Am Mittagstisch
Gestern am Mittagstisch gab es wieder einmal ein spannendes Thema im Lehrerzimmer. Irgendwie sind wir auf die Täufer und deren Verfolgung in Zürich gekommen. In dieser Diskussion steuerte der Wirtschaftslehrer eine Anekdote von einem Täufer, der auf der Flucht vor seinen Häschern über einen gefrorenen See lief. Einer seiner Häscher brach im Eis ein, und der Täufer kehrte um und rettet ihn, worauf hin er gefasst und hingerichtet wurde. Besagter Lehrer ereiferte sich darüber, wie dumm, dass dies sei und er würde sein Leben nie für sowas opfern. Die Diskussion nahm ihren Lauf und später liess sich der Lehrer zu der Aussage hinreissen, dass alle Motivation auf Sex oder Geld beruht und sonst gar nichts, alles kann auf Sex oder Geld reduziert werden.
Ich habe ihn dann gefragt, ob es nun Sex oder Geld war, welches den Täufer umkehren liess und den Mann rettet.
Er hat dann irgendwas von Ideologie gemurmelt. Eine Ideologie, die das Wohl des Anderen über das Eigene stellt, war meine Antwort darauf. Danach kam nichts mehr.
Irgendwie lässt mir die Haltung dieses Lehrers keine Ruhe. Sich lustig machen über Menschen, die bereit sind, für eine Überzeugung ihr Leben zu geben, ist das eine. Dies kann ich ja noch nachvollziehen.
Einen Glauben aber, der bereit ist, das Wohl eines Andern über das Eigene zu stellen als blosse ideologische Verblendung abzutun? Da frage ich mich, wer hier ideologisch verblendet ist.
@arcangel Danach kam nichts mehr.
Na, da hattest Du dann ja das Streitgspräch gewonnen. Gratulation! 🙂
Was mir bei dieser Diskussion auffällt: niemand scheint die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass dieser Täufer es nicht ertragen konnte, den Mann ertrinken zu sehen. Ich könnte mir vorstellen, dass er gar nicht groß nachgedacht, sondern einfach instinktiv gehandelt hat. Stellt euch mal vor, ihr stündet vor einem solchen Eisloch und würdet sehen, dass da jemand elendlich am krepieren ist. Würdet ihr dann kaltherzig den Mann seinem Schicksal überlassen?
Ich finde es allerdings seltsam, dass er dann keine Zeit mehr hatte, das Weite zu suchen, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.