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Wo kommt eigentlich das ganze Geld her?


Mariposa22
Themenstarter
Beiträge : 1377

Was mir gerade durch den Kopf geht und mir nicht einleuchten will: Wenn jedes Unternehmen darauf ausgerichtet ist,  Umsatz zu generieren, und nur ein Teil des Umsatzes an Gehaltszahlungen für die Mitarbeiter verwendet wird, woher kommt dann die Kaufkraft, um den Unternehmen Gewinne zu bescheren? Irgendwie kommt mir der ganze Kapitalismus gerade wie ein Schneeballsystem vor oder habe ich ein Brett vorm Kopf?

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28 Antworten
Jack-Black
Beiträge : 6286

@mariposa22 Wenn jedes Unternehmen darauf ausgerichtet ist, Umsatz zu generieren, und nur ein Teil des Umsatzes an Gehaltszahlungen für die Mitarbeiter verwendet wird, woher kommt dann die Kaufkraft, um den Unternehmen Gewinne zu bescheren?

Nachfrage: Wie sicher bist Du Dir, die Begriffe Umsatz, Kaufkraft und Gewinne zu verstehen?

Irgendwie kommt mir der ganze Kapitalismus gerade wie ein Schneeballsystem vor

Unter Schneeballsystemen versteht man eigentlich etwas anderes als den Kapitalismus - nämlich einfach eine bestimmte Betrugsmasche, wo halt Teilnehmer Geld zahlen in der Hoffnung, später mehr Geld dafür zu bekommen. Dabei wird ihr Geld dazu verwendet die "Gewinne" älterer Teilnehmer auszuzahlen.

Im Kapitalismus hingegen wird die Arbeitskraft der Lohnarbeiter ausgebeutet, indem ein Teil des Wertes, den sie durch ihre Arbeit schaffen, vom Kapitaleigner abgezweigt wird (tatsächlich sogar der größere Teil) und von dem als Profit behalten wird. Als "Umsatz" der Unternehmen im Kapitalismus gilt eigentlich alles, was sie verkaufen (Waren und Dienstleistungen). Dass davon nur ein Teil als Gehaltszahlungen für die Mitarbeiter abgeht, ist klar und wäre selbst dann noch so, wenn die Unternehmen überhaupt keine Profite machen würden: denn sie haben ja abgesehen von den Gehaltszahlungen noch andere Kosten: Materialkosten und so weiter.

Die Kaufkraft kommt aus der geldbewehrten (wer kein Geld hat, kann nix kaufen, ganz egal, wie existentiell sein Bedürfnis nach den Waren auch sein mag) Nachfrage der Kunden. Woher die ihr Geld haben? Das ist die spannende Frage und sie wird umso spannender, je weiter der Siegeszug der KI dafür sorgen wird, dass menschliche Arbeitsleistung an Wert verliert. Bisher war es so, dass die Lohnarbeiter zwar nicht den gesamten von ihnen produzierten Wert bekamen, aber immerhin genug, um davon hinreichend Waren kaufen zu können, sodass gesamtwirtschaftlich betrachtet genügend geldbewehrte Nachfrage existierte.

Deine Intuition trügt Dich allerdings nicht vollkommen, denn wie bei Schneeballsystemen gibt es auch im Kapitalismus einen systemischen Zwang, dass die ganze Sache ständig wachsen muss. Das ständige Fokussiertsein auf das Wirtschaftswachstum hat einen einfachen Grund, nämlich den der warenförmigen Produktion im Kapitalismus. Statt dass gearbeitet (und produziert) würde, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, wird gearbeitet und produziert, um aus Geld mehr Geld zu machen. Weil nun mal jedes eingesetzte Kapital (Geld) sich am ende rentieren, bzw. Profit abwerfen soll.

In einer Formel ausgedrückt: g - w - g' (Geld - Ware - mehr Geld).

Waren werden nicht produziert, damit mit ihnen die Bedürfnisse von Menschen befriedigt werden können, sondern um sie für Geld an Kunden verkaufen zu können. Damit wird aus dem Mittel, welches das Geld einst war (nämlich ein Tauschmittel, um so verschiedene Güter besser tauschen zu können) der eigentliche Zweck des Wirtschaftens: der Kapitalist will am Ende des Tages nicht mehr Güter, sondern mehr Geld haben. Aus den Gütern werden Waren: Mittel zum Zweck der Geldvermehrung.

Geld ist hier praktisch gleichzusetzen mit Reichtum. Der Reichtum wird "geschaffen" durch Arbeit, das Geld also, dass ein Kapitalist am Ende des Tages mehr hat, ist nicht von irgendwelchen Betrugsopfern ergaunert worden, sondern der Wert, den es hat, wurde vom angestellten Lohnarbeiter geschaffen. Der Kapitalist hat sich also einen Teil des vom Lohnarbeiter produzierten Werts angeeignet. Nicht per Betrug, sondern per Arbeitsvertrag, also völlig legal. 🙂

Würden nun nur die Lohnarbeiter eines Unternehmens als Kundschaft für die von diesem Unternehmen produzierten Waren infrage kommen, könnte dies aus offensichtlichen Gründen nicht funktionieren: da sie nur einen Teil des von ihnen produzierten Werts bekommen haben, können sie die Waren, deren Wert sowohl den von ihnen produzierten Mehrwert als auch die darin enthaltenen Materialkosten usw. beträgt, unmöglich kaufen... Aber die Kunden eines Unternehmens bestehen ja auch nicht nur (falls überhaupt) in ihrer Arbeitnehmerschaft...

Darin besteht sozusagen die Schizophrenie des kapitalistischen Systems: Der Unternehmer ist in seiner Eigenschaft als Kapitalist einerseits daran interessiert, dass seine Lohnarbeiter möglichst wenig verdienen (d.h. wenig von dem durch sie generierten Wert zugeteilt bekommen), während er gleichzeitig daran interessiert ist, dass die Lohnarbeiter aller anderen Unternehmen möglichst viel Geld verdienen (um sich den Kauf der in seinem Unternehmen produzierten Waren leisten zu können).

Am besten macht man sich das an einem konkreten Beispiel klar: Sagen wir, ein Unternehmer lässt in seiner Fabrik Autos produzieren. Er hat hundert Arbeiter angestellt, die pro Jahr zehntausend Autos herstellen: hundert Autos pro Arbeiter. Würden nur die eigenen Arbeiter als Kunden infrage kommen, müsste sich jeder Arbeiter alle roundabout vier Tage ein Auto kaufen (können). Das ist natürlich Quatsch. Dafür reicht ja sein Einkommen gar nicht. 😀 Aber es gibt halt viele andere Leute ausserhalb der Fabrik, die genug Geld haben, sich alle fünf Jahre ein neues Auto zu kaufen... Und die ihr Geld auf andere Weise als mit Autobauen verdienen. Darin besteht ja der Clou  der arbeitsteiligen Gesellschaft mit ihren Märkten: dass nicht alle das gleiche produzieren - so wie es gaaaaaaanz früher mal war, wo die Leute reine Subsistenzwirtschaft betrieben (und also praktisch alle nur Ackerbau, Viehzucht oder Jagd betrieben und abends sich ihre Lendenschurze selbst zusammennähten).

Das Schneeballsystem-Gefühl, das einen beim Betrachten des kapitalistischen Systems befällt, dürfte in Folgendem begründet sein: Obwohl die Arbeitsproduktivität seit Jahrzehnten und Jahrhunderten ständig steigt, also heute ein Arbeiter in einer Stunde soviel produziert wie vor einem Jahrhundert zehn oder vor fünfhundert Jahren hundert Arbeiter produzierten - die Arbeitsbelastung nie zurückzugehen scheint. Ja klar: heute konsumieren alle hierzulande im Durchschnitt mehr als vor hundert oder vor fünfhundert Jahren. Aber wohl kaum zehnmal oder hundertmal soviel. Wo landet all der Reichtum, den ein Arbeiter heute schafft?

Antwort: bei den Kapitalisten. In Form von Geld, nicht inform von Gütern übrigens: all das Geld, dass die wirklich Reichen besitzen, können sie ja gar nicht in Form von Gütern verkonsumieren. Statt dessen investieren sie es (z.B. in Aktien) und sich so "vermehren".

Dieses - auf ständigen Wachstum angewiesene - System endet nicht so wie jedes Schneeballsystem spätestens dann, wenn alle mitspielen, also keine neuen Teilnehmer mehr hinzukommen. Die "Grenzen des Wachstums" sind im Kapitalismus anderer Art: der gesellschaftliche Reichtum könnte theoretisch endlos weiter steigen insofern, als die Menschen ja immer weiter und immer produktiver arbeiten könnten.

Die Grenzen des Wachstums sind zuerst mal ganz physischer Natur, da bei aller Warenproduktion ja auch begrenzte (!) natürliche Ressourcen verbraucht werden. Theoretisch könnte "nachhaltig" gewirtschaftet werden, indem sich die Menschheit darauf einigen könnte, nur nachwachsende Naturressourcen zu verbrauchen, nicht nachwachsende Naturressourcen (wie Bodenschätze) hingegen zu recyceln. In der Praxis haut das nicht hin, weil das kapitalistische System auf dem Eigennutz der Teilnehmer, d.h. ihrer Konkurrenz zueinander basiert, was eine globale Kooperation verunmöglicht (falls Dich die spieltheoretische Logik dahinter interessiert, google mal nach dem Begriff "multipolar trap" oder auch "Moloch trap").

 

Zusammengefasst könnte man's so auf den Punkt bringen: Schneeballsysteme sind (auf Betrug angelegte) Systeme, deren Regeln unmöglich einzuhalten sind in einer endlichen Welt mit einer endlichen Zahl an Teilnehmern. Der Kapitalismus ist ein System, das im Prinzip funktionieren könnte - wenn es nicht auf Menschen als Teilnehmer angewiesen wäre und von diesen nicht gleichzeitig kooperatives Verhalten (Bewahrung der gemeinsamen Lebensgrundlagen) und Konkurrenzverhalten (freier Wettbewerb!) erwarten würde.

 

oder habe ich ein Brett vorm Kopf?

Im Gegenteil! Dass da irgendwas ganz unten an der Wurzel unserer Ökonomie systemisch falsch sei, das spüren in letzter Zeit manche, aber die wenigsten beginnen überhaupt, dem auch nachzuspüren. In einer Gesellschaft wie der unseren, die sich seit mindestens einem halben Jahrhundert gegenseitig dröhnend einredet, dass der Kapitalismus als wirtschaftliches System alternativlos sei, braucht es schon eine gehörige Portion skeptisches Selbstdenken, auch nur diesen ersten Schritt zu machen und sich die bange Frage zu stellen: "Könnte es etwa sein, dass die ganze Angelegenheit tatsächlich kein tragfähiges Fundament hat?"

jack-black antworten
15 Antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@jack-black

Nachfrage: Wie sicher bist Du Dir, die Begriffe Umsatz, Kaufkraft und Gewinne zu verstehen?

Nur ungefähr, ich bräuchte Nachhilfe in Volkswirtschaft, ich hoffe, du verstehst auch so, was ich meine.

Erst einmal Danke für deine ausführliche Antwort. Ich hatte schon die Befürchtung, dass niemand auf meine Frage eingehen würde. Was mir allerdings Kopfzerbrechen bereitet, ist die Frage, wie Unternehmen Gewinne einfahren können, wenn nur das, was die Konsumenten verdienen auch in die Unternehmen einfließen können. Druckt jemand heimlich Geld (meinetwegen in Form von digitalen Kontoständen) und verteilt es an die Reichen? 

Hier eine ganz naive Überlegung: 

Ein Dorf hat 110 Einwohner, davon besitzen 10 Einwohner einen Betrieb.
 
Jeder Betrieb beschäftigt 10 Dofbewohnner.
Jeder Dorfbewohner arbeitet in einem der Betriebe und verdient 2 Taler. 
Jeder Dorfbewohner gibt seine 2 Taler gleichmäßig verteilt in den 10 Betrieben aus.
 
Jeder Betriebseigentümer verdient also monatlich 20 Taler im Monat, mit denen er aber seine 10 Mitarbeiter bezahlen muss.
Wie kommt es dann, dass er Gewinn macht? Und wovon lebt er selbst? Wie kommt er selbst an sein Geld um einzukaufen? Die Dorfbewohner können ja nicht mehr Geld ausgeben als sie verdient haben.
mariposa22 antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29671

@mariposa22 

Jeder Betriebseigentümer verdient also monatlich 20 Taler im Monat, mit denen er aber seine 10 Mitarbeiter bezahlen muss.
Wie kommt es dann, dass er Gewinn macht? Und wovon lebt er selbst? Wie kommt er selbst an sein Geld um einzukaufen? Die Dorfbewohner können ja nicht mehr Geld ausgeben als sie verdient haben.

Du gehst hier von einem "Nullsummenspiel" aus, dass also Ware und Geld streng begrenzt sind. Geld steht aber nicht für sich allein, sondern stellt einen Gutschein dar. Und es ist auch kein "Nullsummenspiel", weil es eine Wertschöpfung gibt, Werte werden also neu geschaffen, etwa als Ware oder Dienstleistung.

Ich kann also beispielsweise meine Arbeitskraft zur Verfügung stellen, etwa für einen Haarschnitt. Dazu schreibe ich auf einen Zettel: "Einmal Haarschnitt von Lucan" (Würde ich zwar niemandem empfehlen, aber sei's drum...).

Diesen Zettel tausche ich jetzt gegen ein Brot. Der Bäcker lässt sich darauf ein, weil er im Gegenzug ja einen Haarschnitt von mir  bekommt. Irgendwann kommt er dann mit seinem Zettel und bekommt den gewünschten Schnitt verpasst. Ich habe den Zettel wieder, und kann ihn wieder gegen etwas anderes eintauschen. So lange ich meinen Friseurladen betreibe und der Zettel anerkannt wird hat er auch einen Wert.

Früher lief das auch in der Regel so, Geld war einfach nur ein Tauschobjekt. Bis irgendwann im Mittelalter der Kapitalismus erfunden wurde und Geld zum Selbstzweck wurde - mit den von Jack beschriebenen Folgen.

lucan-7 antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@lucan-7 

Geld steht aber nicht für sich allein, sondern stellt einen Gutschein dar. Und es ist auch kein "Nullsummenspiel", weil es eine Wertschöpfung gibt, Werte werden also neu geschaffen, etwa als Ware oder Dienstleistung.

Das bedeutet doch, dass ein Produkt durch ein weiteres Produkt plus Arbeitsleistung aufgewertet wird. Dennoch muss das aufgewertete Produkt am Ende von jemanden erworben werden. Es läuft doch alles darauf hinaus, dass am Ende einer Kette der Endverbraucher das Produkt bezahlen soll. Aber er kann  nicht mehr dafür bezahlen als er hat. Es sei denn, man bringt Schuldscheine ins Spiel und benutzt die dann als Zahlungsmittel? Ist das des Rätsels Lösung?

mariposa22 antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29671

@mariposa22 

Es läuft doch alles darauf hinaus, dass am Ende einer Kette der Endverbraucher das Produkt bezahlen soll. Aber er kann  nicht mehr dafür bezahlen als er hat.

In einem geschlossenem System kann das in der Tat nicht funktionieren. Wenn die Arbeiter einer Fabrik die einzigen Kunden auf der Welt sind, dann kann der Besitzer der Fabrik nicht reich werden.

Es funktioniert also nur dann, wenn es auch einen Markt gibt - also andere Kunden an anderen Orten, die die Ware kaufen. Und welche das Geld dafür auf andere Weise verdienen.

Es sei denn, man bringt Schuldscheine ins Spiel und benutzt die dann als Zahlungsmittel? Ist das des Rätsels Lösung?

Geld ist ja nichts anderes als ein Schuldschein. Das ist es ja, was den Wert ausmacht.

lucan-7 antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@lucan-7

In einem geschlossenem System kann das in der Tat nicht funktionieren. Wenn die Arbeiter einer Fabrik die einzigen Kunden auf der Welt sind, dann kann der Besitzer der Fabrik nicht reich werden.

Und wenn du jetzt die ganze Welt als geschlossenes System nimmst? Bis jetzt waren meines Wissens noch keine Aliens bei uns einkaufen, aber wer weiß...

Geld ist ja nichts anderes als ein Schuldschein. Das ist es ja, was den Wert ausmacht.

Das heißt, wir leben alle auf Pump und irgendwann kommt die große Abrechnung?

 

mariposa22 antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29671

@mariposa22 

Und wenn du jetzt die ganze Welt als geschlossenes System nimmst? Bis jetzt waren meines Wissens noch keine Aliens bei uns einkaufen, aber wer weiß...

Es ist insofern nicht "geschlossen", weil immer wieder neue Werte geschaffen werden. Wenn du ein Stück Land hast, hat das einen Wert. Wenn du darauf ein Haus baust steigt dieser Wert. Wenn dann eine Autobahn in der Nähe gebaut wird steigt der Wert noch einmal.

Das meiste von dem, was heute einen "Wert" hat, hat es vor 100 Jahren noch nicht gegeben. Auch darauf hat Jack ja schon hingewiesen: Kapitalismus braucht Wachstum.

Wie lange das mit dem Wachstum funktioniert kann keiner so genau sagen... aber sagen wir mal so: Es gibt schon Gründe, warum Elon Musk unbedingt auf den Mars will...

Was nicht ewig funktionieren wird sind begrenzt vorhanden Rohstoffe. Erdöl kann aus dem Boden gepumpt und verkauft werden, weil es einen Wert hat. Aber wenn nichts mehr da ist ist damit Schluss. Oder schon vorher, da wir ja wissen dass das Verbrennen von Öl eher keine gute Idee ist.

lucan-7 antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@lucan-7 

Es ist insofern nicht "geschlossen", weil immer wieder neue Werte geschaffen werden. Wenn du ein Stück Land hast, hat das einen Wert. Wenn du darauf ein Haus baust steigt dieser Wert. Wenn dann eine Autobahn in der Nähe gebaut wird steigt der Wert noch einmal.

Ja aber das Land muss erst einmal verkauft werden. Und wovon wird es bezahlt, wenn alle unter dem Wert verdienen?

mariposa22 antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29671

@mariposa22 

Ja aber das Land muss erst einmal verkauft werden. Und wovon wird es bezahlt, wenn alle unter dem Wert verdienen?

Mit dem Land entsteht ein neuer Wert. Und mit dem Wert entsteht auch neues Geld.

Wieder das Beispiel mit dem Schuldschein: Ich kann einen Zettel schreiben, auf dem steht: "Das Land der Ponderosa-Ranch gehört dem Besitzer dieses Zettels!" - damit hat der Zettel einen Wert, nämlich den Gegenwert zu eben dieser Ranch.

Wobei ich normalerweise nicht nur einen Zettel schreiben würde, sondern beispielsweise einen Gutschein für jedes Rindvieh auf dieser Ranch. Und natürlich schreibe ich die "Gutscheine" nicht selbst, sondern verwende die zertifizierten Scheine des jeweiligen Landes, sprich: Die Landeswährung...

Mit einem Teil davon bezahle ich die Arbeiter der Ranch. die tun sich dann mit den Arbeitern deiner Fabrik zusammen, und gemeinsam haben sie auch genug Geld, um die Produkte dort kaufen zu können und den Besitzer der Fabrik reich zu machen.

Aber das geht eben nur mit Wachstum.

Ein Schneeballsystem ist es nicht, weil es ja echte, reale Gegenwerte gibt für das Geld, das im Umlauf ist: die Fabrik, die Produkte, die Rinder, die Farm.

lucan-7 antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@lucan-7 

Wobei ich normalerweise nicht nur einen Zettel schreiben würde, sondern beispielsweise einen Gutschein für jedes Rindvieh auf dieser Ranch. Und natürlich schreibe ich die "Gutscheine" nicht selbst, sondern verwende die zertifizierten Scheine des jeweiligen Landes, sprich: Die Landeswährung

Also ich habe "Gutscheine" hergegeben, um das Land zu erstehen und welche, um das Haus zu erbauen, und würde ich das Land samt Haus wieder veräußern, würde ich mehr "Gutscheine" bekommen als dass ich investiert hätte. Nur, woher kommen denn die zusätzlichen Gutscheine? Woher hat derjenige sie, der sie mir gibt und das Land erwirbt? 

Betrachte das doch mal von oben nach unten. Ich kann doch am Ende nur soviele Gutscheine einnehmen, wie andere zur Verfügung haben.

mariposa22 antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 29671

@mariposa22 

Betrachte das doch mal von oben nach unten. Ich kann doch am Ende nur soviele Gutscheine einnehmen, wie andere zur Verfügung haben.

Die "Gutscheine" sind ja abstrakt, weil sich darauf nur Zahlen befinden. Und entscheidend ist, welchen Wert sie darstellen.

Wenn ich 1000 "Gutscheine" habe, und der Gegenwert dieser Gutscheine, also des Geldes, ist die Wirtschaftsleistung eines Landes insgesamt, dann steigt der Wert des Geldes, sobald auch die Wirtschaftsleistung steigt. 

Es sei denn, es wird weiteres Geld ausgegeben, entsprechend des gestiegenen Gegenwertes.

Damit ist dann auch mehr Geld im Umlauf als zuvor. Wichtig ist nur, dass der Gegenwert erhalten bleibt... sonst kommt eine Inflation und der Wert des Geldes sinkt.

lucan-7 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6286

@mariposa22 Hier eine ganz naive Überlegung: (...)

Du vergisst zuerst einmal in Deiner Rechnung die Betriebseigentümer, die ich der Übersichtlichkeit halber gleich mal als Kapitalisten* bezeichne... 😉

Die in den Betrieben angestellten, Lohnarbeit* verrichtenden Dorfbewohner bezeichne ich mal gleich als Arbeiter. 

Jeder dieser Arbeiter bekommt am Ende des Monats 2 Taler. Der Marktwert* seiner Arbeitsleistung beträgt allerdings 4 Taler. Zwei Taler (Mehrwert*) davon bekommt also der Kapitalist am Ende des Monats von jedem seiner Arbeiter gemäß dem zwischen ihnen abgeschlossenen Arbeitsvertrag überlassen (das steht so nicht ausdrücklich drin, aber ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen vereinbarter Arbeitszeit und Entlohnung). Zu der Markt-Nachfrage von 200 Talern (2 x 100) der Arbeiter kommen in Deinem Beispieldorf also noch die 200 Taler (20 x 10) der Kapitalisten.

Theoretisch könnte also, unter der Annahme, die Verhältnisse wären sooo einfach wie in Deinem Beispiel, die eine Hälfte der in dem Dorf produzierten Güter von den Arbeitern gekauft werden und die andere Hälfte von den Kapitalisten. Jeder Kapitalist kann sich gemäß Deinem Beispiel also zehn mal soviele Güter kaufen wie einer seiner Arbeiter. Man könnte es also so ausdrücken: die Hälfte aller in dem Dorf produzierten Werte landet im Besitz der 10 Kapitalisten. Welche diese Werte dann "investieren" können, um noch mehr Arbeiter (aus den Nachbardörfern... 😉 ) für sich arbeiten zu lassen: der Reichtum (das, was durch Arbeit an Werten produziert wird) akkumuliert* sich damit bei den Kapitalisten...

 

In der Realität sind die Verhältnisse freilich deutlich komplizierter, beispielsweise liegt der zu erzielende Preis der Waren auf dem Markt ja höher als der von den Arbeitern produzierte Mehrwert: es müssen alle Material- und Betriebskosten draufgeschlagen werden. Darüber funktioniert das System auf einem abgeschlossenen Markt eben nicht sonderlich gut (eigentlich gar nicht), weswgen ja ständig "neue Märkte" oder "neue Verbrauchergruppen" erschlossen werden müssen... Aber all diese wirklich komplexen Zusammenhänge hier zu referieren würde sowohl meine zeitlichen Möglichkeiten überschreiten wie auch meine Kompetenz. 😀

Ich könnte Dir raten, "einfach mal" das Kapital von Marx zu lesen, aber diesem Rat würdest Du vermutlich nicht folgen (ich täte es an Deiner Stelle jedenfalls nicht, weil: viiiiiiiiiiel zu viele Seiten). Daher verlinke ich hier einfach mal einen in die Materie einführenden Vortrag* von Peter Decker: Klick mich, ich bin ein Youtube-Link!

Der Vortrag darüber, wie Reichtum im Kapitalismus entsteht, woraus er besteht, wie er verteilt wird und so weiter und so fort, ist zweieinhalb Stunden lang, aber man kann ihn halt so "nebenbei" schauen, bzw. hören, während man Gemüse schnippelt oder sonst eine wenig den Kopf beanspruchende Tätigkeit verrichtet. Vielleicht macht er Dir "Lust auf mehr", so, wie bei mir vor ein paar Monaten andere YT-Videos, in denen die marxistische Perspektive eingenommen oder erklärt wurde, Lust auf mehr gemacht und mich zur Lektüre gebracht haben.

 

 

 

 

*Ich verwende hier den marxistischen Jargon, obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, dass er auf "Neulinge" erstmal abschreckend wirken kann. Aber um bestimmte Zusammenhänge durchdenken und verstehen zu können, ist es echt hilfreich, dafür gut nützlich definierte Begriffe zu haben und der marxistische Jargon bietet solche Begriffe. Dass sie auf uns hier im Westen oder unter der DDR-Diktatur leidend sozialisierte Menschen abschreckend wirken, ist normal: entweder assoziieren wir (Westler) mit ihnen die Ideologie des Feindes aus dem Kalten Krieg oder eben als ostler den Feind inform der eigenen Regierung. Letzlich beruht diese abschreckende Wirkung aber doch auf Vorurteilen: der marxistische Jargon (oder, positiver formuliert: die marxistische Terminologie) ist bei der Analyse der Verhältnisse hilfreich und kann nix dafür, dass er nach Marx häufig von den "falschen" Leuten verwendet wurde... 😉

**Dem unten im Video eingeblendeten link (kapital-lesen.com) brauchst Du übrigens nicht zu folgen, die Seite ist offline.

 

 

 

 

 

jack-black antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6286

p.s.:

Disclaimer!!!!

Der verlinkte Vortrag ist inklusive der Publikumsnachfragen nur ~ 2 Stunden lang. Danach kommt, einfach so drangepappt, noch irgendeine Lesung aus einem Buch von Neil Gaiman. Die hab ich mir weder angehört noch weiß ich, was die da überhaupt zu suchen hat. Ich hatte mir den Vortrag vor einer Weile aus einer anderen Quelle bei YT angehört, weiß aber nicht mehr, von welcher. 

jack-black antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@jack-black Danke dir. Ich werde mir den Film auf jeden Fall anschauen. Bei mir hat sich der Eindruck verfestigt, dass der Kapitalismus hauptsächlich auf Schulden und Abhängigkeit beruht. Ich betrachte das nicht von der marxistischen Seite, sondern Bezug zum AT. Auszug aus Ägypten und so.

mariposa22 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 6286

@mariposa22 Bei mir hat sich der Eindruck verfestigt, dass der Kapitalismus hauptsächlich auf Schulden und Abhängigkeit beruht.

Tatsächlich hatte ich die letzten Tage mal überlegt, einen Thread zum Thema "Zinsverbot" aufzumachen. Das war ja bis in's Mittelalter ein ernstes Thema für die Christenheit - während es heutzutage praktisch wohl kaum noch irgendwelchen christlich Gläubigen relevant erscheint... Na, mal schau'n. 🙂

jack-black antworten
DerElch
(@derelch)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 2199

@jack-black 

Unter Schneeballsystemen versteht man eigentlich etwas anderes als den Kapitalismus - nämlich einfach eine bestimmte Betrugsmasche, wo halt Teilnehmer Geld zahlen in der Hoffnung, später mehr Geld dafür zu bekommen. Dabei wird ihr Geld dazu verwendet die "Gewinne" älterer Teilnehmer auszuzahlen

Unser Rentensystem zum Beispiel...

derelch antworten


kerygma
Beiträge : 774
Veröffentlicht von: @mariposa22

Was mir allerdings Kopfzerbrechen bereitet, ist die Frage, wie Unternehmen Gewinne einfahren können, wenn nur das, was die Konsumenten verdienen auch in die Unternehmen einfließen können.

Wieso sollte es nicht möglich sein, Gewinne einzufahren?

kerygma antworten
8 Antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@kerygma 

Wieso sollte es nicht möglich sein, Gewinne einzufahren?

Weil die Leute nicht mehr ausgeben können als dass sie verdienen, es sei denn, sie verschulden sich.

mariposa22 antworten
kerygma
(@kerygma)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 774

@mariposa22 Du gibst doch Dein Geld nicht bei Deinem Arbeitgeber aus...

kerygma antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@kerygma Und wer kauft bei meinem Arbeitgeber ein, damit er mein Gehalt bezahlen kann und außerdem Gewinn macht? Das sind doch die Mitarbeiter des Betriebes, bei dem ich wiederum einkaufe.

mariposa22 antworten
kerygma
(@kerygma)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 774

@mariposa22 Die Mitarbeiter geben bei Deinem Arbeitgeber aber mehr aus als Du an Lohnkosten kostest. Geld hat im Grunde den früheren Tauschhandel ersetzt, ist aber im wesentlichen nichts anderes, nur dass Du eben keine Kuh mehr zu Deinem Vermieter schleppen musst, sondern eine Überweisung tätigst. 

 

kerygma antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@kerygma Dann müssen sie aber besser verdienen als ich. Und wie kann das sein, wenn ihr Betrieb das einnimmt, was ich mir von meinem kargen Lohn leisten kann?

mariposa22 antworten
kerygma
(@kerygma)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 774

@mariposa22 Lohn von 10 Mitarbeitern > Lohn von 1 Person

kerygma antworten
Mariposa22
(@mariposa22)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 1377

@kerygma Mein Betrieb hat nur eine Mitarbeiterin, nämlich mich. Hätte mein Betrieb mehr Mitarbeiter würde sie keinen Gewinn mehr machen, weil

Die Mitarbeiter geben bei Deinem Arbeitgeber aber mehr aus als Du an Lohnkosten kostest. 

 

 

 

mariposa22 antworten
kerygma
(@kerygma)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 774

@mariposa22 ich bin dann mal raus. Dir einen schönen Tag.

kerygma antworten
kerygma
Beiträge : 774
Veröffentlicht von: @mariposa22

Bei mir hat sich der Eindruck verfestigt, dass der Kapitalismus hauptsächlich auf Schulden und Abhängigkeit beruht.

@mariposa22

Da würde ich Dir zustimmen. Schau Dir das Thema Dispokredite an. Jeder bekommt einen. Die Logik ist immer: falls mal was ist, das Gehalt nicht rechtzeitig kommt, was auch immer. Dabei könnte man auch einfach einen positiven Grundbestand in Höhe von 1 oder 2 Monatsgehältern auf seinem Konto haben.

kerygma antworten
1 Antwort
DerElch
(@derelch)
Beigetreten : Vor 24 Jahren

Beiträge : 2199

@kerygma 

Dabei könnte man auch einfach einen positiven Grundbestand in Höhe von 1 oder 2 Monatsgehältern auf seinem Konto haben.

Nur wenn man wesentlich mehr verdient, als man zum Leben braucht. Ist spätestens mit Kindern nicht mehr der Fall. Bei vielen vorher schon nicht. 

derelch antworten


Kappa
 Kappa
Beiträge : 1743

@mariposa22 

 

Nun der Gewinn wird ja auch für was verwendet.

- entweder man kauft was oder durch die Banken wird es investiert und verliehen.

Dazu gibt es das sogenannte Buchgeld was auch geschaffen werden kann.

Dem Markt wird immer mehr Geld zugeführt.

kappa antworten
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