War Gott in Auschwitz?
Ich beschäftige mit seit einiger Zeit mit der Theodizee. Dort kommt es unter anderem zu dem Vorwurf, dass Gott in Auschwitz nicht anwesend war und die Glaubenden, vor allem jüdische aber auch andere, wie z.B. die Zeugen Jehovas, quasi in Stich gelassen habe. Diese wird vor allem daran festgemacht, dass Gott die sadistischen Methoden der Capos und NS-Schergen zugelassen und sein ´Kinder` nicht geschützt habe.
Ich habe begonnen, Berichte Überlebender zu lesen um festzustellen, ob Gott nicht doch anwesend war, aber in einer anderen, individuellen Weise. Und es gibt von einigen die Aussagen, dass gerade unter den Bedingungen des KZ die Anwesenheit Gottes durchaus gespürt und erlebt haben. Z.B. in den solidarische Verhalten von Mitgefangenen oder aber auch in unverhofften Zufällen sowie unerwarteten (relativ) positiven Verhalten von Capos oder SS-Leuten.
Meine Frage: kennt jemand von Euch Quellen, aus die authentische über das Lagerleben berichten. Authtentisch meint, die nicht nur die äußeren Abläufe schildern, sonder von dem was sie im Inneren bewegt hat.
Für Hinweise bin ich dankbar.
Hallo Herbert,
was mich immer sehr beeindruckt hat, war das folgende Gebet von Etty Hillesum, das ich vor Jahren in einem Adventskalender des Verlags Andere Zeiten gefunden habe:
Morgengebet
"Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst du auch nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. […]Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen. Du wirst wohl auch karge Zeiten in mir erleben, mein Gott, in denen mein Glaube dich nicht so kräftig nährt, aber glaube mir, ich werde weiter für dich wirken und dir treu bleiben und dich nicht aus meinem Inneren verjagen."Etty Hillesum
(Die Autorin war eine niederländische Lehrerin. Als Jüdin wurde sie 1943 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet.)
Ist ein ganz schweres Thema. Ein Ergebnis wird es nicht geben, weil die Antwort bei jedem gestorbenen oder überlebten Opfer eine individuelle ist.
Ich habe einiges darüber gelesen. Oft von Rabbinern geschrieben, die Überlebende in der Gemeinde hatten. U.a. vom Rabbiner Walter Rothschild.
Ich denke, theologisch muss man hier Zeugen Jehovas und Juden trennen (vom Leid natürlich nicht). ZJ können das wohl als irdischen Endgericht sehen, für (manche) Juden aber hat Gott das Bündnis gebrochen.
So gab es nach der Shoah überlebende Juden, die ganz streng nach den jüdischen Regeln lebten, nicht um Gott zu gefallen sondern um ihn zu beschämen. Es war ein Protest gegen Gott ( wir halten das Bündnis, Du nicht). Hier kommt die besondere Sichtweise des Judentums auf Gott und den Bund zum Tragen.
Wieder andere fühlten sich schuldig, weil sie überlebten.
Ich sehe darin vor allem einen Akt der Trauer und Verzweiflung.
Ich komme selbst aus einer Familie, die extrem unter den Nazis gelitten hat. U.a. wurde mein Großvater im KZ ermordet.
Ich halte es für kaum möglich, sich da rein zu versetzen. Was wohl auch gut so ist, dass dieser Schrecken kaum vorstellbar ist.
Es theologisch mit dem heutigen Abstand zu deuten, das geht meines Erachtens für Unbeteiligte nicht. Und die Gefahr, den Opfern nicht gerecht zu werden, ist riesengroß.
VG
Chey
Ich denke, theologisch muss man hier Zeugen Jehovas und Juden trennen (vom Leid natürlich nicht).
Auch vom Leid her war es nicht ganz dasselbe, auch wenn ich das Leiden der Zeugen Jehovas sicher nicht herunterspielen will. Auch die wurden gefoltert und getötet. Aber sie standen nicht an erster Stelle auf der Abschussliste. Sie wurden verächtlich als "schwach" betrachtet, aber es gab keinen Vernichtungsbefehl wie bei den Juden.
Zeugen Jehovas wurden von der SS geschätzt, weil sie widerspruchslos alle Arbeiten erledigten, die man ihnen auftrug. Und die Tatsache, dass sie den Tod nicht fürchteten, weil sie auf die Erlösung vertrauten, und auch nicht von ihrem Glauben abliessen (Was ihnen womöglich eine gewisse Chance auf Freiheit verschafft hätte) rang auch den SS Schergen eine gewisse Bewunderung ab. Was natürlich nicht das Geringste an ihrem Leiden änderte und daran, dass viele von ihnen die KZs nicht überlebten.
Für mich ist das jedenfalls ein klarer Beleg dafür, dass man zwar nichts über Gottes Anwesenheit oder Abwesenheit in KZs sagen kann - aber Glauben gab es dort mit Sicherheit.
In dem Buch von Eugen Kogon "Der SS-Staat", in dem er genau das System der KZs beschreibt, wird auch die Folterung eines Geistlichen durch einen SS-Offizier über mehrere Tage hinweg geschildert, die mit dem Tod dieses Geistlichen endete. Man mag sich nicht vorstellen, was in diesem Mann vorgegangen ist, aber es wird berichtet, dass er immer wieder fromme Lieder gesungen und gebetet hat. Und das hat den SS-Offizier fast wahnsinnig gemacht, weil er ihn wohl unbedingt "brechen" wollte... aber es ist ihm nicht gelungen.
Auch hier... Glauben gab es mit Sicherheit.
Aber von jenen, die ihn dort verloren haben, wird in der Regel auch weniger berichtet - und das mag die Geschichten unterm Strich verfälschen.
Ist ein ganz schweres Thema....sehe ich auch so. Ein Ergebnis wird es nicht geben, weil die Antwort bei jedem gestorbenen oder überlebten Opfer eine individuelle ist. ... Teile ich auch. Dennoch hoffe ich ein ergebnis zu finden. Sicher nicht um die Situation der Gefolterten zu beurteilen oder bis ins letzte zu verstehen. Ich hoffe jedoch herauszufinden, dass Gott auf vielfältige Weise auch im Leiden zugegen ist. Vielleicht nicht immer so, wie wir denken, dass er es sein müsste.
Ich denke, theologisch muss man hier Zeugen Jehovas und Juden trennen (vom Leid natürlich nicht). ZJ können das wohl als irdischen Endgericht sehen, für (manche) Juden aber hat Gott das Bündnis gebrochen.
So gab es nach der Shoah überlebende Juden, die ganz streng nach den jüdischen Regeln lebten, nicht um Gott zu gefallen sondern um ihn zu beschämen. Es war ein Protest gegen Gott ( wir halten das Bündnis, Du nicht). Hier kommt die besondere Sichtweise des Judentums auf Gott und den Bund zum Tragen
Mir geht es eben nicht um die generellen Deutung. Mir würde reichen, wenn ich mit guten Gründen auf die Vielfalt von Gottes Anwesenheit in Leidsituationen verweisen könnte. Also um persönlichen Aussagen des Erlebens, in denen das zum Ausdruck kommt. UNd eben nicht in theoretischen / theologischen Deutung.
Danke
Sei mir nicht böse, aber vielleicht wäre es besser, sinnvoller und vor allem nachvollziehbarer, das Wirken Gottes in der Not bei sich, beim eigenen Umfeld oder zumindest in unserer Zeit zu suchen und nicht in der Shoah.
Ich halte damalige Erlebnisse, egal ob positiv oder negativ in Bezug zu Gott für kaum übertragbar auf uns. Die Shoah war zu extrem und die Reaktionen darauf daher speziell.
Wie kann man, wenn man jeden Tag miterleben muss, wie tausende um einen herum grausam im Gas umgebracht werden, die Reaktion darauf auf uns heute irgendwie übertragen?
Ich kann das nicht.
Zumal der jüdische Glaube sich vom christlichen unterscheidet.
VG
Chey
Betrifft zwar nicht Auschwitz, aber Dachau. Mir sind einige herausgeschmuggelte Briefe des evangelischen Pfarrers Ernst Wilm bekannt, der dort von 1942 bis 1945 inhaftiert war. Diese sind in seinem Buch "So sind wir nun Botschafter" veröffentlich, das antiquarisch erhältlich sein sollte.
Ich kann mir vorstellen, dass es auch etwas von Pater Maximilan Kolbe gibt, der in Auschwitz für jemand anders in den sog. "Hungerbunker" gegangen ist und dort später ermordet wurde. Kolbe wurde inzwischen heiliggesprochen.
Ich habe 1987 erstmalig, bereits als erwachsener Mann, das KZ Dachau besucht. Ich war beruflich temporär im Erdinger Moos unterwegs und hatte an den Wochenende genug Zeit um ausgiebig zu recherchieren. Es ist ein beklemmender Ort und die Frage nach Gottes ›blindem Fleck‹ kann einem durchaus kommen.
Vielleicht darf ich noch einen anderen Gedanken einflechten … in allen menschlichen Konflikten der Geschichte, seit es Christen und den christlichen Glauben gibt, treffen Christen in feindlicher Absicht auf andere Christen. Ein weiterer Ort, der viel näher an meinem Geburtsort liegt, ist Verdun in Frankreich, Schauplatz epischen Schlachtens über Jahre hinweg, während des 1. Weltkrieges.
Französische Christen kämpften gegen deutsche Christen - und umgekehrt - und ihre Grabenlinien lagen so eng nebeneinander, dass sie den jeweiligen Predigten der Feldgeistlichen im Graben gegenüber zuhören konnten. Kirchenlieder, die gesungen wurden, waren melodisch auf beiden Seiten gleich, nur in anderen Sprachen.
Ein Freund sagte mir bei einem gemeinsamen Besuch (ich war sehr häufig dort), dass es unfassbar sei, dass Feldgeistliche nicht nur die Soldaten segneten, sondern auch die Waffen, mit denen man sich gegenseitig nach dem Leben trachtete. Für mich erhob sich die Frage:
Lieber Gott, was machtest Du bloß, wenn Dich je ein Stoßgebet von zwei Soldaten erreichte, je einer von jeder Seite, die um Beistand baten. Beide Christen. Gewürfelt wirst Du nicht haben.
Veröffentlicht von: @katechonIch habe 1987 erstmalig, bereits als erwachsener Mann, das KZ Dachau besucht. Ich war beruflich temporär im Erdinger Moos unterwegs und hatte an den Wochenende genug Zeit um ausgiebig zu recherchieren. Es ist ein beklemmender Ort und die Frage nach Gottes ›blindem Fleck‹ kann einem durchaus kommen.
Ich kann mich dem insofern anschließen, als dass ich 1986 - im Rahmen einer Gruppenfahrt des Vikariatskurses nach Polen - im KZ Auschwitz war ... Es war November, es lag Schnee, die Temperaturen waren extrem unter Null - und das ist mir in Erinnerung, weil der Ort, das Erleben und dieses eisige Szenario in eins gingen.
Das Erleben war un-fassbar ... und seit dem verstehe ich die elementare, existentielle jüdische Glaubens-Anfechtung und Erschütterung, die in der Frage steckt: "Wenn es Gott gibt, den Gerechten - WARUM ???" - Unzählige sind daran zerbrochen, haben ihren Glauben verloren, ihm abgeschworen.
Ich fühle mich deshalb - im jüdisch-christlichen Dialog - nicht berechtigt, diese Frage schnell, unangefochten und gewiss mit christlichen Bekenntnissen zu überspringen.
Wie man "nach Auschwitz von Gott reden kann?" ist und bleibt eine ernsthafte Frage, die der jüdische Glaube uns bis heute als Stachel mitgibt.
L'Chaim
Gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Vielleicht denkt Gott, wenn ihr früher gegen die Entwicklung in euren Ländern vorgegangen wäret, dann wäret ihr auch nicht in dieser Situation. Immerhin ´sorgt` Gott dafür, dass beide Seite sich, wie du beschrieben hast hören. Dann würde ich dazu neigen, dass war Gottes Antwort und den Rest müssen jetzt die Soldaten durch ihre Entscheidungen selbst lösen.
Danke.
„Das mich überzeugendste Erklärungsmuster ist das des Philosophen Hans Jonas, der eine wichtige Schrift verfasst hat über den Gottesbegriff nach Auschwitz, in der er sagt: Wenn man intellektuell redlich sein will, dann muss man von den klassischen Prädikaten Gottes Allgüte, Allwissen und Allmacht die dritte Eigenschaft streichen.“
Glaube und Zweifel im Judentum - Wo war Gott in Auschwitz?
Hans Jonas "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" halte ich für lesenswert.
Die Postion von Jonas ist mir bekannt. Ich teilen sie nur bedingt. Bevor man wie du zitierts, die klassischen Prädikaten Gottes streicht, sollte man klären was man darunter versteht und, dass fällt bei Jonas unter den Tisch, offen legen, warum man glaubt dass die Attribute so un nicht anders zu verstehen sind. Ist z. Allgüte synonym zu ´Liebe wie Gott sie versteht`?
U.a. aus diesem Grund, weil Philosophen und Theologen sehr schnell mit ihren ´logischen` Schlussfolgerungen bei der Hand sind, geht es mit darum herauszufinden ob sie über hauppt stimmen können. Ich glaube D. Sölle sagte, Gott war in Auschwitz, denn dort wurde gebetet.
Wie gesagt mir geht es darum, was sagen die, die überlebt haben über ihr Erlebtes.
Danke
@herbert Ja, stimme ich zu. Wenn wir noch bedenken, dass es in der Bibel den Begriff Allmacht nicht gibt, sondern es Umschreibungen in verschiedenen Kontexten sind, die wir auslegen, wird noch viel deutlicher, wie notwendig das Nachdenken über Begriffe ist.