Bergpredigt II (die acht Seligkeiten) Mt.5. 3ff / Lk.6, 21 ff)
Hier vorweg der Textvon dem ich ausgehe (Übersetzung Schöningh)
Mt.
3 "Selig die Armen im Geist; denn ihrer ist das Himmelreich
4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
5 Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land als Erbe besitzen.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig die Friedenstifter; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
10 Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und euch lügnerisch alles Böse nachreden!
12 Freut euch und jubelt: denn groß ist euer Lohn im Himmel. Ebenso haben sie ja die Propheten, die vor euch waren, verfolgt.
Hier Lk.6 (ebenfalls Schöningh)
21 Selig, die ihr jetzt hungert, ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, ihr werdet lachen.
22 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen, wenn sie euch verstoßen und schmähen und euren Namen schlechtmachen um des Menschensohnes willen!
23 Freut euch an jenem Tag und frohlockt; denn seht, groß ist euer Lohn im Himmel. Ihre Väter haben es ja mit den Propheten ebenso gemacht.
24 Aber wehe euch, ihr Reichen! Ihr habt schon euren Trost. *
25 Wehe euch, die ihr jetzt satt seid! Ihr werdet hungern. Wehe euch, die ihr jetzt lacht! Ihr werdet trauern und weinen.
26 Wehe, wenn alle Welt euch umschmeichelt! Ihre Väter haben es ja mit den falschen Propheten ebenso gemacht.
Bevor wir in den Austausch gehen sollten wir schauen, ob es Übersetzungen gibt, die signifikant vom Text abweichen. Dann ist die Frage offen, ob es sich bei Mt. und Lk. um die jeweils gleiche Situation handelt, oder um zwei verschiedene. (Die letzte Position könnte sich auf die Unterschied, etwa der Reihenfolge beziehen).
Meine Meinung ist, unabhängig davon ist jeweils das Gleiche gemeint, bestimmte Aspekte der Bedeutung anderes hervorgehoben werden. So würde ich
3 "Selig die Armen im Geist; denn ihrer ist das Himmelreich
4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden
Nach Mt. mit Lk. gleichsetzen:
21 Selig, die ihr jetzt hungert, ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, ihr werdet lachen
Für das Verständnis würde dann die Frage auftauchen, ob Armut bei Mt. materielle Armut bedeutet, die dazu führt, dass man nicht genügend zu Essen kaufen kann, wie man Lk. verstehen könnte. Ich schlage vor, dass wir damit beginnen und dann Schritt für Schritt die weiteren Seligpreisungen diskutieren.
Matthäus und Lukas – zwei Blickwinkel auf dieselbe Wirklichkeit
Die Seligpreisungen gehören zu den tiefsten Worten Jesu. Auffällig ist, dass Matthäus (Mt 5) und Lukas (Lk 6) ähnliche, aber nicht identische Fassungen überliefern. Das führt zur Frage: widersprechen sie sich, oder ergänzen sie sich?
Ich glaube: sie ergänzen sich.
1. Unterschiedliche Formulierungen im Urtext
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Matthäus 5,3: „Selig die Armen im Geist“ (hoi ptochoi tō pneumati).
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Lukas 6,20: „Selig ihr Armen“ (hoi ptochoi).
Hier zeigt sich sofort der Akzent: Matthäus spricht von einer inneren Haltung, Lukas von einer sozialen Realität.
2. Verschiedene Hörergruppen
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Matthäus schreibt für eine Gemeinde, die stark im jüdischen Glauben verwurzelt war. Für sie ist wichtig: die Haltung des Herzens entscheidet. „Armut im Geist“ bedeutet: bewusstes Angewiesensein auf Gott, Loslassen von Selbstgenügsamkeit.
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Lukas betont das Konkrete: materielle Armut, Hunger, Ausgeschlossen-Sein. Er spricht Menschen an, die unmittelbar unter Ungerechtigkeit leiden.
Beide Sichtweisen sind authentisch: Jesus hat sowohl über innere Haltung als auch über äußere Not gesprochen.
3. Prophetische Tradition
Schon im Alten Testament sind die anawim, die Armen des Herrn, bekannt: Menschen, die nicht stark und mächtig auftreten, sondern in ihrer Bedürftigkeit auf Gott vertrauen (vgl. Ps 34,19; Jes 61,1).
Jesus steht in dieser Linie:
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„Selig die Armen im Geist“ = jene, die in Demut Gott als Quelle allen Lebens anerkennen.
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„Selig ihr Armen“ = die, die jetzt im Mangel leben und darum Gottes Zuwendung besonders erfahren sollen.
4. Geistlich und sozial – kein Widerspruch
Beide Dimensionen gehören zusammen:
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Innerlich: Ohne Demut im Herzen bleiben wir verschlossen für Gottes Reich.
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Äußerlich: Gottes Liebe richtet sich immer konkret an die Bedürftigen. Wer arm ist, hungrig, ausgeschlossen, soll Hoffnung haben.
Darum sagt Jesus bei Matthäus: „Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit“ (Mt 5,6), und bei Lukas: „Selig, die ihr jetzt hungert“ (Lk 6,21). Beides ist wahr – Hunger nach Brot und Hunger nach Gerechtigkeit.
5. Die Umkehr der Maßstäbe
Besonders deutlich bei Lukas:
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„Wehe euch Reichen! … Wehe euch, die ihr jetzt satt seid!“ (Lk 6,24f.)
Das ist keine bloße Sozialkritik, sondern die prophetische Umkehr: Gottes Reich setzt andere Maßstäbe als menschliche Macht und Wohlstand. Darum: Trost für die Armen, Warnung für die Selbstsicheren.
6. Bedeutung für uns heute
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Demut üben: „Armut im Geist“ – nicht aus eigener Kraft leben wollen, sondern aus Gottes Liebe.
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Solidarisch sein: Den Blick nicht abwenden von denen, die Hunger, Not oder Ausgrenzung erfahren.
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Hoffnung empfangen: Die Seligpreisungen sind keine Verherrlichung des Leidens, sondern eine Zusage: „Euer Lohn ist groß im Himmel“ (Mt 5,12; Lk 6,23).
Fazit
Matthäus und Lukas widersprechen sich nicht, sondern betonen unterschiedliche Seiten derselben Botschaft:
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Matthäus: innere Demut.
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Lukas: konkrete soziale Not.
Gemeinsam zeigen sie: Selig ist, wer Gott braucht – und Gott wendet sich zuerst denen zu, die sonst niemanden haben.
Vielleicht ein Leitvers zum Mitnehmen:
„Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Mt 5,3).
„Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20).
Beide Male geht es um dieselbe Verheißung: Gottes Reich ist nahe – für Herz und Welt. 🌿✨