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Welche Lehre zählt? oder Wie würdest Du entscheiden und warum?


Herbert52
Themenstarter
Beiträge : 216

Die nachfolgende Lebenserinnerung von Ruth Elisa (Elias, R.. „Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt u. Auschwitz nach Israel“, Verlag Piper, München 1988) über ihr Überleben in verschiedenen KZs läuft auf eine extrem komplexe und schwierige Situation hinaus, in der verschiedene Blickwinkel und Deutung möglich sind. Ihre ´Rundreise` durch verschiedene KZs kumuliert in eine Leidenssituation von Ruth Elisa und ihrer Leidensgefährtin Berta, die beiden scheinbar keinen anderen Ausweg bot, als ihr gerade geborenes Kind zu töten. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich wohl gehandelt hätte. Was wäre für mich nach dem Wort Gottes das entscheidende Argument, so oder so zu entscheiden.

Wichtig: es geht mit in keiner Weise um eine moralische Verurteilung. Die Haltung, mit dem Hinweis auf  das 5. Gebot, Mord ist Mord ist, natürlich völlig unhaltbar, solange man das Recht auf kollektive Selbstverteidigung (Krieg) rechtfertigt. Dass eine Mutter ihr Kind aus Liebe töte ist für mich grundsätzlich bibelkonform. Nur was heißt dann Liebe und welche Umstände führen dazu, Mord und Liebe für vereinbar zu halten.

Schwierig ist auch die Frage, ob beide Frauen in der gleichen Situation sind. Berta hat schon bei der Deportation ihr erstes Kind verloren. Es wurde ins Gas geworfen.

Auch finde ich das Verhalten der Ärztin Marca nicht einfach.

Hier nun eine Zusammenfassung der Situation:

 

Unter menschenunwürdigen Bedingungen mussten Ruth Elias( franz. Jüdin) und Berta (Jüdin aus Tschechien), der bereits ein Kind von den SS-Schergen genommen wurde, im KZ. Auschwitz ihr Kinder zu Welt bringen. Wie durch ein Wunder hatten beide verschiedene Selektionen überstanden, in denen ihr Schwangerschaft nicht entdeckt wurden. Wenige Wochen vor dem Ende ihrer Schwangerschaft, die bis dahin von den KZ-Mördern unentdeckt blieb, wurden sie von Auschwitz in ein Lager nach Hamburg verlegt wo sie schwere Aufräumarbeiten leisten mussten. Da ließ sich Schwangerschaft nicht mehr verheimlichen, wurden sich zurück nach Auschwitz verlegt. Dort kamen sie auf eine Krankenstation, die dem berüchtigten Lager Arzt Mengele unterstand (Wichtig ist zu wissen, dass seine Grausamkeiten unter den Häftlingen nur zu gut bekannt waren).

Ruth Elias das Kind mit Hilfe einer Hebamme auf die Welt brachte, die aber außer einer unsterilen Schere keine Hilfsmittel, nicht einmal warmes Wasser oder Windeln hatte.

Notdürftig wurde das Kind versorgt und hilfl- und mittelosen Mutter aufs Lager gelegt. Die Not von Mutter und Kind lassen sich kaum adäquat beschreiben. Es waren nicht nur die äußeren Umstände, sondern die psychische Belastungen: „Ich konnte meinem Kinde keinen Namen geben, es war mir schwer, es irgendwie zu benennen, denn jeder Name, welcher mir nur einfiel, erinnerte mich an jemanden aus meiner Familie. Ich gab es auf, und das Neugeborene hatte nur einen Namen: Mein Kind. Mein Kind, was wird aus uns werden? Wie werden wir enden? … Mein Kind, wie kann ich dir nur helfen? Wie kann ich dich von deinen Leiden befreien? Wie kann ich dich behalten? Geh nicht von mir! Verlaß mich nicht! Ich streichle dich ja, will deine Leiden auf mich nehmen, doch auch das vergönnt mir Mengele nicht. Leidest du sehr, mein Kind? Du bist doch noch viel zu klein, um das alles zu fühlen, zu begreifen. Ja, kann man denn so etwas überhaupt begreifen?“ (dito:186).

Das Kind schrie, aber an Stillen war nicht zu denken. „Wie jeden Tag, so erschien auch diesmal Mengele zur täglichen Visite und sah, daß ich entbunden hatte. Lange blickte er das Neugeborene an, und nach weiterer Überlegung rief er eine Ärztin(ebenfalls ein Gefangene) heran und gab den Auftrag, meine Brüste ganz fest zu bandagieren. In meiner Naivität dachte ich zunächst an nichts Böses, doch erschrak ich zutiefst, als ich hörte, daß dieses Kind nicht gestillt werden dürfe“ (:185). Der Grund: Mengele wollte herausfinden, wie lange ein Neugeborenes ohne Essen aushalten kann. Der kam „Sechs Tage, jeden Tag ein Besuch, jeden Tag dieselben höflichen Fragen, jeden Tag graute mir mehr vor seinen Besuchen.“ (dito:185). „Mein Kind, du lebst erst einige wenige Tage und mußt schon solche Qualen erleiden. Du kannst doch noch gar nicht einmal gesündigt haben, daß du schon so schwer bestraft wirst. Wie kann man dieser Qual nur ein Ende bereiten? Was kann ich als Mutter dafür tun? Habe ich überhaupt als Mutter das Recht, an ein gemeinsames Ende zu denken? Wie können wir beide es aber durchhalten? Wann ist schon endlich Schluß mit diesen Qualen? Hier Kind, nimm den Lutscher aus Brot, mit Kaffee oder Suppe getränkt, vielleicht lindert das deinen Hunger! Langsam hast du schon keine Kraft mehr, an diesem Lutscher zu ziehen

Heute ist schon der sechste Tag, und noch immer sehe ich keinen Ausweg aus dieser entsetzlichen Lage. Gott, bitte laß uns beide sterben. Wann werden wir endlich erlöst? Mein Kind, du bist schon aschgrau, ein so kleines, mit Haut überzogenes Skelett. Du kannst doch nicht einmal mehr wimmern. Und diese Liegewunden. Atmest du überhaupt noch?

Hier Mengele, untersuche mein Kind! Ergötz dich an seinem Anblick! Ist deine medizinische Neugier endlich befriedigt? Weißt du es endlich, wie lange ein Neugeborenes ohne Nahrung leben kann? Kinder sind zäh, doch dein Sadismus ist noch viel zäher! Du Teufel in Menschen-gestalt! Dich kann und werde ich nicht um Erlösung bitten! Aber vielleicht erhört mich doch endlich Gott?! Wir sind doch schon beide nicht mehr lebensfähig! Nimm uns zu Dir, bitte, bitte, lieber Gott!!!

Am sechsten Tag kündigte Mengele an: „»Morgen früh komme ich euch beide abholen. Sei um acht Uhr früh bereit!«“ (dito:187).

Bahnte sich so die von Gott erhoffte Erlösung an?

„Warum müssen wir noch einen vollen ganzen Tag diese Qualen aushalten? Nimm uns schon heute mit! Komm mein Kleines, wir werden die letzten Stunden ganz eng zusammen sein. Dein kleiner Körper ist schon ganz blau und wund, aber wir müssen beide bis morgen durchhalten. Ich habe keine Tränen mehr. Morgen gehen wir zusammen ins Gas, mein Kind. Morgen kommt uns Mengele holen. Dann wird endlich alles vorbei sein. Aber weißt du, mein Kind, ich wollte doch so gerne noch leben. Ich bin doch noch so jung, 22 Jahre bin ich alt, und nun muß ich sterben. … Atmest du noch, mein Kind? Ich muß weiter weinen – morgen gehe ich ins Gas. Aber ich will doch so gerne noch leben. … Nur noch wenige Stunden haben wir auf Mengele zu warten. Alles in mir bäumt sich auf. Ich will LEBEN! LEBEN! Bin ich wahnsinnig? Warum schreie ich?

Ich kann aber nicht anders. Ich muß schreien, morgen werde ich nicht mehr schreien können. Ich kann nicht beten, deshalb muß ich schreien. Ich habe nicht beten gelernt, gibt es überhaupt in dieser Lage Gebete? Ich bin schon halb wahnsinnig. Ich will LEBEN! LEBEN! Wer hilft mir nur?“ (dito:188)

Durch die Schreie nach ´Leben` wird eine (Zahn)Ärztin (Marca), ebenfalls ein Häftling, auf sie aufmerksam. Sie hörte sich Ruths Geschichte an und versprach Hilfe. Die brachte sie in Form einer Morphium Spritze: „… spritz das deinem Kind ein! … »Was ist in dieser Spritze?« fragte ich. »Morphium, das wird das Kind töten«, sagte Maca mit einer Selbstverständlichkeit, welche einen Schauer bei mir auslöste. »Aber ich kann doch nicht die Mörderin meines eigenen Kindes sein!« schrie ich Maca an, »gib du ihr doch die Spritze!«

Maca begann zu reden. Eine Engelsstimme sprach auf mich ein, redete, redete.

»Ruth, du bist jung. Du mußt leben. Schau dir dein Kind bloß an. Es ist nicht lebensfähig. In einigen Stunden wird es sowieso sterben. Es muß aber sterben, noch bevor Mengele euch holen kommt. Wenn das Kind dann noch lebt, nimmt er euch beide mit. Du mußt leben, du bist jung. Ich habe den Hippokrates-Eid geleistet und muß Menschenleben retten. Ich muß dich retten. Und ich darf nicht töten. Du mußt es tun, um dich zu retten. Dein Kind muß ja sterben, aber du mußt leben. Du mußt es tun, um dich zu retten. Bitte gib schnell die Spritze deinem Kind, tue es, tue es.«“ (dito:189).

Nach weitere Diskussion gab Ruth den Widerstand auf: „Ich beging die Tat. Ja, ich tötete mein eigenes Kind. Ja, Herr Dr. Mengele, sie haben mich zur Kindesmörderin gemacht“. Als das Kind seinen letzten Atemzug gemacht hat gehen ihr die Gedanken durch den Kopf: „Vielleicht bist du endlich von den Qualen deines so kurzen Lebens befreit? Hast du sehr gelitten? Mein Kind, nun ist alles vorbei. Du wirst nicht mehr leiden müssen. Du bist schon davon befreit. Warum hat Maca [die Ärztin] nicht auch für mich eine Spritze Morphium gebracht? Ich will mit dir gehen. Warum sagt Maca, daß ich leben muß? Wie werde ich mit dieser Last leben können? Ich will nicht leben. Will ich leben? Nein, ich will nicht mehr leben.“ (dito:190).  … Mir war ganz egal, was um mich herum geschah. Ich habe es nur Berta und Zenka, welche felsenfest zu mir stan-den, zu verdanken, daß ganz langsam mein Lebenswille zurückkehrte. Berta erreichte dies dadurch, daß sie mich immer wieder beschwor, daß sie mich brauchen wird, da ja auch sie die Entbindung erwartete, und daß ich ihr helfen müsse, so wie sie mir geholfen hatte. Daß auch sie dasselbe wie ich wird erleiden müssen. Daß wir niemanden außer uns selbst haben. Daß wir zueinander stehen müssen und einander helfen müssen.

Maca war auch da, als Berta ihre Wehen bekam, und Maca und ich beschlossen, Berta alle Qualen, welche ich hatte erleiden müssen, zu ersparen. Maca besorgte … das Morphium für Berta und stahl wieder eine Injektionsspritze. Unter denselben Umständen wie ich überstand Berta die Entbindung. Es war wieder ein Junge, doch sie bekam diesen gar nicht zu Gesicht, denn er starb einige Stunden nach seiner Geburt durch die Spritze.

Als Mengele zur Visite kam, wurde ihm gemeldet, daß Berta eine Totgeburt gehabt habe. So konnte diesmal Mengeles medizinisch wissenschaftlicher Wissensdrang über die Lebensfähigkeit eines Neugeborenen und über die Lebensverkürzung durch Aushungern nicht befriedigt werden.

 

 

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3 Antworten
Martha
 Martha
Beiträge : 1423

@herbert 

Bei "prime video" kann zu diesem Thema der Film "Auschwitz - Out of the Ashes" gestreamt werden (Regisseur Joseph Sargent, USA, 2003).

Zusammenfassung:

Eine Holocaust-Überlebende macht sich auf den Weg nach Amerika, wo sie davon träumt, ein neues Leben zu beginnen, aber es fällt ihr schwer, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, besonders als sie gezwungen ist, den Albtraum von Auschwitz noch einmal zu erleben.

Dieser herzzerreißende Film basiert auf einer wahren Begebenheit und folgt der Reise von Gisella Perl (Christine Lahti), einer jüdisch-ungarischen Ärztin, die es schafft, Auschwitz zu überleben. Jahrzehnte später beantragt sie die US-Staatsbürgerschaft, als ihr vorgeworfen wird, mit den Nazis zusammengearbeitet zu haben. Ihr Richter und die Jury bestehen aus drei INS-Ermittlern (gespielt von Bruce Davison, Richard Crenna und Beau Bridges), die über ihr Schicksal entscheiden müssen

—Rottem Tomatoes

martha antworten
1 Antwort
Jigal
 Jigal
(@jigal)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 5677

@martha Diesen Film habe ich auf youtube gesehen.

In den Kommentaren wird auf die Filmfehler hingewiesen, vermutlich ist es ein B-Movie, der günstig produziert wurde.  So sind falsche Fahrzeuge zu sehen. Es ist aber für den Geschichte unwichtig. Es wird gezeigt wie Leuten angeboten wurde mit dem LKW weiter zu fahren, auch wird ein Unimog der Bundeswehr gezeigt.

Tatsache ist aber eben, wer mit dem LKW fuhr wurde sofort vergast.

Ich fand des Film sehenswert.

 

jigal antworten
Goldapfel
Beiträge : 1563

Tut mir leid, aber ich schreibe dir offen, dass ich deine Überschrift arrogant und übergriffig finde.

Du bist nicht in der Situation, warst es nicht und ich bezweifle, dass du jemals auch nur annähernd da ran kommen wirst.

Dann setzt du einen Krieg zur Verteidigung mit dem Wort „nicht zu morden“ moralisch gleich.
Jeder muss zunächst für das ihm anvertraute Leben in der Gegenwart aber auch für die Zukunft entscheiden. 

 

Ich sehe die Tragik und die Verzweiflung, das Leid und den Schmerz und die Qual, der in der Zusammenfassung geschilderten Personen.

Sie sehen die erwartbare Zukunft ihrer Kinder, wenn sie nicht handeln und die möglichen Konsequenzen ihrer Entscheidungen und müssen abwägen,  was sie persönlich verantworten und ertragen können.

Ich bin gerade dankbar, völlig unverdient in keiner auch nur annähernd vergleichbaren Situation zu stecken.

Ich hoffe nur, ich hätte in meinem Vertrauen auf Jesus immer die Kraft, mich grundsätzlich für das Leben genau dieses Kindes zu entscheiden und den Glauben, dass Er es gut machen kann und wird. Ganz egal wie.

Aber auch wenn nicht, halte ich mich (hoffentlich) an der Gnade Gottes fest und an dem Kreuzestod Jesu, der auch meine Schuld dort ausgelöst hat.

Ich hoffe, ich habe in allen noch kommenden Situationen meines Lebens grundsätzlich die Bereitschaft, mich für Gottes Willen zu entscheiden und das dann auch zu tun.

 

ga2 antworten
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