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Bonhoeffer - Zitat

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AWHler
 AWHler
Themenstarter
Beiträge : 1230

Ein neuer Thread ... eingeleitet mit einer kleinen Tagebuch-Notiz:

"Hast Du die auch alle gelesen?" fragt unsere Enkelin Anna (gerade in die 2. Grundschul-Klasse gekommen), wenn sie sich in meinem Zimmer umschaut und vor den Regalen mit den vielen Büchern steht. "Nun ja, sage ich, Viele davon ... Andere nur zum Teil ... je nachdem"!" Tatsächlich habe ich in den Monaten vor unserem Aus- und Umzug kistenweise Bücher weggegeben. Aber immer noch sind die Regale voll bis zur Decke. --- In diesen Augusttagen kommt mir ein Buch in die Hand, dass ich vor fast 40 Jahren gekauft habe - und nie richtig und ganz gelesen habe: Die Dietrich-Bonhoeffer-Biografie von Eberhard Bethge (1044 Seiten), ein Standard-Werk über ihn bis heute ... Ich fange an, es zu lesen, und bin gebannt. In ein paar Wochen möchte ich Anna das Buch zeigen und sagen: "Guck mal, DAS hat der Opi nun tatsächlich auch gelesen!"

....

Heute las ich von ihm: „Die Sünde zu vermeiden kann die größte Schuld sein.“

Es ging ihm - in der ihn quälenden Frage, ob er sich als Christ (in Übertretung des 5. Gebots nach Luther) am Attentat auf Hitler beteiligen soll - um das Dilemma, dass man in bestimmten Situationen nicht mehr einfach zwischen Schuld und Unschuld entscheiden kann, sondern eine Entscheidung treffen muss, was - in Abwägung - das geringere Schuldigwerden bedeutet - im Vertrauen auf die Vergebung und Gnade Gottes!

Was meint Ihr dazu? - Ich denke und empfinde, dass er Recht hat.

L'Chaim

 

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Rosanne
Beiträge : 84

@awhler 

Interessante Frage. 

Von Sündern, die töteten, ist in der Bibel nicht nur einmal die Rede. Und nicht immer wurden sie von Gott dafür verurteilt. Das ist auf den ersten Blick störend.
 
Vielleicht hilft uns aber David hier weiter. In seinem späteren Leben hat er zu seinem persönlichen und egoistischen Vorteil getötet, und zwar auf perfider Art (Uriah). Dafür, und für andere Sünden, für die er sich zwar bei Gott von Herzen entschuldigt hat, hat Gott ihn zwar nicht verlassen, aber dennoch wurde Davids Leben nicht mehr wie es war, er hatte es ziemlich vermasselt, er hatte gesündigt.
 
Dass David dennoch zu einem der Grössten der biblischen Geschichte wurde, hat er einem anderen Mord zu verdanken, der in einem ganz anderen Licht stand. Ja, die Geschichte vom mutigen David. 
Es hilft, den Namen „Goliath“ durch „Adolf“ zu ersetzen:
 
„Als David auf der Bildfläche der Geschehnisse auftaucht, da ist es so, als würden alle - die Philister, die Israeliten, sogar der grosse König Saul - als würden alle dem Goliath die Ehre geben. Dem Goliath, der seit vierzig Tage ruft „Am heutigen Tag verhöhne ich die Schlachtreihen Israels“. (1Samuel 17:10). Alle geben Sie dem Goliath die Ehre - die Philister, indem sie ihn ehrfürchtig anfeuern, sich an ihm freuen, und die anderen -Saul und seine Leute - indem sie in Ehrfurcht vor ihm erstarren, gebannt auf ihn nur blicken. Und David fragt: „Wer ist das, der sich so etwas erlaubt vor dem lebendigen Gott?“ Und damit gibt David einem anderen, nämlich dem Richtigen die Ehre. Er gibt Gott die Ehre - und er nimmt damit gleichzeitig dem Falschen die Ehre. Er gibt Gott die Ehre und er tut dies beständig: gegenüber den israelischen Soldaten, dann gegenüber König Saul, am Ende auch gegenüber dem Riesen Goliath selber. „Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des HERRN der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast.
 
Ja, der mutige Bonhoeffer. 
rosanne antworten


Deborah71
Beiträge : 27670

@awhler 

Es gibt mehrere Worte für töten im Hebräischen mit einer spezifischen Bedeutung z.B. qatal, harag, mut, ratsach. 

In 2. Mose 20,13 ist ratsach verwendet, das eine starke Richtung zu morden beinhaltet. Mord ist per Definition mit  niederen Motiven und unrechtmäßigem Töten verbunden. 

 

deborah71 antworten
9 Antworten
Rosanne
(@rosanne)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 84

@deborah71 Dann interessiert es natürlich besonders, mit welchem Hebräischen Wort die Tötung von Goliath in 1 Samuel 17 beschrieben wurde. Weisst du hier etwas?

rosanne antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 27670

@rosanne 

Ich les mal eben nach.... 

deborah71 antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 27670

1. Sam 17, 50  mut     beschreibt nur das Ergebnis ohne Wertung

deborah71 antworten
Rosanne
(@rosanne)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 84

@deborah71 Wenn die Bibel hier keine Wertung vornimmt, machen wir es lieber auch nicht. 

Bleibt nur festzuhalten, dass das Wort „mut“ ja unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Wort „Mut“ hat.

rosanne antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 27670

@rosanne 

Bleibt nur festzuhalten, dass das Wort „mut“ ja unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Wort „Mut“ hat

Würde ich nicht machen... denn so funktioneren Kurzschlüsse mit falschen Ergebnissen. Da gibt es einen Fachbegriff für: Assoziationsfehler. 

deborah71 antworten
Rosanne
(@rosanne)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 84

@deborah71 😉 (den hier hatte ich vergessen)

rosanne antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 27670

@rosanne 

ah...das macht gleich einen anderen Sinn 🙂

deborah71 antworten
neubaugoere
(@neubaugoere)
Beigetreten : Vor 14 Jahren

Beiträge : 18543

@rosanne 

Dit is Jargon : wat mut dat mut

neubaugoere antworten
Martha
 Martha
(@martha)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 1210

@neubaugoere 

🤣

martha antworten
Lucan-7
Beiträge : 27522

@awhler 

Es ging ihm - in der ihn quälenden Frage, ob er sich als Christ (in Übertretung des 5. Gebots nach Luther) am Attentat auf Hitler beteiligen soll - um das Dilemma, dass man in bestimmten Situationen nicht mehr einfach zwischen Schuld und Unschuld entscheiden kann, sondern eine Entscheidung treffen muss, was

Hat sich Bonhoeffer denn an irgendeiner Stelle mit dem Thema Selbstverteidigung befasst? Also, ob ich jemanden in Notwehr töten darf, um mich oder andere zu schützen?

Denn nichts Anderes hätte das Attentat auf Hitler ja dargestellt.

 

lucan-7 antworten


THOW42
 THOW42
Beiträge : 134

Ich dachte immer, dass das das zentrale Thema sei, das man mit Bonhoeffer verbindet: das Bonhoeffersche Dilemma.
Egal ob man handelt oder nicht handelt – man trägt Verantwortung für Leid.
Für das Leid, das man verursacht. Oder für das Leid, das man nicht verhindert.
Und niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, was schwerer wiegt.

Ich merke, dass ich mehr und mehr dazu neige, diese Frage in Richtung Erdulden von Unrecht zu beantworten.
Weil Jesus nicht das System gestürzt hat – sondern das Böse durch das Kreuz entwaffnet.
Weil er nicht eingegriffen hat in der Weise, wie wir es manchmal fordern würden – sondern den Tod durch das eigene Sterben überwunden hat.

Ich glaube nicht, dass wir das Böse heilen, indem wir Böses tun.
Und vielleicht ist das die tiefere Herausforderung: zu leiden, ohne selbst zum Täter zu werden.

thow42 antworten
6 Antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 1230
Veröffentlicht von: @thow42

Ich merke, dass ich mehr und mehr dazu neige, diese Frage in Richtung Erdulden von Unrecht zu beantworten.
Weil Jesus nicht das System gestürzt hat – sondern das Böse durch das Kreuz entwaffnet.
Weil er nicht eingegriffen hat in der Weise, wie wir es manchmal fordern würden – sondern den Tod durch das eigene Sterben überwunden hat.

Mit diesen Sätzen tue ich mich schwer, denn im Fall Bonhoeffers geht es ja um die Problematik des sog. "Tyrannenmords" - d.h. Bonhoeffer ging es nicht um die individuelle, persönlicher Frage nach der Bereitschaft selbst Unrecht zu erdulden (er hat schließlich mit seinem Leben bezahlt!), sondern um die inständige Hoffnung, durch Hiters Tod das kollektive Leid von Millionen abzuwenden, die mit dem Krieg und der Shoah verbunden waren.

Und stell Dir vor, Du würdest den 6 Millionen Opfern der Shoah und ihren Familien als CHRISTLICHES Zeugnis sagen: "Weil Jesus nicht das System gestürzt hat – sondern das Böse durch das Kreuz entwaffnet. Weil er nicht eingegriffen hat in der Weise, wie wir es manchmal fordern würden – sondern den Tod durch das eigene Sterben überwunden hat."

Und mit dem "Erdulden von Unrecht" - als Nachfolge Jesu - hätte ich auch meine Schwierigkeiten. Ich denke eher, wir sind dazu berufen, dem Unrecht zu widerstehen, es nicht hinzunehmen und dagegen etwas zu tun, wenn und wo immer es möglich ist.

L'Chaim

awhler antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 27670

@awhler 

Eine deutliche Tyrannentötung findest du im Buch Richter durch  Ehud gegen Eglon im Auftrag Gottes, um sein Volk zu befreien. 

Richter 3, 14 Und die Israeliten dienten Eglon, dem König von Moab, achtzehn Jahre. 15 Da schrien die Israeliten zu dem HERRN, und der HERR erweckte ihnen einen Retter, Ehud, den Sohn Geras, den Benjaminiter; der war linkshändig. Und als die Israeliten durch ihn Geschenke sandten an Eglon, den König von Moab, 16 machte sich Ehud einen zweischneidigen Dolch, eine Hand lang, und gürtete ihn unter sein Gewand auf seine rechte Hüfte 17 und brachte Eglon, dem König von Moab, die Geschenke. Eglon aber war ein sehr fetter Mann. 18 Und als er die Geschenke übergeben hatte, entließ er die Leute, die sie getragen hatten. 19 Er selbst aber kehrte um bei den Steinbildern zu Gilgal und sagte: Ich habe dir, o König, etwas Geheimes zu sagen. Der aber gebot: Still! Da gingen hinaus von ihm alle, die um ihn standen. 20 Und Ehud kam zu ihm hinein. Er aber saß in dem kühlen Obergemach, das für ihn allein bestimmt war. Und Ehud sprach: Ich habe ein Wort von Gott an dich. Da stand er auf von seinem Thron. 21 Ehud aber streckte seine linke Hand aus und nahm den Dolch von seiner rechten Hüfte und stieß ihm den in den Bauch, 22 dass nach der Schneide noch der Griff hineinfuhr und das Fett die Schneide umschloss; denn er zog den Dolch nicht aus seinem Bauch. 

deborah71 antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 1230

@deborah71 

Boah ... Vers 22 kann ja drastische nicht sein!

Erinnert mich an Szenen, wo meine Frau - schon ab Vers 21 😉 - sofort wegschaut, wenn es im "TATORT" o.ä.  "zur Sache geht".

L'Chaim

awhler antworten
Deborah71
(@deborah71)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 27670

@awhler

Die Episoden im Buch Richter folgen alle einem Muster: 

dem Volk geht es gut
sie werden übermütig und folgen anderen Göttern nach
damit sind sie aus dem Schutz Gottes, werden angegriffen  und fangen an zu murren
Gott erweckt ihnen einen Befreier, der tätig wird
sie kehren um zu Gott

und das Volk hatte xx Jahre Frieden 

und nach einiger Zeit fängt das Spiel von vorne an. 

deborah71 antworten
THOW42
 THOW42
(@thow42)
Beigetreten : Vor 7 Monaten

Beiträge : 134

@awhler Ich bin da recht einfach: Hatte Jesus die Macht, das brutale römische Joch zu beenden? Ich möchte nicht qualifizieren, ob Hitler oder einer der Caesaren der üblere Despot war. Jesus tat es nicht. Hat Paulus oder einer der Apostel dem System "in die Speichen gegriffen"? Zum Aufstand aufgerufen? Hat irgendeiner dieser Glaubensmänner im Neuen Testament zum gewaltsamen Widerstand gerufen oder es unterstützt? Meines Wissens nein. Warum also sollte es uns nun Recht und billig sein? Ich glaube eher, dass die Kirche und die Theologie da auf dem Weg durch die Jahrhunderte den klaren Auftrag Jesus und sein Vorbild aus den Augen verloren haben.

thow42 antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 1230

@thow42 

Oh, das widerspreche ich aber mal heftigst ....

Paulus und die Apostel standen ja nun kontextuell nicht vor der Frage und der konkreten Option, die Bonhoeffer gegeben war, sich in concreto an der Vorbereitung eines "Tyrannemords" zu beteiligen. Und auch wenn Jesu Mission der Erlösung (und die der neustestamentlicher Zeugen) nicht darauf ausgerichtet war, eine politisch-irdische Umsturzbewegung zu entfachen - dem Bösen entgegenzutreten, unrechte Regimente nicht gewähren zu lassen, Leid  zu verhindern, den Herrschenden u.U. zu widerstehen, das  ist und bleibt m.E. Christenpflicht und eine Berufung unseres Glaubens.

Für Bonhoeffer war es aber definitiv EINE EXTREM-Situation, die ihn - im eigenen Herzen und Gewissen - zur Entscheidung drängte, ihn quälte, ihn im Bewusstsein von Schuldübernahme und dem letzten Gebet vor dem Schafott nicht losließ ich hab's ja ausgeführt bzw. angedeutet.

Und dann schreibst Du: "Ich glaube eher, dass die Kirche und die Theologie da auf dem Weg durch die Jahrhunderte den klaren Auftrag Jesus und sein Vorbild aus den Augen verloren haben." - Anders, als Du es wohl meinst, wäre meine kritische Frage eher, wo und wie Kirchen & Kirchenregimente viel zu oft durch die Jahrhunderte das Bündnis von "Thron & Altar" gepflegt haben und mit den jeweils Mächtigen im Bunde waren ...

....

Bonhoeffer beschäftigt mich in diesen Tagen übrigens weiter - dazu später. Und unter der Thread-Überschrift "Bonhoeffer - Zitat" möchte ich ff. gerne auch noch andere Sätze/Zitate von ihm hier in einen "Resonanzraum" stellen.

Verbunden auch mit der grundsätzlichen frage, was Ihr - der ein oder die andere - mit Bonhoeffer auf Eurem eigenen Glaubensweg und in Eurem Glauben verbindet oder bis dato verbunden habt.

L'Chaim

 

awhler antworten
Rosanne
Beiträge : 84

Tatsächlich ein Dilemma….

Oft wird ja Jesus‘ Aufforderung ins Zentrum gerückt, auch die zweite (linke) Backe hinzuhalten, nachdem wir bereits auf die erste (rechte) geschlagen wurden. Aber geht es hier wirklich um die Situation, wo man körperlich lebensgefährlich bedroht wird, oder man andere Menschen von einem gewalttätigen Tod retten will?
 
Eine inhaltlich unglaublich ausgeklügelte Aufforderung ist das, und wenn wir den zeitlichen Kontext berücksichtigen, noch viel ausgeklügelter:

(Gute Frage.net) „Im griechischen Urtext steht das Wort "rhapizo", das einen Schlag mit dem Handrücken ins Gesicht bedeutet. Dies war eine Geste, die z.B. ein Herr gegenüber seinem Knecht tun durfte. Bei Gleichgestellten galt sie als schwere Beleidigung, die nach rabbinischem Recht doppelt bestraft wurde. Deshalb soll man sich durchaus beleidigen lassen, ohne sich zu wehren. Und man soll sich nicht rächen, was wohl die Kernaussage dieser Bibelstelle ist.“

(bibleproject.visiomedia.org): Erstens war das Hinhalten der linken Wange eine deutliche Ablehnung der Beleidigung selbst. Zweitens forderte es den Beleidiger heraus, die Beleidigung zu wiederholen, und verlangte gleichzeitig, dass er nun mit der Handfläche zuschlägt, was man nicht bei jemandem macht, der geringer ist, sondern ebenbürtig. Mit anderen Worten: Die andere Wange hinzuhalten, bedeutet, dass derjenige, der schlägt, keine Macht hat, einen herablassend zu beschämen, weil die Würde des Opfers nicht von menschlicher Anerkennung abhängt – sie kommt von woanders her.“

 
(kirche-im-swr.de) „(…) mit der Linken wurden damals ausschließlich „unreine“ Dinge erledigt. Noch nicht einmal geschlagen hätte man damit. Bleibt als einzige Alternative ein Schlag mit dem Handrücken der Rechten.

So schlugen Herren ihre Sklaven oder Eltern ihre Kinder. Solch ein Schlag brachte Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck. Er sollte gezielt demütigen und erniedrigen.

Wenn der geschlagene Sklave aber nun den Kopf dreht und dem Angreifer die linke Wange entgegenhält, dann funktioniert das Ganze nicht mehr! Auf einmal ist da die Nase im Weg. Der Schläger steht blöd da.“

Wie man es auch sieht, es geht hier doch ziemlich eindeutig um die Situation der persönlichen Beleidigung und Demütigung, (und dies bilateral, wie die meisten Anweisungen von Jesus sich auf zwischenmenschliche „alltägliche“ Situationen beziehen).
 
Mit dieser genialen Vorgehensweise steht am Schluss der Beleidiger blöd, und der Beleidigte stark dar. Und die Situation ist entschärft bzw. deeskaliert. Kann man übrigens auch in nicht-lebensbedrohlichen Situationen als körperliche Selbstverteidigung anwenden. 
 
Sollten Christen sich also wirklich überall verprügeln lassen, ohne sich zu wehren? Hat Jesus das sagen wollen? Sollten sie zuschauen, wenn andere Christen verprügelt werden und sich darüber freuen, dass diese so schön die andere Backe hinhalten können und sich dabei auch noch gleich die Köpfe einschlagen lassen? Das gäbe ein sinnloser Schlamassel, ein Chaos, ein Blutbad. Das kann doch nicht gemeint sein  … Gerechtigkeit werden wir erst im Himmel erfahren, aber sind sinnlose und unnötige unschuldige Opfer wirklich passiv in Kauf zu nehmen?
 
Schon im alten Testament wird unterschieden zwischen töten und morden. (@Deborah, die hebräischen Bezeichungen sind auch hier interessant). Man soll nicht töten/man soll nicht morden, ist ja eine eindeutige Aufforderung. 
 
Aber es steht dort auch, zum Beispiel in  (2. Mose 22,2-3: „Wird ein Dieb beim Einbruch ertappt und geschlagen, so daß er stirbt, so hat man keine Blutschuld; ist aber die Sonne über ihm aufgegangen, so hat man Blutschuld“. 
 
Also, im Wesentlichen besagte das Gesetz, dass Hausbesitzer Diebe in ihrem Haus nicht bei Tageslicht, also wenn es auch andere Optionen der Selbstverteidigung gäbe, töten dürfen. Die tödliche Gewalt zur Selbstverteidigung sollte nur als letztes Mittel eingesetzt werden, und zwar nur im Falle eines panischen „Überraschungsangriffs“, bei dem der Hauseigentümer im beängstigenden Dunkel (Sicht- und Aussichtslosigkeit) wahrscheinlich verwirrt und desorientiert ist.
 
Soweit das Alte Testament, wovon Jesus immerhin sagt, er werde daran kein Strichlein ändern, denn er sei gekommen um zu „erfüllen“ und nicht um das Gesetz oder die Worte der Propheten aufzuheben. (Matthäus 5:17-20)
 
 
Und jetzt nochmal das Neue Testament, dort gibt Bibelstellen, in denen Jesus darauf hinweist, dass Leben gerettet werden dürfen und sollen, auch wenn damit gewisse Regeln gebrochen werden:
 
(Lukas 6, 9) Nun wandte sich Jesus an die Pharisäer und Schriftgelehrten: »Ich will euch etwas fragen: Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses? Soll man das Leben eines Menschen retten oder soll man ihn zugrunde gehen lassen?«10Jesus sah einen nach dem anderen an. Schließlich sagte er zu dem Mann: »Streck deine Hand aus!« Er tat es, und die Hand war gesund.“
 
Und als Jesus für seine Jüngern am Sabbat Weizen erntete und ihnen den Hunger stillte (Matthäus 12, 6-8), sagte er zu den empörten Pharisäern:
 
„Hier ist einer, der größer ist als der Tempel.
 
Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt;
 
Denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat.“
 
 
Jesus will nicht, dass Menschen hungern oder sterben, nur weil damit Regeln eingehalten werden. Ob damit Bonhoeffers Situation auch gemeint ist, darüber sollten wir zumindest nachdenken.
 
Und darf man sich jetzt gegen Angreifer verteidigen, wenn der eigene Tod sehr bedrohlich auf einen zukommt? Jesus hat sein eigenes Leben aus guten Gründen am Schluss nicht verteidigt, aber hat es seinen Jüngern sehr wohl erlaubt, ihr eigenes Leben zu verteidigen:
 
Als Jesus‘ eigener Tod kurz bevorstand, Todesangst in der dunklen Abendluft des Olivenhains spürbar war, passierte Folgendes:
 
In Lukas 22,36 sagt Jesus zu Seinen verbliebenen Jüngern: „Und wer es nicht hat, der verkaufe sein Gewand und kaufe ein Schwert.“
 
Kurze Zeit später wird Jesus verhaftet, und Petrus nimmt ein Schwert und schneidet jemandem ein Ohr ab. Jesus tadelt Petrus für diese Tat (Verse 49-51). Und warum? In seinem Eifer, den Herrn zu verteidigen, stellte sich Petrus dem Willen Gottes in den Weg.
 
 
Das war viel Text. Aber wohl immer noch nicht genug, um das Bonhoeffsche Dilemma für immer aufzulösen.
 
Kann man immerhin festhalten, dass das Töten des lebensbedrohenden Feindes zur Selbstverteidigung oder Verteidigung anderer nicht das gleiche ist, wie das bewusste Ermorden eines Widersachers? 
 
Kann man vielleicht auch festhalten, dass es in aussichtslosen, dunklen Paniksituationen erlaubt sein kann, sich selbst und andere zu verteidigen, zu retten, indem man als letzte Option den Feind umbringt?
 
Kann man auch festhalten, dass Jesus keine sinnlose unschuldige Opfer (durch Krankheit, Hunger oder vielleicht auch Krieg), sondern Barmherzigkeit will, auch wenn man dafür Regeln brechen muss?
 
Und kann man dann festhalten, dass Bonhoeffer sich in einer solchen äusserst dunklen und direkt-bedrohlichen Situation befand, in der er es als seine Pflicht empfand, weitere Opfer zu verhindern und unverzüglich zu handeln? 
Er dachte nicht mal in erster Linie an sich selbst … 
 
Ist hier Barmherzigkeit gegenüber den „Sünder“ Bonhoeffer und gegenüber allen die aus dem grausamen System hätten gerettet werden können, vielleicht wichtiger als das zugunsten der Regeleinhaltung Inkaufnehmen unschuldiger Opfer …. ?
rosanne antworten
3 Antworten
THOW42
 THOW42
(@thow42)
Beigetreten : Vor 7 Monaten

Beiträge : 134

@rosanne Es ist die gleich Frage, die einem einst bei der "Gewissensprüfung" zum Zivildienst gestellt wurde. "Wenn der Feind deine Mutter oder deine Kinder bedroht und der einzige Ausweg für dich ist, die Waffe zu ziehen, würdest du nicht ..." Gute Frage, aber schon damals habe ich mir erlaubt, sie nicht zu beantworten, weil es keine Antwort darauf gibt, außer man ist in dem Moment und dann muss man wie Bonhoeffer eine Entscheidung fällen und dafür die Verantwortung tragen vor Gott und den Menschen. Aber solange darf ich fest im Glauben sagen: Nein, ich würde nicht. Weil es allem widerspricht, was ich im Glauben gelernt habe. Angefangen vom Gebot nicht zu töten bis hin zum bedingungslosen Vertrauen in die Souveränität Gottes, dass er eingreifen kann und wird, wenn er es will.

thow42 antworten
Rosanne
(@rosanne)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 84

@thow42

Damit liegst du goldrichtig. Der Grundsatz ist und bleibt: Wir sollten nicht, wir sollen nicht, wir dürfen nicht …

Mir haben die wenigen Stellen in der Bibel nur gelehrt: In einer künftigen, hoffentlich nie eintretender und heute noch nicht denkbarer Situation eines sehr grossen Bedrängnisses, können wir unter Todesangst oder beim Sehen unerträgliches Leiden anderer so handeln, wie wir es in dem Moment vor Gott vertreten können.

rosanne antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 1230
Veröffentlicht von: @rosanne

@thow42

... In einer künftigen, hoffentlich nie eintretender und heute noch nicht denkbarer Situation eines sehr grossen Bedrängnisses, können wir unter Todesangst oder beim Sehen unerträgliches Leiden anderer so handeln, wie wir es in dem Moment vor Gott vertreten können.

Ja, so ist es wohl.

Gestern las ich, dass wir bei der Beschäftigung mit Bonhoeffer immer "den Graben" im Bewusstsein haben müssen "zwischen der Situation des mehr oder weniger saturierten Bürgers in Sicherheit (welches wir sind) und desjenigen, der sich sehend in Gefahr begab und darin umkam ... Die existentielle Verfassung, in der wir sind, ist die einer durch jahrzehntelangen Frieden, durch Demokratie und durch Wohlstand charakterisierten bürgerlichen Saturiertheit ... Ehrlich mit der Herausforderung 'Bonhoeffer' umzugehen, das bedeutet, jenen Graben der Differenz nicht vorschnell zuzuschütten." (Klaus M. Kodalle. Dietrich Bonhoeffer. Zur Kritik seiner Theologie. Gütersloh 1991)

L'Chaim

awhler antworten


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