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[Geschlossen] Historiker Tom Holland im Interview: Christentum, Islam und der säkulare Westen

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Jack-Black
Themenstarter
Beiträge : 5817

Hallo zusammen. Ich weiß nicht, ob dieses Unterforum dafür der beste Platz ist, aber da es in dem Video-Interview, das ich verlinke - 

 

Klick mich! -

 

nicht nur um Kirchengeschichte, Philosophie oder Interkonfessionelles, sondern um deutlich mehr geht, tue ich's halt im Politik-Forum. Ich will da erstmal überhaupt nicht mit Euch diskutieren, weil ich selbst über den Inhalt dieses Videos kein "Urteil" in dem Sinne habe, dass ich es richtig oder falsch fände, was da gesagt wird. Ich finde es nur einfach sehr interessant, informativ und anschauenswert und dachte, es passt hier in's Forum gut rein.

Zum Inhalt: Der Historiker Tom Holland wird von zwei Herren interviewt, die ich bisher nicht kannte - falls ich mir das aus der Videobeschreibung jetzt richtig zusammenreime, heißen sie Konstatin Kisin und Francis Foster. Der Kanal nennt sich "Triggernomity" - wohl ein Wortspiel, das darauf hinweist, dass die Inhalten triggern könnten. Ich kenne den Kanal nicht weiter, sondern nur dieses eine Video davon.

Das Thema ist letztlich ein Ritt durch die Kulturen in den letzten Zweitausend Jahren, beginnend mit der Frage, was das Besondere oder Andersartige der christlichen Religion gewesen sei. Nach Tom Holland war es nicht der Umstand, dass da Gott als Mensch konzeptuiert wurde, denn diese Idee war damals eigentlich "normal": römische Kaiser waren ja praktisch immer auch Götter. Nein, das Besondere am Christentum war die Art, wie Jesus hingerichtet wurde: per Kreuzigung. Holland geht auf die römische Praxis und Bedeutung der Kreuzigung ein: dass hier nicht nur ein Mensch besonders schmerzhaft getötet wurde, sondern auch, dass dieser Mensch per Kreuzigung maximal erniedrigt und gedemütigt, also klein gemacht wurde. Darin bestand das Besondere, der Skandal: dass hier ein Gott als jemand gedacht wurde, der sozusagen die Intention der Kreuzigung umdrehte. Holland legt dar, wie die Kreuzigung in den ersten paar Jahrhunderten eher nicht so im Mittelpunkt der christlichen "Propaganda" stand, es keine oder nur sehr wenige Darstellungen davon gab, wie sich das aber irgendwann drehte.

Er kommt dann auf das Thema Sklaverei zu sprechen. Ich kann jetzt nicht sämtliche dialektischen Zusammenhänge referieren, die er da aufzeigt - inwiefern die christliche Religion anfangs eine Religion der Sklaven war oder unter Sklaven zumindest besonderen Anklag fand und inwieweit dafür Paulus' Theologie eine wichtige Rolle spielte... Jedenfalls wird ein großer Bogen geschlagen bis in die Zeit, in welcher der Sklavenhandel von den westlichen Kolonialmächten in einer nie dagewesenen Art, gewissermaßen industriell, organisiert wurde. Dabei kommt zur Sprache, wie sich auf christlicher Basis parallel in den beiden großen verfeindeten christlichen Lagern - den prostestantischen Engländern und den katholischen Spaniern -Ideen entwickelten, welche die Sklaverei für gegen Gottes Willen gerichtet empfanden, woraus regelrechte "Bürgerbewegungen" gegen die Sklaverei entstanden, welche die Machthabenden irgendwann nicht mehr ignorieren konnten. Während die Nationen miteinander im Krieg lagen, enstand da sowas wie der Gedanke internationalen Rechts hinsichtlich bestimmter ethischer Grundsätze.

Dass dies in der christlichen Welt passierte, führt Holland auf eine weitere Besonderheit des Christentums im Vergleich zu anderen Religionen zurück. Die Idee des Säkularismus, also der Trennung zwischen religiöser und weltlicher Sphäre. Wie sie ja z.B. in dem berühmten Wort Jesu "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", zum Ausdruck kommt. Holland legt dar, warum die Trennung zwischen religiöser und politischer Sphäre, die wir hier im Westen heute für ganz normal und alternativlos betrachten, zu Beginn des Christentums alles andere als normal war, und es in anderen Kulturkreisen bis heute noch nicht ist. Er bringt als Beispiel die "Demokratie" Athen und erläutert, wie unsere heutige Kritik an dieser Demokratie (dass nur bestimmte Männer wählen durften usw...) auf einem falschen Verständnis dessen beruht, was Demokratie aus Sicht der Athener bedeutete. Dass in der damaligen "Welt" beispielsweise die Frauen ebenso für die Stadt (Polis) arbeiteten wie die Männer, nur eben sich um andere Bereiche kümmerten - insbesondere darum, sich um die Götter zu kümmern, diese bei Laune zu halten per Tempeldiensten, Organisation von religiösen Festen usw.. Er legt dar, wie es dem damaligen common sense ganz selbstverständlich war, dass und wie die Götter mit der Politik zusammenhingen - es handelte sich nicht um unterschiedliche Sphären. Ich kann das schlecht so wiedergeben, wie es sich in dem Interview "entwickelt", für mich kamen da alle möglichen Assoziationen und Erkenntnisse auf, Perspektiven, wie ich sie vorher noch nie so eingenommen hatte. Gern hätte ich mitten rein gefragt, ob und wie das Beispiel des Sokrates, der ja wegen Verderbnis der Jugend und Leugnung der Götter zum Tode verurteilt wurde, für diese Andersartigkeit des damaligen common sense stand. Dass die Leugnung der Götter damals also als echte Gefahr für die Stadt wahrgenommen wurde und dass die Anklage also nicht auf moralisch niederen Motiven beruhte, sondern tatsächlich darauf abzielte, das Wohl der Stadt/des Staates/der Gesellschaft zu verteidigen.

Und von da zurück (diesen Gedankensprung macht Holland in dem Interview nicht, der ist jetzt von mir): Auch die Hinrichtung Jesu, die Gegnerschaft der Priesterschaft gegen ihn, erscheint mir aus dieser Perspektive plötzlich nachvollziehbar: nicht (nur) die persönlichen Interessen der herrschenden Priesterschaft standen auf dem Spiel, sondern eine das Verhältnis des jüdischen Volkes zu Gott. Jenes Verhältnis, für das die Priesterschaft zuständig war. Jesus war nicht nur für die Priester eine Gefahr - er gefährdete alles, die gesamte "Weltordnung", in welcher das, was wir heute Religion nennen (worunter damals etwas anderes verstanden wurde), und das, was wir heute unter der säkularen Welt verstehen, eine unauflösliche und nicht unterscheidbare Einheit verstanden wurde.

Der Historiker leitet aus dieser Besonderheit, die als Nucleus schon von Anfang an im Christentum als mögliche (!) Idee steckte: der Trennung zwischen Religion und (säkularer) Welt, auch die Verständnisprobleme ab, die es zwischen den Christen und anderen - nun ja eigentlich: Kulturen gab. Beispielsweise dem Umstand, dass die Juden in der Diaspora, die weiterhin sich als Volk Gottes ansahen und nicht nur als Glaubensgemeinschaft, konzeptionell eigentlich mit dem Gedanken, sie seien durch eine Religion definiert, gar nichts anfangen konnten, aber, weil nun mal die herrschenden Verhältnisse sie dazu zwangen, zumindest so tun mussten, als könnten sie's.

Dasselbe gilt demnach auch für den Islam, in welchem eben auch die Trennung zwischen Religion und Staat eigentlich konzeptioneller Unfug ist. Und der deswegen so wenig mit den "universellen Menschenrechten", also überkonfessionellen Werten, wie sie sich im christlich dominierten Westen irgendwann durchzusetzen begannen, anfangen kann. Holland kommt hier wieder (bzw. im Interview ist das ein steter roter Faden) auf die Sklaverei zurück, die gemäß dem Islam selbstverständlich zur condition humana gehört und überhaupt nicht zu hinterfragen ist: Schließlich nahm und besaß der Prophet Mohammend selbst auch Sklaven und Allah hatte nichts dagegen.

Immer wieder betont Holland im Gespräch, dass in allen Regionen, Kulturen und Religionen es viele verschiedene Strömungen gibt, die sich teilweise ähneln, teilweise aber aufgrund der Wurzeln kaum auf einen gemeinsamen Nenner geraten können. Er vergleicht dabei z.B. den Protestantismus im Christentum mit seiner Rückbesinnung auf den Wortlaut der Bibel und seinem Verwerfen der teilweise sehr elaborierten, stark von der griechischen Philosophie (auch Paulus war griechisch-philosophisch geprägt) beeinflussten Konzepte der katholischen Kirche mit den "fundamentalistischen" Strömungen in der islamischen Welt.

Auf die - so habe ich es zumindest empfunden - suggestiven Nachfragen der Kanalbetreiber, wie er denn die Zukunft sähe und ob nicht der Westen, der sich immer mehr von der auf ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Sache verpflichtenden Idee Gottes entferne, in Konkurrenz z.B. zum Islam oder den anderen großen Weltreligionen notwendigerweise ins Hintertreffen geraten werde, reagiert Holland, wie es ein guter Historiker tun sollte: Dass die Zukunft offen sei...

So, das ist jetzt eine ziemlich lange und dennoch lächerlich verkürzende Zusammenfassung des - leider mal wieder auf Englisch geführten - Gesprächs. Vielleicht interessiert es einige von Euch dennoch und vielleicht ergibt sich hier im Thread ja doch eine Diskussion über einzelne Aspekte. Ich bitte allerdings im Voraus um Verständnis, dass ich auf Beiträge hier im Thread, die von Leuten kommen, die sich das Interview (noch) nicht angeschaut haben, nicht reagieren werde.

23 Antworten
Channuschka
Beiträge : 5314

Ich bitte allerdings im Voraus um Verständnis, dass ich auf Beiträge hier im Thread, die von Leuten kommen, die sich das Interview (noch) nicht angeschaut haben, nicht reagieren werde.

Und damit bin ich raus. Denn eigentlich sind die Zusammenfassungen genau deshalb gefordert. Damit eine Diskussion auf Grundlage dessen möglich ist, was hier steht und ich mir nicht erst 1,5h Zeit nehmen muss.

channuschka antworten
9 Antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 9 Monaten

Beiträge : 1977

@channuschka 

Damit eine Diskussion auf Grundlage dessen möglich ist, was hier steht und ich mir nicht erst 1,5h Zeit nehmen muss.

Das musst du ja auch nicht. Aber ohne das Video zu schauen fehlt dir (jedem) doch dann eine gemeinsame Diskussionsgrundlage,  um dann mit jack-black darüber zu diskutieren.

(Du kannst ja auch nach drei Minuten ausmachen und sagen :laaaangweilig 🙂)

stern antworten
tristesse
(@tristesse)
Beigetreten : Vor 2028 Jahren

Beiträge : 20559

@stern

Man kann auch ein Video einfach zusammen fassen, anstatt zu verlangen 90 Minuten anzuschauen, nur um mitdiskutieren zu dürfen! 

tristesse antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 9 Monaten

Beiträge : 1977

@tristesse 

Ok. Ich verstehe jetzt den Punkt. 

 

stern antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5817

@tristesse Von mitdiskutieren dürfen war überhaupt keine Rede.

jack-black antworten
tristesse
(@tristesse)
Beigetreten : Vor 2028 Jahren

Beiträge : 20559

@jack-black

Doch, natürlich. Du bestimmst ja hier, wer deiner Antworten würdig ist und wer nicht 😉 

tristesse antworten
Channuschka
(@channuschka)
Beigetreten : Vor 19 Jahren

Beiträge : 5314

@stern 

Naja, er hat ja eine Zusammenfassung geliefert, die man als Diskussionsgrundlage nehmen kann.

Und es gibt hier durchaus auch die Regel, dass links nicht der einzige Inhalt eines Postings sein dürfen, sondern man eben auch inhaltlich etwas anbieten muss. Das tut Jack hier und nimmt es dann wieder zurück.

Noch dazu verlinkt er ein englischsprachiges Video (was nicht mein Problem wäre, mir geht es wirklich um die Zeit), was ausdrücklich eigentlich nicht erlaubt ist.

Aber an was ich mich wirklich störe, dass er es zur Vorausetzung gemacht hat, dass ich das Video schauen muss um mit ihm darüber zu reden und es nicht reicht, seine echt ausführliche Zusammenfassung zu lesen und mich dazu zu äußern.

channuschka antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 9 Monaten

Beiträge : 1977

@channuschka 

Aber an was ich mich wirklich störe, dass er es zur Vorausetzung gemacht hat, dass ich das Video schauen muss um mit ihm darüber zu reden und es nicht reicht, seine echt ausführliche Zusammenfassung zu lesen und mich dazu zu äußern.

Darauf soll dir jack-black am besten antworten, denn er hat ja diese Threadregel aufgestellt.

Ich kann verstehen, dass er gerne mit Leuten darüber reden möchte, die das Video auch gesehen haben. Dass er dann nur mit denen reden möchte, entspricht nicht den allgemeinen Gepflogenheiten hier, da hier eigentlich jeder schreiben darf und eventuell auch eine Antwort erwarten darf.

Aber das lässt sich klären. 🙂

stern antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5817

@channuschka  Aber an was ich mich wirklich störe, dass er es zur Vorausetzung gemacht hat, dass ich das Video schauen muss um mit ihm darüber zu reden und es nicht reicht, seine echt ausführliche Zusammenfassung zu lesen und mich dazu zu äußern.

Äußert Euch doch, wie Ihr wollt! Ich habe lediglich im Vorhinein klar machen wollen, dass ich nicht in Diskussionen über das, was ich geschrieben habe in der Zusammenfassung einsteigen möchte. Meine Gründe dafür will ich nicht ausführlich darstellen, sie laufen indes in summa darauf hinaus, dass meiner Erfahrung nach solche Diskussionen nix bringen, weil man nicht weiß, wie der Kenntnisstand des Gegenübers ist.

Aber nur, weil ich auf entsprechende Beiträge nicht eingehen will, können doch andere User darüber soviel diskutieren, wie sie lustig sind!

By the way: Man muss ja nicht das ganze Video anschauen. Man kann auch nach fünf Minuten oder dreissig Sekunden entscheiden: "Ist nix für mich!"

Noch dazu verlinkt er ein englischsprachiges Video (was nicht mein Problem wäre, mir geht es wirklich um die Zeit), was ausdrücklich eigentlich nicht erlaubt ist.

Na, wenn es nicht erlaubt ist, dann lösche von mir aus den ganzen Thread. Ganz im Ernst: Ich dachte, das Video könnte einige hier im Forum, von denen ich auch weiss, dass sie des Englischen gut mächtig sind, interessieren. Als Tip, so, wie man z.B. auch einen Buchtipp gibt. Deswegen habe ich den Thread aufgemacht. Ich habe das Video nicht in der Absicht verlinkt, damit irgendeinen Punkt in irgendeiner (kontroversen) Diskussion zu machen.

Aber okay, wenn es "eigentlich" nicht erlaubt ist, englischsprachige Videos zu verlinken, dann ist es schlicht nicht erlaubt und daher bitte ich jetzt ganz ernstgemeint: Lösche den Thread oder lösche meinen Eingangsbeitrag, denn ich will hier keine "Sonderbehandlung" reklamieren.

jack-black antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5817

@stern Danke! Ich hatte schon gezweifelt, ob man das, was ich meinte, überhaupt richtig verstehen könne.

jack-black antworten


Helmut-WK
Beiträge : 9762

Hier ist es schon Abend, ob ich mir das Video morgen anschauen werde, weiß ich noch nicht.

In der Zusammenfassung kam mir Vieles bekannt vor, außer der Rolle der Frauen habe ich nichts wirklich Neues entdeckt. Aber wie gesagt: Das Video habe ich (noch) nicht gesehen …

hkmwk antworten
Helmut-WK
Beiträge : 9762

Ich habe angefangen, das Video zu hören, und stelle fest, dass es schwierig ist, alle Namen zu erkennen. Ich musste eine Passage (ca. 21:45) zweimal hören, um zu kapieren, dass das, was die Automatik als »nature« transkribiert, der Philosoph Nietzsche ist.😮😂😉

hkmwk antworten
1 Antwort
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5817

@hkmwk zweimal hören, um zu kapieren, was die Automatik als »nature« transkribiert, der Philosoph Nietzsche ist.

 

😀

jack-black antworten


Helmut-WK
Beiträge : 9762

Mädchen die mit Artemis als Bären durch die Natur streifen - interessanter Gedanke. Allerdings wohl auch schon Interpretation von Holland.

Mein Gedanke war: Hat man denen Drogen gegeben, so dass sie die Erfahrung machten, eine Bärin zu sein? Wobei die Erwartung, dass das passieren wird, sicher auch eine Rolle gespielt hat …

Nächste Anmerkung: Holland vermeidet es zu sagen, wie die Europäer dazu kamen, Sklaverei (wieder) als normal anzusehen. Er fokussiert sich darauf, wie Spanier und Engländer dazu kamen, die Sklaverei abzulehnen.

Und ein Detail, das Holland übergeht (nicht weiß?):

Die Conquista Südamerikas hat Vorläufer. Neben der Reconquista (die 1492 abgeschlossen wurde) auch die Eroberung der Kanaren, deren Bewohner von den Spaniern ausgerottet wurden.

Der Hinweis, dass Cromwell (das verbirgt sich im Hinweis auf den Commonwealth, nicht zu verwechseln mit dem späteren Commonwealth im 30. Jh., das was völlig Anderes war), also dass ausgerechnet Oliver Cromwell den Weg zur Abschaffung der Sklaverei öffnete, ist mir neu. Wohl wieder eine langfristige Auswirkung, direkt waren es ja vor allem die Evangelikalen (Methodisten).

hkmwk antworten
5 Antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9762

Jetzt bin ich an der Stelle (nach ca.. einer Stunde), wo er betont, dass unser Verständnis von Religion und säkular einzigartig ist, keine andere Kultur hat das. Wie es dazu kam, fasst er sehr kurz zusammen (übergeht Dinge, die ich für erwähnenswert halte), aber das ist schon OK.

Anders als Holland würde ich es so ausdrücken, dass andere Kulturen kein Konzept des Säkularen haben - “a mad idea” von uns, wie es Holland ausdrückte.

Bei der Beschreibung, wie der Islam auf die Erfahrung der Niederlage gegen das kolonialistische Europa verarbeitete, habe ich den Eindruck, dass sich Holland auf ein Gebiet wagt, das nicht sein Fachgebiet ist.

Die Unterscheidung zwischen dem kleinen Dschihad (gegen die Ungläubigen) und dem großen Dschihad (gegen die Gottesfeinde im eigenen Herzen) gab es schon im Mittelalter - laut Wiki aber v.a. bei Schiiten.

Und gegen Ende kommt er auf die Gefahr zu sprechen, dass reiche Leute es (ohne durch das Christentum gehindert zu werden, weil sie es nicht mehr glauben) für normal halten, ihre Macht rücksichtslos gegen die Schwachen einzusetzen.

Bemerkenswert, wo doch der IS so oft erwähnt wurde, dass das Interview wohl vor der Wiederwahl Trumps stattfand.

Aber auch der christliche Philosoph Francis Schaeffer hat in den 70-er Jahren davor gewarnt, dass der Westen seine Freiheit verlieren kann, wenn er sich weiter von seinen christlichen Wurzeln entfernt.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5817

@hkmwk Nächste Anmerkung: Holland vermeidet es zu sagen, wie die Europäer dazu kamen, Sklaverei (wieder) als normal anzusehen. Er fokussiert sich darauf, wie Spanier und Engländer dazu kamen, die Sklaverei abzulehnen.

Was meinst Du mit "wieder"? War denn das Sklavenwesen jemals in Europa sozusagen abgeschafft worden, und falls ja: wann und von wem? In einer anderen Mittelalter-Vorlesung hatte ich vor Kurzem erfahren, dass das Wort Sklave sich von Slawe ableitet und dass im frühen Mittelalter (~ 7. und 8. Jahrhundert) die Haupthandelsware, mit welcher sich die Westeuropäer (Karolinger) die Ostimporte (Gewürze, Seide usw.) leisten konnten, eben (Kriegs- ? ) Gefangene aus den slawisch sprechenden Ost-Regionen Europas waren, die man in die islamisch-arabischen Gebiete exportierte. Das frühmittelalterliche Europa ploppte ja nicht einfach so in Existenz, sondern stand lange noch in der Tradition Roms (und im Osten - Konstantinopel - noch deutlich länger). Sklavenhaltung war "normal" im römischen Reich, und warum hätte man die nun einfach so abschaffen sollen?

Ich habe allerdings das Interview eh nicht so verstanden, dass hier eine komplette historische Nachzeichnung des Systems der Sklaverei geliefert werden sollte, sondern eher so, dass die Idee eines internationalen, konfessionsübergreifenden Rechts unter anderem darauf zurückzuführen sei, dass ansonsten verfeindete christliche Mächte sich u.a. darin einig werden konnten, dass Sklaverei nicht so das Wahre sei - weil solche Fragen als zur weltlichen Sphäre, d.h. dem Säkularen, gehörig verstanden werden konnten.

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9762

@jack-black 

Irgendwie habe ich im, Hinterkopf, dass ich mal zur Sklaverei was Anderes gelesen habe. Kann aber auch Gedächtnisfehler (unbewusstes Wunschdenken?) sein.

dass die Idee eines internationalen, konfessionsübergreifenden Rechts unter anderem darauf zurückzuführen sei, dass ansonsten verfeindete christliche Mächte sich u.a. darin einig werden konnten, dass Sklaverei nicht so das Wahre sei

Interessanter Gedanke. Mich erinnert das daran, dass ein Schritt in Richtung moderner Wissenschaft war, dass Juden, Christen und Muslime sich im Mittelalter auf die heidnische Antike (z.B. Euklid und Aristoteles) als Diskussionsgrundlage einigen konnten.

Wobei (wenn ich mich nicht irre) sich der Islam später wieder ausgeklinkt hat.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5817

@hkmwk Mädchen die mit Artemis als Bären durch die Natur streifen - interessanter Gedanke. Allerdings wohl auch schon Interpretation von Holland.

Ja, aber an der Stelle ist eigentlich zu erkennen, dass er hier nur eine Phantasievorstellung illustriert, die eine Leerstelle in unserem heutigen Wissen darüber, wie konkret da religiös gelebt wurde, probehalber füllen könnte.

 

Mein Gedanke war: Hat man denen Drogen gegeben, so dass sie die Erfahrung machten, eine Bärin zu sein? Wobei die Erwartung, dass das passieren wird, sicher auch eine Rolle gespielt hat …

Denkbar. Und passend zu dem, was man über gelenkte drogeninduzierte Wahn-Vorstellungen so gehört hat. Ich muss bei solchen Punkten immer an das Orakel von Delphi denken, wo ja wohl auch Frauen eine wesentliche Rolle spielten. Ein Punkt, der mir hier bei Hollands Ausführungen bedenkenswert erschien, ist derjenige, dass damals womöglich die kultischen Funktionen der Frauen als ebenso wichtig für den Staat/die Polis verstanden wurden wie die politisch-kriegerischen Funktionen der Männer. In dieser Richtung werde ich vielleicht nochmal etwas weiter rumrecherchieren: inwieweit die griechische Welt tatsächlich ähnlich patriarchalisch dachte wie später die vom abrahamistischen Monotheismus geprägten Gesellschaften - eine Vorstellung, die ja erstmal auf der Hand zu liegen scheint, wenn man erfährt, dass Frauen bei den Olympischen Spielen nicht mal zuschauen durften...

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9762

@jack-black 

Sport ist aus Übungen zur Kampfbereitschaft entstanden. Das gilt nicht nur für das antike Olympia, sondern auch z.B. für Biathlon und den sog. modernen Fünfkampf.

Die Sportler waren Männer, und sind nackt gegeneinander angetreten. Das war wohl der Hauptgrund, dass Frauen nicht zuschauen durften.

Eine Rollenverteilung, die aus unserer Sicht ungerecht und patriarchalisch erscheint, aber in der Binnensicht eher ausgewogen, gibt es auch im AT. In Spr 31 macht der Mann Politik (sitzt im Tor, V.23), die Frau »führt den Haushalt«, ist also für das Management des Betriebs und die Finanzen zuständig.

hkmwk antworten
Arcangel
Beiträge : 5979

@jack-black 

Du hast also Triggernomity entdeckt. Gut für dich 🙂 Konstantin und Francis sind sicher im rechten Lagern anzusiedeln, und haben eine ähnliche Haltung zum Christentum wie dies wohl Richard Dawkins hat (sie ziehen das Leben in einer vom Christentum geprägten Gesellschaft allen anderen Gesellschaften vor). Beide sind eher konservativ in ihrer Haltung, haben aber keine Berührungsängste und auch immer wieder Diskussionspartner aus dem Linken und feministischen Lager. So haben Sie letztes unter anderen, Cenk Uygur, Bories Johnsen oder Richard Dawkins interviewt. Ihr Interview mit Buck Angel und Blair White haben für mich ein ganz anderes Licht auf die ganze LGBTQ Debatte geworfen (was auch die radikale christliche Position infrage stellt).

Generell liest sich ihre Liste der Interviewpartner wie das Who is Who of Youtube. 

 

Tom Holland ist dann auch nicht das erste Mal auf dem Kanal zu Gast. Das von dir verlinkte Interview habe ich noch nicht gesehen werde, das aber sicher noch nachholen. 

 

arcangel antworten
1 Antwort
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5817

@arcangel sie ziehen das Leben in einer vom Christentum geprägten Gesellschaft allen anderen Gesellschaften vor). Beide sind eher konservativ in ihrer Haltung

So hätte ich sie ihren Fragestellungen gemäß auch ungefähr eingeschätzt. "Eher konservativ" würde ich da sogar noch geschmeichelt finden, zwischendurch kamen ein paar Fragen, die in ihrem Anti-Wokismus schon fast dumm, bzw. begriffsstutzig auf mich wirkten: als hätten sie mit ihren Rückfragen nicht ganz verstanden, was Holland ihnen da eben gerade erläuttert hatte. Ich fand gut, wie Tom Holland da sich nicht hat einwickeln lassen.

haben aber keine Berührungsängste und auch immer wieder Diskussionspartner aus dem Linken und feministischen Lager.

Was ich dann auch wieder gut finde. Ich möchte hier jetzt nicht dieses Fass allzuweit aufmachen, was die unterschiedlichen weltanschaulichen Fraktionen auf Youtube etc. angeht. Das ist eine Diskussion, die zu sehr von dem Inhaltlichen dieses speziellen Interviews wegführt. Ob ich noch viel Anderes auf Triggernometry mir anschauen werde, weiss ich noch nicht - gehe aber eher nicht davon aus. Schon das andere Video von ihnen mit Tom Holland, das verlinkt hast, stößt mich allein vom Titel her ab. Aber mal schaun, vielleicht gebe ich mir das irgendwann doch noch. 🙂

jack-black antworten


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