Wer oder was lenkt unsere Lebenswege?
Der us-amerikanische Schriststeller PAUL AUSTER (+2024) ist einer meiner Lieblingsautoren und in seinen Büchern geht es immer wieder um die Frage nach Zufall und Schicksal, um die Frage, was unsere Lebenswege lenkt, was wohl passiert und geschehen wäre, "wenn" oder "wenn nicht".
Sein Roman "4321" schildet das Leben des jungen Archibald Ferguson, in dessen frühen Jahren ein Familienschicksal passiert. Das Agieren des Vaters geht wird dann mit vier verschiedenen Szenarien geschildert, die zur Folge haben, dass der EINE Archie in der Folge für sein Leben sich in vier verschiedene Richtungen entwickelt - aus dem EINEN werden im Älterwerden und im weiteren Lebensverlauf VIER unterschiedliche Personen.
Auster war Jude, aber nicht religiös oder gläubig. Und seine Überzeugung war, dass jederzeit Dinge auch anders sein könnten, dass das ganze Leben eine Verkettung von z.T. beliebigen Zufällen, Gegebenheiten und Ereignissen ist (im Guten wie im Schlechten), ein Geflecht von unzähligen Kausalketten, innerhalb derer wir zwar auch entscheiden, handeln und etwas tun können, etwas wollen. Aber letztendlich hätte unser Leben auch ganz anders verlaufen können oder nimmt morgen vielleicht schon eine Wende, über die wir nicht selbst entscheiden. Letztendlich ist das ganze Leben prallvoll von "Zufällen", die auch anders oder garnicht hätten passieren können.
Wären sich unsere Eltern nicht zufällig irgendwann begegnet, hätte ihr Leben einen anderen Verlauf genommen und es gäbe uns nicht.
Hätte Jemand nicht die Straßenseite gewechselt, wäre ihm das Gerüst auf den Kopf gefallen und hätte ihn getötet.
Wäre der weltberühmte Musiker nicht damals an der Straßenecke zu einem bestimmten Zeitpunkt einem Mann der Plattenfirma aufgefallen, der mal eben Zigarettenholen ging, wäre er nicht zum Weltstar geworden.
Hätte ich im Regal nach etwas anderem gegriffen, hätte ich mir nicht den Magen verdorben.
usw.
Warum?
Das ist auf den ersten Blick irgendwie eine "Binsenweisheit", eine Tatsache und "es ist eben so (gekommen, passiert)".
Doch nun wird's spannend, wenn wir damit auf unseren Glauben schauen - und auf das, was wir mit Gottvertrauen, Gebet, Führung - Lenkung - Bewahrung durch Gott verbinden.
Wir Christen sagen einerseits oft, dass wir genauso wie alle Menschen Teil der vergänglichen Welt mit ihren Ambivalenzen, Schmerzen, Grenzen und Rätseln leben. Halten aber andererseits daran fest, dass Gott "im Regimente" sitzt (altes Kirchenlied), dass er uns schützen und bewahren will, bitten um seine Führung und Lenkung, reden davon, dass etwas "kein Zufall" war, sondern von Gott gelenkt und gegeben.
Macht Gott Unterschiede im Zulassen, Eingreifen, Lenken und Sich-Verweigern in dieser Welt?
Im Zweifelsfall sagen wir einfach: "Wir wissen das alles nicht." - "Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken" - etc.
Aber auch, wenn wir von Heil und Erlösung reden, die geknüpft ist an eine Begegnung mit dem Evangelium, an eine Bekehrung, an eine Situation, die Menschen dahin führt, Christ zu werden, stellt sich die Frage, warum eben Unzählige niemals zu Lebzeiten dahin kommen - weil ihre Wege, ihre Begegnungen, ihre Einflüsse und Chancen dazu garnicht gegeben sind.
Hat Auster vielleicht Recht mit seiner Weltsicht, dass das Leben letztlich aus Zufällen zusammengesetzt ist, das auch gestern, heute, morgen ganz anders denkbar (gewesen) wäre?
Was denkt Ihr darüber?
L'Chaim
reden davon, dass etwas "kein Zufall" war, sondern von Gott gelenkt und gegeben.
In aller Regel dann, wenn etwas gegen unsere Erwartung gut verlaufen ist. Eher selten dann, wenn eine junge Frau mit drei kleinen Kindern unheilbar an Krebs erkrankt.
Wer an ein von Gott (komplett) gelenktes Leben glaubt, könnte mit seinem Glauben an der Warum-Frage scheitern.
Veröffentlicht von: @mrorleanderWer an ein von Gott (komplett) gelenktes Leben glaubt, könnte mit seinem Glauben an der Warum-Frage scheitern.
In der kommenden Woche habe ich (mittlerweise Pfr. i.R.) nocheinmal eine Beisetzung übernommen, die Beerdigung in einem "Friedwald". Gestern war das Trauergespräch mit Frau und den Kindern. Ich mache es aus persönlicher Verbundenheit mit dem Verstorbenen
Der Kasus (er bleibt ja hier völlig anonym): Mit der Frau auf Fahrradtour in Frankreich, plötzlich kippt er auf dem Rad um und ist (Reanimation nicht möglich) tot - mit 64, ohne Voranzeichen.
Die Familie ist, der Verstorbene war - gemessen am Koordinatensystem von Jesus.de 😉 - "nicht gläubig". Sie gehen in ihrer Trauer, dem Schock und ihrem Schmerz so damit um, dass sie es als "Schicksal" annehmen ("Wenn es so sein sollte, dann ...") - sich darauf besinnen, dass der Verstorbene hin und wieder dankbar gesagt hat, dass "wenn der Tod käme, er ein total erfülltes Leben gehabt hätte." - und dass Zeit & Ort des Todes (es war sein Wunsch, Strecken der Tour des France nachzufahren, ohne Stress und Druck natürlich) auch etwas ist, was sich irgendwie "einzeichnet in sein Leben".
Die "Warum-Frage" war kein tiefergehendes Thema, Gott (Fügung, Lenkung, Wille) kam nicht vor.
Nun habe ich in meinen Berufsjahren ganz viele tragische(re) Unglücks-, Trauer- und Sterbe-Kasualien gehabt, in denen die "Warum-Frage" zum Zerreißen präsent war, zum Teil ganz schrecklich - vom Kindersarg bis zum Brandunglück.
Meine Wahrnehmung geht in die Richtung, dass - bei gleichbleibender Trauer, allem Schmerz und Abschiedsleid - die Frage nach Gott (als Beschützer, Herr, Weltenlenker, Lebens-Bezug) den Umgang mit einem Widerfahrnis oft schwieriger macht und zur Glaubensanfechtung und einer hadernden "Warum-Frage" wird ... WO war Gott? WARUM hat er nicht ...?
"Shit happens" (im Blick auf das, was passiert) gibt keine Antworten, entlastet aber häufig von metaphysischen Querelen, die erst relevant sind, wenn man versucht , Dingen "einen tieferen/höheren Sinn" abzugewinnen, die mit einem (bestimmten) Gottes-Verständnis verbunden sind.
L'Chaim
Ich frage mich gerade folgendes.
Hiob beklagte sich um alles was er verlor. Insbesondere war ihm um das geistliche Wohl seiner Kinder bedacht. Danach kam ein Ringen mit seinen Freunden und mit Gott und schnell ging es um IHN und zw. Gott.
Am Ende bekam er noch mehr.
Sollten wir nicht auch so denken? Es gibt viel mehr als das irdische? Sollte das nicht gleichzeitig Mahnung und Hoffnung sein?
Muss man sich ernsthaft von Gott etwas nehmen lassen, um nachher etwas zu bekommen? Und was ist mit seinen Kindern? Die sind tot und bleiben es. Das gleichen auch neue Kinder nicht aus.
Es ist bei Hiob und vielen anderen biblischen Erzählungen irritierend, dass Betroffene, die irgendwie Not und Tod erleiden keine Folgen im Sinne einer posttraumatischen Störung zeigen.
Ist es überhaupt denkbar, dass der "liebende Gott", wie er ja fast immer verstanden wird, eine Wette eingeht und dann noch mit einer dunklen Macht?
Veröffentlicht von: @queequegEs ist bei Hiob und vielen anderen biblischen Erzählungen irritierend, dass Betroffene, die irgendwie Not und Tod erleiden keine Folgen im Sinne einer posttraumatischen Störung zeigen.
Und was ist mit den anderen Figuren in den Erzählungen?
Im Fall des Hiob z.B. die Frau, die erst ihre vielen Kinder genommen bekommt und dann nochmal doppelt so viele bekommt?
Veröffentlicht von: @meriadocHiob
Die Hiobsgeschichte ist spät-exilisch entstanden (es ist Dichtung und Erzählung) und hinterfragt ein Denk- und Glaubensschema, das zunächst im Glauben des frühen Israel ganz selbstverständlich galt - den sog. "Tun - Ergehenszusammenhang".
Das heißt: Der Gerechte wird von Gott in diesem Leben gesegnet sein, der Gottlose gestraft und vergehen - vgl. Psalm 1.
Dass sich dies für den Einzelnen und für das Volk NICHT bewahrheitet hat (für Israel: Das sog. babylonische Exil), wurde zu einem Problem und einer Frage nach der Gerechtigkeit Gottes.
Wichtig ist: Auch der Dichter des Hiob-Buches gibt keine neue Antwort auf den Sinn des Leides. Er umkreist es von allen Seiten, ohne tragbare Ergebnisse, Sinngebungen und Erklärungen zu geben.
Der "Deal" Gottes mit dem Ankläger ist Fiktion und ein Stilmittel, kein "Geschehen". Es kreist um die Glaubens-Frage, ob Hiob nicht am Ende Gott flucht, statt am Glauben an ihn festzuhalten.
Was bleibt ist ein "Nicht-Wissen" und menschliches Verstummen angesichts des "großen Koordinatensystems" von Gott, Welt & Schöpfung.
L'Chaim
Dass Menschen schon damals so wie wir heute mit der "Hiobs-Erfahrung" leben und zurecht kommen müssen.
Gelöst ist sie auch für uns nicht.
Und dass die hebräische Bibel nicht einfach nur ein Buch des Glaubens und der Gewissheiten ist, sondern immer wieder auch ein Dokument des Ringens mit Gott.
L'Chaim
Ich empfinde, dass das Buch Hiob uns zeigt, dass auch Nicht-Verstehen und die Klage RAUM haben darf in unserem Glauben - was für eine bestimmte Frömmigkeit ein Korrektiv ist, die eben meint, auf alles eine harmonisierende Antwort zu haben und "ungebrochen" glauben zu können.
Und es macht auch ein Ende mit allen "Tun-Ergehens-Zusammenhängen" bis heute!
L'Chaim