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Meinungen hinterm Gartenzaun

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Mariposa22
Themenstarter
Beiträge : 1330

Neulich habe ich an einer Gesprächsrunde teilgenommen. Es sollte eigentlich um das Thema Hochsensibilität gehen. Zu Beginn einigten sich die Teilnehmer darauf, dass es um das Thema Grenzen setzen gehen sollte. Auch gut, dachte ich mir, obwohl mir das Thema inzwischen aus den Ohren quillt. Nun stelle ich mir unter Grenzen setzen ganz konkrete Maßnahmen vor, wie man sich selbst schützen kann. Und auch wie man Warnsignale wahrnimmt. Es lief aber dann darauf hinaus, dass es um imaginäre Grenzen ging, und auch nicht um Selbstschutz, sondern darum eigene Meinungen zu behalten. Eine Teilnehmerin erzählte von ihrer Methode, sich vorzustellen, wie sie ihre Meinung hinter einem Gartenzaun bewahrt. Die anderen Teilnehmer fanden das super, ich finde diese Vorstellung aber ziemlich abweisend. 

Ich kann verstehen, dass ein Mensch, der erst mühsam lernen musste, seine eigene Meinung zu entwickeln, Angst hat, viel zu schnell wieder umgestimmt werden. Und vielleicht ist es auch eine Art Selbstschutz, seine Meinung erst einmal beschützen zu wollen. Mich hat aber die ganze Sache zur Überlegung gebracht, ob das momentan ein Problem ist, das sich global durch die ganze Gesellschaft zieht. Mir kommt es so vor, als ob Meinungen und Überzeugungen dafür herhalten müssen, der Person eine Identität zu geben.

Für mich als Christ kommt aber meine Identität ausschließlich von Gott. Sie ist nichts, was ich mir selbst erarbeiten muss. Mein Verhalten und meine Meinungen kann ich mir erarbeiten, aber das was ich mir erabeitet habe, ist für mich nichts Starres, was beschützt werden muss. Natürlich sollte man nicht jede Meinung von anderen Leuten ungeprüft annehmen, aber das heißt doch nicht, dass die eigene Meinung so wertvoll ist, dass man sie hinter Gitter sperren muss. Meinungen sind für mich nicht so viel mehr als Gedanken, die kommen und gehen. Wie ich mich auf verschiedene Situationen hin verhalte, ist für mich etwas, das ständig auf den Prüfstand muss. Das hat aber nichts mit meinem Ich zu tun, mit meiner Identität. Grenzen setze ich, indem ich mir herausnehme, unangenehme Situationen zu verlassen (das habe ich in dem Gesprächkreis dann auch getan) und indem ich Nein sage, zu Sachen, die ich nicht will. Für mich sind Grenzen kein imaginärer Gartenzaun.

Wie seht ihr das? Könnte es sein, dass diese gesellschaftliche Fronten, die überall spürbar sind von massiven Ängsten vor Meinungsverlust herrühren könnten?

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Jack-Black
Beiträge : 6191

Wie seht ihr das? Könnte es sein, dass diese gesellschaftliche Fronten, die überall spürbar sind von massiven Ängsten vor Meinungsverlust herrühren könnten?

Ich verstehe ehrlich gesagt das Problem nicht. Ängste vor Meinungsverlust? Und dann noch gleich massive Ängste? Wie heißt es so schön im Volksmund? Meinungen sind wie Arschlöcher - jeder hat eins.

Dass jemand Angst hat, hinsichtlich seiner Meinungen umgestimmt zu werden, ist in meinen Augen nicht nachvollziehbar, bzw. beruht so eine Angst auf einem Denkfehler. Entweder, meine Meinungen sind gut begründet und richtig - oder sie sind (mangels Informiertheit oder mangels gedanklichen Aufwands im Prozess ihrer Entwicklung) schlecht begründet und also falsch. Und wenn ich eine falsche Meinung hege - dann ist es doch nur in meinem Interesse, wenn andere sie mir mit guten Argumenten ausreden, oder?

Die "gesellschaftlichen Fronten", die Du da ansprichst, rühren meiner Ansicht nach nicht von massiven Ängsten vor Meinungsverlust her. Allein schon deswegen, weil ja niemand, dessen Meinung durch die Meinungsäußerungen anderer ins Wanken gerät, danach dann ohne Meinung da steht (Verlust). Man hat schließlich nach jedem Meinungswechsel für die alte Meinung eine neue Meinung.

Was ich beobachten zu können meine (ich drücke mich nicht ohne Bedacht so vorsichtig aus, weil diese Meinung von mir noch ein bisserl unsicher ist und gegebenenfalls noch einer größeren Menge empirischer Belege bedarf) ist, dass immer weniger Leute ihre Meinungen auch widerspruchsfrei und konsistent zu begründen vermögen - weil sie nicht durch reifliches Durchdenken zu ihnen gelangt sind. Das hat mit der "Volatilität" des gesellschaftlichen Diskurses zu tun. Früher wurde jede Woche eine neue Kuh durch's Dorf getrieben, heute sind es gefühlt drei pro Tag. Will sagen: ständig sind neue Aufregerthemen in den Schlagzeilen, zu denen man sich gefälligst eine Meinung zu bilden hat, um "mitreden" zu können. Und damit sind die Leute überfordert insofern, als sie es für selbstverständlich halten, dass man zu "wichtigen" Themen eine Meinung hat. Sich selbst eingestehen zu können, dass man zu einer Frage überhaupt keine Meinung hat, heißt ja, sich einzugestehen, dass man zu ihr nichts weiß, also über keinerlei Gründe (Informationen) verfügt, sie so oder so zu betrachten. Wenn aber alle anderen über eine Sache reden, entsteht bei einem selbst das Gefühl, man habe sich zu dieser Sache etwas denken. Desinteressiertheit ist gefühlt keine Option hinsichtlich der Aufregerthemen. Und wenn man also sich ständig gezwungen sieht, Meinungen hinsichtlich Themen, über die man nichts weiß, zu entwickeln, dann bildet sich so eine Art schlechtes intellektuelles Gewissen: Wir wissen ja, dass unsere Meinungsäußerungen zu manchen Fragen nichts weiter als heiße Luft sind, dass wir da womöglich Kompetenz vortäuschen, über die wir nicht verfügen.

Immer häufiger machen wir dabei die Erfahrung, dass eine unserer Meinungsäußerungen Bullshit war: jemand kommt mit einem guten Argument, dass die Meinungsposition, die wir eben noch zum Besten gaben, gewissermaßen in der Luft zerreißt: wir stehen als Großmäuler da, die sofort reden und erst später auch nachdenken. Solche Situationen, die selbstverständlich an unserem Ego kratzen, gab es immer schon - aber sie häufen sich. Nicht nur, weil die Schlagzahl, mit welcher wir von "Wichtigkeiten" bombardiert werden, ständig weiter angezogen wird durch die asozialen Plattformen. Nicht nur, weil der gesellschaftliche Diskurs von interessierter Seite (auf Klickzahlen hin optimierte Algorithmen) ständig weiter emotionalisiert wird (und wer sich emotional für oder gegen eine Position engagiert, dem tut es doppelt weh, bzw. fällt es doppelt schwer, anzuerkennen, dass diese Position womöglich falsch war).

Sondern auch, weil vernünftiges Nachdenken, das gründliche Arbeiten an Argumentationeketten und das Bemühen um sprachliche Ordnung immer weiter in's Hintertreffen geraten. Weil: keine Zeit!

Die Leute scheinen heute keine Zeit mehr zu haben, ihre Gedanken zu ordnen und in treffende Formulierungen zu fassen. Das dürfte einerseits wieder daran liegen, dass wir ständig in Sorge sind, zu spät mit unseren Meinungensäußerungen zu kommen, da die Diskussion schon wieder ganz woanders angelangt ist: dass wir also schnellschnell unseren Senf raushauen, damit der überhaupt noch wahrgenommen wird.

Es liegt aber, davon bin ich inzwischen überzeugt, auch daran, dass vernünftiges Argumentieren und treffendes Formulieren immer weniger geübt werden. Warum? Weil die Ergebnisse solcher Übung, solchen Trainings kaum mehr hinreichend gewürdigt werden. Nicht die am besten durchdachte und ausformulierte Meinung wird wahrgenommen, sondern die am lautesten und gern auch am dreistesten formulierte Meinung. Geäußerte Dummheiten (also: falsche Meinungen, unwahre Behauptungen) werden umgekehrt kaum mehr sozial bestraft und die einst übliche soziale Bestrafung, die darin bestand, dass jemand eine dumme Meinung als solche benannte und nachwies - sie ist inzwischen praktisch unwirksam, da es sich - dieser Thread liefert übrigens Belege dafür - eingebürgert hat, Kritik an geäußerten Meinungspositionen entweder als persönlichen und stets auch gleich übergriffigen Angriff wider den Meinungsäußerer zu verstehen, oder aber mit der Plattitüde, dass jeder das Recht auf seine eigene Meinung habe, vom Tisch zu wedeln. Wiewohl ja dieses Recht i.d.R. überhaupt nicht bestritten wird.

Wenn ich heute so in die Medien schaue, bemerke ich, dass inzwischen eine generelle Schamlosigkeit herrscht hinsichtlich des Äußerns dämlicher Meinungen. Gestern zappte ich aus Versehen mal in das Politmagazin (?) "frontal". Einer der Beiträge beschäftigte sich damit, wie Rechsradikale zunehmend das gesellschaftliche Klima bestimmen durch Bedrohung Andersdenkender, gern auch mal per Gewalt oder kriminelle Akte (wie das Stehlen von Regenbogenfahnen etc.). Da gab es Aufnahmen vor Ort von irgendeiner LGBTQ-Aktion, bei der dann die Polizeit zwischen den Fronten von Kundgebung und Gegenkundgebung stand und "das Volk" gaffte. Es wurden zu diesem Anlass irgendwelche Anwohner und/oder Gaffer befragt, was sie denn zu der Angelegenheit dächten. Und einer dieser Gaffer, der, seine Chance auf zehn Sekunden Berühmtheit beim Schopf ergreifend, ziemlich Hirnloses ins Mikrofon redete, beendete, vermutlich schon bemerkt habend, dass sich das Gerede nicht durch sonderlich soliden Gehalt auszeichnete, sein statement mit: "... das is meine Meinung!"

Na klar - wessen Meinung hätte es sonst sein sollen? Aber diese Tatsachenbeschreibung, dass das, was er gerade gesagt hatte, also seine Meinung sei, die wurde da nicht als Null-Information angehängt, sondern als Ausdruck dessen, dass er sich Kritik an seinem Geblubber verbiete. "Dies ist meine Meinung, ich habe das Recht auf diese Meinung und wer mir nun angesichts dieser Meinungsäußerung etwa Nähe zu rechten Positionen/Nazis unterstellen wollte, der wäre ein übergriffiger Schuft und Feind aller freien Meinungsäußerung! Aber noch!!!! Noch darf man hier in Deutschland seine Meinung sagen und also sage ich sie und lasse mir das Maul nicht verbieten!"

So ungefähr meinte dieser mein Mitbürger das.

Und wenn er dann tags darauf mit seinem Statement im TV auftaucht, dieser tapfre Recke für die Freiheit des entschiedenen Wortes, dann braucht er nicht zu befürchten, dass seine Kumpels oder Familienmitglieder ihn damit foppen, was für einen Stuss er da abgesondert habe, oder das gar jemand auf der Straße ihn darauf anspricht, ob er sich denn auch etwas, und falls ja, was dabei gedacht habe. Denn dass zwar jeder seine Meinung haben und auch äußern dürfe, dass aber nur jene Meinungsäußerungen Respekt (und gegebenenfalls halt auch Aufmerksamkeit) verdienten, die auch wohlbegründet und wohlformuliert seien - ist inzwischen kein gesellschaftlicher Konsens mehr.

Diskursmäßig ist es, bildlich gesprochen, inzwischen völlig normal, völlig nackt herumzulaufen -  des Kaisers neue Kleider sind als Massenware etabliert le dernier cri.

Aber wehe, jemand weist auf den blanken Arsch hin, und dass der vielleicht mal etwas sauberer abgewischt werden sollte! Sowas wird dann als Unverschämtheit oder gar Freiheitsverletzung beklagt.

Meine Meinung! 😎 

jack-black antworten
6 Antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1330

@jack-black 

Ich verstehe ehrlich gesagt das Problem nicht. Ängste vor Meinungsverlust? Und dann noch gleich massive Ängste? Wie heißt es so schön im Volksmund? Meinungen sind wie Arschlöcher - jeder hat eins.

Jemand, der sich erst mühsam aneignen musste, sich eine eigene Meinung zu bilden, entwickelt diesbezüglich massive Verlustängste.

mariposa22 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6191

@mariposa22 Jemand, der sich erst mühsam aneignen musste, sich eine eigene Meinung zu bilden, entwickelt diesbezüglich massive Verlustängste.

Ich denke, dass das nicht stimmt, bzw. dass es falsch formuliert ist. Jeder hat stets seine eigenen Meinungen - wessen Meinung soll man denn haben, ausser der eigenen?

Eine Meinung - das ist eine Glaubensposition hinsichtlich irgendeines Sachverhalts. Man kann glauben, dass alle Dunkelhaarigen stets lügen - dann ist das die eigene Meinung. Ob man sich zwecks Bildung dieser Meinung nun die Mühe gemacht hat, tausend Aussagen von Dunkelhaarigen mit tausend Aussagen von Blondschöpfen zu vergleichen und dann auf ein statistisch frappantes Ergebnis traf, dass einen zu der Meinung brachte - oder ob man da blindlings der Aussage Mamas vertraute, die, von dritten dunkelhaarigen Lover in Folge enttäuscht zu dieser Ansicht gelangte - es bleibt sich gleich: Jetzt glaubt man halt, das alle Dunkelhaarigen stets lügen.

Sich eine Meinung anzueignen - das ist eine irreführende, freilich im Alltag allzu übliche Formulierung. Eine Meinung gehört einem jedoch nicht. Man hat sie - solange, bis man sie wieder ablegt, bzw. ändert. Wenn man sagt, man eigne sich eine Meinung an - dann meint man damit ja wohl nicht, dass jemand anderer, dessen Eigen(tum) sie bis dahin war, sie hergegeben habe, oder?

Was Du vermutlich meinst, ist etwas anderes: Das Vertrauen ins eigene Urteil. Wer nicht gelernt hat (und dazu bedarf es allerdings der Übung!), vernünftige und somit gut gegen Kritik zu verteidigende Urteile zu fällen, und statt dessen stets die Urteile anderer nachplapperte - sei es aus Angst, ansonsten von diesen anderen sozial bestraft zu werden, sei es, weil jene anderen Urteile vertraten, die anerkannt waren und man sich also den Denk-Aufwand ersparte, ähnlich valide (wertvolle) Urteile zu fällen, sei es aus der Unfähigkeit, vernünftig zu urteilen (intellektuelle Schwäche, bzw. mangelnde Übung im vernünftigen Denken) - für den ist es anstrengend, irgendwann mal selbst zu urteilen. Und wenn so jemand dann doch mal es geschafft hat, zu einem "eigenen" Urteil zu gelangen, dann erscheint ihm dieses Urteil als so wertvoll, dass er's womöglich zu schützen versucht, bzw. Angst darum hat, sobald Kritik dran laut wird: Kritik am Urteil wird als Angriff auf die eigene Person empfunden.

Aber sorry: wenn diskursive Mimosenhaftigkeit, d.h. die Hochempfindlichkeit gegenüber Kritik zum Standard wird, dann haben wir ein echtes gesellschaftliches Problem: das der Wahrheitsgehalt von Meinungen nicht mehr kritisiert werden darf aus Schonungsgründen hinsichtlich allzu verletzlicher Egos.

Rücksichtnahme sollte ihrerseits Grenzen haben, ein Vierteljahrtausend nach der Aufklärung, dem Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant). 

jack-black antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1330

@jack-black

Sich eine Meinung anzueignen - das ist eine irreführende, freilich im Alltag allzu übliche Formulierung

Ich habe ja auch geschrieben, dass es sich manche Menschen erst aneignen müssen, sich eine Meinung zu bilden und nicht, dass man sich eine Meinung aneignen muss. Anders ausgedrückt: manche Menschen müssen erst lernen, sich ihre Meinung zu bilden.

Und wenn so jemand dann doch mal es geschafft hat, zu einem "eigenen" Urteil zu gelangen, dann erscheint ihm dieses Urteil als so wertvoll, dass er's womöglich zu schützen versucht, bzw. Angst darum hat, sobald Kritik dran laut wird: Kritik am Urteil wird als Angriff auf die eigene Person empfunden.

Eben - weil die eigene Meinung mit der eigenen Identität gleichgesetzt wird, was meiner bescheidenen Meinung nach, ein Trugschluss ist. Dann wird eine Meinung zum Dogma, weil die Angst sie loszulassen zu müssen, zu groß ist.

das der Wahrheitsgehalt von Meinungen nicht mehr kritisiert werden darf aus Schonungsgründen hinsichtlic allzu verletzlicher Egos.

Eine Meinung muss nicht wahr sein. Jeder hat das Recht auf die irrsinnigsten Ansichten. Ich finde es nur traurig, dass vielen Menschen ihre Ansichten und Werte wichtiger ist als die Mitmenschlichkeit. Der Austausch von Meinungen wird dann zum Machtkampf. Meine Großmutter hatte z.B. behauptet, sie wäre von Außerirdischen entführt worden, und die Familie hat sich nicht weiter darüber aufgeregt. Es gab keine Belehrungen und keine Besserwisserei. 

mariposa22 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6191

@mariposa22 Eben - weil die eigene Meinung mit der eigenen Identität gleichgesetzt wird, was meiner bescheidenen Meinung nach, ein Trugschluss ist. Dann wird eine Meinung zum Dogma, weil die Angst sie loszulassen zu müssen, zu groß ist.

(Fettungen von mir)

Ich würde es zwar so nicht formulieren, aber Du hast da einen Gedanken skizziert, der womöglich die Mechanik von Ideologien mit verständlich machen könnte. Ein Dogma ist ja ursprünglich nicht ein Satz (eine bestimmte Meinungsäußerung), von dem jemand so ganz persönlich/individuell nicht abweichen mag, sondern ein zu glaubender Satz, von dem im Rahmen einer Ideologie nicht abgewichen werden darf.

Dogmen sind also dem Menschen von anderen vorgegebene Meinungen. Wer sich mit solchen identifiziert - wie es gerade bei religiösen, aber auch bei bestimmten politischen Ideologien der Fall ist - der hat bei Kritik dann eben zwei Möglichkeiten: entweder macht man sich die Mühe, solche Dogmen für sich (und dann, im nächsten Schritt, für andere) als begründet zu verstehen. Das taten und tun beispielsweise religiöse Apologeten. Um mal ein christliches Beispiel zu geben: sie versuchen, vernünftige Begründungen für die Behauptung, Jesus sei von einer Jungfrau geboren worden, zu finden. Die Dogmatik kann da einen großen Teil eines Theologiestudiums ausmachen, was schon ein Hinweis darauf sein dürfte, dass es nicht so einfach ist, Dogmen mal eben so nebenbei zu begründen, bzw. ihre Richtigkeit zu belegen.

Du meinst es hier vermutlich andersrum: Dass jemand, der mal zu einer bestimmten Ansicht (Meinung) gekommen ist, fürderhin keinerlei Kritik an ihr mehr zuläßt, sich für Gegenargumente also taub und blind stellt. Damit verhält sich so jemand allerdings eher ignorant als dogmatisch.

Für mich stellt sich die Frage, inwieweit das was mit Hochsensibilität zu tun haben soll. Falls sich immer mehr Leute ignorant hinsichtlich Kritik an ihren Meinungen verhalten sollten (und dafür gibt's durchaus Anzeichen, da stimme ich Dir zu) - dann wäre ja kaum anzunehmen, dass also der Anteil der Hochsensiblen an der Gesamtgesellschaft ständig zunimmt.

Daher meine ich, dass die Gartenzäune, wie Du die Abschirmung des eigenen Denkens von Kritik verbildlichst, nicht wirklich was mit Angst zu tun haben - sondern mit Unlust. Die Leute haben keinen Bock, sich mit Kritik auseinander zu setzen. Aber hey - sich zu einer Art Opfer zu stilisieren, wie es ja geschieht, wenn von Angst geredet wird, ist freilich leichter und hilft der Ignoranz, da dann inhaltliche Kritik immer gleich als Angriff, Übergriffigkeit und böswillige Bereitschaft zu verletzen, hingestellt werden kann.

jack-black antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1330

@jack-black 

Ein Dogma ist ja ursprünglich nicht ein Satz (eine bestimmte Meinungsäußerung), von dem jemand so ganz persönlich/individuell nicht abweichen mag, sondern ein zu glaubender Satz, von dem im Rahmen einer Ideologie nicht abgewichen werden darf.

Ich weiß nicht - ich denke, ein Dogma kann sich auch auf einzelne Meinungen beziehen, wenn sie rechthaberisch vorgebracht und als unantastbar verteidigt werden. Ich habe mal ein Seminar gemacht, in dem es um selbstbewusste Meinungsäußerung vs. dogmatische Meinungsäußerung ging.

Du meinst es hier vermutlich andersrum: Dass jemand, der mal zu einer bestimmten Ansicht (Meinung) gekommen ist, fürderhin keinerlei Kritik an ihr mehr zulässt, sich für Gegenargumente also taub und blind stellt. Damit verhält sich so jemand allerdings eher ignorant als dogmatisch.

Ignorant ist für mich jemand, der aus Bequemlichkeit sich nicht in andere einfühlen will (z.B. ich sage weiterhin Zigeunerschnitzel 🤣, ich kann doch nicht auf jeden Rücksicht nehmen).

Für mich stellt sich die Frage, inwieweit das was mit Hochsensibilität zu tun haben soll. 

Gar nix. Ich denke, die Leute bezeichnen ihre Kritik-Empfindlichkeit als Hochsensibilität. So kann man es natürlich auch sehen ...

Daher meine ich, dass die Gartenzäune, wie Du die Abschirmung des eigenen Denkens von Kritik verbildlichst, nicht wirklich was mit Angst zu tun haben - sondern mit Unlust. 

Ignoranz wäre Unlust, hier geht es aber ganz klar um Angst davor, gesichts- bzw. identitätslos zu sein. Das das unbegründet ist, hast du ja schön dargestellt. Aber wie bringt bringt man den Gedanken, dass Meinungen durchaus nicht in Stein gemeißelt werden müssen, am Gartenzaun vorbei in den Garten, wenn da ein Zaun ist?

Das Bild kam übrigens nicht von mir, sondern von einer Teilnehmerin.

 

mariposa22 antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 4814

@mariposa22 Vielleicht will eine Person sich auch ihre - mühsam erarbeitete - Meinung nicht zer-reden lassen? 
Nicht alle sind so diskussionsfreudig wie einige von uns und möglicherweise behält so jemand dann seine Meinung lieber bei sich hinterm Gartenzaun, bevor sie dann Wort für Wort zerpflückt wird.

chai antworten


Samira-Jessica
Beiträge : 854

Mein Gedanke dazu ist, dass man (sich selbst und) seine Meinung eher davor schützen sollte, zu sehr von anderen ... "überrannt", übermannt zu werden.

 

(Aber vielleicht ist das, was schon Mariposa im Eingangspost schon geschrieben hat, nur in anderen Worten? Bin mir gerade unsicher.)

samira-jessica antworten
Lucan-7
Beiträge : 29398

@mariposa22 

Eine Teilnehmerin erzählte von ihrer Methode, sich vorzustellen, wie sie ihre Meinung hinter einem Gartenzaun bewahrt. Die anderen Teilnehmer fanden das super, ich finde diese Vorstellung aber ziemlich abweisend.

Mir scheint, hier wird "Meinung" mit "Identität" verwechselt. Und das halte ich für absolut kontraproduktiv, in vielerlei Hinsicht.

Denn man sollte ja zumindest zwischen "identitätsstifenden" Meinungen und "allgemeinen Meinungen" unterscheiden.

"Identitätsstiftend" sind Werte, etwa für eine Beziehung. "Allgemein" sind Ansichten, die sich auch ändern können, wenn man neue Informationen erhält... das kann eine politische Überzeugung sein, aber möglicherweise auch ein Glaube... das werde viele auch zur "Identität" zählen, ich sehe das aber grundsätzlich flexibel.

 

Mir kommt es so vor, als ob Meinungen und Überzeugungen dafür herhalten müssen, der Person eine Identität zu geben.

Genau das. Ich finde es ja beispielsweise völlig absurd, dass die Ansicht zum Klimawandel darüber entscheiden soll, ob jemand konservativ oder eher linksliberal ist... als ob das Klima irgendeine Rücksicht auf politische Einstellungen nehmen würde!

Genau so das Thema Transidentität oder Homosexualität... was hat denn die Identität einer Person damit zu tun, ob man sich politisch eher rechts oder eher links verortet...? Das ist doch ein völlig anderes Thema!

Da begrenzen Menschen sich selbst auf eine ziemlich ungesunde Art und Weise...

 

 

lucan-7 antworten


Kappa
 Kappa
Beiträge : 1626

@mariposa22 

Ich empfinde es so, das in Deutschland sehr schnell Polarisierung stattfindet. 

Zum Beispiel das Thema Aufrüstung; Entweder man ist für den "totalen Krieg" (geplant ist ca die Hälfte aller Steuermittel dafür aufzuwenden) oder man ist sofort ein Putin-Freund 

Mich ärgert das und ich glaube das wird von den entsprechenden Etagen der Politik ausgenutzt - damit ist es einfacher seine Politik durchzusetzen.

Das es auch ein dazwischen in vielen Abstufungen gibt, Fehlanzeige. Keine Reflexion, die meisten wissen auch nicht wirklich was das bedeutet. Die Medien könnten auch mal aufhören von 5 Procent BIP reden, sondern vom halben Haushalt. Das hört sich schon anders an. 

Ich trau dem ganzen nicht mehr so Recht, das ist keine gesunde und offene Debatte mehr. 

 

kappa antworten
2 Antworten
Kappa
 Kappa
(@kappa)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1626

Tatsächlich wären es im Extremsten Beispiel, dem zweiten Weltkrieg ca.60 bis 70 Prozent des Haushalts. Das ist mehr, aber nicht soviel mehr.

In den 80er Jahren im Kalten Krieg der Machtblöcke (nicht Russland allein) waren es in West -D ca.3 Prozent-BIP was man benötigte um im Rüstungswettlauf den Gegner a) Abzuschrecken und B) ihn wirtschaftlich kaputt gehen zu lassen.

Soviel zu diesem Fallbeispiel das zeigen soll des sehr wohl eine vernünftige Diskussionsgrundlage geben müsste nicht der Politik von Rutte zu folgen ohne sich willfährig Russland hinzugeben.

Die gibt es aber Augenscheinlich nicht.

kappa antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1330

@kappa 

Das es auch ein dazwischen in vielen Abstufungen gibt, Fehlanzeige. Keine Reflexion, die meisten wissen auch nicht wirklich was das bedeutet. Die Medien könnten auch mal aufhören von 5 Procent BIP reden, sondern vom halben Haushalt. Das hört sich schon anders an. 

Ich finde, es geht nicht nur um Abstufungen, sondern auch darum, sich in die Sichtweise des Gegenübers hineindenken zu können. Mir geht es z.B. beim Thema Abtreibung so, dass ich durchaus die Verzweiflung der ungewollt Schwangeren mitfühlen kann, und ich kann fühlen, dass es schlimm sein muss, ein Kind auszutragen, wenn man absolut nicht bereit dazu ist. Das hat wirklich was von körperlichem Übergriff. Ich kann mich aber auch reinfühlen, dass ein Leben getötet wird. Dass womöglich der Respekt vor dem Leben noch mehr abhanden kommt in der Gesellschaft, wenn man Schwangerschaftsabbrüche völlig frei gibt. So wie wir es in Deutschland haben mit dem Paragraph 218 finde ich es schon sehr gut.

mariposa22 antworten
Murphyline
Beiträge : 1894
Veröffentlicht von: @mariposa22

Wie seht ihr das? Könnte es sein, dass diese gesellschaftliche Fronten, die überall spürbar sind von massiven Ängsten vor Meinungsverlust herrühren könnten?

Muss man zu allem immer eine Meinung haben?

Vor Internet und Social-Media konnte der gewöhnliche Mensch seine Meinung bestenfalls am Stammtisch, bei der Arbeit oder in einem Freundeskreis/der Familie kundtun. Oder einen Leserbrief an die Zeitung schreiben. Dann war noch die Frage, ob die Meinung überhaupt jemanden interessierte. Es war normal, zu vielen Themen gar keine Meinung zu haben. Es gab ein paar grundsätzliche Überzeugungen- Christ, Kommunist, Links, Konservativ oder liberal, aber niemand erwartete, dass man zu aktuelllen Tagesereignissen immer gleich eine Meinung parat hatte. (außer zum letzten Garand Prix oder Bundesligaspiel 😉 )

Erst seit 20 Jahren, wo jeder seine "Meinung" per Internet in die Welt hinauspupen kann, ist es notwendig geworden, sich zu jedem Tagesereignis eine Meinung zu bilden und sie in der dazugehörigen Bubble zu teilen.

Diese "Schnellmeinungen" stehen dann argumentativ auf sehr wackeligen Füßen, da ja kaum Zeit ist, ein für und wider abzuwägen. Also wird jeder, der bessere Argumente hat, zur Bedrohung der eigenen "Meinung".

Es entstehen Fronten durch die Anzahl der "Likes" und "Dislikes", nicht durch handfeste Argumente und Diskussion.

Daher möchte ich dir Mut machen, auch mal gar keine Meinung zu haben oder auch die Meinung zu wechseln, wenn dich Argumente überzeugen. Ganz entgegen dem Zeitgeist.

murphyline antworten
2 Antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1330

@murphyline 

Muss man zu allem immer eine Meinung haben?

Nein, wir kennen die Hintergründe oft gar nicht, um uns eine faire Meinung zu bilden.

mariposa22 antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 4814

@mariposa22 Und dann lernt man halt auch, dass man nicht jede Meinung überall äußern sollte. 
Auch ein 'Zaun'.

chai antworten


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