Bonhoeffer - Zitat
Ein neuer Thread ... eingeleitet mit einer kleinen Tagebuch-Notiz:
"Hast Du die auch alle gelesen?" fragt unsere Enkelin Anna (gerade in die 2. Grundschul-Klasse gekommen), wenn sie sich in meinem Zimmer umschaut und vor den Regalen mit den vielen Büchern steht. "Nun ja, sage ich, Viele davon ... Andere nur zum Teil ... je nachdem"!" Tatsächlich habe ich in den Monaten vor unserem Aus- und Umzug kistenweise Bücher weggegeben. Aber immer noch sind die Regale voll bis zur Decke. --- In diesen Augusttagen kommt mir ein Buch in die Hand, dass ich vor fast 40 Jahren gekauft habe - und nie richtig und ganz gelesen habe: Die Dietrich-Bonhoeffer-Biografie von Eberhard Bethge (1044 Seiten), ein Standard-Werk über ihn bis heute ... Ich fange an, es zu lesen, und bin gebannt. In ein paar Wochen möchte ich Anna das Buch zeigen und sagen: "Guck mal, DAS hat der Opi nun tatsächlich auch gelesen!"
....
Heute las ich von ihm: „Die Sünde zu vermeiden kann die größte Schuld sein.“
Es ging ihm - in der ihn quälenden Frage, ob er sich als Christ (in Übertretung des 5. Gebots nach Luther) am Attentat auf Hitler beteiligen soll - um das Dilemma, dass man in bestimmten Situationen nicht mehr einfach zwischen Schuld und Unschuld entscheiden kann, sondern eine Entscheidung treffen muss, was - in Abwägung - das geringere Schuldigwerden bedeutet - im Vertrauen auf die Vergebung und Gnade Gottes!
Was meint Ihr dazu? - Ich denke und empfinde, dass er Recht hat.
L'Chaim
Interessante Frage.
Es gibt mehrere Worte für töten im Hebräischen mit einer spezifischen Bedeutung z.B. qatal, harag, mut, ratsach.
In 2. Mose 20,13 ist ratsach verwendet, das eine starke Richtung zu morden beinhaltet. Mord ist per Definition mit niederen Motiven und unrechtmäßigem Töten verbunden.
@deborah71 Dann interessiert es natürlich besonders, mit welchem Hebräischen Wort die Tötung von Goliath in 1 Samuel 17 beschrieben wurde. Weisst du hier etwas?
1. Sam 17, 50 mut beschreibt nur das Ergebnis ohne Wertung
@deborah71 Wenn die Bibel hier keine Wertung vornimmt, machen wir es lieber auch nicht.
Bleibt nur festzuhalten, dass das Wort „mut“ ja unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Wort „Mut“ hat.
Bleibt nur festzuhalten, dass das Wort „mut“ ja unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Wort „Mut“ hat
Würde ich nicht machen... denn so funktioneren Kurzschlüsse mit falschen Ergebnissen. Da gibt es einen Fachbegriff für: Assoziationsfehler.
Es ging ihm - in der ihn quälenden Frage, ob er sich als Christ (in Übertretung des 5. Gebots nach Luther) am Attentat auf Hitler beteiligen soll - um das Dilemma, dass man in bestimmten Situationen nicht mehr einfach zwischen Schuld und Unschuld entscheiden kann, sondern eine Entscheidung treffen muss, was
Hat sich Bonhoeffer denn an irgendeiner Stelle mit dem Thema Selbstverteidigung befasst? Also, ob ich jemanden in Notwehr töten darf, um mich oder andere zu schützen?
Denn nichts Anderes hätte das Attentat auf Hitler ja dargestellt.
Ich dachte immer, dass das das zentrale Thema sei, das man mit Bonhoeffer verbindet: das Bonhoeffersche Dilemma.
Egal ob man handelt oder nicht handelt – man trägt Verantwortung für Leid.
Für das Leid, das man verursacht. Oder für das Leid, das man nicht verhindert.
Und niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, was schwerer wiegt.
Ich merke, dass ich mehr und mehr dazu neige, diese Frage in Richtung Erdulden von Unrecht zu beantworten.
Weil Jesus nicht das System gestürzt hat – sondern das Böse durch das Kreuz entwaffnet.
Weil er nicht eingegriffen hat in der Weise, wie wir es manchmal fordern würden – sondern den Tod durch das eigene Sterben überwunden hat.
Ich glaube nicht, dass wir das Böse heilen, indem wir Böses tun.
Und vielleicht ist das die tiefere Herausforderung: zu leiden, ohne selbst zum Täter zu werden.
Veröffentlicht von: @thow42Ich merke, dass ich mehr und mehr dazu neige, diese Frage in Richtung Erdulden von Unrecht zu beantworten.
Weil Jesus nicht das System gestürzt hat – sondern das Böse durch das Kreuz entwaffnet.
Weil er nicht eingegriffen hat in der Weise, wie wir es manchmal fordern würden – sondern den Tod durch das eigene Sterben überwunden hat.
Mit diesen Sätzen tue ich mich schwer, denn im Fall Bonhoeffers geht es ja um die Problematik des sog. "Tyrannenmords" - d.h. Bonhoeffer ging es nicht um die individuelle, persönlicher Frage nach der Bereitschaft selbst Unrecht zu erdulden (er hat schließlich mit seinem Leben bezahlt!), sondern um die inständige Hoffnung, durch Hiters Tod das kollektive Leid von Millionen abzuwenden, die mit dem Krieg und der Shoah verbunden waren.
Und stell Dir vor, Du würdest den 6 Millionen Opfern der Shoah und ihren Familien als CHRISTLICHES Zeugnis sagen: "Weil Jesus nicht das System gestürzt hat – sondern das Böse durch das Kreuz entwaffnet. Weil er nicht eingegriffen hat in der Weise, wie wir es manchmal fordern würden – sondern den Tod durch das eigene Sterben überwunden hat."
Und mit dem "Erdulden von Unrecht" - als Nachfolge Jesu - hätte ich auch meine Schwierigkeiten. Ich denke eher, wir sind dazu berufen, dem Unrecht zu widerstehen, es nicht hinzunehmen und dagegen etwas zu tun, wenn und wo immer es möglich ist.
L'Chaim
Eine deutliche Tyrannentötung findest du im Buch Richter durch Ehud gegen Eglon im Auftrag Gottes, um sein Volk zu befreien.
Richter 3, 14 Und die Israeliten dienten Eglon, dem König von Moab, achtzehn Jahre. 15 Da schrien die Israeliten zu dem HERRN, und der HERR erweckte ihnen einen Retter, Ehud, den Sohn Geras, den Benjaminiter; der war linkshändig. Und als die Israeliten durch ihn Geschenke sandten an Eglon, den König von Moab, 16 machte sich Ehud einen zweischneidigen Dolch, eine Hand lang, und gürtete ihn unter sein Gewand auf seine rechte Hüfte 17 und brachte Eglon, dem König von Moab, die Geschenke. Eglon aber war ein sehr fetter Mann. 18 Und als er die Geschenke übergeben hatte, entließ er die Leute, die sie getragen hatten. 19 Er selbst aber kehrte um bei den Steinbildern zu Gilgal und sagte: Ich habe dir, o König, etwas Geheimes zu sagen. Der aber gebot: Still! Da gingen hinaus von ihm alle, die um ihn standen. 20 Und Ehud kam zu ihm hinein. Er aber saß in dem kühlen Obergemach, das für ihn allein bestimmt war. Und Ehud sprach: Ich habe ein Wort von Gott an dich. Da stand er auf von seinem Thron. 21 Ehud aber streckte seine linke Hand aus und nahm den Dolch von seiner rechten Hüfte und stieß ihm den in den Bauch, 22 dass nach der Schneide noch der Griff hineinfuhr und das Fett die Schneide umschloss; denn er zog den Dolch nicht aus seinem Bauch.
Boah ... Vers 22 kann ja drastische nicht sein!
Erinnert mich an Szenen, wo meine Frau - schon ab Vers 21 😉 - sofort wegschaut, wenn es im "TATORT" o.ä. "zur Sache geht".
L'Chaim
Die Episoden im Buch Richter folgen alle einem Muster:
dem Volk geht es gut
sie werden übermütig und folgen anderen Göttern nach
damit sind sie aus dem Schutz Gottes, werden angegriffen und fangen an zu murren
Gott erweckt ihnen einen Befreier, der tätig wird
sie kehren um zu Gott
und das Volk hatte xx Jahre Frieden
und nach einiger Zeit fängt das Spiel von vorne an.

@awhler Ich bin da recht einfach: Hatte Jesus die Macht, das brutale römische Joch zu beenden? Ich möchte nicht qualifizieren, ob Hitler oder einer der Caesaren der üblere Despot war. Jesus tat es nicht. Hat Paulus oder einer der Apostel dem System "in die Speichen gegriffen"? Zum Aufstand aufgerufen? Hat irgendeiner dieser Glaubensmänner im Neuen Testament zum gewaltsamen Widerstand gerufen oder es unterstützt? Meines Wissens nein. Warum also sollte es uns nun Recht und billig sein? Ich glaube eher, dass die Kirche und die Theologie da auf dem Weg durch die Jahrhunderte den klaren Auftrag Jesus und sein Vorbild aus den Augen verloren haben.
Oh, das widerspreche ich aber mal heftigst ....
Paulus und die Apostel standen ja nun kontextuell nicht vor der Frage und der konkreten Option, die Bonhoeffer gegeben war, sich in concreto an der Vorbereitung eines "Tyrannemords" zu beteiligen. Und auch wenn Jesu Mission der Erlösung (und die der neustestamentlicher Zeugen) nicht darauf ausgerichtet war, eine politisch-irdische Umsturzbewegung zu entfachen - dem Bösen entgegenzutreten, unrechte Regimente nicht gewähren zu lassen, Leid zu verhindern, den Herrschenden u.U. zu widerstehen, das ist und bleibt m.E. Christenpflicht und eine Berufung unseres Glaubens.
Für Bonhoeffer war es aber definitiv EINE EXTREM-Situation, die ihn - im eigenen Herzen und Gewissen - zur Entscheidung drängte, ihn quälte, ihn im Bewusstsein von Schuldübernahme und dem letzten Gebet vor dem Schafott nicht losließ ich hab's ja ausgeführt bzw. angedeutet.
Und dann schreibst Du: "Ich glaube eher, dass die Kirche und die Theologie da auf dem Weg durch die Jahrhunderte den klaren Auftrag Jesus und sein Vorbild aus den Augen verloren haben." - Anders, als Du es wohl meinst, wäre meine kritische Frage eher, wo und wie Kirchen & Kirchenregimente viel zu oft durch die Jahrhunderte das Bündnis von "Thron & Altar" gepflegt haben und mit den jeweils Mächtigen im Bunde waren ...
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Bonhoeffer beschäftigt mich in diesen Tagen übrigens weiter - dazu später. Und unter der Thread-Überschrift "Bonhoeffer - Zitat" möchte ich ff. gerne auch noch andere Sätze/Zitate von ihm hier in einen "Resonanzraum" stellen.
Verbunden auch mit der grundsätzlichen frage, was Ihr - der ein oder die andere - mit Bonhoeffer auf Eurem eigenen Glaubensweg und in Eurem Glauben verbindet oder bis dato verbunden habt.
L'Chaim
Tatsächlich ein Dilemma….
(Gute Frage.net) „Im griechischen Urtext steht das Wort "rhapizo", das einen Schlag mit dem Handrücken ins Gesicht bedeutet. Dies war eine Geste, die z.B. ein Herr gegenüber seinem Knecht tun durfte. Bei Gleichgestellten galt sie als schwere Beleidigung, die nach rabbinischem Recht doppelt bestraft wurde. Deshalb soll man sich durchaus beleidigen lassen, ohne sich zu wehren. Und man soll sich nicht rächen, was wohl die Kernaussage dieser Bibelstelle ist.“
(bibleproject.visiomedia.org): „Erstens war das Hinhalten der linken Wange eine deutliche Ablehnung der Beleidigung selbst. Zweitens forderte es den Beleidiger heraus, die Beleidigung zu wiederholen, und verlangte gleichzeitig, dass er nun mit der Handfläche zuschlägt, was man nicht bei jemandem macht, der geringer ist, sondern ebenbürtig. Mit anderen Worten: Die andere Wange hinzuhalten, bedeutet, dass derjenige, der schlägt, keine Macht hat, einen herablassend zu beschämen, weil die Würde des Opfers nicht von menschlicher Anerkennung abhängt – sie kommt von woanders her.“
So schlugen Herren ihre Sklaven oder Eltern ihre Kinder. Solch ein Schlag brachte Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck. Er sollte gezielt demütigen und erniedrigen.
Wenn der geschlagene Sklave aber nun den Kopf dreht und dem Angreifer die linke Wange entgegenhält, dann funktioniert das Ganze nicht mehr! Auf einmal ist da die Nase im Weg. Der Schläger steht blöd da.“

@rosanne Es ist die gleich Frage, die einem einst bei der "Gewissensprüfung" zum Zivildienst gestellt wurde. "Wenn der Feind deine Mutter oder deine Kinder bedroht und der einzige Ausweg für dich ist, die Waffe zu ziehen, würdest du nicht ..." Gute Frage, aber schon damals habe ich mir erlaubt, sie nicht zu beantworten, weil es keine Antwort darauf gibt, außer man ist in dem Moment und dann muss man wie Bonhoeffer eine Entscheidung fällen und dafür die Verantwortung tragen vor Gott und den Menschen. Aber solange darf ich fest im Glauben sagen: Nein, ich würde nicht. Weil es allem widerspricht, was ich im Glauben gelernt habe. Angefangen vom Gebot nicht zu töten bis hin zum bedingungslosen Vertrauen in die Souveränität Gottes, dass er eingreifen kann und wird, wenn er es will.
Damit liegst du goldrichtig. Der Grundsatz ist und bleibt: Wir sollten nicht, wir sollen nicht, wir dürfen nicht …
Mir haben die wenigen Stellen in der Bibel nur gelehrt: In einer künftigen, hoffentlich nie eintretender und heute noch nicht denkbarer Situation eines sehr grossen Bedrängnisses, können wir unter Todesangst oder beim Sehen unerträgliches Leiden anderer so handeln, wie wir es in dem Moment vor Gott vertreten können.
Veröffentlicht von: @rosanne... In einer künftigen, hoffentlich nie eintretender und heute noch nicht denkbarer Situation eines sehr grossen Bedrängnisses, können wir unter Todesangst oder beim Sehen unerträgliches Leiden anderer so handeln, wie wir es in dem Moment vor Gott vertreten können.
Ja, so ist es wohl.
Gestern las ich, dass wir bei der Beschäftigung mit Bonhoeffer immer "den Graben" im Bewusstsein haben müssen "zwischen der Situation des mehr oder weniger saturierten Bürgers in Sicherheit (welches wir sind) und desjenigen, der sich sehend in Gefahr begab und darin umkam ... Die existentielle Verfassung, in der wir sind, ist die einer durch jahrzehntelangen Frieden, durch Demokratie und durch Wohlstand charakterisierten bürgerlichen Saturiertheit ... Ehrlich mit der Herausforderung 'Bonhoeffer' umzugehen, das bedeutet, jenen Graben der Differenz nicht vorschnell zuzuschütten." (Klaus M. Kodalle. Dietrich Bonhoeffer. Zur Kritik seiner Theologie. Gütersloh 1991)
L'Chaim