Hat Gott Sehnsucht?
Sind wir nicht Ebenbilder Gottes, gemacht nach seinem Vorbild? Wie viel von Gott erkennen wir dann in uns. Wie viel von Liebe, wie viel Sehnsucht? Oder ist dies alles nur ein Abglanz und mit Gottes Maßstab nicht zu messen? Liebt er wie wir, wenn wir unsere Liebsten in die Arme schließen? Vermisst er wie wir unsere Kinder vermissen, wenn wir sie nicht um uns haben, uns ihr Lachen fehlt, ihre Gespräche, ihre Anwesenheit im Raum? Oder ist seine Sehnsucht nach dem Menschen noch viel größer als wir auch nur ahnen können? War sie so groß, dass er seinen Sohn sandte, damit er freiwillig durch Leid und Tod den Weg zurück zu uns öffnet – aus Liebe zu uns?
Ist das zu menschlich gedacht, oder schmecken wir in unserer Liebe wie er liebt? Und wie sehr er sich nach uns sehnt?
Ich lese aus der Bibel, dass Gott ein zutiefst sehnsüchtiger Gott ist ... der sich danach verzehrt, seinen Geschöpfen, seinem Volk, uns Menschen ein "naher Gott" zu sein. Er wirbt um uns - das ist für mich so etwas wie der "rote Faden" aller biblischen Zeugnisse.
Natürlich sind das alles aber in Sprache und Bilder und Vorstellungen "gegossene" Aussagen ... denn die "göttliche Wirklichkeit" transzendiert alle menschlich-personalen Vorstellungen, aber dann wird es abstrakt. Und da wir Menschen sind, bleiben wir verbal und gedanklich in dem, was uns möglich ist - und reden von Gottes Liebe, Sehnsucht, Zärtlichkeit.
Ja, und es ist "Gott in uns", der uns sehnsüchtig und liebend sein lässt - im Empfinden, Fühlen, Denken, Suchen.
L'Chaim
"da wir Menschen sind, bleiben wir verbal und gedanklich in dem, was uns möglich ist"
Das sehe ich bis dahin auch nicht als Problem. Das wird es aber für mich dann, wenn man die dabei gebrauchten Bilder und Worte für die Realität selbst hält.
In den Foren von "jesus-online" gab es vor einigen Jahren einen "gebremsten Fundamentalisten" (so bezeichnete er sich selbst), der klar sagte, dass er so ziemlich jedes Wort der Bibel glaube, sich aber auch täuschen könne und alles ganz anders oder vielleicht auch gar nicht ist.
Eine der tiefsten menschlichen Regungen ist wohl das Gefühl der Sehnsucht.
Sehnsucht nach Weite, Sehnsucht nach Geborgenheit, Sehnsucht nach Ferne, Sehnsucht nach Freiheit, Sehnsucht nach Erfolg, Sehnsucht nach Bestätigung, Sehnsucht nach Gesprächen, Sehnsucht nach einem Anruf, Sehnsucht nach Frieden, Sehnsucht nach Sicherheit, Sehnsucht nach "Früher", Sehnsucht nach Miteinander, Sehnsucht nach Liebe.....
Ich denke, dass wir viele Gefühle unterschiedlich bewerten und dass wir manche recht gut unterdrücken können (und dies auch tun). Als Junge hatte ich Sehnsucht nach Abenteuern, nach der Ferne, nach Erlebnissen in anderen Ländern, heute überwiegt manchmal die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, nach Kontakten, nach Klarheit.....
Verständlich, dass bei der großen Bandbreite menschlicher Individuen deren Gefühle unterschiedlich sind, genauso auch deren Intensität, aber irgendeine Form von Sehnsucht und irgendein Ziel, auf das sich die jeweilige menschliche Sehnsucht richtet, ist wohl bei jedem vorhanden.
Wenn wir aber davon ausgehen, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist, dann sind unsere Gefühle ebenfalls ein Ebenbild von Gottes Gefühlen, also ist Sehnsucht göttlichen Ursprungs und gleichzeitig - wie auch die Liebe - ein großer Antrieb, für Gott ebenso wie für uns Menschen.
Ich tät die "Reihenfolge" umdrehen. Lieben wir wie Er?
DASS er seine Schöpfung, seine Kinder so sehr liebt, dass er sogar seinen eigenen Sohn gab, lesen wir doch in der Schrift. Wir können also schauen, inwieweit und ob wir diese Liebe, die Er war und ist (und immer sein wird) und gelebt hat, auch in uns entdecken; denn - so steht es ebenso geschrieben - Er wohnt mit seinem Heiligen Geist in uns, ist mit und bei uns.
Ich stimme AWHler zu, Er ist ein sehnsüchtiger Gott, der um uns wirbt ...
Denn ... (so wegen Reihenfolge und gucken und so) ... wir sollen/werden so werden wie Er. Jesus ist unser Vor-Bild. Ihn finden wir in der Schrift (Er ist der Gott, der sich geoffenbart hat).
Danke 🙏🏼 für diesen Thread ….er erinnert mich heute an das, was wir sind, von unserer himmlischen Natur her…
"Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." 1. Johannes 4:16b
@thow42 Sind wir nicht Ebenbilder Gottes, gemacht nach seinem Vorbild?
Eher umgekehrt. In Anlehnung an Xenophanes hat es mal ein Satiriker zuspitzend so formuliert: "Wenn Esel Götter hätten, wären die grau, vierbeinig und hätten lange Ohren."
Eines der sinnvollen Denkverbote in der Bibel ist meiner Ansicht nach das Bildnisverbot, insofern als ich es vernünftig und angemessen dem Gegenstande gemäß halte. Kaum irgendwo anders wird m.M.n. der Umstand, dass der Gott der Bibel ein von Menschen ersonnenes Konzept ist, so deutlich, wie in all den menschenähnlichen Eigenschaften, die ihm so attributiert werden: Es fällt den Leuten ungemein schwer, sich Gott nicht als eine bessere und größere Version ihrer selbst vorzustellen - ihr Vorstellungsvermögen ist halt begrenzt.
Wenn man in Kategorien wie "heilig" und "lästerlich" denken wollte, so wäre allein diese Vermenschlichung Gottes schon eine Art von Lästerung und Läppischmachung, und die Anbetung Gottes wäre nichts anderes als die Anbetung des eigenen Ichs. In dem Bemühen, Gott verstehen zu wollen, macht man sich nicht die Mühe, zu ihm empor zu denken, sondern zieht ihn lieber auf die eigene Ebene herab. Und redet sich dann noch ein, darin besonders tiefsinnig zu denken.
Jüdischer und muslimischer Glaube sind konsequenter in der Frage des Bilderverbots (Islam) und der Anrede/Benennung einer göttlichen Wirklichkeit (JHWH = HaSchem oder Adonai).
Nun ist Dein Ansatz ein atheistischer der Gottesleugnung - womit ich, im Unterschied zu Anderen hier, keine Akzeptanzprobleme oder Missionsgelüste habe 😉
Ein Gedanke aber, auf der Basis oder mit der Perspektive, dass es eine Göttliche/Transzendente Wirklichkeit doch gibt:
G*TT selbst erlässt ja das "Bilderverbot" bzw. jüdischer Glaube weiss um die Grenzen und die Gefahren, sich von G*TT ein Bild zu machen, weil er eben der letztendlich Unfassbare ist.
Zugleich aber finden sich in der Frage, ob und wie diese Göttliche Wirklichkeit erfahrbar wurde/erfahrbar ist, "Bilder", die eben menschlich davon reden, wie sonst? --- Immer wieder aber wird G'TT auch als der "ganz Andere" erfahren, der sich nicht vereinnahmen lässt, der sich jedem menschlichen Zugriff entzieht ... Einen "selbstgemachten Gott" hätten sie gerne und halten das oft kaum aus.
So sehe ich eine Balance zwischen der bleibenden Transzendenz der Göttlichen Wirklichkeit und der Unumgänglichkeit, eben doch in Bildern, Geschichten und Erzählungen von Erfahrungen zu reden. Es ist ein Zirkel, den man teilen kann oder auch nicht.
Dass da "nix hinter ist", kann man defintiv annehmen - die Bibel selbst kennt ja diese Stimmen des Zweifels und manchmal Verzweifelns.
L'Chaim
Nun ist Dein Ansatz ein atheistischer der Gottesleugnung - womit ich, im Unterschied zu Anderen hier, keine Akzeptanzprobleme oder Missionsgelüste habe
Ich sehe darin keine "Gottesleugnung" allgemein, sondern lediglich die Unsinnigkeit, sich Gott als eine Art "mächtiger Übermensch" vorzustellen wie ihn die Bibel ja an vielen Stellen beschreibt. Da wandelt Gott selbst wie ein Mensch umher, regiert wie ein damaliger König, ist eitel, jähzornig und eifersüchtig wie ein Mensch.
Wie Gott nun tatsächlich ist... darüber vermag keiner etwas Genaues zu sagen, weil jede Vorstellung anders ist.
Es gab mal ein schönes Buch mit Gott in Westfalen. Wie der Titel genau war, weiß ich nicht mehr. Es waren so etwa zehn Geschichten, in denen Gott in verschiedenen Situationen in Westfalen war und den Menschen begegnete. Er war in allen Geschichten humorvoll und beschenkte die Guten ebenso wie die Schlechten auf witzige Weise. Letztere meist so, dass ihre Schlechtigkeit wie ein Bumerang auf sie selbst zurückfiel. Dabei war er aber nie vernichtend.
Du schreibst: "Ich sehe darin keine Gottesleugnung allgemein ..."
Ja, die Frage ist wohl in der Tat, was wir überhaupt mit dem Wort "GOTT" meinen ...
Es ist mit "GOTT" wie mit den Einkaufswagen im Supermarkt. Die sehen zunächst alle gleich aus, Du greifst Dir einen und sie unterscheiden sich nicht. Aber beim Einkauf packt jeder rein, was er auf dem Einkaufszettel hat ... und an der Kasse kommen die unterschiedlichsten Inhalte aufs Rollband 😉 ...
Fakt ist, dass mit dem jüdisch-christlichen Glauben ein "Offenbarungsanspruch" in der Welt ist, wie die Bibel ihn menschlich-historisch bezeugt ... Den kann man diskutieren, interpretieren oder grundsätzlich bestreiten. Der Einkaufswagen "GOTT" muss deswegen nicht leer sein ... im Gegenteil bunt gefüllt oder nur mit dem Nötigsten ...
Die Frage - wir sind hier ja bei jesus.de - bleibt aber: Ob und wie können wir Menschen überhaupt etwas von Gott sagen, wissen und behaupten? Es hat zumindest eine gewisse Logik zu sagen: Wir können VON UNS AUS gar nix wissen und sagen --- es sei denn: "GOTT" (oder eine göttliche Wirklichkeit) gibt sich uns zu erkennen und zu erfahren - und zerschlägt vielleicht alle selbstgemachten Gottesbilder entzwei ...
Alles möglich, alles zu bezweifeln, alles annehmbar.
L'Chaim
Du schreibst: "Ich sehe darin keine Gottesleugnung allgemein ..."
Ja, die Frage ist wohl in der Tat, was wir überhaupt mit dem Wort "GOTT" meinen ...
Richtig. Deshalb kann ich in diesem Sinne auch kein "Atheist" sein, weil man dafür ja erst mal überhaupt klären müsste, woran genau ich da nicht glaube...
Deshalb beziehe ich meinen Atheismus auch auf die biblischen Inhalte (Und die Inhalte anderer Religionen) und was darin alles geschrieben und behauptet wird.
Und nun bin ich interessiert an dem, wie Du Deine "theologischen" Anschauungen positiv füllst ...
Der Begriff Atheismus ist ja eh auch unterschiedlich zu entfalten (noch'n Einkaufswagen 😉 ) ... philosophisch, psychologisch, naturwissenschaftlich ... "praktischer" Atheismus ... kämpferischer Atheismus ...zumal in der Unterscheidung vom "Agnostizismus".
Interessant finde ich übrigens das Buch "Woran glaubt ein Atheist?" von André Comte-Sponville - der vielleicht in Deine Richtung hin sagt: "Ich habe durchaus einen Glauben und eine Spiritualität, auch wenn ich Atheist bin im Blick auf den uns tradierten Gottesglauben."
Wenn Du magst, sag doch in welche Richtung Du denkst und "glaubst" ... Thanx.
L'Chaim
Wenn Du magst, sag doch in welche Richtung Du denkst und "glaubst" ... Thanx.
Ich fürchte, da gibt es tatsächlich nicht viel. Bei etlichen Leuten ist es ja so, dass sie je mehr an Glaubensgewissheiten festhalten, je älter sie werden. Bei mir ist es andersrum: Je älter ich werde, desto mehr Dinge stelle ich in Frage. Und das, was dann noch übrigbleibt... daran kann ich dann glauben. Aber viel ist das nicht. Mir wird immer mehr bewusst, wie wenig ich letztlich weiß.
Ich denke, das was noch am ehesten mit einem religiösen Glauben zu tun hat sind meine Werte. Die sind den christlichen Werten meist recht ähnlich, und "Glaube" ist es deshalb, weil sich diese Werte ja kaum rational begründen lassen. Also Dinge wie Treue etwa, oder der Wert des Lebens.
Aber eine "Lehre" kann man da kaum draus machen, abgesehen von den Dingen, die das allgemeine Zusammenleben betreffen.
Ja, Danke.
Mir geht es so, dass mein Glaube - und das klingt jetzt wahrscheinlich recht widersprüchlich - einerseits kritischer und liberaler, und zugleich "fundamentaler" geworden ist.
Damit meine ich: Ich hinterfrage mehr, habe "alte Sicherheiten" nicht mehr, bin "post-evangeilkal" (gemessen an meiner Jugendzeit) unterwegs und reagiere (wohl auch hier im Forum) mit vielen Rückfragen und z.T. auch Befremden und Entsetzen auf jede Art "geistlicher Arroganz" (gepaart mit vermeintlicher Demut, weil Rechthaberei ja "im Namen des Herrn" vermittelt wird) ...
Fundamentaler (und eben nicht "fundamentalistisch") bin ich darin geworden, dass ich mich MIT meinen Zweifeln, unbeantworteten Fragen, Unsicherheiten und Gewissheits-Verabschiedungen - nun - "auf Gott" werfe, mich als "getragen" glauben darf und "loslasse" ...
Klingt hoffentlich nicht allzu kryptisch 😉
L'Chaim
"man sich nicht die Mühe, zu ihm empor zu denken, sondern zieht ihn lieber auf die eigene Ebene herab"
Das ganze Posting ist gut und besonders das o.g. schön formuliert.
Als BOB DYLAN -Fan fällt mir dazu eine Textzeile ein:
"It's a long road, it's a long and narrow way. If I can't work up to you, you'll have to work down to me someday." (Album: "Tempest")
https://www.youtube.com/watch?v=rbdj8JyaWQA
L'Chaim

@jack-black Der Begriff "Ebenbild Gottes" stammt ja aus dem biblischen Schöpfungsbericht im Buch Genesis (1. Mose). Die Kombination der verwendeten Begriffe ("Tselem" und "Demut") deutet darauf hin, dass der Mensch nicht nur äußerlich eine Art Gottesrepräsentation ist, sondern auch in seiner inneren Beschaffenheit und seiner Rolle. Insofern ist das mit dem "sich ein Bild" machen in der Konsequenz nicht unsere Idee, sondern Gottes. Und wir können nur schauen, stauen und verstehen. Auch Jesus sprach viel mit Bildern, wenn er Gott verständlich machen wollte, hier im Kontext vom Vater, der auf den Sohn wartet. Sich "kein Bild machen sollen" ist für mich daher in dem Kontext eher in eine andere Richtung führend, als wenn wir das von Gott geschaffene nutzen, um Gottes Wesen besser zu verstehen.
Aber schon mal Danke - das ist die Art Diskurs, die ich mir erhofft habe. Einerseits um besser zu verstehen, was das zu lesen bei anderen auslöst, andererseits die eigene Haltung und Positionierung dabei zu schärfen.