War Gott in Auschwitz?
Ich beschäftige mit seit einiger Zeit mit der Theodizee. Dort kommt es unter anderem zu dem Vorwurf, dass Gott in Auschwitz nicht anwesend war und die Glaubenden, vor allem jüdische aber auch andere, wie z.B. die Zeugen Jehovas, quasi in Stich gelassen habe. Diese wird vor allem daran festgemacht, dass Gott die sadistischen Methoden der Capos und NS-Schergen zugelassen und sein ´Kinder` nicht geschützt habe.
Ich habe begonnen, Berichte Überlebender zu lesen um festzustellen, ob Gott nicht doch anwesend war, aber in einer anderen, individuellen Weise. Und es gibt von einigen die Aussagen, dass gerade unter den Bedingungen des KZ die Anwesenheit Gottes durchaus gespürt und erlebt haben. Z.B. in den solidarische Verhalten von Mitgefangenen oder aber auch in unverhofften Zufällen sowie unerwarteten (relativ) positiven Verhalten von Capos oder SS-Leuten.
Meine Frage: kennt jemand von Euch Quellen, aus die authentische über das Lagerleben berichten. Authtentisch meint, die nicht nur die äußeren Abläufe schildern, sonder von dem was sie im Inneren bewegt hat.
Für Hinweise bin ich dankbar.
Hallo Herbert,
vielleicht ist das hier hilfreich:
Timothy Keller erzählt in seinem Buch "Gott im Leid erkennen" ab Seite 94 von einem jüdischen Psychiater Namens Viktor Frankl, der das KZ überlebt hatte. Er hat ein Buch darüber geschrieben "Man's Search for Meaning", was ich aber nicht gelesen habe. Weiß auch nicht, ob es eine deutsche Übersetzung gibt.
Ich zitiere Keller:
Frankl fiel auf, dass viele säkuläre bzw. nur nominell religiöse Häftlinge sich nach ihrer Ankunft in dem Lager einem ernsthaften Glauben zuwandten. Viele entwickelten ein neues religiöses Interesse ... das ehrlichste, das man sich vorstellen kann. Die Tiefe und Kraft dieses Glaubens war oft für die Neuankömmlinge selber eine Überraschung. Es gab improvisierte Gebetsversammlungen und Gottesdienste in der Ecke einer Baracke oder in dem Dunkel eines abgeschlossenen Viehwaggons. Frankl schreibt, dass dieser vertiefte Glaube nicht nur echt war, sondern auch mit die einzige Möglichkeit, in der Umgebung zu überleben, die einem alles Irdische, das einem Menschen Sinn, Ziel und Geborgenheit geben konnte, wegnahm."
Timothy Keller, Gott im Leid begegnen, Brunnenverlag, S. 95
Übrigens ist dieses Buch sehr empfehlenswert und beschäftigt sich doch recht ausführlich mit den verschiedenen Theodizeen.
Liebe Grüße
Rita von Leidenssinn
Hallo Rita von Leidensinn,
Dank für deinen Tip. Victor Frankl ist mir sehr wohl bekannt und sein Werke sind fast alle in Deutsch erschienen. Das Zitat über Frankl trifft in der Tat den Kern seiner Erkenntnis, die er im Lager gewonnen hat.
Eben ist mir auch noch die Biografie von Corrie ten Boom "Die Zuflucht" eingefallen. Darin schildert sie beispielsweise, wie ihre Schwester Betsy und sie im KZ Ravensbrück eben solche geheimen Bibelstunden abhalten konnten, weil ihre Baracke wegen Insektenbefalls von den Wärterinnen gemieden worden war.
Das ist noch so eine Geschichte, die einen Einblick gibt, wie Gott in diesem unfassbaren Leid doch anwesend war und auch wirkte. So viele Menschen starben auf grausame Weise, - und doch fanden einige von ihnen in der Finsternis zu Gott und in ihm Errettung für ihre Seele.
Zitat aus dem Ausschnitt, den du zitierst:
Die Tiefe und Kraft dieses Glaubens war oft für die Neuankömmlinge selber eine Überraschung. Es gab improvisierte Gebetsversammlungen und Gottesdienste in der Ecke einer Baracke oder in dem Dunkel eines abgeschlossenen Viehwaggons. Frankl schreibt, dass dieser vertiefte Glaube nicht nur echt war, sondern auch mit die einzige Möglichkeit, in der Umgebung zu überleben, die einem alles Irdische, das einem Menschen Sinn, Ziel und Geborgenheit geben konnte, wegnahm.
Ich empfinde diese geradezu positive Einordnung des Glauben von Menschen, denen in höchster Not nichts Anderes mehr bleibt, offen gestanden etwas befremdlich, eigentlich sogar zynisch.
Ich will dabei weder den Glauben selbst noch die Kraft anzweifeln, die jener in so einer extremen Situation zu geben vermag.
Ich denke aber, dass eine solche Situation kein Maßstab sein sollte, um die "Echtheit" eines Glaubens zu beurteilen. Ich denke, dass jeder Vergleich sich an dieser Stelle einfach verbietet.
Ich lese das nicht so. Es wird ja ausdrücklich von den Empfindungen der Betreffenden zitiert und ist damit eben keine rein äußerliche Bestandsaufnahme. Denn um darüber zu wissen, muss der Autor mit den Menschen in persönlichem Austausch gewesen sein, davon gehe ich aus. Für mich stellt er diesbezüglich nur die Situation fest, wie sie in dem entsprechenden Moment war.