Wie damit umgehen, dass man konventionell unattraktiv/"hässlich" ist?
Hey, also kurzum: Ich (M/19) bin äußerlich konventionell "unattraktiv", und das sage ich nicht aus einem Drang von Mitleidsbekundungen aus, sondern aus Tatsache heraus, dass ich in meiner Schulzeit die meiste Zeit aufgrund meines Aussehens gehänselt wurde und mir nun auch einige Dating-Apps heruntergeladen habe, nur um jetzt nach einer Woche feststellen zu müssen, dass ich insgesamt 0 Likes habe. Auch hat sich nie ein Mädchen bzw. eine Frau für mich interessiert. Deswegen hatte ich in meinem gesamten Leben nie eine Freundin, und habe geschweige denn auch nie die Hand einer Frau (romantisch) halten dürfen. Das liegt daran, dass ich vom Aussehen her wirklich eher von der Norm abweiche, u. A. weil ich zentralasiatische Gesichtszüge habe, die einfach hierzulande unbekannt bzw. merkwürdig wirken. Hinzu kommt meine genetische Prädisposition (väterlicherseits) zu Hautunreinheiten.
Dieses Thema konnte mich nie wirklich loslassen. Ich würde natürlich niemanden wegen seines "hässlichen Aussehens" (vor)verurteilen, aber irgendwie kann ich mir selber diesen Standard nicht setzen. Damals hasste ich es sogar, mich bloß im Spiegel ertragen zu müssen. Fotos von mir gibt's auch eigentlich keine seit meiner Kindheit mehr, weil es mir einfach so peinlich ist, überhaupt fotografiert zu werden, da ich mich dafür schäme, in diesem Körper quasi gefangen zu sein. Mein Aussehen hat leider auch meine Psyche maßgeblich negativ beeinflusst, weswegen ich nun eine diagnostizierte Sozialphobie habe, die dazu führte, dass ich mich (vor meinem Umzug vor einem Monat; lebe nun alleine, um eine Ausbildung anzufangen) die letzten Jahre bereits vor der Pandemie quasi 24/7 abschottete (Freunde habe ich deswegen natürlich auch nicht).
Ich war nie religiös (Bin Agnostiker), aber dennoch kam mir diese Sache immer so vor, als wäre ich im wahrsten Sinne des Wortes "von Gott gestraft" auf die Welt gekommen und als wäre mein gesamtes Dasein nur eine Qual, ein Fehler. Wie würde Jesus, oder Gott, das rechtfertigen? Was habe ich getan, dass ich es "verdient" habe, so ein Leben leben zu müssen? Wieso muss es äußerlich "hässliche" Menschen in einer gottgeschaffenen Welt geben?
Hallo @reich,
hier schreibt Dir ein 42-jähriger Mann, der sich als junger Erwachsener dieselben Fragen gestellt hat.
Zwischen etwa 18 und Anfang 30 war ich alles andere als ein Schönheitsideal. Ich war stark übergewichtig – zeitweise brachte ich bei gerade einmal 167 cm Körpergröße rund 130 kg auf die Waage. Mein Haarausfall begann schon mit Anfang zwanzig; mit 25 hatte ich praktisch bereits einen kahlen Oberkopf. Dazu kamen fettige Haare, unreine Haut und vieles, was das Selbstbewusstsein nicht gerade stärkt.
Ich kenne deshalb diese Gedanken sehr gut: "Warum ausgerechnet ich? Warum musste ich so aussehen? Hat Gott mich vergessen? Oder sogar bestraft?"
Deshalb möchte ich Dir vor allem eines sagen: Nach christlichem Verständnis lautet die Antwort ganz klar Nein.
Jesus begegnet Menschen nie nach ihrem äußeren Erscheinungsbild. Im Gegenteil: Diejenigen, die wegen ihres Aussehens, ihrer Krankheit oder ihrer gesellschaftlichen Stellung ausgegrenzt wurden, waren oft genau die Menschen, denen er sich zuerst zuwandte. Nicht, weil sie schöner oder besser gewesen wären, sondern weil ihre Würde für ihn nie vom Aussehen abhängig war.
Du fragst, warum Gott überhaupt Menschen erschafft, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen. Ich glaube, die eigentliche Frage ist, warum wir Menschen Schönheit so eng definieren. Dass jemand wegen seines Aussehens verspottet wird, ist nicht Gottes Werk, sondern Ausdruck unserer eigenen Oberflächlichkeit.
Ich weiß, dass Dir das Deine Schmerzen nicht einfach nimmt. Wenn man jahrelang ausgelacht wurde, prägt das einen. Solche Wunden sitzen tief und verschwinden nicht durch einen Bibelvers oder einen gut gemeinten Satz.
Aber ich möchte noch etwas zu den Dating-Apps sagen.
Eine Woche und null Likes sagen erstaunlich wenig über Deinen Wert als Mensch aus. Diese Plattformen belohnen in erster Linie den ersten optischen Eindruck. Sie sind keine objektive Messung Deiner Attraktivität und schon gar nicht Deines Wertes. Es gibt Menschen, die dort hunderte Likes sammeln und trotzdem einsam sind. Und es gibt Menschen, die dort völlig untergehen und später eine glückliche Ehe führen.
Viel mehr Sorge macht mir ein anderer Satz von Dir: dass Du Dich jahrelang fast vollständig von anderen Menschen abgeschottet hast und inzwischen eine diagnostizierte Sozialphobie hast. Das erscheint mir als die eigentliche Last, die Du trägst. Denn sie nimmt Dir die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen – Frauen ebenso wie Freunde.
Wenn ich Dir aus meiner eigenen Erfahrung einen Rat geben dürfte, dann diesen: Arbeite nicht zuerst daran, für Frauen attraktiver zu werden. Arbeite daran, Frieden mit Dir selbst zu schließen. Das ist schwer und dauert oft lange. Aber es verändert mehr als jede neue Frisur oder jedes bessere Profilfoto.
Und noch etwas: Dass Du noch nie eine Freundin hattest, macht Dich weder weniger männlich noch weniger liebenswert. Du bist 19 Jahre alt. Auch wenn es sich gerade so anfühlt, als hätte das Leben längst entschieden – das hat es nicht.
Das erkenne ich an mir selbst. Heute, mit Mitte 40, werde ich von vielen Menschen eher als attraktiv wahrgenommen – was ich manchmal selbst kaum glauben kann. Mit 19 hätte ich das für völlig ausgeschlossen gehalten. Menschen verändern sich. Das Aussehen verändert sich. Die Ausstrahlung verändert sich. Und manchmal verändert sich auch einfach der Blick der anderen.
Vielleicht kommt Deine Zeit erst noch.
Und glaube mir: Eine Beziehung löst längst nicht alle Probleme des Lebens. Sie bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich. 😉
Ob Gott Dich liebt, entscheidet sich nicht daran, wie viele Menschen Dich attraktiv finden. Nach christlichem Glauben entscheidet sich das am Kreuz. Dort hat Christus seinen Wert, den er Dir zuspricht, bereits gezeigt – unabhängig davon, wie Du aussiehst oder wie andere Dich behandeln.
Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du irgendwann begreifst, was ich selbst erst viele Jahre später verstanden habe: Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen "Ich bin hässlich" und "Ich fühle mich hässlich." Das eine behauptet einen objektiven Fakt. Das andere beschreibt eine Wunde. Und Wunden können heilen.
Alles Gute für Deinen weiteren Weg.
@reich Hallo und Willkommen!
Haste Lust, ein weiteres Posting zu schreiben? 🙂
@reich
Hallo und willkommen hier im Forum!
Ich kann meinen Beitrag eigentlich kurz halten, denn ich stimme weitestgehend Mr.K zu. Fast alles, was er schreibt, könnte auch von mir sein. Und auch ich will dich nochmals darauf hin weisen, dass du mit 19 Jahren eigentlich noch in der Anfangszeit deines Lebens stehst,
Viel mehr Sorge macht mir ein anderer Satz von Dir: dass Du Dich jahrelang fast vollständig von anderen Menschen abgeschottet hast und inzwischen eine diagnostizierte Sozialphobie hast. Das erscheint mir als die eigentliche Last, die Du trägst. Denn sie nimmt Dir die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen – Frauen ebenso wie Freunde.
Wenn ich Dir aus meiner eigenen Erfahrung einen Rat geben dürfte, dann diesen: Arbeite nicht zuerst daran, für Frauen attraktiver zu werden. Arbeite daran, Frieden mit Dir selbst zu schließen. Das ist schwer und dauert oft lange. Aber es verändert mehr als jede neue Frisur oder jedes bessere Profilfoto.
Ich denke, dass du momentan am meisten mit der "sich selbst bestätigenden Kraft deiner eigenen Urteile" über dich selbst zu kämpfen hast. Du findest dich unattraktiv - und deshalb ziehst du dich zurück, meidest andere Menschen und musst erkennen, dass deine Probleme dich immer tiefer heranziehen. Und das macht dich dann in der Folge wirklich unattraktiv.
Ich bin jetzt 77 Jahre alt und hatte in meiner frühen Jugend ähnliche Probleme. Ich fühlte mich zwar nicht direkt hässlich (und war wohl auch nicht wirklich unattraktiv), war aber ziemlich schüchtern. Ältere Damen fanden das damals sehr nett ("so ein anständiger junger Mann....") bei den Jüngeren holte ich mit meiner zurückhaltenden Art aber keine Pluspunkte.
Aber man kann an sich arbeiten! Wenn du mal kritisch auf andere Leute deines Alters schaust, dann wirst du bestimmt feststellen, dass du mit deinem Erscheinungsbild (so wenig es dir auch gefällt) keineswegs eine negative Ausnahme bist. Und aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es nur zum geringen Teil auf das Äußere einer Person ankommt (ja, etwas schon...), viel wichtiger ist die Person selbst, also ihre Aktivität, ihr Witz, ihre Offenheit, ihre Schlagfertigkeit, ihr Wissen (!), ihre Freundlichkeit, ihre allgemeine Einstellung zum Leben. Ach, es gibt so vieles, wo Menschen aus der Masse etwas hervorstechen, was ganz normale Menschen attraktiv macht.
Aber vielleicht brauchst du tatsächlich so etwas wie einen Coach, der dich eine Zeit begleitet und dir mit Rat und Tat persönlich zur Seite steht. Das kann auch ein guter (und möglichst auch kritischer) Freund sein, vielleicht ein Trainer (falls du Sport machst), vielleicht auch ein Ausbilder im Job? Auf jeden Fall solltest du Kontakte SUCHEN, z.B. in einem Verein (Sportverein), einem Chor..., wie und wo auch immer. Denn am leichtesten fällt es den meisten Leuten, ihre Zurückhaltung aufzugeben, wenn sie sich in solchen vertrauten Kreisen aufhalten. Und so kann man sich dann auch weiterentwickeln.
Eine positive Weiterentwicklung - erst mal zu mehr Selbstvertrauen - wünsche ich dir!
LiGrü
Dschordsch