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Tierethik


Pronst
 Pronst
Themenstarter
Beiträge : 1

Hallo zusammen,

vorab: Ich war über 20 Jahre lang Mitglied der katholischen Kirche, bin mittlerweile allerdings ausgetreten. Ich hoffe, dass mein Anliegen hier trotzdem gestattet ist.

Ich möchte allen Christen die Frage stellen, wie es mit ihrem Glauben, der Nächstenliebe und Gottes Wille vereinbar sein kann, ohne jeglicher Notwendigkeit empfindungsfähige, nichtmenschliche Tiere zu Ernährungs- und Kleidungszwecken und sonstigen Zwecken auszubeuten, zu töten und meist auch zu quälen, bzw. dies in Auftrag zu geben und stellvertretend von anderen Personen durchführen zu lassen.

Es gibt keinerlei Zweifel daran, dass Säugetiere, Vögel und viele weitere Wirbeltiere und sogar wirbellose Tiere empfindungsfähig sind und wie wir Menschen Schmerz, Leid, Freude, Angst, Liebe und viele weitere Emotionen empfinden. All diese Kenntnisse waren zu Jesu Lebzeiten nicht bekannt, heute sind sie es allerdings. Kommt mit diesem Wissen nicht automatisch die Verpflichtung, Tiere zu schützen und in die christliche Ethik mit aufzunehmen, als Erweiterung der Menschenwürde?

Ich möchte an dieser Stelle, sofern dies erlaubt ist, die Arbeit von Kurt Remele empfehlen. Er ist römisch-katholischer Theologe und Ethiker und hat mit "Die Würde des Tieres ist unantastbar" ein sehr gutes Buch zum Thema geschrieben.

Mir ist es ein sehr großes Anliegen, dass Christen sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen und nicht "blind" auf einzelne Bibelpassagen verweisen.

Ich möchte an dieser Stelle auf die Laudato Si' von Papst Franziskus aus dem Jahre 2015 hinweisen. Dort steht geschrieben: „Es widerspricht der Würde des Menschen, Tiere nutzlos leiden zu lassen“ und „Wir sind nicht Gott. … [Wir müssen] heute mit Nachdruck zurückweisen, dass aus der Tatsache, als Abbild Gottes erschaffen zu sein, und dem Auftrag, die Erde zu beherrschen, eine absolute Herrschaft über die anderen Geschöpfe gefolgert wird“.

Ich hoffe auf eine respektvolle und offene Debatte. Vielen Dank im Voraus!

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7 Antworten
Lucan-7
Beiträge : 26938

@pronst 

Nicht ganz einfach, das Thema. Grundsätzlich stimme ich zu, dass es einfach in vielerlei Hinsicht besser ist, Vegetarier zu sein - Gesundheit, Ethik, Umwelt, es gibt wenig gute Gründe für Fleischkonsum, mit Ausnahme vielleicht von bestimmten Mängeln, die aber nur unter bestimmten Umständen auftreten und die leicht zu vermeiden sind.

 

Es gibt keinerlei Zweifel daran, dass Säugetiere, Vögel und viele weitere Wirbeltiere und sogar wirbellose Tiere empfindungsfähig sind und wie wir Menschen Schmerz, Leid, Freude, Angst, Liebe und viele weitere Emotionen empfinden. All diese Kenntnisse waren zu Jesu Lebzeiten nicht bekannt, heute sind sie es allerdings.

Und das macht es jetzt wirklich schwierig. Denn wenn es heisst, dass man das damals halt nicht gewusst hat - dann wäre auch Jesus einer dieser ahnungslosen Menschen gewesen. Nun ist aber im christlichen Glauben Jesus mit Gott identisch, das heisst, der Schöpfer hätte demnach keine Ahnung von seiner Schöpfung gehabt. Und selbst wenn man das auf das Menschsein Jesu schiebt, dann wäre er demnach nicht sensibel genug gewesen, das Leiden anderer Lebewesen wahrzunehmen. Das wäre wohl eine Aussage, der viele Christen kaum zustimmen werden.

Biologisch gesehen sind wir Menschen keine reinen Vegetarier, was evolutionstechnisch immer ein Vorteil war, aber wir können uns problemlos vegetarisch ernähren... vieleicht mit wenigen extremen Ausnahmen, da manche Leute in Gegenden wohnen, in denen kein Ackerbau möglich ist. Für einen traditionell lebenden Inuit wird eine vegetarische Ernährung in Schnee und Eis kaum umzusetzen sein.

Ich selber bin da bislang inkonsequent... zwar essen ich und meine Frau keine Säugetiere, bei Fisch und Geflügel machen wir aber noch eine Ausnahme.

 

lucan-7 antworten


Joachim
Beiträge : 9

Hallo, finde ich ein sehr spannedes Thema, danke Pronst!

Veröffentlicht von: @lucan-7

Nicht ganz einfach, das Thema. Grundsätzlich stimme ich zu, dass es einfach in vielerlei Hinsicht besser ist, Vegetarier zu sein - Gesundheit, Ethik, Umwelt, es gibt wenig gute Gründe für Fleischkonsum

Nun, aus ethischen und Klimaschutzgründen muss man sich nicht vegetarisch ernähren, sondern vegan. Es ist klar, dass Legehennen und Milchvieh keine besseren Leben haben als Fleischvieh. Ob man nun mit den christlichen Werten vegetarisch und vegan abwägen kann, wage ich zu bezweifeln.

Viele liebe Grüße
Joachim

joachim antworten
5 Antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
Beigetreten : Vor 15 Jahren

Beiträge : 26938

@joachim 

Nun, aus ethischen und Klimaschutzgründen muss man sich nicht vegetarisch ernähren, sondern vegan. Es ist klar, dass Legehennen und Milchvieh keine besseren Leben haben als Fleischvieh. 

Das hängt wohl von der Menge ab. Legehennen können ein prima Leben haben - wenn wir uns mit sehr viel weniger Eiern zufrieden geben, die dann natürlich auch viel teurer wären.

 

 

lucan-7 antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 6 Monaten

Beiträge : 1450

@joachim 

Ob man nun mit den christlichen Werten vegetarisch und vegan abwägen kann, wage ich zu bezweifeln.

Christlich bedeutet ja in erster Linie, dass du dankbar für dein Essen bist, weil du es aus der christlichen Perspektive Gott zu verdanken hast, dass du essen hast.

Welches Essen das im Speziellen ist, ist nachrangig und kann individuell gehandhabt werden. Der eine so, der andere anders.

Im Thomas -Evangelium, das nicht Teil der Bibel wurde, gibt es ein paar Stellen zum Tierwohl. Wenn ich mich richtig erinnere geht es in den Passagen dort hauptsächlich darum, die Tiere gut zu behandeln, sie nicht zu quälen usw.

Jesus selbst war kein Veganer/Vegetarier, so dass wir von ihm keine Rückschlüsse ziehen können auf eine vegane/vegetarische Ernährung.

Im NT sagt Paulus in 1.Korinther 6,12…

 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. 13 Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen.

Für mich heisst das, dass ich individuelle Freiheit habe und Gestaltungsspielraum. Dass ich Tieren kein Leid zufügen möchte, wird auch auf einer grösseren Bandbreite individuell anders verstanden. Für die einen heißt das gar keine tierischen Produkte zu konsumieren, für die anderen heißt das, das Tier soll gut aufgewachsen sein und gut gelebt haben und schmerzfrei geschlachtet worden sein.

Biblisch gesehen waren ja erstmal nur die Früchte für den Menschen, erst später dann auch das Fleisch von Tieren. Von dieser Richtung her kommt man an vegan als erste Ernährungsform…vermutlich liessen sich viele Zivilisationskrankheiten damit verhindern.

An dieser Stelle merke ich gerade, wieviel Macht das Essen (noch?) über mich hat…🙂

 

stern antworten
Meriadoc
(@meriadoc)
Beigetreten : Vor 7 Monaten

Beiträge : 483

@stern 

 

Stimmt nicht so ganz. Die Tiere sind dem Menschen untertan. Natürlich soll man sie nicht quälen. Aber Tiere wurden vor dem Pflug gezerrt und sie wurden geschlachtet. Nicht alle Tiere hatten ein tolles Leben. Der Esel wurde schwer bepackt, die Ochsen hatten ein Joch und es wurde geschächtet. 

 

Aber ich bezweifle sehr das viel Fleisch gegessen wurde. 

meriadoc antworten
Stern
 Stern
(@stern)
Beigetreten : Vor 6 Monaten

Beiträge : 1450

@meriadoc 

Natürlich soll man sie nicht quälen

Mehr wollte ich in Bezug auf früher gar nicht sagen.

Heute sind sie eher Kuscheltiere, damals sicher nicht. Aber wie man ein Tier behandelt, das für einen arbeitet, ist auch damals sicher auch schon unterschiedlich gehandhabt worden.

Aber ich bezweifle sehr das viel Fleisch gegessen wurde. 

Vermutlich war das eher der Fall, wenn es ein Fest gab oder geopfert wurde.

stern antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5546

@stern

Aber ich bezweifle sehr das viel Fleisch gegessen wurde. 

Vermutlich war das eher der Fall, wenn es ein Fest gab oder geopfert wurde.

 

Hing davon ab, wie die agrarische Lage aussah. Bei orientalischen Hirtenvölkern wurde aus praktischen Gründen relativ viel Fleisch gegessen und Milch getrunken - in Ermangelung von Getreide, das man ja erst hätte anbauen oder erhandeln müssen. Der Arbeitsaufwand pro Kalorie ist bei Hirtenvölkern, die wenig handeln, niedriger, wenn man sich die Kalorien aus tierischer Nahrung holt.  Die Tieropfer waren von ihrer Entstehung her (die irgendwo in den Zeiten gelegen haben dürfte, als die Menschen Jäger und Sammler, nicht Ackerbauern, waren) so konzipiert, dass der jeweiligen Gottheit ein Anteil des Erjagten Essens "abgegeben" wurde - eine Art "Zehnt", bevor der Name dafür erfunden war.

Überwiegend vegetarisch ernährten sich die "einfachen Leute" insbesondere in den großen agrarisch sesshaften Hochkulturen, die rund um die Getreideernte organisiert waren - bekanntestes Beispiel dafür wäre Ägypten (die Sumerer wären ein noch früheres ähnliches Beispiel). Das ging übrigens einher mit einer Verkürzung der Lebenserwartung und einer Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitsniveaus: die abwechslungsarme Ernährung, welche noch - aufgrund des im Mehl enthaltenen Sandes von den Mühlsteinen - für schlechte Zähne sorgte, führte zu einer durchschnittlichen Lebensverkürzung.

Konstitutionell-biologisch ausgelegt sind wir Menschen auf einen relativ hohen Fleisch-Konsum - wobei Jagdbeuten auch schon mal durch Aas ergänzt werden durften (weswegen Menschen-Mägen besonders starke Magensäure enthalten, dazu geeignet, Bakterien relativ gut zu killen). Den täglichen Kalorienbedarf durch Früchte und Beeren zu decken war in vorgeschichtlichen Zeiten für Jäger und Sammler häufig nur saisonal möglich.

Tierische Nahrung (Fleisch) war also häufig auch für "die kleinen Leute" nichts Aussergewöhnliches - solange sie nicht teurer war als Pflanzenprodukte.

Fun fact: Es existiert eine urban legend über Arbeitsverträge z.B. für Hausangestellte (Dienstmädchen), in denen festgelegt wurde, dass nicht mehr als zweimal pro Woche Lachs (oder anderer Fisch) auf den Tisch kommen durfte: Lachsfleisch war so billig, dass der sparsame Herr sein Gesinde damit mästete. Ergibt irgendwie Sinn: Arme-Leute-Essen, dabei aufgrund des hohen Eiweißgehalts und der ungesättigten Fettsäuren gar nicht mal so ungesund...

Wie dem Link zu entnehmen, sollte man diese Darstellungen aber nicht für allzu bare Münze nehmen.

jack-black antworten
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