Eine textuelle Betrachtung des evangelischen Argumentes gegen das Papsttum nach Matthäus 23:9
Ich hatte hier gelesen, die Stellung des Papstes samt Anspruch wäre abzulehnen, da Matthäus 23:9 aussage, das man niemanden Vater nennen solle. Ich möchte hierauf etwas detaillierter eingehen:
Matthäus 23:9, Nestle 1902:
καὶ πατέρα μὴ καλέσητε ὑμῶν ἐπὶ τῆς γῆς· εἷς γάρ ἐστιν ὑμῶν ὁ Πατὴρ ὁ οὐράνιοςMatthäus 23:9, Peshitta:
waḇā lā teqron ləḵon barᶜā ḥaḏ ū gēr ᵓaḇūḵon dəḇašmayyā
Für den Koiné griechischen Ausgangstext nach Nestle ist zur Beurteilung das Wort patera (πατέρα) entscheidend, welches sowohl als Akkusativ Singular als auch mit Patēr (Πατὴρ) als allgemeiner Nominativ verwandt wurde. Letztere Form ist durch seinen Bezug zum Himmel eindeutig als Gottesbezeichnung identifizierbar (daher Groß geschrieben), ersterer nicht. Warum? Offensichtlich, weil mit dem Wort als Nominativ im Satz ein Abstammungsverhältnis ausgedrückt wird oder es sich um eine ehrende Titulierung handelt - Griechischer Lexika gemäß kann beides zutreffen. Beide Begriffe sind nun allerdings im griechischen Vers semantisch auf die Begründung bezogen, das nur einer der Vater im Himmel sei und beide Formen demnach zu vermeiden wären. Dies wiederum ist etwas merkwürdig, da nun jede ehrende Bezeichnung des eigenen Vaters quasi den Status der Gotteslästerung zukäme. Spätestens an diesem Punkt müsste man also nachdenklich werden...
Wie ist das gemeint?
Dies klärt sich, durch heranziehen seines aramäischen Äquivalents, denn hier tauchen plötzlich zwei unterschiedliche Varietäten für Vater auf, die jeweils mit unterschiedlicher Bedeutung verwandt wurden: (Aḇā) und (Aḇū). Erstere ist heilige Ersatzbezeichnung für das Tetragramm, welche Yeshua wählte um den Gottesnamen nicht aussprechen zu müssen. Diese spezielle Koseform betont als ehrende Titulierung den familiär fürsorglich-liebenswürdig sich aufopfernden, jedoch auch autoritären Aspekt göttlichen Heilswirkens (im biblischen Hebräisch als Eifer Gottes ausgedrückt). Kein aramäisch sprechender Christ würde je auch nur auf die Idee kommen dieses Wort als Ansprache für irgend einen Menschen zu verwenden und sei es der Oberpatriarch von sonstwoher! Das zweite Wort meint den leiblichen Vater und wurde bzw. wird (etwa im Judentum) darüber hinaus auch bis heute als ehrende Bezeichnung sowohl für Männer als auch Frauen verwandt. Eine Tochter, die sich beispielsweise energisch für bessere Essgewohnheiten ihrer Mutter einsetzt und dahingehend argumentiert (orientalisches Temperament) kann von ihrer Mutter durchaus liebevoll als 'mein Väterchen' Bezeichnung finden. Da wir jetzt über beide Bedeutungen einigermaßen Bescheid wissen ergibt wörtlich orientierte Übersetzung folgenden Sinn:
Und nicht werdet ihr Euch das Väterchen (Aḇā) nennen wie rufen im Land: - Eins [die Zahl Eins, hier im Sinne von exklusiv allein] ist Er für Euch: Euer Vater in den Himmeln.
Hieraus wird deutlich, das es Yeshua nicht um die ehrenvolle Titulierung von Menschen als Vater ging, sondern um den Schutz einer Gottesbezeichnung, die im Aramäisch seines Umfeldes regulär als Koseform gängig war, nun aber im Rahmen seiner Verkündigung wegen seines Gottesbezugs nicht weiter verwandt werden durfte!
Die griechische Überlieferung verschleiert diesen Zusammenhang, da beide aramäischen Begriffe durch das selbe Wort Übersetzung fanden und die Bedeutungsverschiebung durch Varianten ausgehend von einer Wortwurzel in der griechischen Grammatik nicht vorhanden ist. Dies macht es den westlichen Übersetzern schwer, textgetreu zu übertragen.
Wenn evangelische oder gar evangelikale Christen also den Anspruch des Papstes kritisieren (und hier gäbe es anhand der Kirchenväter viel zu schreiben), sollten sie sich besser auf andere Verse beziehen.
Danke fürs lesen.
Wie liest sich nun Joh 8,37 bis 59 unter diesem Wissen über zwei verschiedene Vaterausdrücke?
Ich würde mir das gerne farblich markieren in meiner Bibel, denn es präzisiert das Verstehen in diesem Abschnitt.
@deborah71 Ich kann sie Dir morgen übersetzen, heute finde ich hierfür leider keine Zeit. Liebe Grüße.
@deborah71 Wenn Du dir die Übersetzung des griechischen Verses nochmal ansiehst wirst du bemerken, das die erste Form des Wortes Vater mit πατέρα kontextuell kein eindeutiger Gottesbezug darstellt, während dies bei zweiter Nennung durch Πατὴρ eindeutig der Fall ist. In meinem übersetzen Vers aus der Peshitta ist dies jedoch genau umgekehrt: Erstgenanntes Aḇā ist Ersatzbezeichnung des Tetragramms und nachfolgendes Aḇū entweder Abstammungszuordnung oder Ehrenbekundung.
Hieraus kann man schon ersehen, das aramäisches Sprachverständnis anders ausfallen muss als das indoeuropäische Griechisch der Evangelien. Erstere Sprache ist nämlich streng objektbezogen, zweitere wie alle semitischen Sprachen biblischer Antike prozess- oder seinsbezogen. Da nun Yeshua (Jesus) Aḇā damit automatisch als Gottesbezug der Erfahrung und des inneren, mystischen Erlebens heiligt und nicht im Sinne eines isolierten Objektes ideell abgesondert preist, erfahren alle Nennungen eine gänzlich differenzierte Bedeutung, denn in Johannes 8:37 - 59 geht es ja um die Behauptung Zuhörer hätten Satan als Vater. Da jener nicht Gott ist, kann im Kontext nur Aḇū verwandt worden sein, was auch der Fall ist. Ich wollte zunächst alle Verse auflisten und übersetzen, denke jedoch das ein anderer Vers aus dem Johannesevangelium die Bedeutung jener Identifikation anschaulicher beleuchtet:
Vers 95:
(hānaw) Dies meint nun folgendes: Das Gericht bringt das Licht für die Weltordnung und die Menschen liebten das dunkle (yattīr) mehr als [das helle] vom Licht; Sie wurden tatsächlich [schließlich] ihre bösen Taten.
Fett hervorgehobener Schluss ist notwendig wörtlich übersetzt. Entsprechende Sequenz kann man grammatikalisch nämlich anders gar nicht übertragen. Hervorgehobene Sequenz ist absolut konkret wie eindeutig formuliert (was für orientalische Ausdrucksweisen eher ungewöhnlich erscheint). Dies hier ist eine bewusste Formulierung, keine Nachlässigkeit von Übersetzern! Die Peshitta überliefert an dieser Stelle eine von mehreren weiteren Textvarianten, die meiner Kenntnis nach in den griechischen Abschriften so nicht vorkommen. Hintergrund ist: Da das Aramäische prozess- und seinsbezogen verbleibt, gibt es im Grunde nicht die strenge Trennung zwischen Subjekt (der Person) und Objekt (der Handlung) indoeuropäischer Sprachen! Ebenso wie im Hebräischen definiert das tun vielmehr wahres Selbst eines Menschen. In Bezug auf Johannes 8:37 - 59 benennt Jesus also keine ideell gedachte Mentalität oder redete in übertragenem Sinne: Nein, er deckte ein real verstandenes Abstammungsverhältnis auf, daher Aḇū.
Diese essentielle Sichtweise ist Basis der gesamten christlich orientalischen Theologie - und dies ist die ursprüngliche Sichtweise auf das Evangelium der Christenheit des ersten und zweiten Jahrhunderts, die ursprüngliche Theologie: Hunderte Jahre vor Etablierung der juristischen 'Theologie' des Westens. Nach ersterer kam Jesus nicht als Gott 'der Vorbote des göttlichen Gerichtsprozesses' in die Welt, sondern er ist das Licht und das Leben der Welt, gesandt zur Heilung der Weltordnung (griechisch Äon), mit welchem das Gericht stattfindet - weil Er als Licht und Leben der Welt das wahre Wesen des Menschen ans Licht bringt und damit offenbar werden lässt:
Vers 97:
Aber jene, welche die manifeste Wahrheit tun kommen zu dem Licht und werden wissen, realisieren das jene [Taten] in
und mit Gott getan [sind].
Dies ist der Seinszustand des Gläubigen Nachfolgers, welcher mit Aḇā gepriesen wird. Wenn im Johannesprolog davon geschrieben wurde, das Menschen aus Gott geboren sind, weil sie im Geist und den Wässern getauft wurden, dann verstanden frühe Christen dies ganz existenziell und real im Sinne einer mystischen Transformation ihres ganzen Seins - was innere Erfahrung und Anteilhabe an Christus sowie hierdurch aufgetan direkter, lebendiger innerer wie äußerer, geistig mystisch visionäre wie real reflektier- und erlebbare Beziehung zu Gott bedingt.
Ephräm der Syrer konnte dahingehend schreiben:
Das Licht blendet das kranke Auge nicht, weil das Licht böse ist, sondern weil das Auge geschwächt ist. Ebenso richtet das Licht die Menschen: Es scheint bloß, und jene, die die Finsternis in sich tragen, fliehen es, weil ihre Natur mit der Dunkelheit vermischt ist.
Isaak von Ninive schrieb:
Bemühe dich, in deine innere Kammer hineinzugehen, und du wirst die himmlische Kammer sehen. Denn die eine und die andere sind eins, und durch ein einziges Tor betrittst du beide. Die Leiter zu diesem Königreich ist in deiner Seele verborgen. Tauche ein in dich selbst, weg von der Sünde, und dort wirst du die Stufen finden, auf denen du aufsteigen kannst.
Gottes Segen.
Großartig. Die Beschränkung auf einen Bibelvers kann ich besser verdauen, als eine Menge auf einmal.
In der Erklärung ist eine Strömung, die Ehrfurcht vor dem Namen und wie damals gedacht wurde generiert.
Seine Gegenwart merke ich deutlich wie einen zarten positiven elektrischen Strom.
Die aktive Denkeweise "wir wollen tun und hören" ist bei mir schon länger eingegründet.
Neulich las ist: der schwerste Weg ist der nach innen. Isaak von Ninive hat es für mich ausgezeichnet ausgedrückt. Zur Ruhe kommen, in Seine Gegenwart kommen. Ich kann von mir aus nicht ins Allerheiligste gehen... ich werde hineingeholt, wenn es Gottes Impuls ist. Lange erlebte ich die Stiftshütte mit Brotgeruch von der rechten Seite und Licht von der linken Seite wenn es abends sehr ruhig war und es keinen Grund für Brotgeruch im Haus gab. Auch Hebr. 9 : die Einrichtung im Herzen mit dem Lobpreisaltar und freiem Zugang zum Thron der Gnade.
Deine Erklärung holt so viele im Geist gesehene Erlebnisse hoch.... kostbar.
"sie wurden ihre bösen Taten".... ja. man verändert sich in die Richtung, die man betrachtet und nach der man dann handelt oder eine richtende Haltung eingenommen hat. Mt 7
Den Vers "Sei Heilig!" durfte ich einmal so verstehen, dass ich das "Sei!" wie ein Schöpfungswort verstand. Gefolgt von den Gedanken: ich bin eine Königstochter des Allerhöchsten und aus diesem Sein heraus kann ich mich verhalten. Das machte Heiligung sehr einfach.
Ach, ich freu mich, dass ich dich gefragt habe... in der Antwort ist noch so viel mehr drin. Ich bin gespannt, wie sie sich weiter für mich entfaltet.
@deborah71
"Den Vers "Sei Heilig!" durfte ich einmal so verstehen, dass ich das "Sei!" wie ein Schöpfungswort verstand".
Das freut mich aufrichtig für Dich! Danke fürs teilen. Liebe Grüße.
https://biblehub.com/greek/3962.htm
Bible Hub zu strongs 3962 pater zeigt die Wirkung der Übereinstimmung auf: stimme ich mit Abba überein oder mit dem Lügner, der die Anrede Abba nicht verdient, also unter Abu fällt. Das gibt ein bestimmtes Ergebnis.
Geistliche Väter im Dienst
Paulus bezeichnet sich selbst als Vater der Bekehrten („Auch wenn ihr in Christus unzählige Lehrer habt, so habt ihr doch nicht viele Väter“ (1. Korinther 4,15) und verdeutlicht damit die Verantwortung eines Mentors. Doch Jesus verbietet es, Ehrentitel anzustreben, die Gottes einzigartige Vaterschaft verschleiern („Nennt niemanden auf Erden euren Vater; denn ihr habt nur einen Vater, der im Himmel ist“ (Matthäus 23,9)).
Warnungen vor falscher Vaterschaft
Jesus entlarvt den Teufel als falschen Vater: „Ihr seid von eurem Vater, dem Teufel … er ist ein Lügner“ (Johannes 8,44). Die geistliche Abstammung wird durch Taten und Glauben bestimmt, nicht durch bloße Herkunft (Johannes 8,39–41).
Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)
Jetzt kann ich Joh 8,39.... besser einordnen und verstehen mit deinem Aramäischwissen.
@kappa Es hing davon ab an wen er schrieb und wie seine Adressaten ihn verstehen konnten. Er beschreibt auch Adressaten seiner Briefe hätten noch 'Milch' nötig. Dies ist ein etablierter pharisäischer Term der besagt, man könne Zuhörern noch keine geistige Betrachtung zumuten. Seine Briefe wirken in einigen Passagen wie die Aussagen eines verzweifelten Milchauslieferers. Dahingehen bekannte Paulus ja selbst 'allen, alles geworden zu sein'. Das war seine Schwierigkeit: Er musste nicht nur eine sehr ernsthafte Sprachbarriere überbrücken, sondern auch enorme Mentalitätsunterschiede und diametral entgegengesetzte, kulturell wie sprachlich vermittelte Sichtweisen auf das physische wie geistige. Sowas kriegt man schwer aus dem eigenen Denken, da man damit mit Kenntnis der Muttersprache und umgebener Prägung aufwächst. Mir selbst fällt dies auch schwer.