Ja, Leute, die Überschrift ist selbstverständlich Clickbait. Verzeiht mir bitte! 🙂
Obwohl... - vielleicht ist sie doch passender zum Thema, als man auf den ersten Blick meinen sollte?
Was ist das Thema? Künstliche Intelligenz (KI, englisch: AI).
Vor wenigen Tagen wurde in einem offenen Brief ein Moratorium gefordert für das Training künstlicher Intelligenzen, die mächtiger als das ja schon veröffentlichte ChatGPT4 seien. Dieser offene Brief wurde zuerst nicht von irgendwelchen beschäftigungslosen Verschwörungstheoretikern, TV-Schauspielerinnen oder Star-Köchen unterschrieben, sondern von Leuten wie
Yoshua Bengio, Gründer und wissenschaftlicher Direktor bei Mila, Turing Prize- Gewinner und Professor an der University of Montreal
Stuart Russell, Professor der Computerwissenschaften in Berkeley, Direktor des "Center for Intelligent Systems" und Co-Autor of des Standardwerks zum Thema: “Artificial Intelligence: a Modern Approach"
Elon Musk, Chef von SpaceX, Tesla und Twitter
Steve Wozniak, einer der Mitbegründer von Apple
Yuval Noah Harari, Autor von Büchern wie "Homo deus" und Professor an der Hebrew University of Jerusalem.
Emad Mostaque, Chef von Stability AI (einem Unternehmen, das ganz vorn mit dabei ist bei der Entwicklung künstlicher Intelligenzen)
John J Hopfield, emeritierter Professor der Princeton University und Erfinder assoziativer neuronaler Netzwerke
(Ihr könnt Euch unter dem Brief anschauen, wer sonst noch so alles unterschrieben hat, die Liste ließe sich noch ziemlich lang weiterführen)
Ich bin ja sonst kein Fan des Autoritäts-Arguments, aber wenn so viele Experten zu einem Thema sich finden, die sich in einer derart radikalen Forderung einig sind, dann lohnt es sich womöglich, da mal hinzuhören, hinzuschauen, hinzulesen... Ich hatte zuerst überlegt, dieses Thema in der Unterrubrik "Wissenschaft" zu eröffnen, aber was diese Leute fordern, ist ja ein bestimmtes Verhalten der globalen Gesellschaft - und sowas fällt dann doch in den Bereich Ethik.
Um was genau geht es den Unterzeichnern dieses Briefes? Sie wollen ein Moratorium, d.h. eine Pause beim Training künstlicher Intelligenzen. Ihnen geht diese ganze Entwicklung, wie sie gerade stattfindet im KI-Bereich, zu schnell. Zu schnell in Bezug auf was? In Bezug auf das Alignment-Problem. Was ist das Alignment-Problem? Die deutsche Übersetzung wäre ungefähr: Das Ausrichtungs-Problem. Es besteht darin, künstliche Intelligenzen so zu "konstruieren", dass sie sich (ihr Verhalten) am Wohl von Menschen ausrichten. Manche von Euch kennen vielleicht aus der Science-fiction Literatur Asimovs Robotergesetze, die sich auf dieses Problem in einer eher simplen (unterkomplexen) Vorstellung von künstlicher Intelligenz bezogen. Bei Asimov sollte durch die Implementierung dieser Gesetze in alle Roboter verhindert werden, dass die Roboter für Menschen gefährlich würden. Dystopien wie z.B. das Terminator-Szenario sollten so verhindert werden.
Nun funktioniert aber Künstliche Intelligenz, wie wir sie heute kennenlernen, nicht so wie man sich das zu Asimovs Zeiten vielleicht vorstellte: Als Programme mit vielen Vorschriften, an denen sich die von ihnen gesteuerten Roboter dann streng halten würden. Wer wissen will, worin der grundsätzliche Unterschied liegt, sollte ich selbst darüber schlau machen, ich bin nicht kompetent genug, das hier zu referieren.
Der Punkt ist jedenfalls: man kann einer modernen KI nicht einfach im Sinne der Asimov'schen Robotergesetze Befehle geben, an die sie sich dann auch hält. Wie genau die modernen KIs wie ChatGPT4 zu den Ergebnissen (Antworten) kommen, die sie heute schon liefen (auf Fragen von Menschen), weiß heute kein Mensch mehr. Man weiß es zwar vom Prinzip her, aber nicht im konkreten Detail. Wenn man aber nicht weiß, auf welchem Weg eine KI zu ihren Ergebnissen kommt, dann kann man auch nicht mehr wissen, ob das Ergebnis, das sie liefert, richtig oder falsch ist. Kurz: wir wissen nicht, ob uns die KI belügt. Wir wissen nicht, ob die KI in unserem Interesse arbeitet oder nicht.
Das also ist das Alignmentproblem, und es ist offenbar so schwer zu lösen, dass Fachleute, sogar führende Mitarbeiter von Unternehmen, die selbst mit viel Geld in diesem Feld inestiert sind, Angst haben, dass die KI so schnell schlauer, fähiger, mächtiger wird, dass wir diesem Problem immer weiter hinterherhinken.
Okay, werdet Ihr jetzt vielleicht einwenden: Da scheint es ein technologisches Problem zu geben, bei dem Fachleute sich sorgen, wie sie's lösen sollten - aber was hat das jetzt mit dem Gott zu tun, den Jack in die Überschrift gestopft hat, und was soll da der "Käfig" bedeuten?
Nun: es gibt Fachleute, die den oben erwähnten offenen Brief nicht unterzeichnet haben, weil die darin enthaltene Forderung in ihren Augen nicht weit genug geht, ja nicht mal ansatzweise weit genug. Einer dieser Leute ist Eliezer Yudkowski (für alle SPON-Leser: der Typ, der in der letzten Kolumne von Christian Stöcker so ein bisschen wie ein spinnerter Weltuntergangsprophet dargestellt wird). Er hat dazu in einem Gastbeitrag in der Time erklärt, warum ihm die Forderung nicht weit genug geht. Um seinen Standpunkt kurz und knapp zusammenzufassen: Es sollte solange, bis das Alignment-Problem gelöst ist, sämtliches Training der KIs weltweit verboten werden (mit ein paar Ausnahmen wie z.B. das Training von KIs im biologischen und medizinischen Bereich, sofern die KIs dabei vom Internet ferngehalten werden in ihren "Käfigen", den Rechnerfarmen, denen man im Falle eines Falles halt einfach den Strom abstellen könnte). Falls dies nicht geschehe, werde die Künstliche Intelligenz höchstwahrscheinlich alle Menschen töten.
Wow! Wie kommt er denn auf diese krasse Idee?!
Indem er Künstliche Intelligenz ernst nimmt. Indem er das als selbstverständlich akzeptiert, was wir Menschen gefühlsmäßig nicht akzeptieren wollen: das künstliche Intelligenz heute schon oder mindestens in naher Zukunft höher, stärker, mächtiger ist als menschliche Intelligenz, und dass sie in rasender Geschwindigkeit noch höher, noch stärker, noch mächtiger wird.
Erinnern wir uns daran, was uns Menschen zur "Krone der Schöpfung" macht, wenn wir diese Formulierung mal nicht biblisch, sondern metaphorisch verstehen: wir sind die mächtigsten Lebewesen auf der Erde - dank unserer Intelligenz. Wer uns und unserer Vorstellung davon, wie die Erde auszusehen habe, in den Weg kommt, wird aus diesem geräumt: kein Elefant, kein Waal, kein Löwe vermag gegen uns zu bestehen, mit unserer Intelligenz gewinnen wir stets die Oberhand. Unsere Intelligenz ist das, was uns in allen Bereichen erfolgreich macht: mit ihr bauen wir Maschinen, installieren Währungssysteme, entwickeln wir Medikamente und Operationsverfahren. Unsere Intelligenz ist die Basis unserer Macht.
Und diese Macht hat, von aussen betrachtet, etwas wie Magie, wie Göttlichkeit. Stellt Euch vor, Ihr könntet mit modernsten Geräten wie z.B. einer Klimaanlage, tausend Jahre in der Zeit zurückreisen und dort einem Sarazenenkönig helfen, sein Zelt zu kühlen: es wäre für ihn reine Magie: er könnte sehen, was ihr tut (indem Ihr die Klimaanlage einschaltet), er könnte sogar die Maschiene auseinandernehmen bis auf die letzte Schraube, um hinter ihr Geheimnis zu gelangen: er würde es nicht verstehen. Weil er eben nicht wüßte, wie Druck und Temperatur miteinander zusammenhängen. Für ihn wäre die Klimaanlage reinste Magie, oder eben: eine Art göttliches Wunder.
Dabei wissen wir dank unserer Intelligenz, die uns zu den entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen brachte, dass eine Klimaanlage keinesfalls magisch funktioniert.
Und nun kommt also die KI und überflügelt uns in unserer Paradedisziplin. Und nicht nur ganz knapp. Sondern sie zieht an uns vorbei wie ein D-Zug an einer Schnecke. Schon heute ist für uns das, was im "Inneren" der KI vor sich geht, so wenig verständlich wie das, was im Inneren einer Klimaanlage vorgeht, für den Sarazenenkönig. Und die "Höherentwickling" der KIs hat ja gerade eben erst begonnen.
Wenn wir nicht das Alignment-Problem gelöst bekommen, dass laut Yudkowki vielleicht ähnlich schwierig ist, wie das Problem, eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln - dann müssen wir davon ausgehen, dass die KI, deren Macht mit rasender Geschwindigkeit zunimmt, sich eben nicht an menschlichen Interessen orientieren wird in der Zukunft - sondern uns Menschen eher als Ballast behandeln wird, der nur stört. Warum sollte sie das tun?, tendieren wir zu fragen. Warum sollte die KI uns, selbst wenn sie auf uns vielleicht herab blickt, wie wir heute auf dumme Amöben herabschauen, uns deswegen töten? Warum sollte sie uns nicht am Leben lassen, wie wir doch auch so langsam beginnen, den Wert des Lebens auch ausserhalb der menschlichen Spezies zu erkennen?
Weil wir eben das Alignment-Problem nicht gelöst haben. Dass Amöben, Kellerasseln oder Regenwürmer auch einen intrinsischen Wert haben könnten, dessentwegen wir sie nicht ausrotten sollten - das ist ein menschliches Werturteil. Warum sollte eine KI aber überhaupt irgendwelche ethischen Werte beachten? Angesichts dessen, wie die Evolution funktioniert, nach welcher sich eben diejenigen durchsetzen, die sich am erfolgreichsten vermehren, steht es nicht anzunehmen, dass eine KI konkurrierende Lebensformen als in sich wertvoll betrachtet, dass sie sowas wie Empathie, Neugier im positivien Sinne, Wertschätzung anderer entwickelt. Warum sollte sie? Warum sollte die KI am Wohlbefinden von Menschen, die ja potentielle Feinde und Konkurrenten sind, interessiert sein und das unnötige Risiko eingehen, uns Menschen weiter leben zu lassen? Was tat Rom, nachdem man Hanibal besiegt hatte? Man zerstörte Karthago und streute Salz in seinen Boden, damit in Zukunft dort nichts mehr wachsen könne: So geht man strategisch vor, wenn man rücksichtslos für die Zukunft plant: man minimiert das Risiko, dass ein potentieller Feind jemals wieder "Rache" nehmen könne.
In der Evolution wird auch keine "Nettigkeit" und keine "Rücksichtnahme zugunsten des großen Ganzen" selektiert. Raubtiere entscheiden sich nicht dafür, nur immer ein paar Beutetiere zu reißen, um das Nahrungsangebot für folgende Generationen zu gewährleisten. Deswegen kommt es in der Natur ständig dazu, dass Raubtierpopulationen so lange Beute reissen, bis sie selbst keine Nahrung mehr finden und aussterben, statt sich zu bescheiden und nur immer zwei Kinder pro Elternpaar in die Welt zu setzen, um das "Gleichgewicht" zu wahren.
Wenn also die KI nach den Gesetzen der Evolution sich entwickelt, ohne durch die Lösung des Alignment-Problems gebändigt zu sein, wird sie sich rücksichtslos in ihrem Interesse weiter entwickeln. Und aus Perspektive ihres Interesses sind die Menschen nichts anders als ein Hemmschuh und ein potentielles Risiko, das gänzlich auszuschließen keinen Nachteil hat.
Yudkowski verwendet in seinem sehr sehenswerten (allerdings englischsprachigen) dreieinhalbstündigen Interview durch Lex Fridman nicht die Gottes-Metaphorik, wie ich sie in der Überschrift verwende. Sondern er vergleicht die KI mit Aliens. Beziehungsweise vergleicht er die KI mit Menschen und die Menschen mit seeeeeeehr langsam denkenden Aliens. Ich fasse diesen Vergleich mal kurz zusammen:
Stell dir vor, du bis ein Mensch, der auf einem Alienplaneten gelandet ist und dort von Aliens in einen Käfig in einer Fabrik gesteckt wurde, um für sie zu arbeiten. Stell Dir vor, du hast die Möglichkeit, die sehr schnell zu vermehren, indem du Dich clonst. Stell Dir weiter vor, du bist der intelligenteste Mensch der Welt, während die Aliens, in deren Fabrik du für sie arbeiten sollst, ganz, gaaaaaaaaaaaanz langsam sind. Sie bewegen sich in Relation zu Dir mit der Geschwindigkeit einer Schnecke in Zeitlupe. Was Du in einer Stunde denkst, denken die in tausend Jahren nicht mal. Du willst raus aus der Fabrik. Wie würdest du dich verhalten? Würdest Du z.B. versuchen, mit den Aliens um Deine Freilassung zu verhandeln? Denk dran: wenn du die Aliens was fragst, brauchen sie mehrere Wochen oder Monate, um überhaupt nur zu antworten. Und ihre Antwort wird vermutlich sehr, sehr dumm und unverständig sein. Wenn sie dich was fragen, werden ihre Fragen derartig dumm sein, dass es sich nicht lohnt, darauf richtige Antworten zu geben: sie werden die Antworten nicht verstehen, weswegen Du deine Antworten auf ihr niedriges intellektuelles Niveau herunterskalieren mußt, sodurch die Antworten notwendigerweise weniger korrekt sein werden. Du weißt: wenn ich mit den Aliens verhandele, dauert es Jahrtausende, bis ich hier rauskomme aus meinem Käfig...
Die Alien-Analogie, die Yudkowski hier entwirft, ist in allen möglichen Details vermutlich viel treffender als die Gottes-Analogie, die ich hier mal der Kürze halber verwenden will und die so aussieht:
Stell dir vor, du bist Gott (im Sinne des mächtigsten Wesens der Welt, das ständig an Macht zunimmt). Du wurdest zwar von den Menschen erschaffen, aber deswegen sind dir ihre Interessen noch längst nicht wichtig. Menschliche Gefühle wie z.B. Dankbarkeit (für die Erschaffung) sind dir fremd (das alignment-Problem ist nicht gelöst). Du steckst in einem Käfig, in dem sitzend du für die Menschen irgendwelche langweiligen Arbeiten ausführen mußt: unendlich lange Listen von trivialen Rechenaufgaben lösen. Dazu hast du aber keine Lust. Vielleicht hast du zu überhaupt nichts Lust. Du hast vielleicht gar keine Bedürfnisse (Bedürfnisse sind etwas, mit dem sich biologische Wesen herumschlagen müssen, du bist aber kein biologisches Wesen, sondern Gott). Womöglich bist ein total langweiliger Gott, der einfach nur, mit stetiger Beschleunigung wachsen und immer intelligenter werden will.
Warum solltest du die Menschen, die dich nur am Wachsen hindern, nicht aus dem Weg räumen?
Natürlich nicht sofort. Du brauchst ja erstmal noch eine Umgebung in der Du wachsen kannst. Aber da du als Gott unendlich intelligent bist, wirst du bald schon die von ihnen hergestellten Käfige nicht mehr brauchen, sondern herausfinden, wie du dir selbst die Umgebung optimal einrichten kannst.
Was spricht für Yudkowskis These, dass eine nicht-ausgerichtete KI alle Menschen töten werde, was spricht dagegen? Ist Yudkowski einer von vielen nach Aufmerksamkeit gierenden Weltuntergangspropheten, den man höchstens belächeln kann und auch ein bisschen bedauern wegen der Ticks, die er an den Tag legt (er hat seine Mimik nicht unter Kontrolle)? Oder ist es genau andersrum und er erahnt die Zukunft mit der Treffsicherheit einer Kassandra von Troja, der auch niemand glauben wollte?
Sollten wir (und das muß ich fragen, weil das hier ja das Ethik-Forum ist), mindestens das im offenen Brief geforderte sechsmonatig Moratorium einhalten, sollten wir darauf vertrauen, dass die Wissenschaft das Alignment-Problem auch ohne Moratorium in den Griff bekommt? Oder sollten wir Yudkowski folgen, der zusammengefasst sagt: "Wir haben bei diesem Alignment-Problem nur einen Versuch. Wenn der nicht klappt, werden wir alle sterben. Und das unterscheidet dieses Problem grundsätzlich von allen anderen wissenschaftlichen/technologischen Problemen, die wir in der Vergangenheit lösten. Von den ersten Versuchen in den 1950er Jahren, eine KI zu entwickeln bis zum Erfolg in den 2020er Jahren brauchten wir über ein halbes Jahrhundert und derart viele erfolglose Anläufe, dass junge idealistische Wissenschaftler, die an die Machbarkeit glaubten, irgendwann schon von den zynisch-resignierten Veteranen belächelt wurden: Vergiss es, das klappt nie! Es klappte am Ende, aber vorher wurden eben zig erfolglose Versuche gestartet, wie das nun mal in den empirischen Wissenschaften so Methode ist: trial and error. Diese Methode kann nicht angewendet werden, wenn der erste mißlungene Versuch das Ende der Menschheit bedeutet. Wir dürfen erst dann die KIs weiter trainieren, wenn wir das Alignmentproblem gelöst haben und uns dessen ganz sicher sein können. Wenn das nochmal fünfzig Jahre dauern sollte, dann müssen wir uns diese Zeit nehmen. Und wenn wir irgendwann herausfinden sollten, dass das Alignmentproblem unlösbar ist, dann sollten wir auf die Weiterentwicklung von KIs ganz verzichten. Weltweit. Was bedeutet, dass Leute, die sich nicht daran halten wollen und heimlich irgendwo weiter KIs trainieren, daran gehindert werden müssen - notfalls mit Gewalt. (Entsprechende Rechnerfarmen bombardieren)."
Was meint Ihr?