes Leben lang ihr Selbst verleugnen musste und dadurch Jesus Lehren nicht in dem Masse brauchten oder eben gar nicht annehmen konnte aufgrund ihrer eignen Erziehung.. Durch die harten Lebensumstände in Kindheit und Jugend waren sie auf Arbeit, Überleben und Aufbau fokussiert. Da war ausser dem eventuellen sonntäglichen Gottesdienst nicht viel drin an Spiritualität.
@awhler Ich kenne das von der 'anderen Seite'.
Als Kind frommer Eltern bin ich in den Glauben hineingewachsen, für den Du Dich in jungen Jahren entschieden hast.
D.h. Du hast Dich freiwillig in diese Enge hineingegeben, die Deine Eltern ablehnten und aus der ich dann irgendwann ausgebrochen bin.
Und ich kann mir gut vorstellen, dass meine Eltern genauso gelitten haben, weil ihre Kinder nicht so 'fromm' wurden wie sie es für richtig hielten - als Eltern will man ja, dass die Kinder sich auch für den Glauben entscheiden, der sie in den Himmel bringt; so wie Du Dir das auch für Deine Eltern gewünscht hast.
„Führe ich auf gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten [im Totenreich / Scheol], siehe, so bist du auch da.“ (Psalm 139,8)
Deine Eltern sind in den bestmöglichen Händen.
JA, das glaube ich auch.
Beruflich habe ja immer wieder selbst Beerdigungen und Trauerfeiern gehalten, an Gräbern gestanden und zuvor eine Traueransprache gehalten.
Eine Text-Passage, die ich die letzten Jahre oft eingebaut habe, greift wohl Dein Psalmwort auf, und spiegelt wieder, wie ich selbst im Glauben den Toten im Abschied (also auch einmal uns selbst) "im Lichte Gottes" innerlich begegne:
Was sind wir, Gott, mit unserem Leben
auf dieser Erde?
Und was sind wir am Ende gewesen?
Was ist uns geglückt,
was war Lieben & Lachen, Freude & Heiterkeit?
Und was war dunkel und rätselhaft,
missglückt & eine Last?
Wofür sind wir dankbar?
Und was hätten wir uns hier und da auch anders gewünscht?
Welche Träume haben wir geträumt?
Welche Lasten getragen?
Und was wissen wir am Ende voneinander?
Warum sind wir so, wie wir sind?
Und warum so geworden?
Ja, Gott,
wir fragen uns, woher wir kommen
und fragen uns, wohin wir gehn
wir sind von deiner großen Hand genommen
Wir sind die Frage
Du bist das Verstehn
Bist der, den wir schon hier
den Ew’gen nennen
als Zuflucht und als HERRN bekennen
an Gräbern
und im Weitergehn …
(Vorletzte Passage im Anschluss an einen Text von Schalom Ben-Chrorin)
...
L'Chaim
Veröffentlicht von: @sternManchmal denke ich, dass gerade die Generation, der vermutlich deine Eltern auch angehörten, sowieso ihr ganzes Leben lang ihr Selbst verleugnen musste und dadurch Jesus Lehren nicht in dem Masse brauchten oder eben gar nicht annehmen konnte aufgrund ihrer eignen Erziehung.. Durch die harten Lebensumstände in Kindheit und Jugend waren sie auf Arbeit, Überleben und Aufbau fokussiert.
Meine Eltern waren Jg. 1930 (Vater) und 1933 (Mutter) und hatten als Kinder und heranwachsende Jugendliche die Hitlerzeit und den Krieg erlebt, wobei ihrer beiden Eltern (also meine Großeltern) nicht der NSDAP angehörten, eher SPD-nahe Arbeiterfamilien waren, die Opas hier und da (beide bei Krupp) den Zwangsarbeitern heimlich ihre Wurstbrote gaben etc. .... Geprägt waren meine Eltern aber durch eine tiefe Abneigung ggü. allem, was ihnen weltanschaulich auf ausschließende, vereinnahmende, ideologische und "fanatische" Weise begegnete ...
Ganz typisch dafür war folgendes Erlebnis: Als 14Jähriger kam ich in die Jugendarbeit des Essener Weigle-Hauses, das geistlich geprägt war von der Verkündigung der Pfarrer/Evangelisten Wilhelm Busch ("Jesus, unser Schicksal") und damals (Anfang der 70er) von Ulrich Parzany (der jahrelang "mein" begeistert erlebter Glaubens- Pfarrer dort war) ... Als ich zum ersten Mal auf eine Herbstfreizeit mitfahren wollte (meine Eltern kannten das "WH" nicht), wurde Parzany drum gebeten, meine Eltern zu besuchen, um in Erfahrung zu bringen, mit wem ihr Sohn sich da einlassen wollte ... 😉 ... Ich durfte mitfahren, meine Eltern waren dann auch über Jahre völlig tolerant, als ich als (nun eben "Alt-)WHler" dort jahrelang engagiert und unterwegs ... Aber der "Frömmigkeit" und Glaubenspraxis ggü. blieben sie immer irgendwie unempfänglich, was mich "missionarisch" (siehe die Luis Palau-Anekdote) damals sehr leiden ließ ....
Ich schaue ja nun zurück auf meine Berufsentscheidung, das Theologiestudium (was meine Eltern übrigens nie infragegestellt haben) und 40 Jahre volkskirchlich-liberales Pfarrer-Dasein ... und mein "Gebet am Grab" habe ich hier auf Jesus.de als Thread-Impuls gesetzt (mit dem abschließenden "No ... Amen"") um zum Nachdenken darüber anzuregen, ob die "evangelikale Heilslehre", die eben missionarisch, dogmatisch und "biblisch vorgegeben" behauptet wird, tatsächlich und im Ernst das Gottesbild sein kann, mit dem wir die Menschen, uns und unsere Liebsten (Familie, Freunde, Nachbarn) in Beziehung setzen können /wollen/sollen ... Ich kann es nicht mehr.
In diesem Sinne: Danke für Deine Sätze 🙂
L'Chaim