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Warum glaubte Jesu Familie ihm zunächst nicht?

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Turtle555
Themenstarter
Beiträge : 3

Hallo liebe Forenmitglieder, 

ich habe ein Frage und hoffe, dass mich hier jemand aufklären kann:

Gemäß Markus 3,21  (und Joh 7,5) hielt die Familie von Jesus ihn offenbar für verrückt ("von Sinnen"). Aber wieso? 

In Matthäus 1,1 steht, dass Josef ja offenbart wurde, dass Maria Jesus durch den Heiligen Geist empfangen hat. Und auch sie selbst muss doch gewusst haben, dass Jesus etwas Besonderes ist aufgrund der unbefleckten Empfängnis. Demgemäß wäre es doch nur logisch gewesen, dass sie von Beginn an an seine Lehren glauben.

Oder habe ich hier grundsätzlich etwas falsch verstanden?

Vorab vielen Dank für Eure Antworten.

 

Turtle

Antwort
27 Antworten
Maria
 Maria
Beiträge : 1277

@turtle555 

Mk 3,21 Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. 

Ich denke, es ging ihnen nicht um die Lehre von Jesus. Es ging seinen Angehörigen darum, ihn nach Hause zurückzuholen. Aus ihrer Sicht war er als Erstgeborener verpflichtet, seine Mutter zu unterstützen, zu heiraten und für Nachkommen zu sorgen.

Solche kulturellen Dinge, die gleichzeitig mit dem religiösen Verständnis begründet werden ("Du sollst Vater und Mutter ehren"), sind ganz schwer aus den Köpfen zu bekommen. Das sieht man z.B. auch in den Briefen von Paulus, der als Kind seiner Zeit am traditionellen Rollenverständnis von Mann und Frau festhält.

maria antworten


GoodFruit
Beiträge : 4219

@turtle555 Schau mal was Jesus tat. Und nun stell Dir vor, dass Dein Bruder, der eben noch eine Lehre als Zimmermann absolviert hat, so etwas tut. Was würdest Du zu Deinem Bruder sagen? Würdest Du ihn vielleicht fragen: Darf ich mitmachen? Oder würdest Du ihm nicht vielleicht in diesem Sinne raten: Nun komm mal runter. Das, was Du da treibst ist ja total abgefahren.

Dazu kommt noch, dass die Familie ja sozial eingebunden ist. Wer Dinge anders macht, der eckt immer an. Wer die Eliten kritisiert, hat schnell auch Feinde.

Hier ein wissenschaftlicher Aufsatz, der sich mit der Normkonformität und dem Zwang dazu beschäftigt. Es geht dabei nicht um die Zeit Jesu, sondern um unsere jüngere Vergangenheit, die sicher besonders unter preußischem Einfluss einen starken Drang zum Erfüllen von Normen erfahren hat.

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/150616/normkonformitaet-durch-soziale-kontrolle-gesellschaftlicher-umgang-mit-unehelichen/

Der Aufsatz von Peter Franz ist in der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)" erschienen, die wiederum im Kontext mit der Bundeszentrale für politische Aufklärung erscheint. Das sind die mit den dünnen aber sehr inhaltsreichen Themenbezogenen Heftchen, die gerne mal in der Schule in Sozialkunde, Geschichte oder Geografie verteilt wurden. Vielleicht erinnert sich der/die eine oder andere.

Der erste Satz umreißt bereits das Themengebiet gut:

"Mit dem Konzept der sozialen Kontrolle haben bereits verschiedene Gründungsväter der Soziologie (Émile Durkheim, Edward A. Ross) auf den Umstand verwiesen, dass der soziale Austausch zwischen Gesellschaftsmitgliedern nicht nur der kommunikativen (Begründung gemeinschaftlichen Zusammenhalts, Einbindung in Netzwerke) und materiellen (Tauschhandel) Bereicherung, sondern auch dem Zweck dient, die Geltung bestimmter sozialer Normen durchzusetzen."

[...]

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass in einem Akt sozialer Kontrolle zumindest zwei Akteure – Kontrolleur (Kontrollinstanz) und Kontrollierte (Kontrollobjekt) – in Beziehung stehen. Allgemein wird hier soziale Kontrolle als Handlung eines Akteurs (Kontrollinstanz) angesehen, die entweder als Reaktion auf eine bestimmte wahrgenommene Handlung und einen Zustand (als Resultat vorangegangenen Handelns) oder aus präventiver Absicht erfolgt, bestimmte, noch nicht eingetretene Handlungen oder Zustände zu verhindern.

Der Mensch ist ein „Gewohnheitstier“. Viele möchten immer gerne, dass alles so bleibt, wie es ist. Eliten haben Systeme errichtet, die dazu beitragen, dass keine unkontrollierbaren gesellschaftlichen Zustände erreicht werden und dass die Entwicklung sich immer auf ein sicher zu erwartendes Zukunftsszenario hinbewegt. Da kann es schon Veränderungen geben - aber die sind meist von oben nach unten gewirkt und mehren in der Regel Macht und Geld der Akteure der Oberschicht. Man kann diese Mechanismen studieren und wird immer ähnliche Muster finden. Der Artikel handelt davon.

Irgendwie sind alle am Job des Normierens beteiligt: Familien, Gemeinden, Menschen am Arbeitsplatz - aber sicher auch geistliche und politische Eliten.

Ich vermute, dass das schon immer so war - und wenn die Eliten gewechselt haben, dann änderten sich da Personen und Definitionen von "Normalität", was aber an dem Umstand der Kontrolle zur Aufrechterhaltung des gewünschten Ist-Zustandes nichts änderte.

In der Zeit der Französischen Revolution gab es vielleicht eine Phase, wo es nicht so gut kam, schlecht über den König zu reden - um dann nur wenig später sein Leben zu riskieren, indem man seinen Nächsten nicht als "Bürger" anredete. Und die Jakobiner waren da sicher keineswegs zimperlicher, wenn es darum ging, "Normalität" zu diktieren und zu überwachen.

Das alles gab es bei Jesus auch schon. Und wenn wir uns die Familie Jesu ansehen, dann waren die sozial eingebunden. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass sie Druck vom Umfeld des Hohepriesters bekommen haben, wo man ja so gar nicht glücklich über das Handeln Jesu war. Denn das Auftreten des Messias bedeutete das Aus des teuer erkauften und mit so viel Privilegien versehenen Job des Hohepriesters. Das war in ihren Augen wie Revolution - und die mochte man nicht.

 

goodfruit antworten
Turtle555
Themenstarter
Beiträge : 3

Liebe Forenmitglieder, 

ich kam erst heute dazu nachzusehen, ob ich vielleicht eine Antwort auf meine gestellte Frage bekommen habe und bin überwältigt von der Vielzahl an Antworten. 

Ich möchte mich bei jedem Einzelnen bedanken für die Zeit und Mühe, die er/sie für die Beantwortung meiner Frage investiert hat

Alle Antworten haben mir geholfen. Ich habe zum einen Informationen bekommen, die vorher nicht kannte und zum anderen haben mir die Antworten geholfen, den Sachverhalt einfach auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. 

Vielen Dank nochmal!!! 

Ich komme bestimmt wieder in das Forum mit neuen Fragen 🙂

Turtle

turtle555 antworten


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