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Paradigmenwechsel in Wirtschaft und Politik: das Ende der Globalisirung ?

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BePe0905
Themenstarter
Beiträge : 389

Über Jahrzehnte hinweg wurde in den Lehrbüchern der Unis, FHs und Berufsschulen das Thema "Globalisierung" als "weltweites wirtschaftspolitisches Muss" behandelt. Teilweise wurden dabei die Chancen für Entwicklungs- und Schwellenländer betont, aber auch Ausbeutung von Menschen (z.B. Textilindustrie in Bangladesch) beschrieben und das Ganze oft als "Gewinnmaximierung der Konzerne" in den wohlhabenden Ländern der Nordhalbkugel gesehen. Und einen besonders wichtigen Rang nahmen dabei stets die "Lieferketten" ein, so dass hierzu sogar extra Gesetze erlassen wurden. 

Und jetzt hat Herr Trump mit seine Zollambitionen und der Devise "MAGA" scheinbar neue Maßstäbe gesetzt geschaffen und in einigen Wirtschaftszweigen möglicherweise das Ende der Globalisierung eingeläutet: weltweit etablierte Handelsverbindungen werden reduziert, internationale Verträge werden zu Makulatur, Jahrzehnte alte Geschäftsverbindungen schlafen ein (oder werden bis zur nächsten Präsidentenwahl "auf Eis gelegt"). 

Entscheidend für die Wirtschaftslenker scheint nicht mehr zu sein, wo und mit wem man am günstigsten produzieren kann, sondern wie sich hohe Zölle und Importrestriktionen umgehen lassen. Und es scheint, dass sich ein weltwirtschaftlicher Egoismus durchsetzt, wie er z.B. in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg herrschte, als sich Unternehmen extrem stark mit ihren Heimatländern identifizierten und es somit zu einem Wettbewerb der Staaten kam anstatt zum Wettbewerb der Wirtschaftsteilnehmer.

Die Folgen sind spürbar: in vielen Branchen stagniert der internationale Handel (oder ist sogar rückläufig), 
Werke werden geschlossen - aber nicht wg. mangelnder Rentabilität, sondern weil der Standort nicht mehr zu den politischen Gegebenheiten passt, 
Unternehmen prüfen, wieweit sich die Produktion aus dem eigentlichen Herkunftsland in starke Kunden-Länder verlagern lässt u.v.a.m....  

Zugegeben, das alles ist nicht ganz neu. Aber momentan scheint hier eine neue Weltwirtschaftsordnung mit aller Macht über die Beteiligten herein zu brechen, was den meisten "normalen Bürgern" scheinbar noch gar nicht bewusst ist. Meine Frage an euch alle wäre nun 
- ob Ihr in eurem Umfeld diese Veränderungen auch schon spürt,
- ob Ihr Befürchtungen hinsichtlich eures Arbeitsplatzes habt (bzw. zur wirtschaftlichen Sicherheit eurer Familie und Freunde), 
- wie Ihr negative Auswirkungen auf weltweite gemeinsame Interessen und Solidarität mit Schwächeren fürchtet, 
- ob eurer Meinung nach dies alles zu noch mehr Egoismus und Macht der ohnehin Stärkeren führen wird, 
- ob sich Staaten bzw. Völker künftig noch mehr aus internationalen Gremien zurückziehen werden, 
- oder ob ihr dies alles für eine nur vorübergehende Situation haltet, die sich nach Auswechslung einiger Staatenlenker wieder "normalisiert"?

nachdenklich fragende Grüße
Dschordsch

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60 Antworten
Jack-Black
Beiträge : 5648

Meine Frage an euch alle wäre nun
- ob Ihr in eurem Umfeld diese Veränderungen auch schon spürt,

Persönlich spüre ich das noch nicht, höchstens vielleicht im Zusammenhang mit der Inflation, die ja gerade im Bereich der Nahrungsmittel besonders stark ist/war. Da ich in dem Bereich anteilig mehr ausgebe als in anderen Konsumbereichen, spüre ich die steigenden Preise da vielleicht etwas mehr. Aber ganz ehrlich: es macht mich noch längst nicht arm, ich muss nicht hungern. Und falls die Preise hier immer weiter steigen, und nicht mehr Schweine in Polen oder Dänemark mit ostasiatischem Sojamehl gefüttert und billig in die Kühltheken unserer Supermärkte gepresst werden können, begrüße ich so eine Entwicklung aus ökologischen Gründen sogar: dann wird Fleischfressen halt so teuer, dass immer weniger Leute regelmäßig viel Fleisch fressen. Gut so!

- ob Ihr Befürchtungen hinsichtlich eures Arbeitsplatzes habt (bzw. zur wirtschaftlichen Sicherheit eurer Familie und Freunde),

Nein. Ich habe persönlich keine Industriearbeiter in meinem Bekanntenkreis, deren Jobs durch die Zollgeschichten gefährdet wären. Die Jobs meiner Bekannten, die demnächst auf der Kippe stehen (oder, wie in meinem eigenen Fall - freiberuflicher Illustrator - schon verschwunden sind), werden durch die KI bedroht. 

- wie Ihr negative Auswirkungen auf weltweite gemeinsame Interessen und Solidarität mit Schwächeren fürchtet,

Welche Solidarität mit den Schwächeren? Wer sind die Schwächeren, die Du meinst?

Die weltweiten gemeinsamen Interessen, die ich erkennen kann sind genau zwei: einmal der Erhalt ökologischer Bedingungen, die der Mehrheit der Menschen das Überleben erlauben. Zum zweiten eine weltweite Koordination hinsichtlich der Gefahren non-alignter KI. Falls der von Trump-Amerika in Gang gesetzte Zoll-Krieg dafür sorgen sollte, dass im Zusammenhang mit einer daraus sich ergebenden globalen Rezession sich das Wirtschaftswachstum weltweit verlangsamt oder sogar die globale Wirtschaft schrumpft, und falls dies wiederum mit sinkendem Verbrauch natürlicher Ressourcen (Öl, Gas, Kohle...) einher geht - dann wäre das hinsichtlich des ersten Problems sogar ein Pluspunkt. Klar: die Menschen würden weltweit ärmer. Aber genau deswegen würden sie eben auch weniger konsumieren. Ökologisch gesehen war meines Wissens die Corona-Epidemie gut: es wurde weniger konsumiert, die absurd hohen Mobilitätsraten sanken, damit die CO2-Emissionen... Wenn die De-Globalisierungstendenzen, die Du ansprichst, ähnliche Folgen haben sollten, so wäre dies vielleicht gut für den Planeten. Inwieweit die De-Globalisierung sich auch auf das Themenfeld KI auswirken könnte, darüber vermag ich nicht begründet zu spekulieren. Da aber in den vergangenen zehn Jahren wenig davon zu spüren war, dass sich die Menschheit mal trans-national zu bestimmten Regulierungen hätte durchringen können, sehe ich nicht, wie die De-Globalisierung dieses Problem großartig verschlimmern könnte. Falls ich richtig liege, wird uns die KI in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren alle auslöschen. <-- dies nur angefügt, um zu erläutern, warum ich die Gefahren, die Du hier im Thread zum Thema machst, gar nicht sooooo sehr fürchte.

- ob eurer Meinung nach dies alles zu noch mehr Egoismus und Macht der ohnehin Stärkeren führen wird,

Nein. Im Rahmen der Globalisierung ging die Schere zwischen Arm und Reich ständig weiter auf. Die einst vielbeschworene internationale Solidarität der (arbeitenden) Massen hatte kaum einmal Erfolg, vielmehr wurde der "globale Wettbewerb" stets als Argument herangezogen, warum lokale Arbeiterbewegungen/Gewerkschaften gefälligst sich zurückhalten sollten bei Lohnforderungen: dass die Produktion ansonsten ausgelagert würde, war das Damoklesschwert, mit dem die Kapitalisten gewohnheitsmäßig herumfuchtelten. Dass z.B. tatsächlich der weltweite Hunger in den vergangenen Jahrzehnten immer kleinere Anteile der Menschheit betraf, hatte nicht damit zu tun, dass "die Stärkeren" an Macht verloren, sondern dass die globalisierte kapitalistische Wirtschaft unbezweifelbar zu einer rasanten Arbeitsproduktivitätssteigerung führte (in dieser Hinsicht hatten die neoliberalen Freihandelsbefürworter recht): Aber Arbeiter, die hungern lassen sich im Kaptialismus nicht ausbeuten, es stand also stets im Interesse der Kapitalisten, dass ihre Arbeiter genug zu essen haben.

- ob sich Staaten bzw. Völker künftig noch mehr aus internationalen Gremien zurückziehen werden,

Ja. Und das ist allerdings eine Katastrophe mit Ansage. Aber hey - wer wären wir als Deutsche, uns darüber zu beschweren, die wir unserem Kanzler es kopfnickend zugestehen, die Verletzung des Völkerrechts (Angriffskrieg von Israel und USA auf den Iran) mit einem euphemistischen "die machen die Drecksarbeit für uns!" zu exkulpieren? 

- oder ob ihr dies alles für eine nur vorübergehende Situation haltet, die sich nach Auswechslung einiger Staatenlenker wieder "normalisiert"?

Welche Staatenlenker meinst Du? Falls Du hier insbesondere auf Trump zielst: Nein. Trump ist nicht Ursache, sondern Symptom. J.D.Vance , der womöglich dereinst den Thron von Trump übernehmen könnte (ich denke, dass die USA schon keine Demokratie mehr sind), - ich empfehle in diesem Zusammenhang den 6. Teil (Antichrist) der überhaupt sehr hörenswerten "Peter Thiel Story" vom Deutschlandfunk - würde den Weg, den die USA eingeschlagen haben, meiner Vermutung nach nur noch rücksichtsloser und unbeirrbarer weiter gehen; im festen Vertrauen darauf, von Gott auf diese Mission geschickt worden zu sein. Wie das Zollabkommen von vorgestern gezeigt hat, steht die EU nicht als Gegenlenkerin zur Verfügung: der kollektive Westen verneigt sich vor dem US-Imperium. Das chinesische Imperium freilich wird sich nicht verneigen - daher kommt es über Kurz oder Lang zum Clash im Pazifikraum. Und darauf zu hoffen, das Xi "abgelöst" würde, bevor es knallt, halte ich für naiv. Warum sollte ein eventueller Nachfolger in China eine andere Linie verfolgen?

jack-black antworten
32 Antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black (zum Beitrag)

ich empfehle in diesem Zusammenhang den 6. Teil (Antichrist) der überhaupt sehr hörenswerten "Peter Thiel Story"

Ich habe mir jetzt diese Story komplett reingezogen.

An einem Punkt möchte ich dem widersprechen:

Ich denke nicht, dass Thiel 2016 schon der Visionär war, der den Sieg von Trump vorausahnte. Vielmehr passt es zu Thiel, dass er Trump unterstützte, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, und erst später merkte, dass der Typ tatsächlich gewinnen kann.

Interessant ist auch der Gedanken im letzten Teil, dass Thiel 2024 nicht an einen Sieg von Trump glaubte …

Aber zum Thema Antichrist bzw. der verlinkten letzten Folge: Die Gedanken von Thiel sind ziemlich wierd.

In der Bibel bezeichnet Antichrist nicht das, was heute meist damit gemeint ist, sondern das Tier in Of 13. Das steht für einen Staat, der die Welt beherrscht (soweit sieht Thiel das richtig), aber eben auch für den Herrscher (mit dem Namen mit Zahlenwert 666), der unbegrenzte Macht hat. Das klingt gerade nicht nach liberalem Wohlfahrtsstaat oder Bürokratiemonster (EU!), sondern eher so wie das, was Thiel anstrebt!

Noch deutlicher wird das in Of 17, wo das Tier wieder auftaucht, als Reittier der Hure Babylon. Das ist ein Bild mit Wurzeln aus den AT: So wie eine Frau zur Hure wird, wenn sie wahllos andere Männer als ihren Ehemann in sich hineinlässt, so wird Jerusalem zur Hure, wenn es andere Götter als JHWH in sich hineinlässt. Die Hure Babylon ist das Gegenbild zur Braut Christi, dem himmlischen Jerusalem.

Das Reich des Tieres wird also ein explizit christliches Reich sein, »geritten« von einer Kirche, die sich von Christus losgesagt hat (nicht offen, aber de facto).

Und wie werden die mächtigen Leute dieses Reichs bzw. dieser Kirche beschrieben? »Die großen Kaufleute auf Erden«. Ich wüsste nicht, wie man die Tech-Milliardäre von heute besser in der Sprache von vor 2000 Jahren beschreiben kann!

Was die Artikelserie beschreibt, ist also die Etablierung des Reich des Tieres in der Offenbarung - außer es gibt noch ein »kat'echon«, das diese Entwicklung aufhält. Thiel ist jedenfalls kein kat'echon, eher schon Teil des zweiten Tiers in Of 13, dem falschen Prophet.

hkmwk antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

Ah, habe mich verformuliert, gemeint war:

In der Bibel ist Antichrist nicht das, was heute meist mit dem Begriff bezeichnet wird, sondern man denkt heute an das (erste) Tier in Of 13.

hkmwk antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

Und noch ne Korrektur: in katechon gehört kein Apostroph.

Sorry.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Thiel ist jedenfalls kein kat'echon, eher schon Teil des zweiten Tiers in Of 13, dem falschen Prophet.

Vielleicht solltest Du seine fehlerhafte Bibelexegese mal gründlich mit ihm diskutieren, er scheint (oder schien) auf derartige Diskussionen ja Bock gehabt zu haben. 🙂

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Der will mit einem No-Name-Loser und Rentner diskutieren?

Ich weiß über Carl Schmitt so gut wie nix, kann über das katechon nichts Vernünftiges sagen…

Aber ich kenne meine Bibel.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Der will mit einem No-Name-Loser und Rentner diskutieren?

Kannst ja behaupten, Du seiest Aktien-Rentier. Und Du müsstest Dich natürlich als Katholik und Ex-Stanford-Absolvent (laaange vor seiner Zeit, damals, als dort noch ernsthaft studiert und nicht nur ans Saufen und Kiffen gedacht wurde) tarnen. Und ihn dann mit Deinen unorthodoxen Ansichten zum katechon frappieren. Er fragt doch die Leute gern nach einer ihrer Überzeugungen, die sie von allen anderen um sie herum unterscheidet. 😉

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Ich Lüge nicht.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Nicht mal zu Übungszwecken?

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Willst du wissen, ob ich schon mal schwach werde und doch nicht die volle Wahrheit sage? Ja, ich bin nicht perfekt.

Aber grundsätzlich bleibe ich bei der Wahrheit. Wozu was Anderes üben?

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Willst du wissen, ob ich schon mal schwach werde und doch nicht die volle Wahrheit sage?

Nö, will ich nicht. Dass es sich so verhält, weiß ich schon. 🙂

Wozu was Anderes üben?

Da bezog ich mich auf ein Bonmot, welches ich, von einer Frau vorgebracht, in dieser Form kennenlernte: "Wir Frauen lügen immer, allein schon, um in Übung zu bleiben."

Das spielte, mit ironischem Augenzwinkern vorgebracht, noch mit dem Klischee, dass die Lüge zu den Waffen der Frau zähle.

Es lässt sich freilich auch - inklusive des ironischen Augenzwinkerns - auf jede andere Gruppe anwenden, die man als irgendwie im Zusammenhang des ewigen Macht-Spiels zwischen den Menschen als in der schwächeren Position befindlich ansieht.

Das Gebot: "Du sollst nicht lügen!", würde es von allen beherzigt, wird stets den Mächtigen zum Vorteil gereichen, denn die Lüge ist selbstverständlich auch (!) ein Machtmittel im Zusammenhang von Interessenskonflikten. Auf das diejenigen leichter verzichten können, denen andere Machtmittel zur Lösung solcher Konflikte zur Verfügung stehen. Am offensichtlichsten dürfte diese Zusammenhang beispielsweise zwischen Herr und Sklave werden, also da, wo praktisch unumschränkter Macht vollständige Ohnmacht gegenübersteht. Dass der Sklave seinen Herrn belügt, daraus ist ihm wohl kaum ein moralischer Vorwurf zu machen. Nur derjenige Sklave indes, der schlau - d.h. also "handwerklich gut" - lügt, wird das unbeschadet überleben und gegebenenfalls sein jeweils in Rede stehendes Interesse gegen seinen Herrn durchsetzen.

Abgesehen von ihrer Funktion als Machtmittel spielt die Lüge aber auch in konfliktärmeren Zusammenhängen eine Rolle, das Bonmot ist dafür schon in sich ein Beispiel. Der Intellekt (nicht: die Intelligenz), früher sagte man auch: das Räsonnieren ist das, was uns Menschen von den Tieren unterscheidet. Einsichten über Sachverhalte finden, indem man die abstrahierende Vernunft systematisch anwendet, also Sätze über die Welt systematisch daraufhin überprüft, inwieweit sie wahr, im Sinne von: zutreffend, sein könnten. Dazu ist es unverzichtbar, sich vorstellen zu können, dass sie nicht wahr seien, also die Vorstellung einer alternativen Welt vor dem inneren Auge zu bilden.

Jedes Mal, wenn wir einer anderen Person irgendetwas "berichten", sie also informieren, sorgt das von uns Gesagte dafür, dass sich im Kopf, d.h. der Vorstellung jener Person eine bestimmte Welt bildet. Ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Information falsch sein könne, wäre die Person nicht nur wehrloses Opfer jeder vorsätzlichen und in betrügerischer Absicht geäußerten Lüge - sie wäre auch das Opfer sämtlicher irrtümlich geäußerten Unwahrheiten.

Zu überprüfen, welche der uns von anderen Menschen vorgebrachten Informationen nun valide und welche invalide seien - dazu bedarf es der Fähigkeit, diese Informationen per Vernunft zu überprüfen.

Und diese Fähigkeit kann (und muss, falls man sich auf sie verlassen möchte...) trainiert werden. Insbesondere eben dadurch, dass man selbst lügt, d.h. selbst Vorstellungen (Modelle) der Welt, wie sie nicht ist, konstruiert, und dann schaut, wie belastbar diese Vorstellungen z.B. gegenüber kritischen Einwänden seien.

Sich Lügen, ja ganze Lügengespinste, auszudenken bereitet geradezu intellektuelle Lust, die Lügengespinste anderer nachzuvollziehen erheitert uns (solange wir nicht ihre Betrugsopfer wurden) häufig in hohem Maße, man denke nur an die Geschichten des Barons Münchhausen.

Jede fiktionale Geschichte besteht aus einer Aneinanderreihung von Lügen, und intellektuell kann es sich so sehr dialektisch verfeinern, bis man bei Romanen wie "Jakob der Lügner" von Jurek Becker angekommen ist.

In anderen Diskussionszusammenhängen hier im Forum hatte ich ja schon öfter mal die (von irgendeinem Evolutionsbiologen übernommene) These vertreten, dass die insbesondere soziale Intelligenz der Menschen das Resultat einer Art intellektuellen Hochrüstung zwischen den Antagonisten Mann und Frau sein dürfte, deren jeweilige Fortpflanzungsinteressen einander diametral entgegenstehen, wiewohl sie ja gleichzeitig aufeinander angewiesen sind: Der Mann hätte den höchsten Reproduktionserfolg, wenn er möglichst viele Frauen schwängern und dann die Aufzuchtsarbeit seiner Sprößlinge allein diesen Frauen überlassen würde. Die Frau hätte dann den höchsten Reproduktionserfolg, wenn sie sich nur von dem genetisch am besten ausgestatteten Mann schwängern ließe und dann sich von möglichst vielen, oder jedenfalls den ressourcenreichsten Männern bei der Aufzucht ihrer Kinder unterstützen ließe. Der Mann, der all seine Ressourcen zur Aufzucht von Kindern, die biologisch gar nicht die seinen sind, steckt, ist evolutionsbiologisch betrachtet der Dumme. Und die Frau, die sich von einem Mann schwängern lässt, der sie hernach mit dem Kind sitzen lässt, ist ebenfalls evolutionsbiologisch betrachtet die Dumme, insbesondere, wenn sie dann keinen anderen findet, der seine Ressourcen ihrem Kind zukommen ließe.

Naja, das alles habe ich an anderer Stelle schon ausführlich dargelegt - am Ende läuft es darauf hinaus, dass es prinzipiell im Interesse der Frauen steht, für den Zugang zu ihrer Sexualität sehr hohe Hürden zu errichten und dass es im Interesse der Männer steht, diese Hürden mit einem möglichst geringen Aufwand zu überwinden oder aber zu unterlaufen. Konkret: um einem Mann Zugang zu ihrer Sexualität zu gewähren, verlangt die Frau von ihm Versicherungen, dass er sich später auch - per zur-Verfügung-Stellung seiner ökonomischen Ressourcen - um die gemeinsamen Kinder kümmern werde. Um solche Versicherungen zu erhalten, verspricht sie ihm ihrerseits sexuelle Treue. Der Deal sieht also so aus: sozialökonomisches Bindungsversprechen für sexuelles Ausschließlichkeitsversprechen.

Versprechungen sind nichts anderes als Modelle der Welt, wie sie in der Zukunft aussehen werde. Je glaubhafter so ein Modell erscheint, je mehr man also der Gegenseite glaubt (indem man keine Widersprüche in diesem Modell der zukünftigen Welt zu erkennen vermag), dass ihre Versprechung ernst gemeint sei, desto eher wird man sich auf den Deal einlassen. Je glaubhafter ein Mann einer Frau versichert, dass er nur sie und keine andere auf der Welt lieben könne und er vorhabe und sich (z.B. per Heiratsversprechen) dazu verpflichte, immer für sie (und ihre Kinder) da zu sein, desto eher ist sie bereit, ihn "ranzulassen".

Dasselbe gilt umgekehrt: Je überzeugender die Frau dem Mann verspricht, allein ihm Zugang zu ihrer Sexualität zu gewähren, desto eher ist er bereit, sich samt seiner Ressourcen an sie zu binden.

Wie plausibel die jeweiligen Versprechen sind - das entscheidet über den Reproduktionserfolg jener, die sie machen.

Plausibel und wahr sind aber zwei unterschiedliche Sachen. Sowohl Mann als auch Frau haben prinzipiell ein Interesse daran, die jeweils andere Seite zu übervorteilen, indem sie Versprechen machen, die sie später nicht einhalten. Die Gene jener, die am besten lügen können, bzw. am besten die Lügen der Gegenseite zu durchschauen wissen, setzen sich durch: die Fähigkeit, gut zu lügen, wird so zum Selektionsvorteil: die Männer versuchen, mit immer ausgeklügelteren Lügen die Frauen zum Sex zu bewegen, die Frauen versuchen, solche Lügen durchschauen und ihrerseits mit immer ausgeklügelteren Lügen Männer dazu bewegen, ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen: die klügeren Männer kommen "zum Schuss", die klügeren Frauen kriegen ihre Kinder erfolgreich groß gezogen. Die dümmeren Männer schuften sich für Kukukskinder ab und die dümmeren Frauen lassen sich kurz ficken und sitzen dann als Alleinerziehende da, was entwicklungshistorisch betrachtet darauf hinausläuft, dass ihre Kinder kaum das Alter der Reproduktionsreife erreichen.

Kurz: Lügen ist, wiewohl offiziell verpönt, die höchste Kunst (Form) der Intelligenzanwendung im sozialen Zusammenhang, weswegen auch jedes Kind sie lernen muss*. Je schneller Kinder zu lügen lernen, desto höher ist entweder ihre angeborene Intelligenz oder umso prekärer ist ihre Situation: Da Kindern kaum andere Machtmittel als das Lügen zur Verfügung stehen, sind sie, je existentieller bedrohlich ihre Umwelt ist, umso mehr darauf angewiesen, den Umgang mit diesem einen ihnen zur Verfügung stehenden Instrument zu perfektionieren.

Oh - so spät schon?! 😲 😌 🙃 

 

 

 

* Ihnen das Lügen austreiben zu wollen, indem man ihnen die Regel/das Gebot vorsetzt: "Du sollst nicht lügen!" und die Übertretung dieses Gebotes sanktioniert, wird vermutlich ihren Lernfortschritt in dieser Richtung nicht hemmen, sondern beschleunigen. Denn nur diejenigen Lügen werden ja sanktioniert, die nicht gut genug waren. By the way: aus eben diesem Grund wird man unmöglich vermeiden können, dass fortschrittliche KIs das Lügen lernen.

jack-black antworten
Alescha
(@alescha)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 8296

@jack-black 

Das Gebot "Du sollst nicht lügen" heißt übrigens korrekterweise "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" - im Sinne von jemanden verleumden. 

Natürlich ist man auch gehalten, nicht zu lügen. Dafür gibt es auch genug Aussagen in der Bibel. Der Konflikt à la "du hast Juden versteckt und die Gestapo steht vor der Tür und fragt, ob du Juden versteckt hast" kann guten Gewissens mit "natürlich darfst du dann lügen und sagen, dass du keine Juden versteckt hast" beantworten. Es gibt in der Bibel nämlich auch "gute" Lügen, so wie in dieser Begebenheit:

Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schifra hieß und die andere Pua: Wenn ihr den hebräischen Frauen bei der Geburt helft, dann seht auf das Geschlecht. Wenn es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist’s aber eine Tochter, so lasst sie leben. Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben.
Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sprach zu ihnen: Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst? Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren. Darum tat Gott den Hebammen Gutes. Und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark. Und weil die Hebammen Gott fürchteten, gab er auch ihnen Nachkommen.

(2. Mose 1, 15-21)

Was machen die Hebammen hier? Sie widersetzen sich der Obrigkeit und lügen den Pharao sogar noch an. Und dafür werden sie von Gott sogar belohnt. 

Ach, und wieder Dein Lieblingsthema "Fortpflanzungsstrategien von Mann und Frau". 😀 Der Fortschritt macht allerdings zumindest Kuckuckskind-Strategie immer schwieriger. 

Übrigens können sogar Hunde lügen. Unser Hund wollte mir z.B. schon weis machen, dass er morgens noch nicht gefüttert worden sei. Sein Pech: Ich war misstrauisch, fragte bei meinem Mann nach, und der bestätigte, dass er seine morgendliche Portion schon bekommen hatte.

 

alescha antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@alescha Das Gebot "Du sollst nicht lügen" heißt übrigens korrekterweise "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" - im Sinne von jemanden verleumden. 

Ich hatte da gar nicht das "biblische Gebot" vor Augen, sondern jenes pädagogische Prinzip, nach welchem man Kinder halt zur Ehrlichkeit zu erziehen versucht.

Dahinter steht halt eine Pflichten-Ethik - nicht ganz umsonst sprach sich z.B. Immanuel Kant ganz kategorisch gegen Ausnahmen von der Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, aus. Ich weiß schon, warum ich seine Epistemologie seiner Ethik vorziehe, auch wenn man ihn gemeinhin ja eher über seinen kategorischen Imperativ kennt.

 

Was machen die Hebammen hier? Sie widersetzen sich der Obrigkeit

Na also bitte, geht denn sowas? Sollten sie etwa ihren Paulus nicht ordentlich studiert haben? 😉

 

lügen den Pharao sogar noch an. Und dafür werden sie von Gott sogar belohnt.

Behauptet die Bibel. Was aber, wenn diese ganze Geschichte erlo-... äh - frei daherphantasiert worden wäre? 😉 Na egal - wir haben hier zumindest ein Beispiel dafür, dass konsequentialistische Ethik sich mit ein bisserl Verrenkung auch in ein religiöses Gewand verpacken, d.h. als Pflichtenethik tarnen lässt: Es ist eines jeden Menschen Pflicht, die Wahrheit zu sagen - bis dann gute Gründe - in diesem Falle: Gottesfurcht - auftreten, mal eine Ausnahme zu machen. 😎 

 

Ach, und wieder Dein Lieblingsthema "Fortpflanzungsstrategien von Mann und Frau". 😀

Ja. Sorry! Aber ich finde das eben so ungemein erhellend. Sobald man mal die evolutionsbiologische Perspektive einnimmt, ergeben Phänomene wie Eifersucht, das Monogamie-Credo, aber auch der rasante Intelligenz-Fortschritt bei den Menschen plötzlich Sinn. 

Der Fortschritt macht allerdings zumindest Kuckuckskind-Strategie immer schwieriger. 

Du meinst wegen der Möglichkeiten, die DNA-Tests bieten? Nun ja: in einer Gesellschaft, in welcher es für Mütter keine existentielle Bedrohung mehr darstellt, von den Erzeugern ihrer Kinder sitzengelassen zu werden, sind diese Mütter auch nicht mehr oder zumindest weniger stark auf solche Strategien angewiesen.

Aber hey, Du bringst mich da auf eine Spur... Könnte der in letzter Zeit in unseren Industrieländern sinkende IQ damit zusammenhängen, dass insbesondere Frauen nicht mehr darauf angewiesen sind, die falschen Versprechungen von notgeilen Männern zu durchschauen? Wo die staatliche Stütze für sich absetzende Kindsväter einspringt, kann intellektuell zwischen den Geschlechtern abgerüstet werden.

Alle ergibt einen Sinn...

Übrigens können sogar Hunde lügen.

Da bin ich skeptisch.

Unser Hund wollte mir z.B. schon weis machen, dass er morgens noch nicht gefüttert worden sei.

Wie denn? Indem er wie üblich lieb guckte, mit den Pfoten am Futterschrank scharrte, auf seine unnachahmlich rührende Art winselte oder mit dem Schwanz wedelte?

Das war keine Lüge. Er hat Dir nicht weisgemacht, es sei eine Tatsache, dass er noch nicht gefüttert wurde. Er hat nur die Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die er an den Tag zu legen konditioniert wurde, um gefüttert zu werden. Da ist keine Vereinbarung zwischen Euch - Dir und Deinem Hund - dass er nur einmal am Morgen gefüttert werde, der er auch zugestimmt hätte.

Kurz: ich vermute stark, dass seine Fähigkeit zu lügen bloß aus einer Projektion Deinerseits besteht. 

Ja klar: Tiere können sich verstellen, können täuschen, durchaus auch planvoll, also nicht nur einem bloßen Reflex folgend wie das Insekt, dass sich bei Gefahr tot stellt. Tiere können Gegenstände verstecken, Tiere können die Aufmerksamkeit anderer gezielt ablenken oder auf eine Sache hinlenken. Hunde haben gelernt, sich so zu verhalten, dass ihre Herrchen und Frauchen ihnen was zu Fressen hinstellen. Sie sind gute Beobachter und erkennen also Muster im Verhalten ihrer Dosenöffner. Aber dass diese Dosenöffner von ihnen Ehrlichkeit erwarten - das ist vermutlich nicht mal im Bereich dessen, was sie verstehen können.

Jedenfalls können sie nicht lügen, da es hierfür abstrahierenden Sprachvermögens bedarf.

Machen wir mal die Probe auf's Exempel: Nachdem Du Dich bei Deinem Mann erkundet hattest und die Lüge Eures Hundes offenbar wurde, hast Du ihn sicherlich mit der Wahrheit konfrontiert, oder? Du hast ihn zur Rede gestellt, auf den Hundekopf hin zugesagt, dass er da gelogen habe. Du hast sein lügenhaftes Verhalten bestraft mit der vorher zwischen Euch ausgehandelten Konventionalstrafe, nicht wahr? Während er mit Ausflüchten kam, Dir darlegte, dass Dein Mann sich geirrt und ein kleines Leckerli mit der gewöhnlichen  Fütterung verwechselt haben müsse. Oder sich darauf berief, schon viel früher als sonst aus seinem Körbchen gescheucht wordenund daraufhin vielleicht etwas mit dem Zeitgefühl durcheinandergeraten zu sein.

Nicht? 😮 Ach! 🤔 

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Sollten sie etwa ihren Paulus nicht ordentlich studiert haben? 😉

Wo bitteschön ist Paulus so rigoros wie Kant, wenn es ums Lügen geht?

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Wo bitteschön ist Paulus so rigoros wie Kant, wenn es ums Lügen geht?

Hier war "Obrigkeit" das Stichwort, nicht "Lüge".

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Paulus so zu deuten ist doch sehr fundamentalistisch. Bei Verfolgungen hat er zur Standhaftigkeit ermutigt und nicht zum Gehorsam zum Befehl, den Glauben aufzugeben.

hkmwk antworten
Alescha
(@alescha)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 8296

@jack-black 

Na also bitte, geht denn sowas? Sollten sie etwa ihren Paulus nicht ordentlich studiert haben?

Dazu hat ja Helmut schon was gesagt. Immerhin wird - auch wenn nicht von Paulus - gesagt, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Beißt sich ein Befehl oder Gesetz der Obrigkeit mit einem Gebot Gottes, muss man im Zweifelsfall letzteres befolgen.

Ist Dir aber sicher schon bekannt.

Behauptet die Bibel. Was aber, wenn diese ganze Geschichte erlo-... äh - frei daherphantasiert worden wäre? 😉 Na egal - wir haben hier zumindest ein Beispiel dafür, dass konsequentialistische Ethik sich mit ein bisserl Verrenkung auch in ein religiöses Gewand verpacken, d.h. als Pflichtenethik tarnen lässt: Es ist eines jeden Menschen Pflicht, die Wahrheit zu sagen - bis dann gute Gründe - in diesem Falle: Gottesfurcht - auftreten, mal eine Ausnahme zu machen. 😎 

Insgesamt hat sich Jesus ja sowieso gegen eine starre Gesetzeshörigkeit gewandt, zumindest dort, wo es um das stupide Befolgen oder gar Verdrehen eines Gebotes ging, ohne den Sinn dahinter zu verstehen. Er hat ganz klar gesagt, dass das Gesetz für den Menschen gemacht wurde, und nicht umgekehrt. Normalerweise schaden Lügen, wenn sie aber dazu dienen, etwa Menschenleben zu retten, sind sie vom Gebot der Nächstenliebe gedeckt.

Aber hey, Du bringst mich da auf eine Spur... Könnte der in letzter Zeit in unseren Industrieländern sinkende IQ damit zusammenhängen, dass insbesondere Frauen nicht mehr darauf angewiesen sind, die falschen Versprechungen von notgeilen Männern zu durchschauen? Wo die staatliche Stütze für sich absetzende Kindsväter einspringt, kann intellektuell zwischen den Geschlechtern abgerüstet werden.

Halte ich für ganz arg weit hergeholt. Da wären ja ziemlich beschleunigte Evolutionsmechanismen am Werk. Bisher dachte ich, dass solche Effekte wesentlich länger dauern. 

Mal ganz abgesehen davon, dass Frauen auch früher nicht die falschen Versprechungen notgeiler Männer durchschaut haben. Sonst gäbe es die ganzen Geschichten von sitzengelassenen Frauen nicht oder von Frauen, deren Männer das ganze Vermögen verjubelt haben, die Gattinnen (und die Kinder verprügelt) haben, etc. 

Wie Du darauf kommst, dass Frauen jemals in der Lage gewesen seien, notgeile Männer zu durchschauen, erschließt ich mir nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass Frauen (und Männer) bei der Partnerwahl bis vor nicht allzulanger Zeit nicht viel zu melden hatten. 

Und umgekehrt waren Männer noch nie in der Lage, die falschen Versprechungen von not- oder geldgeilen Frauen zu durchschauen. 

Ich fürchte, da konstruierst Du Dir was zusammen. 

Wie denn? Indem er wie üblich lieb guckte, mit den Pfoten am Futterschrank scharrte, auf seine unnachahmlich rührende Art winselte oder mit dem Schwanz wedelte?

Nein. Als ich in die Küche kam, kam er angelaufen. Schaute in seinen leeren Napf, schaute mich an, dann wieder demonstrativ in seinen Napf. So nach dem Motto: Warum ist da noch nix drin??? Das ging schon über sein übliches Bettelverhalten hinaus. 

Es gibt aber auch andere Beobachtungen, etwa von dem Hund, der wütend kläffend zum Zaun rennt, obwohl da nichts und niemand ist. Die anderen Hunde im Haushalt rennen auch raus, zur vermeintlichen Feindabwehr. Der Hund, der das angefangen hat, schleicht sich derweil ins Haus zurück und frisst die Näpfe seiner Kollegen leer. Das sieht schon danach aus, dass der eine Hund die anderen gezielt verarscht hat, um an deren Fressen zu kommen. 

Jedenfalls können sie nicht lügen, da es hierfür abstrahierenden Sprachvermögens bedarf.

Ist das so?

Reicht dafür nicht einfach die Absicht zu täuschen und sich dann so zu verhalten, dass andere auf diese Täuschung hereinfallen?

Machen wir mal die Probe auf's Exempel: Nachdem Du Dich bei Deinem Mann erkundet hattest und die Lüge Eures Hundes offenbar wurde, hast Du ihn sicherlich mit der Wahrheit konfrontiert, oder? Du hast ihn zur Rede gestellt, auf den Hundekopf hin zugesagt, dass er da gelogen habe. Du hast sein lügenhaftes Verhalten bestraft mit der vorher zwischen Euch ausgehandelten Konventionalstrafe, nicht wahr? Während er mit Ausflüchten kam, Dir darlegte, dass Dein Mann sich geirrt und ein kleines Leckerli mit der gewöhnlichen  Fütterung verwechselt haben müsse. Oder sich darauf berief, schon viel früher als sonst aus seinem Körbchen gescheucht wordenund daraufhin vielleicht etwas mit dem Zeitgefühl durcheinandergeraten zu sein.

Nicht? 😮 Ach! 🤔 

Auch Inhaber eines abstrahierenden Sprachvermögens verzichten zuweilen auf Ausflüchte und Erklärungen, wenn sie bei einer Lüge ertappt werden. Und belassen es bei einem "O.k., du hast mich durchschaut, aber den Versuch war's wert". 

Warum eine folgende Diskussion ein Beweis dafür sein soll, dass es zur Lüge eines abstrahierenden Sprachvermögens bedarf, erschließt sich mir daher nicht so ganz.

 

alescha antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@alescha (...) Wie Du darauf kommst, dass Frauen jemals in der Lage gewesen seien, notgeile Männer zu durchschauen, erschließt ich mir nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass Frauen (und Männer) bei der Partnerwahl bis vor nicht allzulanger Zeit nicht viel zu melden hatten.

Und umgekehrt waren Männer noch nie in der Lage, die falschen Versprechungen von not- oder geldgeilen Frauen zu durchschauen.

Ich fürchte, da konstruierst Du Dir was zusammen.

Ach, ich bin müde und lustlos, daher überlasse ich Dich hier einfach mal Deiner Furcht. 🙂

 

 

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@alescha (zum Beitrag)

Ich fürchte, da konstruierst Du Dir was zusammen.

Das wäre ja bei Goodfruit nichts Neues.😉

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Das wäre ja bei Goodfruit nichts Neues.😉

Da hätte ich ja was mit Goodfruit gemeinsam. 😀

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Was du schreibst hat meistens Hand und Fuß, und an so krasse historische Irrtümer, wie sie GoodFruit öfter auftischt, kann ich mich bei dem was du geschrieben hast auch nicht erinnern.

Oder sollte ich am Ende nur stets eine nicht repräsentative Auswahl deiner Beiträge sehen ❓😉😁

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Weil Du ein Zitat brachtest, dass Alescha an mich gerichtet hatte, dachte ich, Du habest da was verwechselt. Aber wenn man's genau nimmt, könnte Deine Antwort auch Sinn ergeben, falls Du nichts verwechselt haben solltest. Ach egal, ich sollte hier nicht ständig rumkrastinieren... 😀

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Bist du gerade auch in einer anderen Zeitzone, oder schreibst du tatsächlich um 3 Uhr morgens auf jesus.de?

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Mein Tag-Nacht-Rhythmus unterscheidet sich etwas vom Üblichen. 🙂

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@alescha 

Es gibt in der Bibel nämlich auch "gute" Lügen

Wobei es auch geschickter geht: Mir fiel die Geschichte ein, wo die Spione Davids in einem Brunnen (Zisterne?) versteckt werden, und wie die Verfolger kommen und fragen, wo sie sind, antwortet die Frau: sie gingen zum Wasser (2.Sam 17,20).

Wobei der hebräische Wortlaut auch als: sie gingen über den Bach verstanden wie kann, und so wird es meist übersetzt. Auch die Verfolger haben es so verstanden …

Ich habe auch mal eine Geschichte gelesen, wo die Gestapo o.ä. nach versteckten Juden fragte. Die waren unter einer Falltür, darüber ein Teppich, darauf ein Tisch mit Tischdecke, so dass man nicht direkt sehen konnte, was unter dem Tisch war. Die Frau (Fanny, falls meine Erinnerung stimmt) sagte: „Ja, wir haben Juden unter dem Tisch versteckt“, der Führer des Kommendos hob das Tischtuch hoch, Fanny brach in hysterisches Lachen aus, der Mann bekam einen roten Kopf, und das Kommando zog ab 

hkmwk antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black (zum Beitrag)

Jede fiktionale Geschichte besteht aus einer Aneinanderreihung von Lügen

Einspruch. Lügen beinhaltet definitionsgemäß Täuschung, wenn der Hörer/Leser darüber informiert ist, dass die Geschichte fiktional ist, ist sie somit keine Lüge. Das gilt natürlich auch, wenn der Rezipient das implizit (durch eine Konvention) weiß.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk Einspruch. Lügen beinhaltet definitionsgemäß Täuschung

Wenn die Täuschungsabsicht Deiner Definition nach zur Lüge hinzugehört, ist das richtig, dann sind sind nicht alle Fiktionen aus Lügen bestehend. Dann wären also die Geschichten des Baron Münchhausen auch keine Lügen(geschichten).

Deine Definition des Begriffs enthält gewissermaßen schon die ethische Dimension. Während ich die Lüge ersteinmal als bloßen Gegenbegriff zur wahren Aussage (umgangssprachlich: Wahrheit) verstehe.

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Dann sag Unwahrheit und nicht Lüge.

hkmwk antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3527

@hkmwk Es gibt (und gab schon immer) die Spezialisten, die die Wahrheit durchaus so formulieren können, dass sie nicht lügen, aber ihre Aussage missverstanden werden kann.

chai antworten
Alescha
(@alescha)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 8296

@jack-black 

Deine Definition des Begriffs enthält gewissermaßen schon die ethische Dimension. Während ich die Lüge ersteinmal als bloßen Gegenbegriff zur wahren Aussage (umgangssprachlich: Wahrheit) verstehe.

Das ist nicht allein Helmuts Definition, sondern die allgemein gebräuchliche. 

Der Duden definiert Lüge als

bewusst falsche, auf Täuschung angelegte Aussage; absichtlich, wissentlich geäußerte Unwahrheit

Klick

Und bei Wikipedia heißt es:

Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender (Lügner) – anders als bei der Unwahrheit – weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, sie aber mit der Absicht äußert, dass der Empfänger sie glaubt,[1] oder anders formuliert „die (auch nonverbale) Kommunikation einer subjektiven Unwahrheit mit dem Ziel, im Gegenüber einen falschen Eindruck hervorzurufen oder aufrecht zu erhalten [sic].“

Klick

Der bloße Gegenbegriff zur Wahrheit ist Unwahrheit, und die unterscheidet sich von der Lüge eben dadurch, dass sie auch unabsichtlich geäußert werden kann.

 

 

alescha antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@alescha Das ist nicht allein Helmuts Definition, (...)

*

Was ich ja auch nicht behauptete.

sondern die allgemein gebräuchliche

Weswegen ich ja auch hinzuschrieb, wie ich im hier diskutierten Zusammenhang den Begriff verwendete.

Aber mal rein spaßes- und interessehalber:

Bestehen die Geschichten des Barons Münchhausen Deiner Ansicht nach aus Lügen, d.h. hat ihr Autor (sei es der historische Freiherr selbst oder der anonyme Verfasser des "Vademecum für lustige Leute" oder wer immer auch die Münchausiaden, die Dir vorschweben, geschrieben haben mag)

(...) sie (...) mit der Absicht (ge)äußert, dass der Empfänger sie glaubt (...)

?

 

Wurde also die Absicht, in der die Geschichten verfasst wurden, nicht erreicht, falls es zutreffen sollte, dass das Publikum (der Empfänger) mehheitlich - so wie ich - nicht für eine Sekunde glaubt, dass die Geschichten wahr seien?

 

*Fettungen, Ausslassungen oder Hinzufügungen in Klammer bei Zitaten sind von mir.

jack-black antworten
Alescha
(@alescha)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 8296

@jack-black 

Was ich ja auch nicht behauptete.

Nun ja, Du schriebst:

Deine Definition des Begriffs

 

Weswegen ich ja auch hinzuschrieb, wie ich im hier diskutierten Zusammenhang den Begriff verwendete.

Ja. Nur ist es halt problematisch, wenn sich jemand aus dem üblichen Sprachgebrauch verabschiedet.

Wurde also die Absicht, in der die Geschichten verfasst wurden, nicht erreicht, falls es zutreffen sollte, dass das Publikum (der Empfänger) mehheitlich - so wie ich - nicht für eine Sekunde glaubt, dass die Geschichten wahr seien?

Ich greife zusätzlich Deine obige Fragestellung auf:

Wenn die Täuschungsabsicht Deiner Definition nach zur Lüge hinzugehört, ist das richtig, dann sind sind nicht alle Fiktionen aus Lügen bestehend. Dann wären also die Geschichten des Baron Münchhausen auch keine Lügen(geschichten).

Wikipedia sagt im oben verlinkten Eintrag zum Thema Lüge:

Lügenbaron Baron Münchhausen mit seinen Lügengeschichten,[26] mit Übergängen von phantasievollen Ausschmückungen (Fabulieren) über Übertreibungen bis zur Lüge. Da diese Lügen als solche leicht zu durchschauen sind, werden sie auch entschuldigend und mildern als Flunkern (nicht ganz bei der Wahrheit bleiben) oder Aufschneiden bezeichnet. Eine gewisse Analogie hat das „Seemannsgarn spinnen“, womit zweifelhafte Geschichten oder Übertreibungen bezeichnet werden, die nicht weit vom Lügen entfernt sind.

Es gibt also tatsächlich fließende Übergänge. Ist es eine Lüge, wenn ich etwas erzähle, was klar erkennbar frei erfunden ist?

Nach Deiner Definition besteht ja aber jede Form der Fiktion aus Lügen. Der Autor denkt sich eine Geschichte aus, und da sie ausgedacht ist, folgt sie keiner objektiven Wahrheit. Die Geschichte ist also unwahr und damit eine Lüge. Damit war der Nordseekrimi ("Butjenter Erben"), den ich am Ort des fiktiven Geschehens (Butjadingen) gelesen habe, eine Lüge, weil das geschilderte Geschehen schlicht nicht der Wahrheit entsprach.

Mit der Definition dürftest Du allerdings ziemlich alleine dastehen. 

 

alescha antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 15 Jahren

Beiträge : 27392

@jack-black 

Bestehen die Geschichten des Barons Münchhausen Deiner Ansicht nach aus Lügen, d.h. hat ihr Autor (sei es der historische Freiherr selbst oder der anonyme Verfasser des "Vademecum für lustige Leute" oder wer immer auch die Münchausiaden, die Dir vorschweben, geschrieben haben mag)

Da sie ja bereits als "Lügengeschichten" angekündigt werden betreffen sie lediglich das Publikum, welches innerhalb der Geschichten als Teil der Erzählwelt erwähnt wird, nicht aber den realen Leser. 

Insofern sind es genau so wenig "Lügengeschichten" wie andere Märchen auch.

 

lucan-7 antworten


Jack-Black
Beiträge : 5648

Nachtrag, weil die Bearbeitungszeit für mein Posting oben schon abgelaufen ist

@bepe0905 - oder ob ihr dies alles für eine nur vorübergehende Situation haltet, die sich nach Auswechslung einiger Staatenlenker wieder "normalisiert"?

Du hast das "normalisiert" sehr passend in Anführungsstriche gesetzt, denn an der Stelle sollten wir vielleicht mal überlegen, wie "normal" die Welt in den vergangenen fünfzig Jahren eigentlich geoordnet war, wenn wir unter "normal" den historischen Durchschnitt betrachten. Wie war die Menschheit in der Zeit, über welche es Aufzeichnungen gibt, politisch organisiert? Wir hier in Deutschland haben in Relation dazu die letzten fünf Jahrzehnte wie die Maden im Speck gelebt: Kein Krieg, keine existentiellen Katastrophen, wirtschaftlicher Überfluss, demokratische Freiheitsrechte, medizinische Rundum-Versorgung, ständig steigende Lebenserwartung... Wann wäre es einem Volks-Kollektiv in der Menschheitsgeschichte jemals besser ergangen als uns?

Unsere biografisch erfahrene Normalität ist also nur aus sehr subjektiver Perspektive normal. Aus historischer Perspektive sind die paar Jahrzehnte liberale Demokratie und soziale Marktwirtschaft, die wir hier* hatten, nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine geografische Ausnahme. Ob die demokratische Verfasstheit eines Volkskollektivs tatsächlich ein "politisches Erfolgsmodell" sei, das sehe ich keinesfalls als erwiesen. Im Krisenfall hat sich das Modell noch gar nicht bewährt, und wenn ich mir den Kotau des noch halbwegs liberal-demokratisch verfassten Europas vor den USA anschaue, wenn ich mir anschaue, wie schnell unsere Gesellschaft den "liberalen" Ballast abwirft, wenn sie von Demokratifeinden wie den Blaunen sich treiben lässt, wenn ich mir anschaue, wie überall in Europa der rechte und also anti-liberale und antidemokratische Populismus angesichts der systemischen Krisen (die wir großenteils uns selbst und unserer Speckmaden-Ignoranz in der Vergangenheit zu verdanken haben) wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schießt - dann mag ich keine Wetten darauf abschließen, dass nicht schon in wenigen Jahren von der liberalen Demokratie samt der in ihr verbrieften Menschenrechte wenig übrig sein könnte.

Sagen wir mal, Menschheitsgeschichte wird seit den alten Sumerern, also seit ungefähr 6.000 Jahren geschrieben. Demokratie als weltbeherrschendes politisches System gibt es, falls wir mal annehmen, dass die USA seit dem Ende des 2. Weltkriegs die Welt systemisch** beherrschten, gerade mal ein Dreivierteljahrhundert. (Die attische Demokratie gab's zwar schon viel früher, aber sie beherrschte als System nun wirklich nicht die Welt). Unsere "Normalität" bezieht sich also auf nicht mal ein Sechzigstel der Menschheitsgeschichte - im Rest herrschten autoritäte Regimes unterschiedlicher Art. Wenn wir also heute einen Niedergang demokratischer Verhältnisse beobachten und den Wiederaufstieg autoritäter Verhältnisse - dann ließe sich, im genauen Widerspruch zu Deiner Formulierung, gerade dieser Wandel mit Fug und Recht als "Normalisierung" bezeichnen. 

 

 

*Von "sozialer Marktwirtschaft" war in anderen Teilen der Welt nicht so viel zu bemerken: unser ökonomischer Wohlstand fußte u.a. auch auf der Ausbeutung anderer z.B. im globalen Süden, d.h.: auf recht asozialer Ungerechtigkeit.

** eigentlich kann da natürlich nicht von einer Beherrschung, sondern nur von einer Vorherrschaft die Rede sein. Große Teile der Welt, einwohnermäßig sogar die größten, waren auch in den letzten Jarhzehnten nicht demokratische verfasst.

jack-black antworten
2 Antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@jack-black 

Demokratie als weltbeherrschendes politisches System gibt es

Weltbeherrschend nun gerade nicht, aber in den von dir genannten 6000 Jahren gab es immer wieder Demokratie. Jedenfalls wenn wir die Latte nicht zu hoch ansetzen und die Athener Gesellschaft als demokratisch ansehen.

Spontan fallen mir die römische Republik ein, die Thing-Demokratie auf Island, Bauernrepubliken an der Nordseeküste, die polnische Adelsrepublik, die Konsensdemokratie bei arabischen Beduinen - wenn ich jetzt noch gezielt suchen würde, kämen sicher noch viel mehr Beispiele zusammen.

Weltbeherrschend war die Ausnahme, aber im Spektrum der Systeme, die es zu einem bestimmten Zeitpunkt gab, haben immer auch mehr oder weniger demokratische Systeme gehört.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5648

@hkmwk aber im Spektrum der Systeme, die es zu einem bestimmten Zeitpunkt gab, haben immer auch mehr oder weniger demokratische Systeme gehört.

(Fettung von mir 😉 )

Ja, schon klar. Aber sie waren alles andere als dominant und bei näherer Betrachtung selten mehr, sondern eher weniger demokratisch. Ausgangspunkt für meine Ausführungen war ja BePes Formulierung "normalisiert" und ich war davon ausgegangen, dass er damit die letzten paar Jahrzehnte meinte, also die von uns hier Mitdiskutierenden als "normal" erlebten Verhältnisse. Also nicht nur Zugang aller (nicht nur einzelner Klassen/Gruppen) zu demokratische Wahlen, sondern z.B. auch Rechtstaatlichkeit, Sozialfürsorge, Schutz von Minderheiten usw. usf..

jack-black antworten
Helmut-WK
Beiträge : 9597

@bepe0905 

Ich bezweifle, dass es so grundsätzlich anders wird als bisher.

In einer reinen (nicht regulierten) Marktwirtschaft vergrößert sich stets der Unterschied zwischen Reich und Arm. International folgt daraus: Wirtschaftlich starke Länder wollen Freihandel, schwache dagegen Protektionismus.

Ob die USA wirtschaftlich so schwach sind wie es das Vorgehen von Trump nahe legt, wär ne interessante Frage.

Die EU und andere werden sich stärker vernetzen, erste Gespräche scheint es ja schon zu geben. Was am Ende bei raus kommt, werden wir sehen.

Egoismus zwischen Staaten gab es schon immer - die Vorteile der Globalisierung für die Industrieländer waren auch Nachteile für den globalen Süden, etwas gemildert durch Entwicklungshilfe. Trump's Egoismus sieht anders aus, aber ist der schlimmer? Klar, für uns schon, aber »objektiv»?

Aktuell musste die EU nachgeben - vermutlich, weil die USA mit weniger Hilfe für unsere Verteidigung drohten. Anders kann ich mir dieses Einknicken nicht erklären.

Persönlich bin ich (inzwischen Rentner) nicht betroffen.

hkmwk antworten
4 Antworten
Kappa
 Kappa
(@kappa)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1360

@hkmwk 

Ich vermute auch es hat mit Russland zu tun und den Strafzöllen für Drittländer.

Rein von der Verteidigung will man die USA doch sogar übertreffen - da hat sich Trump schon durchgesetzt, willenlos die EU außer Spanien.

 

kappa antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@kappa 

Ich denke nicht, dass sich Trump durchgesetzt hat, vielmehr hat Europa gemerkt, dass es sich demnächst auch ohne die USA verteidigen muss, und dazu muss es aufrüsten. Das hat sich schon unter Obama abgezeichnet.

Spanien kann da eher entspannt sein, dass es von Russland oder (sagen wir mal) Marokko angegriffen wird, ist ziemlich unwahrscheinlich. Spaniens Verhalten ist unsolidarisch.

hkmwk antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@hkmwk In einer reinen (nicht regulierten) Marktwirtschaft vergrößert sich stets der Unterschied zwischen Reich und Arm. International folgt daraus: Wirtschaftlich starke Länder wollen Freihandel, schwache dagegen Protektionismus.

In einem planwirtschaftlichen System sind in der Regel alle bitterarm bis hin zur massiven wirtschaftlichen Not. Ist das besser?

Ich würde mal gerne wissen, ob der Gini-Index das Oligarchensystem Russlands deutlich abbildet - denn dort sind es ja wirklich nur sehr, sehr wenige superreiche und viele arme Menschen, die in die Berechnung eingehen.

goodfruit antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 22 Jahren

Beiträge : 9597

@goodfruit 

In einem planwirtschaftlichen System sind in der Regel alle bitterarm bis hin zur massiven wirtschaftlichen Not. Ist das besser?

Ich weiß nicht, ob bitterarm so regelmäßig ist wie du sagst, einigen wir uns auf Arm.

Das beste liegt in der Mitte, also soziale Marktwirtschaft.

Wobei das Optimum der höchsten Gewinne (weil die Wirtschaft gut läuft) und das Optimum für die Unterschicht (gute Löhne und Sozialleistungen) unterschiedlich ist, also wo die gute Mitte ist, ist am Ende eine politische Entscheidung.

Zu unterscheiden von der Frage, ob reine Marktwirtschaft das Optimum wäre (was empirisch falsch und somit ein ideologischer Standpunkt ist).

Zum Gini-Index kann ich nix Vernünftiges sagen.

hkmwk antworten


lhoovpee
Beiträge : 3485

@bepe0905

Ich denke nicht, dass die Globalisierung enden wird. Lediglich die Stellung der verschiedenen großen Player wird derzeit heiß verhandelt. 

Europa hatte die Asiantischen Länder als Produktionsstätten genutzt, da es dort günstiger war/ist. Afrika und Südamerika dienten meist als Rohstofflieferanten. Das Know How kam aber aus dem Westen. Doch genau dieser Punkt hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. 

Beispiele:

  • In Bereich KI sind asiatische Anbieter und Forscher führend.
  • Im Autobau haben asiatische Firmen vor allem im Bereich der e-Autos uns überholt.
  • Ohne Asien würde die gesamte Chip-Produktion zusammen brechen. Vor einigen Jahren gab es ja genau dort Probleme, wodurch die Preise von Autos und Elektrogeräte anstiegen und die Lieferzeiten sich extrem verzögerten. 
  • Asiatische Onlinehändler sparen sich den Umweg über westliche Handelspartner, und haben dadurch ein Preiskampf begonnen (siehe Shein, Temu, TikTok Shop, Aliexpress, ...)

Der asiatische Markt ist nicht mehr so stark vom Know How des Westens abhängig, sondern erarbeitet sich dieses nun selbst.

Und durch diese Neuanordnung der Mächte verfallen westliche Länder etwas in Panik, und Nationalisten sind mit ihren Lügen wieder erfolgreich. Nationalismus wiederum schadet der eigenen Wirtschaft; wir werden unattraktiver für Fachkräfte.

Während dessen verbünden sich andere Nationen der Welt in neue Wirtschaftsbündnisse oder bauen bestehende aus. Ein Beispiel wäre die immer engere Zusammenarbeit der BRICS Staaten.

- wie Ihr negative Auswirkungen auf weltweite gemeinsame Interessen und Solidarität mit Schwächeren fürchtet,

Wann war denn der Westen solidarisch mit den Produktionsländern? 

Klar das Lieferkettengesetze, wollte das erzwingen. Von alleine macht die Wirtschaft das aber nicht. Solidarität gibt es nur, wenn man mehr Gewinn damit macht. 

Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch immer weiter auseinander, statt anders herum. 

- ob eurer Meinung nach dies alles zu noch mehr Egoismus und Macht der ohnehin Stärkeren führen wird,

Wer ist in deinem Bild der Stärkere? 

- oder ob ihr dies alles für eine nur vorübergehende Situation haltet, die sich nach Auswechslung einiger Staatenlenker wieder "normalisiert"?

Da müsste man jetzt konkreter werden. Die Beziehungen zu den USA könnten sich durchaus sehr schnell wieder normalisieren, wenn Trump weg ist. 

Sollte Putin mal ausgetauscht werden, hängt es stark davon ab, ob der neue den National-Kurs weiter fährt oder nicht.

An den immer stärker werdenden internationale Konkurrenten und die immer schwächer werdenden westlichen Playern, wird das aber wenig ändern. 

lhoovpee antworten
GoodFruit
Beiträge : 4220

@bepe0905 Ich schaue mir gerne YouTube Filme zu dem ganzen an. Peter Navarro ist da vor allem zu nennen. 

Wenn man seine Überlegung systemisch durchdenkt, scheinen sie ziemlich krude zu sein. Das führt nicht zum Vorteilhaften - insbesondere, wenn der Rest der Welt da nicht mitmacht, sondern nur die US Amerikanischen Zölle akzeptiert (was bleibt einem da über ...) und untereinander aber weiter Freihandel betreibt. Den Klotz am Bein haben da nur die Amerikaner.

goodfruit antworten


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