Meine Heimatflüsse
Hej Freunde,
inspiriert durch klappstools Thread "Gerüche der Heimat" mag ich hier einen Thread über Heimatflüsse eröffnen. Ob das Forum hier dafür das richtige ist, sei mal dahingestellt, ich habe mich jetzt einfach an klappstool orientiert.
Ich habe nicht das, was viele Leute Heimat nennen, Leute, die ihr Leben lang schon in dem Ort wohnen, an denen schon ihre sämtlichen Großeltern gelebt hatten. Von Kindheit an bin ich immer wieder umgezogen. Als Reisebusfahrer war ich viele Jahre lang immer wieder an unterschiedlichsten Orten in Europa. Eine wirkliche Heimat habe ich nicht. Vielleicht Europa. Oder Augsburg. Oder: "home is where i want to be".
Ich habe für mich Flüsse als geeignet entdeckt, Heimat zu "markieren". Flüsse geben mir einen gewissen inneren Halt, häufig auch Orientierung. Bei der Orientierung gibt es auch Grenzen. Ich habe mich mal in Lyon verlaufen, habe versucht mich an der Rhone zu orientieren, habe mich noch schlimmer verlaufen, weil es nicht die Rhone war, sondern die Saone. Aber meistens sind sie hilfreich beim Orientieren, die Flüsse.
Meine Heimatflüsse
1. Der Rhein.
Ich habe nie am Rhein gewohnt. Aber meine Familie stammt vom Rhein; aus Düsseldorf. Von vielen Besuchen in dieser Stadt ist mir der Rhein von Kindheit an vertraut; und ist es immer geblieben. Später wurde eine andere Stadt am Rhein für mich die Stadt der Liebe. Gleich zwei Mal, im Abstand von etwa 25 Jahren: Köln. Man kann tatsächlich eine Affinität zu beiden Städten haben. - Heute gilt meine Vorliebe dem Mittelrhein zwischen Eltville und Koblenz. Mindestens drei Mal im Jahr fahre ich dort entlang; meistens hin und wieder zurück.
2. Der Lech.
Wenn eine Stadt meine Heimatstadt ist, dann ist es Augsburg. Und zu Augsburg gehört der Lech. Neben dem Rhein ein Heimatfluss erster Klasse für mich. Unzählige Stunden bin ich als Kind, als Jugendlicher am Lech entlanggelaufen oder geradelt, bin an seinem Ufer gesessen, in ihm geschwommen, habe auf seinen Kiesbänken Feuer gemacht, geträumt, Bier getrunken, mit Kies gespielt.
3. Die Schmutter.
Ein kleiner Fluss 2. Ordnung, der wie der Lech in die Donau mündet. An diesem Fluss stand das erste Haus, das ich gekauft habe. Verwegene Kanufahrten, immer eine Säge an Bord um den Weg freizuschneiden, die Schafhütte mit den Schafen direkt am Fluss, die wir damals hatten.
4. Die Donau.
Wie am Rhein habe ich auch nie an der Donau gewohnt. Und doch ist sie mir sehr vertraut. Viele Jahre lang habe ich sie mindestens zwei Mal pro Woche überquert, war immer wieder in Städten an ihrem Ufer, besonders in Dillingen.
5. Die Oder.
An der Oder habe ich nicht nur nie gewohnt, an der Oder bin ich auch seltener gewesen als an jedem anderen Heimatfluss. Und doch war mir die Oder immer wichtig. Als Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen lange Zeit ein eher unerreichbarer Grenzfluss zwischen der DDR und Polen. Und noch früher war sie gar keine Grenzfluss. Die Oder war mir bereits eine Art heimlicher Heimatfluss deutscher Geschichte, als ich sie 1998 zum ersten Mal flüchtig gesehen habe, als ich sie in Polen, kurz vor Opole/Oppeln überquert habe. In Wrozlaw/Breslau habe ich sie dann etwa ausführlicher wahrgenommen. Jahre später saß ich mal in der Nähe von Frankfurt/Oder an ihrem Ufer. Eine eher flüchtige Bekanntschaft, aber doch eine Beziehung mit einer gewissen Tiefe.
6. Der Main.
Auch ein Fluss, an dem ich nie gewohnt habe. Aber es ist der Fluss, der gewissermaßen eine Verbindung darstellt zwischen Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, den Bundesländern, in denen ich die meiste Zeit meines Lebens gewohnt habe. Der Main ist einer der Flüsse, die ich niemals achtlos überquere. Und ein Fluss, an dem ich gerne entlangfahre. Zum Beispiel von Miltenberg nach Wertheim.
7. Die Mayenne.
Mein Reisebusfahrer-Fluss. Zehn oder elf Mal habe ich Schüleraustauschfahrten nach Laval in Frankreich gemacht. Durch Laval fließt die Mayenne, die auch dem Departement, dessen Hauptstadt Laval ist, den Namen gibt. Viele Stunden habe ich an diesem Fluss verbracht, sitzend, laufend, von einem höher gelegenen Park auf sie hinabschauend. Vertrautheit in der Ferne. Das ist auch ein Stück Heimat.
Das waren sie, meine Heimatflüsse. Andere Flüsse haben es nicht geschafft, von mir in diesen Stand erhoben zu werden. Auch Flüsse, an denen ich gewohnt habe: die Ruhr (Witten), die Wupper (Remscheid), Rems und Kocher (Götzenmühle), die Lahn und die Wetter (Holzheim, wo ich jetzt wohne). Ich kann es nicht recht benennen, was mir einen Fluss zum Heimatfluss macht. Manche Flüsse haben mein Herz berührt, andere nicht.
Und was sind deine Heimatflüsse?
Liebe Grüße
fr😊sch
Netter Thread, 😬.
Bei mir Neckar und Leinbach. Fast immer in der Nähe gewohnt....
Als jeborener und uffjewachsener Berliner fällt mir natürlich zuerst die Spree ein, die allerdings über lange Strecken gar nicht so attraktiv ist, eingezwängt in dichte Bebauung oder Industrie. Heimatlich fühlt sie sich am ehesten am Plänterwald an. Dort gab es früher einen Rummel namens "Kulturpark", und es war sooo schön, mit dem großen Riesenrad zu fahren und den weiten Blick auf Wald und Wasser zu haben. Unvergeßlich auch die Ausflüge in die Wasser- und Waldlandschaft von Köpenick, wo auch die Dahme in die Spree mündet.
Auch die Havel fühlt sich erstaunlich heimatlich an, obwohl es eigentlich zuerst Ferienerinnerungen sind. Wir sind öfter mit dem "Sputnik" (dem Zug, der Westberlin umkreiste, wie der Sputnik die Erde) nach Potsdam gefahren und haben im dortigen Interhotel direkt an der Havel "ganz fein" gewohnt (Matchbox-Auto aus dem Intershop inbegriffen). Ich wußte damals nicht, wie nah Potsdam an Berlin ist, es fühlte sich immer wie "richtig Ferien" an. Nach der Wende habe ich die wunderschöne Landschaft der Westberliner Havelseen entdeckt und liebgewonnen. Sie fühlt sich fast heimatlicher an als Spree und Dahme.
Zu den Kindheitserinnerungen gehören auch immer wieder Ferien im Harz. Wir waren öfter in den gleichen, vertrauten Gasthäusern, so entstanden heimatliche Gefühle während langer Wanderungen vor allem entlang der Bode.
Als es mich nach Hamburg verschlug, erlebte ich einen unerwartet heftigen Kulturschock. Als ich das erste Mal die Elbe bei Blankenese sah, die dort drei Kilometer breit ist, hatte das geradezu therapeutische Wirkung: Die unfaßbare Größe und Weite der Landschaft rückte meine Probleme in die richtige Größenordnung. Auch wenn die Hamburger Elbe vielerorts nicht wirklich schön ist, ist sie mir doch ein kostbares Stück Heimat geworden (auch weil ein paar Tropfen Spreewasser darin mitfließen).
Wo andere Städte in ihrem Zentrum Beton und Asphalt haben, hat Hamburg die Alster. Weil ich näher an der Elbe als an der Alster wohne, bin ich seltener an der Alster. Dennoch ist auch sie mir ein Heimatfluß geworden. Wunderschön die Wanderungen am Oberlauf der Alster - eine Gegend, die mich sehr an den Oberlauf des Jordan erinnert. (Meine erste große Reise nach der Wende hatte mich nach Israel geführt.)
Fünf Jahre lang habe ich in einem unterfränkischen Städtchen am Main studiert. Obwohl ich mich mit der weinseligen Atmosphäre dort anfangs schwer tat, entstanden doch intensive Heimatgefühle. Die Akademie lag nahe am Main, und man konnte die Pausen gut am Wasser verbringen. Mein Weg zum Einkaufen in die Stadt führte am Main entlang. Und wie oft saß ich an freien Tagen an meinem Lieblingsplatz nahe des Höhenweges hoch über dem Maintal, wo auf den Gleisen etwas unterhalb meines Platzes stündlich der ICE nach Hamburg vorbeirauschte...
Als jeborener und uffjewachsener Berliner fällt mir natürlich zuerst die Spree ein, die allerdings über lange Strecken gar nicht so attraktiv ist, eingezwängt in dichte Bebauung oder Industrie.
Aber hallo! Die Spree besteht doch nicht nur aus dem Berliner Streckenabschnitt. Das Quellgebiet im Oberlausitzer Hügelland ist sehr reizvoll, ebenso die Stadt Bautzen, die von der Spree durchflossen wird.
Und dann erst der unübertroffene Spreewald!
Veröffentlicht von: @ungehorsamAber hallo! Die Spree besteht doch nicht nur aus dem Berliner Streckenabschnitt. Das Quellgebiet im Oberlausitzer Hügelland ist sehr reizvoll, ebenso die Stadt Bautzen, die von der Spree durchflossen wird.
Und dann erst der unübertroffene Spreewald!
Das stimmt. Und manches davon habe ich auch gesehen. Aber es fühlt sich für mich nicht nach Heimat an. Wie eben auch manche Berliner Abschnitte nicht.
Nachtrag vom 24.02.2020 1616
Die Gedanken klingen gerade noch nach...
Viel heimatlicher als die Spree fühlt sich das kurze Ostberliner Stück des Teltowkanals an, an dem ich gern langgeradelt bin, und wo ich so manche Zeit mit mir allein oder so manches Abenteuer mit anderen Kindern erlebt habe. Aber er ist kein Fluß, deshalb erwähnte ich ihn nicht.
Der Thread ist nun schon einige Tage alt, aber ich klinke mich hier auch noch ein und schreibe über "meine" Flüsse:
Die Vechte. In fußläufiger Entfernung zu meinem Elternhaus gelegen. Anfang der 80er habe ich auf Wiesen an der Vechte Schlittschuh laufen gelernt, als die Vechte im Winter über die Ufer getreten war und das Wasser auf den Wiesen dann gefroren ist.
Die Weser. Ich habe viele Jahre in Bremen gelebt, da gehört die Weser einfach dazu.
Die Wümme. Die Wege auf den Deichen und durch die Wiesenlandschaften rechts und links der Wümme eignen sich bei gutem Wetter hervorragend für Radtouren, was ich während meiner Zeit in Bremen oft genutzt habe.
Der Lee (Irland). Von meiner aktuellen Wohnung aus habe ich einen direkten Blick auf eine Fußgängerbrücke über den Lee, und natürlich entsprechend auch auf den Fluss selbst. Interessant finde ich beim Lee den Einfluss der Gezeiten: Der Unterschied zwischen Niedrigwasser und Hochwasser beträgt über 3m. Bei Niedrigwasser ist es ein Flüsschen mit weniger als einem Meter Wassertiefe, bei Hochwasser sind es 4m oder mehr. Da denkt man dann manchmal, der läuft gleich über (was aber nicht regelmäßig passiert).