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[Geschlossen] Historiker Tom Holland im Interview: Christentum, Islam und der säkulare Westen

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Jack-Black
Themenstarter
Beiträge : 6191

Hallo zusammen. Ich weiß nicht, ob dieses Unterforum dafür der beste Platz ist, aber da es in dem Video-Interview, das ich verlinke - 

 

Klick mich! -

 

nicht nur um Kirchengeschichte, Philosophie oder Interkonfessionelles, sondern um deutlich mehr geht, tue ich's halt im Politik-Forum. Ich will da erstmal überhaupt nicht mit Euch diskutieren, weil ich selbst über den Inhalt dieses Videos kein "Urteil" in dem Sinne habe, dass ich es richtig oder falsch fände, was da gesagt wird. Ich finde es nur einfach sehr interessant, informativ und anschauenswert und dachte, es passt hier in's Forum gut rein.

Zum Inhalt: Der Historiker Tom Holland wird von zwei Herren interviewt, die ich bisher nicht kannte - falls ich mir das aus der Videobeschreibung jetzt richtig zusammenreime, heißen sie Konstatin Kisin und Francis Foster. Der Kanal nennt sich "Triggernomity" - wohl ein Wortspiel, das darauf hinweist, dass die Inhalten triggern könnten. Ich kenne den Kanal nicht weiter, sondern nur dieses eine Video davon.

Das Thema ist letztlich ein Ritt durch die Kulturen in den letzten Zweitausend Jahren, beginnend mit der Frage, was das Besondere oder Andersartige der christlichen Religion gewesen sei. Nach Tom Holland war es nicht der Umstand, dass da Gott als Mensch konzeptuiert wurde, denn diese Idee war damals eigentlich "normal": römische Kaiser waren ja praktisch immer auch Götter. Nein, das Besondere am Christentum war die Art, wie Jesus hingerichtet wurde: per Kreuzigung. Holland geht auf die römische Praxis und Bedeutung der Kreuzigung ein: dass hier nicht nur ein Mensch besonders schmerzhaft getötet wurde, sondern auch, dass dieser Mensch per Kreuzigung maximal erniedrigt und gedemütigt, also klein gemacht wurde. Darin bestand das Besondere, der Skandal: dass hier ein Gott als jemand gedacht wurde, der sozusagen die Intention der Kreuzigung umdrehte. Holland legt dar, wie die Kreuzigung in den ersten paar Jahrhunderten eher nicht so im Mittelpunkt der christlichen "Propaganda" stand, es keine oder nur sehr wenige Darstellungen davon gab, wie sich das aber irgendwann drehte.

Er kommt dann auf das Thema Sklaverei zu sprechen. Ich kann jetzt nicht sämtliche dialektischen Zusammenhänge referieren, die er da aufzeigt - inwiefern die christliche Religion anfangs eine Religion der Sklaven war oder unter Sklaven zumindest besonderen Anklag fand und inwieweit dafür Paulus' Theologie eine wichtige Rolle spielte... Jedenfalls wird ein großer Bogen geschlagen bis in die Zeit, in welcher der Sklavenhandel von den westlichen Kolonialmächten in einer nie dagewesenen Art, gewissermaßen industriell, organisiert wurde. Dabei kommt zur Sprache, wie sich auf christlicher Basis parallel in den beiden großen verfeindeten christlichen Lagern - den prostestantischen Engländern und den katholischen Spaniern -Ideen entwickelten, welche die Sklaverei für gegen Gottes Willen gerichtet empfanden, woraus regelrechte "Bürgerbewegungen" gegen die Sklaverei entstanden, welche die Machthabenden irgendwann nicht mehr ignorieren konnten. Während die Nationen miteinander im Krieg lagen, enstand da sowas wie der Gedanke internationalen Rechts hinsichtlich bestimmter ethischer Grundsätze.

Dass dies in der christlichen Welt passierte, führt Holland auf eine weitere Besonderheit des Christentums im Vergleich zu anderen Religionen zurück. Die Idee des Säkularismus, also der Trennung zwischen religiöser und weltlicher Sphäre. Wie sie ja z.B. in dem berühmten Wort Jesu "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", zum Ausdruck kommt. Holland legt dar, warum die Trennung zwischen religiöser und politischer Sphäre, die wir hier im Westen heute für ganz normal und alternativlos betrachten, zu Beginn des Christentums alles andere als normal war, und es in anderen Kulturkreisen bis heute noch nicht ist. Er bringt als Beispiel die "Demokratie" Athen und erläutert, wie unsere heutige Kritik an dieser Demokratie (dass nur bestimmte Männer wählen durften usw...) auf einem falschen Verständnis dessen beruht, was Demokratie aus Sicht der Athener bedeutete. Dass in der damaligen "Welt" beispielsweise die Frauen ebenso für die Stadt (Polis) arbeiteten wie die Männer, nur eben sich um andere Bereiche kümmerten - insbesondere darum, sich um die Götter zu kümmern, diese bei Laune zu halten per Tempeldiensten, Organisation von religiösen Festen usw.. Er legt dar, wie es dem damaligen common sense ganz selbstverständlich war, dass und wie die Götter mit der Politik zusammenhingen - es handelte sich nicht um unterschiedliche Sphären. Ich kann das schlecht so wiedergeben, wie es sich in dem Interview "entwickelt", für mich kamen da alle möglichen Assoziationen und Erkenntnisse auf, Perspektiven, wie ich sie vorher noch nie so eingenommen hatte. Gern hätte ich mitten rein gefragt, ob und wie das Beispiel des Sokrates, der ja wegen Verderbnis der Jugend und Leugnung der Götter zum Tode verurteilt wurde, für diese Andersartigkeit des damaligen common sense stand. Dass die Leugnung der Götter damals also als echte Gefahr für die Stadt wahrgenommen wurde und dass die Anklage also nicht auf moralisch niederen Motiven beruhte, sondern tatsächlich darauf abzielte, das Wohl der Stadt/des Staates/der Gesellschaft zu verteidigen.

Und von da zurück (diesen Gedankensprung macht Holland in dem Interview nicht, der ist jetzt von mir): Auch die Hinrichtung Jesu, die Gegnerschaft der Priesterschaft gegen ihn, erscheint mir aus dieser Perspektive plötzlich nachvollziehbar: nicht (nur) die persönlichen Interessen der herrschenden Priesterschaft standen auf dem Spiel, sondern eine das Verhältnis des jüdischen Volkes zu Gott. Jenes Verhältnis, für das die Priesterschaft zuständig war. Jesus war nicht nur für die Priester eine Gefahr - er gefährdete alles, die gesamte "Weltordnung", in welcher das, was wir heute Religion nennen (worunter damals etwas anderes verstanden wurde), und das, was wir heute unter der säkularen Welt verstehen, eine unauflösliche und nicht unterscheidbare Einheit verstanden wurde.

Der Historiker leitet aus dieser Besonderheit, die als Nucleus schon von Anfang an im Christentum als mögliche (!) Idee steckte: der Trennung zwischen Religion und (säkularer) Welt, auch die Verständnisprobleme ab, die es zwischen den Christen und anderen - nun ja eigentlich: Kulturen gab. Beispielsweise dem Umstand, dass die Juden in der Diaspora, die weiterhin sich als Volk Gottes ansahen und nicht nur als Glaubensgemeinschaft, konzeptionell eigentlich mit dem Gedanken, sie seien durch eine Religion definiert, gar nichts anfangen konnten, aber, weil nun mal die herrschenden Verhältnisse sie dazu zwangen, zumindest so tun mussten, als könnten sie's.

Dasselbe gilt demnach auch für den Islam, in welchem eben auch die Trennung zwischen Religion und Staat eigentlich konzeptioneller Unfug ist. Und der deswegen so wenig mit den "universellen Menschenrechten", also überkonfessionellen Werten, wie sie sich im christlich dominierten Westen irgendwann durchzusetzen begannen, anfangen kann. Holland kommt hier wieder (bzw. im Interview ist das ein steter roter Faden) auf die Sklaverei zurück, die gemäß dem Islam selbstverständlich zur condition humana gehört und überhaupt nicht zu hinterfragen ist: Schließlich nahm und besaß der Prophet Mohammend selbst auch Sklaven und Allah hatte nichts dagegen.

Immer wieder betont Holland im Gespräch, dass in allen Regionen, Kulturen und Religionen es viele verschiedene Strömungen gibt, die sich teilweise ähneln, teilweise aber aufgrund der Wurzeln kaum auf einen gemeinsamen Nenner geraten können. Er vergleicht dabei z.B. den Protestantismus im Christentum mit seiner Rückbesinnung auf den Wortlaut der Bibel und seinem Verwerfen der teilweise sehr elaborierten, stark von der griechischen Philosophie (auch Paulus war griechisch-philosophisch geprägt) beeinflussten Konzepte der katholischen Kirche mit den "fundamentalistischen" Strömungen in der islamischen Welt.

Auf die - so habe ich es zumindest empfunden - suggestiven Nachfragen der Kanalbetreiber, wie er denn die Zukunft sähe und ob nicht der Westen, der sich immer mehr von der auf ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Sache verpflichtenden Idee Gottes entferne, in Konkurrenz z.B. zum Islam oder den anderen großen Weltreligionen notwendigerweise ins Hintertreffen geraten werde, reagiert Holland, wie es ein guter Historiker tun sollte: Dass die Zukunft offen sei...

So, das ist jetzt eine ziemlich lange und dennoch lächerlich verkürzende Zusammenfassung des - leider mal wieder auf Englisch geführten - Gesprächs. Vielleicht interessiert es einige von Euch dennoch und vielleicht ergibt sich hier im Thread ja doch eine Diskussion über einzelne Aspekte. Ich bitte allerdings im Voraus um Verständnis, dass ich auf Beiträge hier im Thread, die von Leuten kommen, die sich das Interview (noch) nicht angeschaut haben, nicht reagieren werde.

23 Antworten
AleschaMod
Moderator
Beiträge : 641

@jack-black 

Ich bitte allerdings im Voraus um Verständnis, dass ich auf Beiträge hier im Thread, die von Leuten kommen, die sich das Interview (noch) nicht angeschaut haben, nicht reagieren werde.

Die ausführliche Zusammenfassung allein reicht durchaus als Diskussionsgrundlage. Man muss also nicht voraussetzen, dass sich potentielle Diskussionsteilnehmer ein fast anderthalbstündiges Video, noch dazu in einer Sprache, die für die allermeisten hier eine Fremdsprache ist, anschauen.

Wenn Du weiterhin darauf beharrst, Personen, die sich das Video nicht anschauen wollen oder können, von der Diskussion auszuschließen bzw. nicht auf sie eingehen zu wollen, werde ich den Thread leider schließen müssen. 

LG

AleschaMod

 

aleschamod antworten
1 Antwort
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6191

@aleschamod Tue das bitte.

jack-black antworten


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