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Brauchen wir die Roboterampel?

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GoodFruit
Themenstarter
Beiträge : 4220

Nein, ich meine nicht diese Ampel mit der weißen Ampelphase, bei der man einfach dem autonom fahrenden Vorgänger folgen soll.

Ich meine eine Ampel auf Produkten, wie wir das von Wurst oder Käse kennen.

Wer heute etwas kauft, der kauft mehr als nur das Produkt. Er kauft auch eine Wirtschaftsweise, eine Produktphilosophie gleich mit.

Wir haben Ampeln, die uns in Bezug auf Gesundheit leiten sollen (da bin ich nicht so der Fan davon), wir kaufen aber auch bei landwirtschaftlichen Produkten Tierhaltungsformen oder wir haben Hinweise, ob etwas mit oder ohne Gentechnik produziert wurde.

Hier hätte ich gerne noch eine Ampel, die anzeigen soll, in wie weit ein Produkt durch menschliche Arbeitskraft oder ganz ohne menschliche Arbeitskraft entstanden ist.

 

Das könnte dann so sein, dass ich eine beste Kategorie habe, bei der keine automatisierende Maschinen genutzt wurden - Kategorie A.

Da gibt es als Krönung noch eine Unterkategorie A* bei der die Produktion zu über 50% in Behindertenwerkstätten erfolgte.

Dann gäbe es eine Kategorie B, bei der CNC zum Einsatz kam, die Werkstücke aber noch von Hand eingelegt und nachbearbeitet wurden.

Dann könnte ich mir eine Kategorie C vorstellen, bei der ein automatisierter Vorgang beteiligt ist, der aber von Menschen geführt und beobachtet ist. Dazu noch eine definierter Anteil an Schritten durch Menschenhand.

Kategorie D wäre dann die "dunkle Fabrik" - also die Fabrik, bei der alles durch Roboter gemacht wird und in der es keine Menschen gibt.

 

Das nur mal schnell hingeschrieben. An den Kategorien könnte man sicher noch etwas weiterarbeiten. Dies hier also nur mal so als Idee.

Konsumenten haben Macht. Und es ist ein Unterschied, ob ein Produkt seinen Nutzungszweck erfüllt oder gleich noch einen für Menschen sinngebenden Effekt als Gegenstand der Arbeit und menschlicher Produktion.

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es da dann Produkte gibt, die in einem sozial sensiblen Umfeld unverkäuflich werden - auch wenn die Konkurrenzprodukte deutlich teurer sind.

Hieltet Ihr das für eine gute Idee?

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59 Antworten
Lucan-7
Beiträge : 27365

@goodfruit 

Hier hätte ich gerne noch eine Ampel, die anzeigen soll, in wie weit ein Produkt durch menschliche Arbeitskraft oder ganz ohne menschliche Arbeitskraft entstanden ist.

 

Das könnte dann so sein, dass ich eine beste Kategorie habe, bei der keine automatisierende Maschinen genutzt wurden - Kategorie A.

Das wäre dann die Kategorie "Sklavenarbeit", bei der die Bauern keinen Trecker benutzen dürfen, sondern mit Spaten und Hacke im Schweisse ihres Angesichts den Boden bearbeiten... während der Bauer mit der GPS-gesteuerten Mähmaschine, die mühelos und automatisiert die Arbeit in wenigen Minuten erledigt, ein Siegel bekommt, das ihm eine schlechte Bewertung gibt...

 

Das nur mal schnell hingeschrieben. An den Kategorien könnte man sicher noch etwas weiterarbeiten. Dies hier also nur mal so als Idee.

Ausbeutung lässt sich nicht am Einsatz von Maschinen festmachen. Automatisierung kann auch zu Wohlstand und mehr Arbeitssicherheit führen.

Ich fürchte, die Kategorien sind nicht praxistauglich.

 

lucan-7 antworten
15 Antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@lucan-7 Das wäre dann die Kategorie "Sklavenarbeit", bei der die Bauern keinen Trecker benutzen dürfen, sondern mit Spaten und Hacke im Schweisse ihres Angesichts den Boden bearbeiten... während der Bauer mit der GPS-gesteuerten Mähmaschine, die mühelos und automatisiert die Arbeit in wenigen Minuten erledigt, ein Siegel bekommt, das ihm eine schlechte Bewertung gibt...

Das Schöne ist ja: keiner muss! Du zeigst nur an, welchen Anteil menschliche Arbeit in dem Produkt steckt. Und da muss für die einzelne Person ja nicht Klasse das Ideal sein sondern vielleicht Klasse B.

Wer das vollautomatisierte Produkt kauft, kann sich dann vielleicht überlegen, ob er das kompensieren kann in Finanzierung von Maßnahmen zur sinnvollen Beschäftigung von Arbeitslosen.

Ausbeutung lässt sich nicht am Einsatz von Maschinen festmachen. Automatisierung kann auch zu Wohlstand und mehr Arbeitssicherheit führen.

Es geht nicht um Ausbeutung. Diese Kategorie verwende ich nicht, weil sie durch sozialistische Ideologien verbrannt ist. Es geht mir darum, den Menschen in sinnvoller Arbeit zu halten.

goodfruit antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

Kleiner Nachtrag: mechanische Arbeit muss nicht automatisch "Sklavenarbeit" sein. Das geht sehr wohl auch in gut bezahlten und fair behandelten Teams.

goodfruit antworten
ichsen
 ichsen
(@ichsen)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 316

@goodfruit Gut bezahlt und fair behandelt hat höhere Kosten zur Folge. Entsprechende Experimente haben gezeigt, dass der "mündige und aufgeklärte Verbraucher" zwar sagt dass er bereit sei für bspw. eine bessere Tierhaltung einen höheren Preis zu zahlen, aber im Supermarkt griffen die Verbraucher dann eben doch zu dem Erzeugnis aus der üblichen Haltungsform, welche noch dazu im Angebot war...

ichsen antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@ichsen Da bin ich mir nicht so sicher. Die Mehrkosten bei den Produkten mit besserer Haltungsform sind nicht so gigantisch. Ich greif da gerne zu - außer es hapert bei der Qualität.

Die großen Discounter streben eine Umstellung des ganzen Angebots auf bessere Haltungsformen an.

goodfruit antworten
ichsen
 ichsen
(@ichsen)
Beigetreten : Vor 16 Jahren

Beiträge : 316

@goodfruit Wenn es ausschließlich Fleisch aus der Haltungsform 1 (ist doch die, mit der zumindest derzeit besten Haltungsform?) gibt, haben die Verbraucher ja die Wahl nicht mehr.

Bis dahin werden die Verbraucher wohl durchaus relativ wenig aus dem "ethisch besseren" Angebot kaufen.

Sei es, weil sie es nicht (mehr) können, sei es weil sie irgendwann nicht mehr einsehen, warum sie nur noch für Wohnen, Kosten für den Arbeitsweg und Essen Geld ausgeben können sollen.

Ob Du oder ich die Mehrkosten als relativ gering einschätzen, ist dabei eigentlich unerheblich, entscheidend ist, was andere Verbraucher für sich entscheiden.

ichsen antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3516
Veröffentlicht von: @ichsen

@goodfruit Wenn es ausschließlich Fleisch aus der Haltungsform 1 (ist doch die, mit der zumindest derzeit besten Haltungsform?) gibt, haben die Verbraucher ja die Wahl nicht mehr.

Bis dahin werden die Verbraucher wohl durchaus relativ wenig aus dem "ethisch besseren" Angebot kaufen.

Sei es, weil sie es nicht (mehr) können, sei es weil sie irgendwann nicht mehr einsehen, warum sie nur noch für Wohnen, Kosten für den Arbeitsweg und Essen Geld ausgeben können sollen.

Ob Du oder ich die Mehrkosten als relativ gering einschätzen, ist dabei eigentlich unerheblich, entscheidend ist, was andere Verbraucher für sich entscheiden.

Zumal der 'gute' Verbraucher ja für alles mögliche 'geringe Mehrkosten' zahlen sollte. 
Für's fair gehandelte T-Shirt genauso wie für den fairen Kaffee und die fairen Bananen, die Eier von den glücklichen Hühnern und den lachenden Kühen ... 
Auch geringe Mehrkosten summieren sich. 
Und dann gibt's den Verbraucher, dem ist das alles nicht so wichtig, obwohl er sich's leisten könnte und den anderen, der sich einiges nicht (mehr) leisten kann und aber ein schlechtes Gewissen hat, weil er zur kostengünstigen Variante greifen muss.

chai antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@chai Du musst ja nicht alles mitnehmen - nur das, was Dir wichtig ist. Es ist das dann immer noch ein marktwirtschaftliches Element und keine Zwangsmaßnahme.

goodfruit antworten
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3516

@goodfruit Wobei das nicht der Kern meiner Aussage war. 
Es ist ja vieles nicht unwichtig - und es gibt Menschen, die könnten es das problemlos leisten, Aufschläge für menschen-, umwelt- oder tierfreundlichere Alternativen zu zahlen. Die kaufen genauso das günstige Zeug beim Discounter und haben kein schlechtes Gewissen. Im Gegensatz zum finanziell schlechter gestellten Menschen, der sich diese Dinge nicht leisten kann.

chai antworten
Jigal
 Jigal
(@jigal)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 5210

@goodfruit die Mechanisierung in der Automobilindustrie hat zu billigen Autos geführt. 

Schau dir mal ein Automobilwerk an, das geht seit Jahrzehnten nicht mehr ohne Roboter.

 

jigal antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@jigal Stimmt das wirklich? Ich erlebe, wie Autos massiv teurer geworden sind!

Billigere Produkte sind immer ein Argument - das sich so gut wie nie realisiert.

Das erste mal habe ich das für Fotoprodukte ganz massiv gesehen. Als der mechanisch hoch aufwändige Spiegel verschwand und man die Mirrorless Kameras hatte. Die wären ja viel einfacher im Aufbau und so könnte man vile billiger Produzieren und alles wäre billiger.

Eine ML Kamera kostet in etwa das 2-3-x einer vergleichbar ausgestatten DSLR. Auch hieß es, dass die Objektive einfach aufgebaut wären und kleiner wären. Schau Dir das mal an. Die kleiner Objektive hat es nie gegeben. Dafür hat man das Potential genutzt um den Objektiven die allerletzte Korrektur zu verschaffen mit riesigen Glasklumpen als Frontelemente und sicher besser korrigierter Qualität aber sehr, sehr hohem Preis.

Wenn Du heute ein günstiges Auto kaufen willst, das einen guten Ruf hat, dann bist Du schnell bei Dacia:

https://blog.dacia.de/neue-dacia-markenidentitaet-perfekte-massarbeit-in-laufender-produktion/

Dann schau Dir mal an, wie es da in der Fabrik (wobei es da viele gibt!) aussieht: Lichte Fabrikhallen mit Menschen drin!

Klar sollte es da auch Roboter geben. Wovon ich spreche ist folgendes: In China sind die meisten Automobilwerke drinnen dunkel. Licht brauchst Du da nicht, weil es da niemanden gibt, der etwas damit anfangen könnte. Da kommen hinten Autos raus, die komplett fertig produziert sind.

Klar kann es sein, dass solche Autos dann billiger sind. Aber sie sind deshalb problematisch, weil sie keinen sinnbringenden Anteil in der Produktion haben. Der kostet Geld und das könnte man kompensieren, wenn man da eine Steuer dafür erhebt.

Ich plädiere dafür, den Wert der Arbeit universeller zu sehen und da den Bedarf des Menschen nicht zu vernachlässigen. Eine reines Roboprodukt hat einen entscheidenden Mangel - er nimmt den Menschen den Sinngebenden Anteil in der Arbeit. Das darf nicht zu finanziellen Vorteilen führen und sollte kompensiert werden. Das aber ist schon Schritt zwei. Die Roboampel würde es den Konsumenten lassen, den Faktor des Sinngebens beim Produkt zu berücksichtigen und gegebenenfalls bei der Produktentscheidung zu berücksichtigen. Das ist ja auch der Sinn der anderen Ampeln, die es schon gibt.

goodfruit antworten
Jigal
 Jigal
(@jigal)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 5210

@goodfruit  Vergleich der Preise für die Tin Lizzi

 Ford Modell T.  Anfangs kostete sie 825 Dollar,  durch Fließbandarbeit 1926  260 Dollar.

 

jigal antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@jigal Ich glaube wir sprechen hier nicht über in Handarbeit in Manufakturen hergestellte Spezialmodelle und es geht auch nicht darum, die Roboter ganz zu verbannen. Es geht darum, menschliche Arbeit in den Fabriken zu erhalten. Wie man so etwas abstufend bewertet - das mögen Experten tun.

goodfruit antworten
Jigal
 Jigal
(@jigal)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 5210

@goodfruit  Das Modell T war der Anfang der Massenfertigung. Heute wird das ganze Armaturenbrett maschinell in das Auto getragen und die Arbeiter schrauben es komplett fest.  Auf yotube habe ich die TESA  Story gesehen. Da geht alles automatisch. Die Leute sind da wenn etwas kaputt geht. 

Ich mache mir aber auch Gedanken mit den Büroarbeitsplätzen, es werden ja in großen Firmen schon die Kontoauszüge weitgehend automatisch verbucht. 

jigal antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@jigal Die normale chinesische Autofabrik ist dunkel, weil es da niemanden gibt, der etwas mit Licht anfangen könnte.

goodfruit antworten
BePe0905
(@bepe0905)
Beigetreten : Vor 12 Monaten

Beiträge : 389

@goodfruit 

Wer das vollautomatisierte Produkt kauft, kann sich dann vielleicht überlegen, ob er das kompensieren kann in Finanzierung von Maßnahmen zur sinnvollen Beschäftigung von Arbeitslosen.

Ich fürchte, das würde dann letztlich auf eine Art "Maschinensteuer" hinauslaufen. 

Im Übrigen vermute ich, dass du zu wenig an die Menschen denkst, die solche Maschinen und Anlagen herstellen, auf denen dann die "vollautomatisierten" Produkte fabriziert werden. Und gerade im Maschinen- und Anlagenbau ist Deutschland (noch) eine führende Nation.
Mit anderen Worten: wer mehr Handarbeit fordert, nimmt Arbeitslosigkeit bei Automatisierungstechnikern, SPS-Spezialisten, Ingenieuren, Programmierern, Mechanikern, Anlagenplanern und Menschen in anspruchsvollen Berufen in Kauf. 
Wäre da nicht die Qualifizierung Arbeitsloser der bessere Weg?

 

 

bepe0905 antworten


GoodFruit
Themenstarter
Beiträge : 4220

Noch ein Impuls von mir:

Ich bin darauf hingewiesen worden, dass eine Verweigerung von totaler Roboterproduktion eine Abwärtsspirale einleiten könnte. Die Kritik ist gerechtfertigt, wenn man davon ausgeht, dass die Menschheit es nicht schafft, dem Diktat des Kapitals zu entkommen.

Ich sehe viele Regionen er Welt philosophisch festgelegt - oft über totalitäre Regime gefestigt.

Europa ist noch offen, was Chancen gibt, sich philosophisch und wirtschaftlich anders zu orientieren.

Neue technologische Möglichkeiten rufen dazu auf, Arbeit neu zu denken.

Die Arbeitswelt hat viele Aufgaben: In ihr werden Produkte gefertigt, in ihr wird Geld verdient, in ihr finden Menschen einen Lebenssinn. Jeder dieser Faktoren will berücksichtigt werden und wenn in technologischer Fortschritt einen dieser drei Faktoren sehr klein werden lässt oder ganz beseitigt, sollten Schritte sehr bedacht erfolgen und wir sind aufgerufen, das ganze System neu zu überdenken

Silicon Valley und die megareichen Unternehmer dort, drängen auf eine Lösung, bei der der Mensch keine Rolle spielt. Peter Thiel ist sich noch nicht einmal sicher, ob der Fortbestand der Menschheit irgendeinen Wert hätte. Wenn sie über den Menschen in so einer Welt denken, sehen sie ihn unter Drogen beim Computerspielen gut aufgehoben.

Wir können ihnen das nicht vorwerfen, weil sie als Technonerds keinen umfassenden philosophischen Background haben. Aber eben deshalb darf man ihnen die Gestaltung der Welt auch nicht alleine überlassen. Rein theoretisch könnten Menschen wie im Mittelalter wirtschaften und überleben. Dieser Gedanke nur, um mal das Spektrum der Extreme aufzuziehen.

Das noch relativ freie Europa kann sich überlegen: Welche Konzepte wollen wir? Gibt es Bereiche, in denen die Konzepte besonders gut sind oder besonders großen Schaden anrichten? Wie kann man Wirtschaftsweisen, die für den Menschen besonders gut sind, aber finanziell nicht konkurrenzfähig, schützen oder unterstützen? Braucht es eine generelle Robotersteuer, die am Produkt erhoben wird und bei der es egal ist, wo das Produkt produziert wurde?

Meine Idee der Ampel, die den Automatisierungsgrad des Produktes kenntlich macht, arbeitet sehr niederschwellig im marktwirtschaftlichen Bereich. Der ethisch entscheidende Konsument kann da entscheiden, in welchem Umfang erden menschlichen Aspekt in der Arbeitswelt erhalten haben möchte.

Vielleicht findet ihr mit diesen Impulsen leichter den Weg in eine Diskussion.

goodfruit antworten
1 Antwort
JohnnyD
(@johnnyd)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 1705

@goodfruit 

Wir könnten wie im Mittelalter leben, also ohne Strom?

Nein, das können wir nicht. Nicht einmal eine Woche können wir das als Gesellschaft.

johnnyd antworten
BeLu
 BeLu
Beiträge : 5406

@goodfruit Nach der Kategorisierung würde ein manuell mit Kinderarbeit gefertigtes Produkt in der besten Kategorie landen 🤔 

belu antworten
5 Antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@belu Ich denke mal, dass ein von Kinderarbeit gefertigtes Produkt hier überhaupt nicht mehr ankommen dürfte. 

Wir haben ein Lieferkettengesetz, das das verhindern sollte. Das klappt leider nicht so, wie es mal gedacht war. Aber wenn Produkte für die Roboampel zertifiziert werden, müssen Produktionsumstände und Verhältnisse offengelegt werden. Da würde Kinderarbeit natürlich umgehend die Schranke zumachen.

goodfruit antworten
lhoovpee
(@lhoovpee)
Beigetreten : Vor 10 Jahren

Beiträge : 3485

@goodfruit 

Ich denke mal, dass ein von Kinderarbeit gefertigtes Produkt hier überhaupt nicht mehr ankommen dürfte.

Das ist recht naiv, wenn man sich Stores wie Shein, Temu und TikTik Shop anschaut, die immer wieder wegen Verstöße gegen die Menschen- und Arbeiterrechte in der Kritik stehen.

Wir haben ein Lieferkettengesetz, das das verhindern sollte.

Welches zum einen wieder abgeschwächt wurde und zum anderen kaum durchgesetzt wird.

Schlussendlich würde ein von dir gefordertes Label nur ein großer Bürokratie mit sich bringen ohne ein Mehrwert für den Endkunden zu liefern. 

Sinnvoller wäre da schon eine Robotersteuer o.ä. 

lhoovpee antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@lhoovpee Schlussendlich würde ein von dir gefordertes Label nur ein großer Bürokratie mit sich bringen ohne ein Mehrwert für den Endkunden zu liefern. 

Denkst Du denn, dass z.B. das Haltungsform Label auf Erzeugnissen aus tierischer Produktion etwas bringt? Für mich ist das aktuell das einzige, das mich wirklich interessiert und das ich bei Kaufentscheidungen berücksichtige.

Das kann also funktionieren. Ein Qualitätssiegel oder ein braucht immer ein Audit und ein System, dass das durchführt und das Siegel erteilt oder eben nicht. Das ist auch wieder ein Arbeitsmarkt. Und es könnte zugleich helfen, Informationen zu beschaffen, die dem lahmenden Lieferkettengesetz wieder auf die Sprünge helfen. Alle Produkte, die versuchen sich dem Label zu entziehen, würden automatisch mit einer Steuer belegt und erhalten ebenso automatisch die schlechteste Kategorie aufgedruckt. Denn der Mehrwert muss erst einmal belegt werden bevor er angezeigt werden kann. Das würde den Willen zur Kooperation vermutlich erheblich steigern.

Ich kenne da keine Zahlen, aber vermutlich ist der finanzielle Vorteil durch vollautomatische Roboterproduktion geringer als gedacht. An der Börse gehandelte Unternehmen lieben Produktion mit möglichst wenigen Arbeitnehmern und das liegt nicht daran, dass die Chefs was gegen Mitarbeiter hätten, sondern weil ein hoher Bedarf an Arbeitnehmern an dem Erwirtschaften des Gewinns von den Investoren wie ein Malus betrachtet wird (in meinen Augen ein Unding - auch hier würde eine von mir angedachte Regel vielleicht heilend wirken). Wenn Du also ein System mit Arbeiter und eins ohne Arbeiter hättest, das in etwas gleichen Gewinn erwirtschaften, würde aktuell die Robotervariante bevorzugt. Und das ließe sich leicht politisch ändern, indem man den sinnstiftenden Wert der Arbeit mit einpreist.

goodfruit antworten
lhoovpee
(@lhoovpee)
Beigetreten : Vor 10 Jahren

Beiträge : 3485

@goodfruit 

Bei der Haltungsform gibt es einfache klare Regeln. Deine Einteilung zur Robotic war dagegen unbrauchbar. 

Daher kann man das nicht vergleichen. 

ebenso automatisch die schlechteste Kategorie

Dazu braucht man erst mal Sinnvolle Kategorien. 

lhoovpee antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@lhoovpee Bei der Haltungsform gibt es einfache klare Regeln. Deine Einteilung zur Robotic war dagegen unbrauchbar. 

Ich bin da kein Experte und erhebe daher auch keinen Anspruch, dass meine Ampel einen Wert hätte. Es geht doch um die Idee und da mögen dann Experten sinnvollere Ansätze entwickeln. Ziel ist es mir den sinnstiftenden Anteil bei der Arbeit zu erkennen, wertzuschätzen und zu erhalten. Wenn dieser messbar gemacht wird und auf den Produkten indiziert wird, bekommt der Verbraucher Information, die seine Entscheidung beeinflussen kann.

goodfruit antworten


Jack-Black
Beiträge : 5646

@goodfruit Konsumenten haben Macht.

Die in aller Regel deutlich überschätzt wird. Aber unterhaltsame Gedankenspielereien haben ja einen Zeitvertreibs-Wert an sich. 🙂

jack-black antworten
32 Antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@jack-black Ich kann mich erinnern, wie Verbraucher mal den Konzern Shell in die Knie gezwungen haben ...

goodfruit antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5646

@goodfruit  Und im Norden Galliens gab's das Dorf der Unbeugsamen...

 

Shell-Aktie Schlussnotierung 1994: 10,80*

Shell-Aktie Schlussnotierung 1995: 12,75 (<--Brent Spar-Jahr)

Shell Aktie Schlussnotierung 1996: 17,19

Shell Aktie Schlussnotierung 1997: 25,10

... und so weiter...

 

So möchte ich auch mal in die Knie gezwungen werden... 😀

Und ja, ich verstehe Deinen Einwand schon so: dass da der Druck der Verbraucher einen Konzern zum Einlenken brachte.

Aber: da ging es um eine konkrete Unternehmensentscheidung eines einzelnen Konzerns, auf die sich Greenpeace in einer konzertierten Aktion einschießen konnte. Der Druck konnte deswegen entstehen, weil die Marktanteile, die Shell zu verlieren drohte, nicht sich in Luft aufgelöst hätten, sondern die Verbraucher eben bei anderen Anbietern eingekauft hätten. Gegen einen einzelnen Konzern lässt sich per Kampagnen was ausrichten - aber nur dann, wenn die Verbraucher bequem ausweichen können und nicht plötzlich für dieselbe Ware das Doppelte zahlen müssen.

Deine Roboterampel-Idee adressiert aber nicht einen einzelnen Konzern, sondern sämtliche Anbieter. Die Kunden hätten sich zu entscheiden, ob sie auf per Roboterarbeit (d.h. KI-Arbeit) deutlich preisgünstigere Waren verzichten und lieber zu den "roboterarbeitfreien" und entsprechend teureren Konkurrenzprodukten greifen möchten. Um wieviel teurer? Um den Arbeitslohn-Anteil bei der Produktion. Je höher der ausfällt, desto größer der Preisnachteil für die "grünen" Produkte. Viel Spaß damit, sowas durchzusetzen! Dagegen wäre es ein Spaziergang gewesen, das Lieferkettengesetz, das dieser Tage praktisch geschleift wurde, vollumfänglich durchzusetzen. Der Slogan "Geiz ist geil!" sagt Dir was? Angesichts der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung und des Füllstands der Verbraucherportemonnaies - denkst Du, dass dessen inhaltlicher Kern in den nächsten Jahren mehr oder weniger Relevanz bekommen wird? Ich verrate Dir was: die roboterarbeit-freien Produkte, so grün auch immer ihre Ampel-Markierung leuchten sollte, wären Ladenhüter. Jeder Supermarkt würde sie schnellstens aus dem Sortiment nehmen. Selbst diejenigen, die verstünden, warum die Ersetzung menschlicher Arbeiter in der Produktion in die System-Katatstrophe führt, würden aufgrund des Moloch-Prinzips "heimlich" im Supermarkt des Nachbarorts die deutlich billigeren und qualitativ gleichwertigen oder gar hochwertigeren Produkte einkaufen, getreu dem gewissensberuhigenden Motto: "Mein Beitrag (zum Untergang) macht den Käs nun auch nicht fett!"

Denke mal an die sogenannte "Flugscham" und deren Wirkmacht. Es bringt doch mehr Sozialprestige ein, sich über diese Idee lustig machend dreimal pro Jahr um den Globus zu jetten, als tatsächlich zu sagen (wie ich es übrigens tue...): "Ich fliege nicht mehr - aus Umweltgründen..."

Die Behauptung, dass die Verbraucher Macht hätten, diese tatsächlich lenkend einsetzen könnten, und somit Verantwortung für sowas wie eine moralische Entwicklung der Wirtschaft trügen, ist eine neoliberale Schutzbehauptung der mächtigen Industriekonzerne, die regelmäßig (und ziemlich erfolgreich) damit versuchen, gesetzliche Regulierungen jeglicher Art zu verhindern, die irgendwie ihre Profite schmälern könnten. Ohne verbindliche gesetzliche (und sanktionsbewehrte) Vorgaben wirst Du keine gesamtgesellschaftlichen Verhaltensänderungen Richtung Konsumverzicht (worauf Deine Idee schlußendlich hinausliefe) durchsetzen können.

Ich habe Sympathie für Dein Anliegen. Als seine Wurzel sehe ich die höchst berechtigte Angst vor dem Zusammenbruch des derzeit herrschenden ökonomischen Systems, welches nun mal auf der kapitalistischen Ausbeutung menschlicher Arbeitkraft beruht. Aber per Ermöglichung einer individuellen Gewissensentscheidung in der Obstabteilung (denn auch Obst wird demnächst per Maschinenarbeit produziert, vor ein paar Monaten gab's einen Beitrag darüber, wie man super-innovativ in Ostdeutschland darauf reagiert, dass immer weniger billige Saisonarbeiter aus dem Osten für die Ernte zu finden sind: man entwickelt ai-gesteuerte Ernteroboter, die Erdbeeren von mehrlagigen Beeten in high-tech-Zuchthäusern pflücken können...) wirst Du das System nicht retten können.

 

 

 

 

 

 

 

 

*Dollars? Pfund Sterling? Oder doch eher Mark? Zwischen 2002 und 2003 scheint jedenfalls die Einheit der Tabelle, auf die ich mich beziehe, gewechselt zu haben.

 

 

jack-black antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5646

Nachtrag: Ich schrieb:

(...) Dein Anliegen. Als seine Wurzel sehe ich die höchst berechtigte Angst vor dem Zusammenbruch des derzeit herrschenden ökonomischen Systems, welches nun mal auf der kapitalistischen Ausbeutung menschlicher Arbeitkraft beruht.

 

Die Angst ist insofern berechtigt, als dieser Zusammenbruch des Systems vermutlich viele Menschen sehr hart treffen, ja sogar ihre Existenz, ihr Leben gefährden wird.

 

Aber.

Diese Gefahren, die auf viele (meine Vermutung: die große Mehrzahl aller) Menschen zukommen, sind nicht direkte Folgen der Substitution menschlicher Arbeit durch maschinelle Arbeit. Sondern sie sind Folge des Leistungsgerechtigkeitsdenkens, das unsere kapitalistisch verfasste Welt prägt. In einer Welt, in der menschliche Arbeitsleistung nichts mehr wert ist, ergibt so ein Denken keinen Sinn mehr. Die Frage ist also diejenige: wie wird der Übergang von einer Welt, in der menschliche Arbeitsleistung nötig war, zu jener Welt, in der menschliche Arbeitsleistung nicht mehr benötigt wird, aussehen? Lässt er sich "sanft" gestalten?

Das, was wir als Produktivitätswachstum im Kapitalismus, der diesbezüglich dem "real existierenden Sozialismus" fraglos überlegen war, beobachteten, bestand letztlich darin, dass Waren mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft produziert werden konnten. Produktivitäsfortschritt bedeutete stets: weniger menschliche Arbeitszeit (Lohnkosten) pro Wareneinheit. Ein Großteil dieses Produktivitätsfortschritts ergab sich dabei per Automatisierung der Produktionsprozesse.

Wer also die Automatisierung von Produktionsprozessen stoppen will - beispielsweise indem Waren aus hochautomatisierten Produktionsprozessen mit einer negativen Roboterampel-Einstufung stigmatisiert werden - der will praktisch Produktionsfortschritte stoppen. Und wozu? Damit die Leute was zu arbeiten haben?

Warum sollten die Leute arbeiten wollen? Die Leute wollen etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anfangen, das schon. Und in unserer vom Leistungs-Ethos geprägten Gesellschaft sehen viele ihre berufliche Lohnarbeit als sinnvoll an, weil ihre (Arbeits-)Leistung mit dem Lohn zu korrelieren scheint. Aber warum sollte diese Betrachtungsweise der Lohnarbeit sich nicht ändern können? Im Grunde arbeitet man, um Geld zu verdienen, also ein Tauschmittel für Waren aller Art. Was, wenn man dieses Geld nicht bräuchte, weil man das, was man braucht, umsonst zugeteilt bekäme? Und zwar nicht nur das, was man zum knappen Überleben braucht, sondern noch was obendrauf, sodass man ein angenehmes, auch im konsumtiven Sinne genußvolles Leben führen kann? Weil man nun mal alles, was man konsumieren möchte, einfach so bekommt: Erarbeitet und zur freien Verfügung gestellt von Maschinen?

In so einer Welt des Überflusses müssten die Leute lernen, ihren Selbstwert in anderen Bereichen zu finden als dem ihrer beruflichen Lohnarbeit. Ich kann nur von mir selbst reden: Ich hätte kein Problem damit, überhaupt nicht mehr beruflich arbeiten zu müssen. Den Teil meiner beruflichen Arbeit (ich male Bilder), den ich heute schon gern tue, weil diese Art der Beschäftigung mir Freude bereitet - den würde ich fortführen. Und vermutlich sogar lieber und intensiver, weil ich keine kommerziell bedingten Kompromisse mehr eingehen müsste. Ich könnte die Bilder malen, die ich selbst für am wichtigsten hielte, ohne mich um den Publikumsgeschmack, die Verkaufbarkeit meiner Werke scheren zu müssen.

Na gut: womöglich würde der wegfallende Druck, Verkaufbares zu produzieren, dazu führen, dass ein gewisser produktiver Antrieb ebenfalls wegfiele. Es wäre für meine Existenz nicht mehr notwendig, dass das, was ich tue/schaffe, anderen Leuten gefällt. Womöglich würde ich weniger Bilder produzieren und womöglich würden diese Bilder sogar schlechter. Da ich vom Wesen her ein zur Bequemlichkeit tendierender Mensch bin, will ich so eine Entwicklung gar nicht ausschließen. Aber hey - würde mich das dann unglücklicher machen? Vielleicht nicht, weil ich im Grunde eben nicht nur etwas zur Bequemlichkeit tendiere, sondern halt auch kein sonderlich ehrgeiziger Mensch bin. Wäre ich ehrgeiziger, dann würde ich vielleicht in so einer Überflußwelt sogar noch emsiger arbeiten - nicht, um mir mit dem Ergebnis meiner Arbeit Konsumwaren eintauschen zu können, sondern um bei mir wichtigen Leuten Ehre zu erlangen. Diese Ehre müssten sie dann zwar in anderer Form als der Bezahlung meiner Arbeiten mit Geld ausdrücken - beispielsweise, indem sie mir die Ehre ihrer Gesellschaft erweisen, mich z.B. zu einem gemeinsamen Abendessen oder irgendeiner Freizeitaktivität einladen. Persönliche Zuwendung könnte zur neuen "Währung" werden, in welcher dann soziale, statt Waren-Werte ausgedrückt würden. Aber wäre so eine Entwicklung denn schlecht?

Naja - über den Ereignishorizont vermag ich nicht zu blicken und kann also nur spekulieren, welche Art Gesellschaft hinter dem Zusammenbruch des kapitalistischen Systems liegen wird.

Nur soviel ist klar: dieses kapitalistische System, so unvorstellbar uns, die wir in es hineingeboren und hineinsozialisiert wurden, ein anderes System auch sein mag, hat in seinem ökonomischen Kern den Produktivitätsfortschritt als unverzichtbaren Bestandteil. Den Kapitalismus retten zu wollen, indem man Produktivitätswachstum zu verhindern sucht, kann logisch unmöglich funktionieren.

Angesichts des disruptiven Impacts der AI sollten wir daher nicht die Frage stellen, wie durch ein Prolongieren der bestehenden Verhältnisse dieser Kapitalismus noch ein bisserl in die Länge gezogen werden kann - sondern wie wir am elegantesten und unblutigsten den Übergang hinkriegen von einem Ethos der Leistungsgerechtigkeit hin zu einem Ethos der Verteilungsgerechtigkeit. Beispielsweise - und hier müssen jetzt alle Anti-Kommunisten ganz tapfer sein 😉 - indem die Produktionsmittel Schritt für Schritt vergesellschaftet werden, am besten so, dass diese Schritte pünktlich zu dem Zeitpunkt zu Ende gegangen sein werden, wenn überhaupt keine menschliche Arbeitskraft mehr in der Warenproduktion benötigt wird.

Zugegeben: das timing könnte sich als eine vertrackt schwierige Sache erweisen... 😎 😩 😇 

jack-black antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@jack-black Heißt für Dich "In die Knie zwingen"= "wirtschaftlich ruinieren"?

Man wollte die Brent Spa an Ort und Stelle einfach versenken. Der Protest mit Konsumverzicht hat bewirt, dass das dann nicht getan wurde. Was wolltest Du mehr?

goodfruit antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5646

@goodfruit Der Protest mit Konsumverzicht

Wer hat da genau worauf verzichtet?

Was wolltest Du mehr?

Gar nix. Ich war damals nicht Teil der Boykott-Kampagne. Andererseits fand ich es ja auch schön, dass die Brent Spar am Ende nicht einfach so "entsorgt" wurde.

Aber ich wiederhole mich: da ging es um eine einzelne Unternehmensentscheidung. Nicht um einen Paradigmenwechsel in der gesamten Wirtschaft: den Verzicht auf Produktivitätssteigerungen.

 

Heißt für Dich "In die Knie zwingen"= "wirtschaftlich ruinieren"?

Naja, da frage ich zurück: "Heißt für Dich: eine einzelne Unternehmensentscheidung aus kommerziellen Gründen zu korrigieren denn, in die Knie gezwungen zu werden?"

Du hattest das Brent Spar Beispiel angeführt, ich bin der Ansicht, dass es ebensogut als die Ausnahme von der Regel betrachtet werden kann und genaugenommen nicht mal das - denn bei der von Dir vorgeschlagenen Roboterampel handelt es sich um ein Instrument, das [b]nicht[/b] auf eine Einzelentscheidung eines einzelnen Unternehmens hin abzielt, sondern um eine die gesamte Produktionswirtschaft adressierende Erziehungsmaßnahme.

jack-black antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@jack-black Die Brent Spa war ein erstes Signal der Möglichkeiten von Konsumenten gegen Firmen. Das Internet kann ein Pranger sein. Und wer da steht, dessen Firma hat nicht nur den Ärger mit den wenigen, die da protestieren - dessen Markenwert fällt gleich gewaltig. Und wenn man mal auf so einer Schiene drauf ist, dann droht tatsächlich ein umfassender Abstieg.

Stell Dir mal vor, Du stellst Kühlschränke her und die fallen gelegentlich aus. Und die Kunden reagieren darauf damit, dass sie zeigen, wie sie den Kühlschrank mit dem Vorschlaghammer zerlegen und es kommt zu einem Contest, wo Leute sich kreative Wege, den Kühlschrank zu zerlegen im Netz posten. Was meinst Du, welchen Wert das Unternehmen damit verliert und wie lange es braucht, bis zerstörtes Vertrauen wieder aufgebaut ist.

Die Unternehmer wissen das, schulen mitunter sogar Mitarbeiter, darauf zu achten, dass so etwas gar nicht erst passiert und wenn sie etwas entdecken, das gleich zu melden. Die Chefs lassen sich sogar auf solche Aktion hin schulen, dass sie psychologisch die geschickteste Reaktion zeigen. Der Virgin Chef hat auch eine Eisenbahnlinie betrieben. Da kam es einmal zu einem Unfall und er wurde dafür gelobt, dass er so super reagiert hat, gleich da war und wirklich Hilfe etc. in die Wege geleitet hat. Das geschah nicht nur, weil dieser Mann so weise und gut ist (das ist er sicher auch!). Das geschah, weil jedes Teil minutiös geplant war und da ein genau einstudierter Ablauf im Hintergrund war.

Das sind Schulungskosten, die lohnen sich wirklich. Und das zeigt, dass gute Unternehmen ihre Kunden erst nehmen und harte Konflikte vermeiden wollen.

goodfruit antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

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@jack-black 

Als seine Wurzel sehe ich die höchst berechtigte Angst vor dem Zusammenbruch des derzeit herrschenden ökonomischen Systems, welches nun mal auf der kapitalistischen Ausbeutung menschlicher Arbeitkraft beruht. Aber per Ermöglichung einer individuellen Gewissensentscheidung in der Obstabteilung (denn auch Obst wird demnächst per Maschinenarbeit produziert, vor ein paar Monaten gab's einen Beitrag darüber, wie man super-innovativ in Ostdeutschland darauf reagiert, dass immer weniger billige Saisonarbeiter aus dem Osten für die Ernte zu finden sind: man entwickelt ai-gesteuerte Ernteroboter, die Erdbeeren von mehrlagigen Beeten in high-tech-Zuchthäusern pflücken können...) wirst Du das System nicht retten können.

Die Arbeitskraft in unserer aktuellen Wirtschaft auf "Ausbeutung" reduzieren zu wollen, scheint mir denn doch sehr ideologisch verzerrt - bis zur Unkenntlichkeit! Denn für Menschen ist Arbeit Sinnerfüllung und finanzielle Lebensgrundlage. Das wiegt weit höher als Gedanken zur Ausbeutung, die es in Raum und Zeit auch mal gegeben haben mag.

Für Dich ist durch die ideologische Brille menschliche Arbeit etwas schlechtes. Für ist sie gut.

Und dieses gut kann man bemessen. Die Sinnerfüllung und Finanzierung meines Lebens ist ein konkreter Wert, der in in jedem Produkt mit drinsteckt. Und dieser Wert geht mit reiner Roboterproduktion verloren. Man kann politisch entscheiden, dass der Wert aus der Roboterproduktion heraus kompensiert werden muss.

Und wenn ich auf eine Notlage zusteuern, die nicht nur Dinge verschiebt, sondern für alle zugleich ein großes Problem wird, würde ich erwarten, dass der Mensch intelligent genug ist, solidarisch zu werden und entsprechend sein Handeln zu verändern, auch wenn das zu zusätzlichen wirtschaftlichen Nöten führt. Wenn das Leben durch die Roboter für die meisten sinnlos geworden ist, dann kostet die amerikanische Lösung auch Geld. Drogen und Computerspiele gibt es nicht umsonst.

 

goodfruit antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
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@goodfruit 

Die Arbeitskraft in unserer aktuellen Wirtschaft auf "Ausbeutung" reduzieren zu wollen, scheint mir denn doch sehr ideologisch verzerrt - bis zur Unkenntlichkeit! Denn für Menschen ist Arbeit Sinnerfüllung und finanzielle Lebensgrundlage.

Das eine schliesst das andere ja nicht aus.

Für ein Schaf ist der Sinn des Lebens, auf der Weide zu stehen und sich zu vermehren. Der Schäfer stellt die Weide aber nicht bereit, um das Schaf glücklich zu machen, sondern um es auszubeuten und die Wolle zu verkaufen.

So gibt es eben verschiedene Perspektiven und Bewertungen derselben Situation.

lucan-7 antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

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@lucan-7 Für ein Schaf ist der Sinn des Lebens, auf der Weide zu stehen und sich zu vermehren. Der Schäfer stellt die Weide aber nicht bereit, um das Schaf glücklich zu machen, sondern um es auszubeuten und die Wolle zu verkaufen.

Ich finde diese Ausbeutungsmasche regelrecht übel. Jedwede Nutzung ist immer gleich Ausbeutung. Und wenn ich Arbeit einzig als Ausbeutung sehe - klar sind dann Roboter willkommen! Allerdings erklärt das auch sehr schön, warum im Sozialismus nie wirklich etwas brauchbares produziert wurde. Alles so lau hingerotzt - was bei so einem Mindset in Bezug auf Arbeit ja auch nicht anders sein kann. Wer so eine Einstellung hat, sollte nicht arbeiten müssen. Der darf dann dann auch direkt und ohne Roboter den Weg in die Drogen (meist Wodka) nehmen.

Wenn die Schafe geschoren werden, dann sind sie entweder im Stall und man macht das, um die Kinderaufzucht den Schafen zu erleichtern - oder es ist kurz vor Sommer und die Schafe dürfen sich freuen, nicht mit Wintermantel in der Sonne schwitzen zu müssen. Das mal so als jemand, der mit Schafen aufgewachsen ist.

Bei der Wolle ist es grad so, dass der Bauer froh sein kann, wenn er mit dem Verkauf den Lohn für die Scherer rausbekommt.

goodfruit antworten
Jack-Black
(@jack-black)
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@goodfruit Ich finde diese Ausbeutungsmasche regelrecht übel. Jedwede Nutzung ist immer gleich Ausbeutung.

Nein. Du kannst Dich, wenig erkenntisfördernd, über Begrifflichkeiten echauffieren - oder Du kannst Dich darüber informieren, welchen Inhalt ein Begriff in bestimmten Verwendungszusammenhängen hat. Wenn Du Dich lediglich echaffierst, weil Du womöglich zu bequem bist, zu recherchieren, wie Begriffe anders gemeint sein können, als Du es gewohnt bis, wirst Du nicht verstehen können, was gemeint ist.

Ausbeutung von Arbeitskraft ist im hier diskutierten Zusammenhang eine sachlich-neutrale Beschreibung. Man kann Minen ausbeuten oder Fischgründe oder Ackerflächen: indem man sich etwa von ihnen weg- , d.h. aus ihnen heraus nimmt, was man nicht vorher hineingetan hat. Manchmal (bei den Minen z.B.) ist der ausgebeutete Gegenstand dann irgendwann leer - er ist dann im doppelten Sinne aus(schlussende)gebeutet. Manchmal (z.B. nachhaltig ausgebeutete Fischgründe im Ozean oder Naturwaldflächen) wächst das, was man entnahm, "von selbst" nach. Und die menschliche Arbeitsleistung, von der menschlichen Arbeitskraft erbracht, ist gewissermaßen so eine "nachwachsende Ressource": wenn der Kapitalist dem Lohnarbeiter einen hinreichend großen Anteil des geschaffenen Mehrwerts überläßt, kann sich dessen Arbeitskraft "von selbst" regenerieren.

Wenn der Kapitalist sich einen Teil der Leistung, welche der Arbeitskraft des Lohnarbeiters entspringt, für sich wegnimmt - dann beutet er damit den Lohnarbeiter, dessen Arbeitskraft, aus. Nochmal: sachliche Beschreibung, kein moralisches Verdikt. Amoralisch wird's - spätestens - dann, wenn dem Lohnarbeiter so wenig vom Mehrwert (das, was die Ausgangsmaterialien einer Ware dadurch, dass sie im Produktionsprozess verwandelt wurden, an (Tausch-)Wert gewannen) durch den Kapitalisten übrig gelassen wird, dass es nicht mehr ausreicht, seine Arbeitskraft vollständig zu regenrieren.

Das wird im alltäglichen Sprachgebrauch mit Ausbeutung gemeint: dass der Lohnarbeiter, bzw. seine Arbeitskraft so ähnlich ausgebeutet wird wie eine Mine, die irgendwann leer ist. In der Analyse des Kapitalismus trifft der Begriff aber selbst dann noch zu, wenn dem Lohnarbeiter ein Lohn gezahlt wird, mit dem erleben kann wie der König von Frankreich: solange sich der Kapitalist etwas vom erarbeiteten Mehrwert als Profit abzwackt, handelt es sich faktisch um Ausbeutung der Arbeitskraft des Lohnarbeiters.

So, wie es sich faktisch um die Ausbeutung von Fischgründen handelt, wenn ein kleiner Fischer aus dem großen Meer jeden Tag zwei Heringe für sich und seine nörgelnde Frau angelt.

jack-black antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

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@jack-black Lohnarbeiter ein Lohn gezahlt wird, mit dem erleben kann wie der König von Frankreich: solange sich der Kapitalist etwas vom erarbeiteten Mehrwert als Profit abzwackt, handelt es sich faktisch um Ausbeutung der Arbeitskraft des Lohnarbeiters.

Ich sehe da den Unternehmer in einem sehr schlechten Licht. Er muss schließlich so wirtschaften, dass Wachstum möglich bleibt, dass noch etwas als Reserve da ist, wenn es darum geht, eine Krise zu überdauern und damit F&E betreiben werden kann, um auch noch morgen mit an der Spitze dabei zu sein und den Markt für seine Produkte zu erhalten. Ich sehe da so etwas von überhaupt kein Problem. Vielleicht sollte man sich da einen anderen Begriff überlegen, denn der Wortteil "-beuten" Suggeriert, dass der Unternehmer ein Räuber ist. Glaubst Du wirklich, dass das heute noch eine Sprache ist, die der Situation gerecht wird?

Ich sehe dieses abstruse Gedankengebäude wirklich als großes Hindernis, der Realität gerecht zu werden.

Und bitte schau Dir wirklich die Roboteralternative an. Mein Verdacht ist, dass das zu blauäugig gesehen wird. Ich habe etwas Einblick im Bereich der Landwirtschaft. John  Deeres Macht über die Bauern ist beängstigend. Es mag angenehm sein, mit den Maschinen zu arbeiten. Aber sich bewusst zu sein, dass meine gesamte Ernte von jetzt auf gleich einfach von irgendwo auf der Welt einfach abgeschaltet werden kann, ist nichts, was ich für akzeptabel halte.

goodfruit antworten
Lucan-7
(@lucan-7)
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@goodfruit 

Ich sehe da den Unternehmer in einem sehr schlechten Licht. Er muss schließlich so wirtschaften, dass Wachstum möglich bleibt, dass noch etwas als Reserve da ist, wenn es darum geht, eine Krise zu überdauern und damit F&E betreiben werden kann, um auch noch morgen mit an der Spitze dabei zu sein und den Markt für seine Produkte zu erhalten.

Das wäre gutes wirtschaften, wenn es allein um Geldreserven für die Firma ginge. Aber in der Regel wird der Unternehmer selber immer reicher. Und zwar nicht durch eigene Arbeit, sondern durch die Arbeit anderer.

Man kann ewig darüber streiten, wieviel Reichtum nun "gerecht" sei... auch der Kapitalist, der die Firma verwaltet, arbeitet ja (Und das häufig nicht zu knapp). Und möglicherweise ist er auch derjenige, ohne den es die Firma gar nicht geben würde, weil es seine Ideen sind, die die Firma voranbringen.

Aber auch wenn er um eine faire Bezahlung bemüht ist und die Arbeiter womöglich sogar am Gewinn beteiligt (Aber wer tut das schon...?) ist es immer noch "Ausbeutung" im wirtschaftlichen Sinne.

Wenn du das ganze moralisch verstanden wissen willst, dann redest du von etwas völlig anderem...

 

lucan-7 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

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@goodfruit Die Arbeitskraft in unserer aktuellen Wirtschaft auf "Ausbeutung" reduzieren zu wollen, scheint mir denn doch sehr ideologisch verzerrt - bis zur Unkenntlichkeit!

Da mag ich jetzt nicht extra für Dich ausführlich die marxistische Analyse kapitalistischer Verhältnisse und die sich daraus ergebenden Begrifflichkeiten referieren, insbesondere, da mir hierfür sowohl die entsprechenden Detailkenntnisse als auch die didaktische Kompetenz fehlen. ^^

 

(...) für Menschen ist Arbeit Sinnerfüllung und finanzielle Lebensgrundlage. (...)

Für Dich ist durch die ideologische Brille menschliche Arbeit etwas schlechtes.

Mit Verlaub, das ist Unfug. Ich könnte es sogar beleidigenden Unfug nennen, weil Du mir implicite unterstellst, nicht zu den Menschen zu gehören. Aber die gesamte Argumentation ist so substanzlos dahergesprudelt, dass ich mal davon ausgehe, dass Du im Eifer des Heraussprudelns gar nicht darüber nachdachtest, wie Du mir da nebenbei die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch absprichst und also keine beleidigende Absicht hattest.

Also zum Inhalt. Nein: für mich ist menschliche Arbeit nicht "etwas Schlechtes". Sie war in der Vergangenheit (und ist es bis heute immer noch!) notwendige Voraussetzung dafür, dass Menschen leben konnten. Arbeit muss geleistet werden im Prozess der Warenproduktion. Wie könnte ich also etwas für das Wohl von Menschen Notwendiges als "etwas Schlechtes" betrachten?!

Meine Argumentation basiert übrigens gerade darauf, dass Arbeit  für viele Menschen (alle, die per Lohnarbeit - schon der Terminus "Erwerbsarbeit" hat eine leicht euphemistische Tendenz, allerdings in manchen Zusammenhängen, z.B. bei Freiberuflern, seinen verdeutlichenden Sinn - ihr Leben bestreiten) die finanzielle Lebensgrundlage bildet.

Dass im Rahmen unseres Systems viele Menschen ihre Lohnarbeit (manche nennen es lieber "berufliche Arbeit" - das hört sich schöner an, gibt der Sache einen sakralen Touch von wegen "Berufung" und so...) tatsächlich als eine sinnvolle Angelegenheit betrachten, hatte ich oben schon lang und breit zugestanden und sogar an meinem eigenen Fall exemplifiziert.

Aber: Nur, weil jemand an einer Tätigkeit, für die ihn andere entlohnen, auch persönlich Freude und Sinnerfüllung finden, oder soziale Anerkennung von anderen bekommen kann, ändert dies nichts an der Natur der Lohnarbeit im kapitalistischen und weitgehend entfremdeten (noch so ein Begriff, den Du gern mißverstehen darfst, wenn Du keine Lust hast, Dich in die Begrifflichkeiten einzuarbeiten 😉 ) Zusammenhang: Da muss Arbeit verrichtet werden, welche zu verrichten der Kapitalist den Lohnarbeiter nur per Lohnzahlung "überreden" kann. Die also anderweitig nicht verrichtet würde, weil irgendwie keiner der Menschen darin, acht Stunden am Band zu stehen und Kartons zu falten, so recht eine Sinnerfüllung zu finden vermag.

Ich vermute ja, dass Dein Mißverständnis dessen, was ich auszudrücken versuchte, darin gründet, dass Du einen zu diffusen Arbeitsbegriff hast.

Nehmen wir als konkretes Beispiel die Gartenarbeit. Da gibt's hier im Forum ja einen eigenen Thread drüber, wo alle möglichen User über ihren Garten berichtet, was sie angebaut haben, welche Beete sie grad am Unmgraben sind, oder was sie so Schönes entsprechend der jeweiligen Saison geerntet haben. Man kann sicherlich sagen: all diese User arbeiten in ihrem Garten. Und diese Arbeit empfinden sie als sinnvoll, sie haben Freude daran und sind happy wie Veronica, wenn der Spargel wächst und sie ihn zu einer leckeren Suppe verarbeitet ihren Freunden und Verwandten kredenzen können.

Aber sie reden da nicht von Lohnarbeit. Vielleicht verkauft noch der eine oder andere (davon gelesen habe ich bisher nix) einzelne Erträge seines Gartens an die Nachbarn oder den nächstgelegenen Gemüsehändler, um sich von den Einnahmen ein paar neue Handschuhe oder einen Kinobesuch leisten zu können. Aber es wird im eigenen Garten gearbeitet, selbstbestimmt, völlig unentfremdet und nicht für Lohn. Die Lohnarbeit indes, bei welcher der Kapitalist (Euphemistensprech: Arbeitgeber) die Produktionsmittel besitzt (hier also: den Garten, respektive die Ackerfläche, und sämtliche Gartengeräte*...) ist eine gänzlich andere Angelegenheit. Sie besteht darin, dass einer nicht das Beet umgräbt, weil sich's ihm als ein solch großes Vergnügen darstellt, endlich mal sich körperlich betätigen zu dürfen, wo er doch in seiner Freizeit zum ständigen Sitzen gezwungen ist... Sondern der Gräber steht schon zur unchristlich frühmorgendlichen Zeit auf dem Feld und schuftet sich die Hände schwielig, weil er den Arbeitslohn zum Überleben braucht, statt, wie er's viel lieber täte, sich nochmal im Bett rumzudrehen, bevor er dem Frühstückskaffeduft folgt, den sein geliebtes Weib aus der Küche unten zu ihm heraufdringen lässt.

Im Garten-Thread hier wirst Du die Beiträge all jener finden, die ihre Gartentätigkeiten lieben, so wie wir Menschen unsere Hobbies lieben. Die User mögen ihre diesbezüglichen Tätikeiten als Arbeit bezeichnen und wenn wir jede Tätigkeit, an deren Ende ein Produkt steht, als Arbeit bezeichnen wollen, dann tun sie es zu Recht. Aber Lohnarbeit - also Arbeit, die nur dann verrichtet wird, wenn jemand dafür bezahlt wird (würde an z.B. Saisonarbeiter in der Landwirtschaft nicht entlohnen, dann blieben die Felder unbestellt, bzw. die Ernte würde auf ihnen verrotten - die paar Urlauber, die entgeltlos mal bei der Heuernte im Rahmen ihrer Ferien auf dem Bauernhof mit anpacken, sind eine quantité négligeable; vermutlich bedeutet betriebswirtschaftlich der Mehraufwand, der betrieben werden muss um sicher zu stellen, dass sie sich im Rahmen dieser "Arbeit" nicht etwa mit der Heugabel in's Auge pieksen, sogar, dass ihre "Arbeit" keinen Wert schafft, sondern die Betriebskosten erhöht - Kosten, die nachher wieder zurückgeholt werden, indem die Urlauber halt Geld dafür zahlen müssen, mitarbeiten zu dürfen), sie zu verrichten - ist das eben nicht.

Deine Roboterampelvorschläge betreffen nicht die Spargelcremsuppen, welche stolze Hobbygärtner ihren Freunden auftischen. Sondern sie betreffen jene, die im Supermarkt für 99 Cent per 2,66-Portionen-Tüte (fällt Euch auf, wie die Gebinde stets kleiner werden? Eben wunderte ich mich beim Zusammenstellen meiner persönlichen Körner-Nuss-Müslimischung, wie wenig sich die ganze Packung Mandeln in der Schüssel ausnahm. Bis ich auf die Verpackung schaute: 100 Gramm... Ich möchte schwören, dass an derselben Stelle meines Supermarkts bis vor Kurzem Mandelpackungen in derselben Färbung lagen, die 150 oder gar 200 Gramm enthielten...)  angeboten werden und für deren Produktion Lohnarbeitern blankes Geld im Tausch für ihre Arbeitskraft gezahlt wurde. Lohnarbeitern, die kein Problem darin sehen würden, wenn man ihnen den Lohnbetrag auch einfach so, ohne dass sie schon vor Sonnenaufgang auf dem Arbeiterstrich herumstehen und auf die Pick-Ups der Farmer warten bräuchten.

Würde die Mehrheit aller Menschen hierzulande in der Erwerbsarbeit vorwiegend eine sinnhafte, erfüllende Tätigkeit sehen, die sie unbedingt ausüben möchten um ihrer Sinnhaftigkeit wegen, ergäbe die weitverbreitete Ablehnung eines voraussetzungslosen Grundeinkommens überhaupt keinen Sinn. Dann müssten die Leute doch sagen: Hey, schön, wenn nicht jemand, der in dieser Tätigkeit keine Erfüllung zu sehen vermag, mir meine Arbeit wegschnappt!

Tun sie aber nicht. Weil sie sehr wohl aus eigener Erfahrung wissen, dass diese Arbeit, die leisten zu können sie sich für jeden verdammten Morgen den Wecker auf halb sechs einstellen müssen, per se keine Erfüllung bietet, sondern eben getan werden muss, um den Blagen was auf den Mittagstisch stellen zu können. Die Mehrheit aller Menschen arbeitet, um (über-) leben zu können - nicht umgekehrt.

Wer das Gegenteil behauptet, der betrachtet die Dinge m.A.n. durch die ideologische Brille.

Im übrigen: Wäre es so, dass die Leute vor allem deswegen arbeiten, weil ihnen die Arbeit solche Sinnerfüllung bietet, dann ergäbe Deine Roboterampel erst recht keinen Sinn. Denn dann würden die Menschen ja auch ohne jegliche Entlohnung arbeiten und der Arbeitskostenanteil der von ihnen produzierten Waren würde auf Null sinken - womit solche Waren dann den durch Roboter erzeugten Konkurrenzprodukten gegenüber einen Preisvorteil hätten. Immerhin würden in der durchroboterisierten Produktion ja noch Stromkosten anfallen, die vielleicht nur knapp, aber doch stets über Null lägen...

 

Und wenn ich auf eine Notlage zusteuern, die nicht nur Dinge verschiebt, sondern für alle zugleich ein großes Problem wird, würde ich erwarten, dass der Mensch intelligent genug ist, solidarisch zu werden und entsprechend sein Handeln zu verändern

 

Da erwartest Du eben falsch. Warum Dich Deine Erwartung trügt, d. h. an dieser Stelle irrst, kann ich Dir nicht so genau sagen. Ich vermute aber, dass Du schlicht zu sehr auf der individualistischen Ebene bleibst (worauf mir Formulierungen wie der Mensch hinzudeuten scheinen) und systemische Zwangsläufigkeiten ignorierst. Zum letzten Mal weise ich auf Moloch (ich spreche lieber vom Moloch-Prinzip) hin und verlinke für Dich, der Du ja Englisch gut verstehst, auf die englischsprachige Website, welche die entsprechenden Zusammenhänge lang und breit darlegt Insbesondere die anscheinend in der conditio humana liegende Unfähigkeit, verlässlich zu kooperieren, wenn das Ausscheren aus der Kooperations-Solidarität, also die Möglichkeit, den Solidaritätsvertrag unbemerkt, bzw. unsanktioniert zu brechen, einen invidiuellen Nutzen bietet, der allzu verlockend groß ist (Stichwort: Spieltheorie).

Du kannst noch so sehr erwarten, dass die Menschen intelligent genug seien, ihr Kaufverhalten maßgeblich an solchen Roboterampeln statt an dem für sie sich darstellenden Preis-Nutzen-Verhältnis auszurichten - es wird nicht geschehen.

Insbesondere nicht in einer globalisierten Welt, in welcher nun mal Unternehmen, die Produktivitätsfortschritte, wie es die Automatisierung von Produktionsprozessen zweifelsohne sind, ignorieren, vom Markt gefegt werden. Nennt sich wirtschaftlicher Wettbewerb und ist (sogar gemäß der kapitalistischen Ideologie selbst)  die treibende Kraft unseres Volkswirtschaftlichen Systems: das "Geheimnis" seines bisherigen Erfolgs.

 

 

 

 

*Ob die Ackerfläche gemäß der klassisch-marxistischen Terminologie zu den Produktionsmitteln zählt, da bin ich mir gerade gar nicht so hundertprozentig sicher. Wie gesagt: mir fehlt das Detailwissen. Die Gartengeräte, bzw. Feldmaschinen gehören auf jeden Fall dazu...

So, nachgegoogelt: Ja, Ackerland gehört zu den Produktionsmitteln. Ist ja eigentlich auch logisch...*mirselbstandiestirnklatsch*

jack-black antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

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@jack-black Aber: Nur, weil jemand an einer Tätigkeit, für die ihn andere entlohnen, auch persönlich Freude und Sinnerfüllung finden, oder soziale Anerkennung von anderen bekommen kann, ändert dies nichts an der Natur der Lohnarbeit im kapitalistischen und weitgehend entfremdeten (noch so ein Begriff, den Du gern mißverstehen darfst, wenn Du keine Lust hast, Dich in die Begrifflichkeiten einzuarbeiten 😉 )

Ich mag mich da nicht einarbeiten, weil, so wie Dir die Brille des Marxismus angewachsen zu sein scheint, lehne ich diese Ideologie als veraltet und längst überholt ab. So wie es für einen Biologen wenig Sinn macht, sich lange mit den Werken eines Lamarck zu beschäftigen, ist auch das Studium des Marxismus antiquiert und überholt. Ich wundere mich wirklich, dass es heute noch Menschen gibt, die auf dieser Grundlage Überlegungen anstellen.

 womit solche Waren dann den durch Roboter erzeugten Konkurrenzprodukten gegenüber einen Preisvorteil hätten.

Das möchte ich mal stark bezweifeln. Vielleicht kommen sie auf das Niveau des klassischen Ansatzes. Viel mehr dürfte da aber nicht gehen. Wir haben die Roboter erst wenige Jahre. Schau mal in 15-20 Jahren, wenn die Dinger nicht mehr ganz so taufrisch sind. Die Kosten sind noch nicht eingepreist, weil man vermutlich noch nicht so richtig weiß, was da auf einen zukommt.

Ich bin bestimmt kein Bilderstürmer und ich verachte auch keine Technologie. Aber ein Ziel der Arbeit ist es auch, Arbeitsplätze bereitzustellen. Das ist ein Wert in menschlich-psychologischer Richtung wie auch in wirtschaftlicher Richtung.

Wenn Du moderne Landwirtschaftliche Geräte nimmst, dann haben sie einen Vorteil solange sie funktionieren. Einen modernen Traktor kann niemand mehr selber reparieren. Und da braucht es Ersatzteile, die oft Tage brauchen, bis man sie hat und das mitten in der Ernte. Man ist abhängig in einer Weise vom Hersteller, wie es zu keinem Zeitpunkt ein in Lohnarbeit stehender Arbeiter bei seinem Chef war (um Dir die Spur auf die Marxistische Denkwiese aufzumachen). Und wenn der Hersteller des Traktors oder der Diktator in dem Land, wo der Hersteller beheimatet ist, nicht will, dass Du Deine Ernte einbringen kannst. Dann stellt er das Gerät eben einfach per Mausklick ab.

Das Roboterbusiness ist maximale Abhängigkeit von ganz wenigen, die nicht mehr durch alternativen ersetzt werden kann. Die Menschheit sollte sich überlegen, ob sie das will. Der Freiheit dient das auf gar keinen Fall.

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goodfruit antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5646

@goodfruit Ich mag mich da nicht einarbeiten, weil, so wie Dir die Brille des Marxismus angewachsen zu sein scheint, lehne ich diese Ideologie als veraltet und längst überholt ab.

Du lehnst da was ab, das Du nicht kennst. Und unterstellst mir, eine Ideologie zu vertreten, die ich  gar nicht vertrete. (Man ist kein Marxist, wenn man der Analyse des Kapitalismus, wie sie Marx in seinem Hauptwerk betrieb, in Teilen zustimmt und seine Begrifflichkeiten dort, wo sie treffend sind, übernimmt) Aber was schreibe ich mir hier die Finger wund, als Christ würdest Du die Kriterien "veraltet" und "längst überholt" wohl kaum als valide Argumente wider Deine religiöse Ideologie akzeptieren. ^^

Du magst Dich also nicht einarbeiten, d.h. nicht mal recherchieren, was in bestimmten Diskussionszusammenhängen mit bestimmten Ausdrücken gemeint ist. Na gut, dann eben nicht.

Ich bin bestimmt kein Bilderstürmer und ich verachte auch keine Technologie.

Du meinst vermutlich "Maschinenstürmer". Da ich Dir nirgends unterstellt habe, Technologie zu verachten, verstehe ich nicht, was diese Beteuerungen bezwecken sollen.

 

Aber ein Ziel der Arbeit ist es auch, Arbeitsplätze bereitzustellen.

Hä?

Das ist ein Wert in menschlich-psychologischer Richtung wie auch in wirtschaftlicher Richtung.

Hä?

Wenn Du moderne Landwirtschaftliche Geräte nimmst, dann haben sie einen Vorteil solange sie funktionieren.

Öhm... Ja?!

 

Einen modernen Traktor kann niemand mehr selber reparieren.

Selbstverständlich kann den noch jemand selber reparieren: Der Techniker, der mit dieser Aufgabe betraut wurde. Es sei denn, ein Defekt ist so gravierend, dass der Reparaturaufwand in keinem betriebswirtschaftlich sinnvollen Verhältnis mehr steht zu einer Neuanschaffung. Was Du eigentlich meinst: die Expertise eines durchschnittlichen Bauern reicht nicht aus, so komplexe Maschinen wie moderne Traktoren im Falle einer Funktionsstörung zu reparieren. Okay, schauen wir mal weiter, wohin Dein Gedankengang führt...

Und da braucht es Ersatzteile, die oft Tage brauchen, bis man sie hat und das mitten in der Ernte.

Ja, kann passieren. Wofür brauchen übrigens die Ersatzteile all die Tage? Etwa dafür, von Menschen angefordert, von Menschen im Ersatzteillager des Herstellers aus den Regalen geholt, von Menschen verpackt und von Menschen in Autos herantransportiert zu werden (nach dem um einen christlichen Feiertag verlängerten Wochenende, an welchem Menschen ja nicht zur Verfügung stehen oder doppelt entlohnt werden müssen...)? Ließen sich da etwa Kosten einsparen...?

 

Man ist abhängig in einer Weise vom Hersteller, wie es zu keinem Zeitpunkt ein in Lohnarbeit stehender Arbeiter bei seinem Chef war (um Dir die Spur auf die Marxistische Denkwiese aufzumachen).

Hä? Wer ist in Deinem Vergleich der Lohnarbeiter und wer der Chef? Ich versuche mal, Dein Beispiel mit Sinn zu füllen.

Heutige Landmaschinen sind in Fällen, wo sie eine Funktionstörung haben, nicht mehr vom "normalen" Bauern zu reparieren. Soweit, so einverstanden. Aber nun... Wie häufig treten solche Funktionsstörungen auf? Wie hoch sind im statistischen Mittel die Produktionsausfälle zu beziffern, die sich aus solchen Funktionsstörungen ergeben? Betriebswirtschaftlich gefragt: rentiert sich die Anschaffung/Nutzung moderner Landwirschaftsmaschinen für den Bauern, oder rentiert sie sich nicht? Ich lebe auf dem Dorf - viele der Bauern hier haben gar keinen eigenen Mähdrescher mehr - sie mieten solche Maschinen in der Erntesaison von Firmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, Mähdrescher an Bauern zu vermieten. Diese Firmen haben ihre Techniker, ihre Reparaturwerkstatt und ortsnah einen Vorrat an Ersatzteilen, die erfahrungsgemäß häufiger mal gebraucht werden. Wenn so ein Mähdrescher mitten im Betrieb seinen Geist aufgibt, dann hält sich der Bauer nicht lang mit Versuchen auf, ihn zu reparieren. Sondern er ruft mit seinem Smartphone (er muss keinen menschlichen Boten mit der Nachricht beauftragen...) beim Mähmaschinenverleiher an, und der stellt ihm dann - morgen soll's regnen und der Roggen muss schnell vom Feld! - eine Ersatzmaschine zur Verfügung.

Arbeitsteilige Wirtschaft eben...

Der springende Punkt ist nun: Obwohl das alles super komplex organisiert ist, lässt sich dennoch unterm Strich der Roggen kostengünstiger mittels intensiven Maschineneinsatzes vom Feld holen, als wenn da Männer und Frauen mit der Sense stünden. Denn um innerhalb eines Tages (wie gesagt: morgen ist Regen angekündigt und man hätte nicht lange vorher schon mit der Ernte beginnen können, weil das Getreide vorgestern noch zu feucht war...) 80 Hektar Roggen zu ernten, bräuchte es eine ganze Hundertschaft an Erntehelfern. Die Produktivität des Landwirtschaftsbetriebs würde immens sinken, wollte man die Erntearbeit von Hand verrichten.

Zusammengefaßt: Dein Beispiel aus der Landwirtschaft ist besonders schlecht gewählt für das Argument, eine wenig automatisierte Produktionsweise sei einer hochautomatisierten Produktionsweise überlegen. Gerade die Landwirtschaft belegt das genaue Gegenteil.

By the way: Bauern sind nicht doof. Die können, in ihrer Ausbildung betriebswirtschaftlich geschult, schon so ungefähr abschätzen, ob es sich für sie rentiert, ihre alten Trecker gegen moderne und somit leistungsfähigere und im Betrieb auch kostengünstigere Traktoren auszuwechseln, die sie nicht mehr selbst reparieren können. Statt nach Einbruch der Dunkelheit noch vier Stunden am Motor herumzuschrauben, erledigen sie vielleicht lieber kaufmännische Arbeiten, Buchhaltung und so... Womöglich lässt sich durch eine Zoom-Konferenz mit einem der Roggenankäufer noch ein Liefervertrag nachbessern, was mehrere tausend Euro bringt - womit man dann die Reparaturkosten, die einem der Fachbetrieb für das Flottmachen der defekten Trecker über's ganze Jahr hin in Rechnung stellt, locker wieder rausgeholt hat.

Indes... Der Zeitaufwand, den Bur Ehlen für die Erledigung der buchhalterischen Arbeiten seines Betriebes so hat - ließe der sich nicht verringern? Ein intelligenter Softwareagent könnte doch den ganzen "Papierkram" erledigen. Und würde nicht ein ai-generierter Avatar in der Verhandlung mit dem chinesisch sprechenden Roggenankäufer bessere Vertragsbedingungen rausschinden können - einer, der sich mit den chinesischen Wirtschaftsgesetzen und überhaupt den dortigen Usancen besser auskennt? Könnte nicht also sich die Produktivität/Rentabilität des Landwirtschaftsbetriebs Ehlen erhöhen, wenn sämtliche white-collar-Arbeit, die so anfällt, von AI-Agentensoftware erledigt würde?  Und wozu überhaupt selbst mit dem geliehenen Mähdrescher über das Roggenfeld fahren? Bur Hinrich aus'm Nachbardorf leiht sich seine Drescher von dieser neuen Firma "Easy Agriculture Solutions", die autonom erntende Mähmaschinen im Sortiment haben. Die kosten im Verleih zwar fuffzich Euro mehr pro Stunde, aber bei vier Hektar pro Stunde und 35 Dezitonnen pro Hektar sind dass gerade mal rund 4 Euro pro Tonne. Bei einem durchschnittlichen Preis von 150 Euro pro Tonne rechnet sich das. Denn hier kommt der Kicker: zwar könnte der Bauer ja weiter selbst die Mähmaschine fahren, bzw. seinen landwirtschaftlichen Fachangestellten (Mittelaltersprech: Knecht) Bernie,  der ihn nur vierzig Euro pro Stunde (die ganzen Sozialabgaben...!) brutto kostet. Aber nachts ist er deutlich langsamer dabei unterwegs (bis morgen muss das Getreide vom Acker, wir erinnern uns...), dem Bernie müsste er Nachtzuschlag zahlen...  Und ja: es ist ihm in den letzten Jahren schon dreimal passiert, dass er in der Dunkelheit gegen einen der Getreideanhänger am Rand des Feldes stieß und dadurch Schäden an dem Leihfahrzeug verursachte, die nachher in Rechnung gestellt wurden. Während der autonom erntenden Maschine die Tageszeit völlig egal ist und durch Rangierfehler verursachte Schäden selbstverständlich auf die Kappe der Verleihfirma gehen.

De olle Hinrich hat ihm letztens in der Dorfkneipe, nach dem sechsten oder sieben Doppelkorn unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, dass er seine landwirtschaftliche Fachangestellte Ingrid - eine echt quitsche Deern, keine Frage - die allerdings momentan in der Babypause sich befindet, danach wohl eher nicht weiterbeschäftigen wird: "Ick sech di, dat lohnt oinfach nich!"

Man kommt da auf Ideen...Vadder Ehlen ist nun am Rumrechnen, ob er den Bernie überhaupt noch wirklich braucht auf seinem Hof.

 

Das Roboterbusiness ist maximale Abhängigkeit von ganz wenigen, die nicht mehr durch alternativen ersetzt werden kann. Die Menschheit sollte sich überlegen, ob sie das will. Der Freiheit dient das auf gar keinen Fall.

Ja wie nu? Sollte der Monopolkapitalismus etwa keine gute Angelegenheit sein? 😱 😬 😖 😲 Pass auf, dass Du nicht noch auf sozialistische Abwege gerätst!

 

 

jack-black antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
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@jack-black Insbesondere nicht in einer globalisierten Welt, in welcher nun mal Unternehmen, die Produktivitätsfortschritte, wie es die Automatisierung von Produktionsprozessen zweifelsohne sind, ignorieren, vom Markt gefegt werden. Nennt sich wirtschaftlicher Wettbewerb und ist (sogar gemäß der kapitalistischen Ideologie selbst)  die treibende Kraft unseres Volkswirtschaftlichen Systems: das "Geheimnis" seines bisherigen Erfolgs.

Wenn Du Dir anschaust, wo in einem Robotersystem Macht aufgebaut wird, dann ist das nicht "wirtschaftlicher Wettbewerb" sondern eine Machtübernahme superreicher Oligarchen. Roboterwirtschaft treibt die Versklavung der Menschheit voran. Einfach nur mal ein wenig analytisch denken - gerne auch abseits ideologisch festgetrampelter Pfade.

Bitte durchdenke gerne auch mal die absolutistische Macht der Roboterhersteller spieltheoretisch. Was  kommt da wohl bei raus?

goodfruit antworten
Jack-Black
(@jack-black)
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@goodfruit Wenn Du Dir anschaust, wo in einem Robotersystem Macht aufgebaut wird, dann ist das nicht "wirtschaftlicher Wettbewerb" sondern eine Machtübernahme superreicher Oligarchen.

Was allgemein mit "wirtschaftlichem Wettbewerb" gemeint ist, verstehst Du aber schon, oder?

Firma A bietet ein Produkt für 10 Euro an, Firma B bietet es in derselben Qualität für 8 Euro an. Welcher Firma kaufst Du ihr Produkt ab?

Damit Firma A mit Firma B konkurrieren kann, muss sie entweder - falls die Profitmarge über 2 Euro lag, diese Profitmarge schmälern. Oder aber, wenn ihre Profitmarge z.B. bei nur 5 % lag, muss sie ihre Produktivität mindestens um >15% erhöhen.. Wie lässt sich das bewerkstelligen? Wenn sie's nicht schafft, dann wird sie über kurz oder lang vom Markt verschwinden (weil das Verkaufen zu Dumpingpreisen keine längerfristig wirksame Strategie ist): Firma B ist produktiver und übernimmt ihre Marktanteile.

So funktioniert wirtschaftlicher Wettbewerb.

Wenn eine Maschine (ai-gesteuerter Roboter) 50 Prozent der Arbeitskostenanteile in der Produktions einzusparen hilft - dann kann die Firma, die Roboter statt Menschen in der Produktion arbeiten lässt, diese Produktionskostenersparnis an ihre Kunden weitergeben, d.h. ihre Produkte entsprechend günstiger anbieten. Ihre Arbeitsproduktivität hat sich um glatte 50% erhöht: alle Menschen, die noch in ihr arbeiten, produzieren doppelt so viele Waren pro Arbeitsstunde. Und nein, damit kann sie ihre Preise nicht gleich um diese 50% senken, denn die Herstellungskosten eines Produkts setzen sich ja nicht nur aus den Arbeitskosten zusammen, daher die Bezeichnung Arbeitskostenanteil.

Solange Kunden gemäß allem, was wir so aus der Spieltheorie und zwei Jahrhunderten Kapitalismus wissen, am Ende des Tages das Produkt kaufen, das für sie den gleichen Wert wie das Konkurrenzprodukt hat, aber einen günstigeren Preis...

Ach menno, es ist echt zeitfressend, das immer detailfusselig auszuführen. Daher meine Bitte, von hier an allein weiter zu denken...

Roboterwirtschaft treibt die Versklavung der Menschheit voran.

Vielleicht. Naja, gemäß der marxistischen Theorie sogar ganz sicher, wenn man die Begriffe mal ein klein wenig anpasst. Wenn wir statt von Robotern lieber von Maschinen sprechen, und das Industrie-Proletariat, welches Marx und Engels in Manchester &Co betrachteten, als Sklaven... Vielleicht (und ich bin mir da sogar recht sicher) kommt es zukünftig, dank der AI-Disruption aber noch deutlich schlimmer. Denn: eine vollständig oder nahezu automatisierte Warenproduktion bedarf keiner menschlichen Arbeitskraft, also auch keiner Sklaven mehr. Die Menschen, die einst das Proletariat bildeten und in weiten Teilen der Welt nach wie vor bilden - die gehen im Rahmen der AI-Disruption der einzigen Ware verlustig, die sie bisher auf dem Markt zum Tausch anzubieten hatten: ihrer Arbeitskraft. Ja, sie können weiter arbeiten. Aber bietet ihnen dafür noch irgendwas (Lohn) zum Tausch an... Also: Deine Befürchtung geht längst nicht weit genug.

 

Einfach nur mal ein wenig analytisch denken - gerne auch abseits ideologisch festgetrampelter Pfade.

Achtung, Glashaus! Den Stein niiiiiiicht.....! Ups, zu spät! 😀

Du scheinst gar nicht zu merken, dass bei der Einschätzung dessen, dass die Durchautomatisierung der Ökonomie durch den AI-Impact eine riesige Gefahr für die Menschheit darstellt, wir überhaupt nicht weit auseinander liegen.

Nur denke ich eben nicht, dass Dein Roboterampel-Vorschlag irgendeinen positiven Einfluss in dieser Hinsicht würde ausüben können, weil er eben die systemischen Zusammenhänge in dem heute herrschenden Wirtschaftssytem ignoriert.

Man könnte freilich, falls man davon ausgeht, dass nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus irgendein besseres System entsteht, zynisch sagen: "Besser kurz und schmerzvoll, als lang und schmerzvoll. Die Etablierung so einer goodfruitischen Roboterampel sorgt dafür, dass der Kapitalismus rascher zusammenbricht, weil sie darauf hinausläuft, Produktivitätsfortschritte zu verhindern oder gar rückgängig zu machen, und somit den größten Systemvorteil des Kapitalismus aus dem Spiel nimmt. Also her damit, kürzen wir die Angelegenheit ab!" 

Aber so denkst Du ja nicht. Du denkst, dass man mit Deinem Vorschlag den "real existierenden Kapitalismus" würde retten können.

Also gut, ich spare mir an dieser Stelle das Zurückgeben des Ideologie-"Kompliments", da ich vermute, dass Du mangels näherer Kenntnis gar keine kapitalistische Ideologie wie z.B. neoliberale Dogmen vertrittst. Aber dass Du die Problematik des von Dir hier angestoßenen Themas gründlich analysiert habest, und also Dich in der Position befindest, mir mangelndes analytisches Denken vorzuwerfen, nehme ich Dir nicht ab. Denn Dein Vorschlag ist nicht etwa eine im Grunde gute Idee, die nur in den Details ausgearbeitet/poliert werden bräuchte, sondern er ignoriert einen zentralen Mechanismus (Produktivitätsfortschritte durch Wettbewerb) des kapitalistischen Marktsystems, das irgendwie zu retten doch gerade sein Zweck sein soll.

jack-black antworten
Ina_4321
(@ina_4321)
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Beiträge : 49

@jack-black 

 

Wenn das hier zu sehr offtopic ist, entschuldige ich mich - aber irgendwie glaube ich, dass ihr doch gar nicht so weit auseinanderliegt. Und auch sorry, dass ich dafür ebenfalls Marx bemühe.

Marx Schwäche liegt ein wenig darin, dass er sich etwas zu ausschließlich auf das Verhältnis von Lohnarbeiter und Kapitalist konzentriert hat. Die kostenlose Reproduktionsarbeit von Frauen hat er weitgehend ignoriert und armen Menschen konnte er so gar nichts abgewinnen. Unter anderem Nancy Fraser und Silvia Federici haben Marx weitergedacht und das ist aus meiner Sicht eine ganz spannende Geschichte, die ich als Denkkonstrukt immer wieder gern aufgreife:

Fraser stellt drei Kategorien auf, die sich im Kapitalismus in einem hierarchischen Macht- und Abhängigkeitsverhältnis befinden: das Kapital, die Exploitation (Ausbeutung) und die Expropriation (Enteignung). Wenn ich Fraser richtig verstehe, sortiert sie diese wie folgt:

Zu den Kapitalisten gehören - klar - die Kapitalgeber, die „Investoren“, und neuerdings auch die ganzen Kleinanleger, die so versuchen, der Ausbeutung zu entgehen.

Zur Gruppe der Ausgebeuteten gehören die klassichen Lohnarbeiter, deren Lohn zwar die Reproduktionskosten deckt (das ist der "gerechte Lohn" nach u.a. Ricardo), jedoch nicht die wahre Arbeitszeit bezahlt bekommen (in der sie die Reproduktionsarbeit erledigen (lassen)).

Zur Gruppe der Enteigneten zählen diejenigen, deren Lohn unterhalb der Reproduktionskosten liegt (ja, das ist möglich, heute in Form von Niedriglohn - früher in Form von Versklavung), außerdem diejenigen die für die Ausgebeuteten die unbezahlte Reproduktionsarbeit erledigen (das war die klassische Hausfrau und ist heute die illegal in den Westen gebrachte schwarz arbeitende Nanny) aber auch die Ökosysteme, die nicht nur ausgebeutet, sondern enteignet werden.

Alle drei Gruppen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Also die Kapitalisten sind auf die Lohnarbeitenden angewiesen, die wiederum auf die Enteigneten angewiesen sind, da sie ihre Reproduktionskosten aufgrund der Löhne gar nicht anders stemmen könnten (also sie müssen günstige Lebensmittel einkaufen, die auf Kosten von Natur und Mensch (vor allem im globalen Süden) produziert werden oder Arbeitskräfte einstellen, die völlig unterbezahlt als Nanny arbeiten etcpp.). Und die Kapitalisten übersehen die Enteignung insgesamt ganz gern mal. 

So ein Abhängigkeitsverhältnis führt dann gern zu Problemen - und zu Spaltungen. Federici vertritt die These, dass dieses Konstrukt zur Spaltung zwischen Männern und Frauen führte - bis der Feminismus die Kategorien nochmal aufgewirbelt hat. Wenn ich mir unsere heutigen gesellschaftlichen Spaltungen so anschaue, finde ich die in diesem Modell ja erstaunlich gut wieder. 

Jedenfalls versuchen die meisten wie nur irgendwas, eine Hierarchie nach oben zu gelangen. Die enteigneten Hausfrauen wollen auch ausgebeutet werden, die ausgebeuteten Lohnarbeitenden versuchen alles, um bald zu den Kapitalisten zu gehören. Man muss da Treppchen für Treppchen gehen, vom Enteigneten wird man leider nicht Kapitalist.

So, was passiert nun in diesem Modell mit Blick auf die Robotertechnik? Für den Fall, dass sie die Lohnarbeit komplett ablösen kann, bleiben nur noch zwei Personengruppen stehen: Die Kapitalisten und die Enteigneten.

Meine These ist, dass wir derzeit den gesellschaftlichen Kampf erleben, wer welcher dieser beiden Gruppen in Zukunft angehören wird.

Wenn ich Euch richtig gelesen habe, seht ihr beide die Gefahr. Aber GoodFruit würde gern die Lohnarbeit aufrechterhalten, womöglich, da er merkt, was bevorsteht, wenn sie wegbricht. Jack hat hingegen schon eine Utopie parat - die sich außerhalb des kapitalistischen Systems befindet und ein ganz anderes (Arbeits- und Verteilungs-) Modell als dieses möglich macht.

Veröffentlicht von: @jack-black

So, nachgegoogelt: Ja, Ackerland gehört zu den Produktionsmitteln. Ist ja eigentlich auch logisch.

Ja. Deswegen kaufen Bezos, Gates und Freunde derzeit Ackerland ohne Ende auf.

https://kontrast.at/bill-gates-jeff-bezos-ackerland-klimakrise-usa/

 

ina_4321 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
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Beiträge : 5646

@ina_4321 Wenn das hier zu sehr offtopic ist, entschuldige ich mich - aber irgendwie glaube ich, dass ihr doch gar nicht so weit auseinanderliegt.

Offtopic ist immer gut. 😉 Und nein, sooo weit liegen goodfruit und ich uns nicht hinsichtlich unserer Einschätzung dessen was den zunehmenden Einfluss von AI (Roboter, die nicht AI-gesteuert werden, also menschliche "Piloten" brauchen, sind nicht das Problem) angeht. Das habe ich ja auch schon an mehreren Stellen zu klären versucht. Wir unterscheiden uns aber grundsätzlich hinsichtlich der Tauglichkeit von goodfruits Problemlösungsvorschlag. Der kann m.A.n. nicht den Zweck erfüllen, den goodfruit im Auge hat. Also gar nicht. Also sogar: im Gegenteil! 😀

Marx Schwäche liegt ein wenig darin, dass er sich etwas zu ausschließlich auf das Verhältnis von Lohnarbeiter und Kapitalist konzentriert hat.

Seufz... Es war und ist nicht mein Anliegen, hier eine marxistische Ideologie zu vertreten.

Aber bei seiner Analyse des Kapitalismus hat Marx halt recht gut hingeschaut und bestimmte Zusammenhänge zutreffend/nachvollziehbar beschrieben. Dabei hat er bestimmte Begriffe verwendet, und wenn jemand diese Begriffe in Diskussionen verwendet, weil sie halt treffend und funktional sind, dann sollte ein Diskussionsgegenüber entweder sich darüber informieren, was ihr Begriffsinhalt ist (sie bedeuten), oder zugeben, dass er den nicht kennt und also nicht darüber zu urteilen vermag, ob Aussagen, in denen sie vorkommen, nun richtig oder falsch sind.

 

Zur Gruppe der Ausgebeuteten gehören die klassichen Lohnarbeiter, deren Lohn zwar die Reproduktionskosten deckt (das ist der "gerechte Lohn" nach u.a. Ricardo), jedoch nicht die wahre Arbeitszeit bezahlt bekommen (in der sie die Reproduktionsarbeit erledigen (lassen)).

Und allein um diese Gruppe ging es mir, auch wenn ich mit der Formulierung "nicht die wahre Arbeitszeit bezahlt bekommen" so mein Problem habe. Die von Dir angeführte Fraser ist mir kein Begriff, aber was ist hier denn mit "wahrer Arbeitszeit" gemeint? Ist nicht doch eher die Arbeitsleistung gemeint, die im Produktionsprozess eben jenen Mehrwert generiert, von welchem sich der Kapitalist einen Teil (seinen Profit) abzwackt, solcherart die Arbeitskraft des Lohnarbeiters ausbeutend? Wahre Arbeitszeit ließe sich ja wohl nur in Zeiteinheiten beziffern - da wir aber wissen, dass unterschiedliche Tätigkeiten im gleichen Zeitrahmen unterschiedlich viel Mehrwert generieren können, ergibt die Quantifizierung in Zeiteinheiten keinen Sinn. Tatsächlich halte ich die verbreitete Betrachtungsweise, wonach ein Lohnarbeiter seine Lebenszeit an den Kapitalisten verkauft, sogar für irreführend, weil sie suggeriert, als sei Lebenszeit hier die vom Lohnarbeiter angebotene Tauschware. Nein: der tauscht seine Arbeitsleistung für Lohn ein, that's it.

Hhmmm. Ich lese jetzt Deinen Satz zum fünften oder sechsten Male und tendiere immer mehr zu der Vermutung, dass er irgendwie falsch formuliert ist. Kann das sein?

 

 

außerdem diejenigen die für die Ausgebeuteten die unbezahlte Reproduktionsarbeit erledigen

Okay - da wird es jetzt allerdings etwas offtopic, bzw. kann ich nicht erkennen, inwiefern in dieser Richtung irgendwelcher Erkenntnisgewinn hinsichtlich des Threadthemas zu erwarten sein sollte. Wie der Lohnarbeiter seine Arbeitskraft reproduziert, macht keinen Unterschied hinsichtlich dessen, dass es eine Untergrenze für den Arbeitslohn gibt, jenseits derer es für ihn (und seine Familienangehörigen, die von seinem Lohneinkommen abhängen) keinen Sinn mehr ergibt, seine Arbeit an den Kapitalisten zu verkaufen.

Übrigens: wenn wir die Sache mal komplett ökonomisch betrachten und dabei die Entlohnung als Tauschhandel, dann ist das mit der "unbezahlten Reproduktionsarbeit" so eine Sache. Hier sind ja wohl die Frauen gemeint, die daheim per häuslicher Arbeit dem (männlichen) Lohnarbeiter ein Umfeld schaffen, in welchem er sich erholen, also seine Arbeitskraft regenerieren kann. Das können sie allerdings nur dann tun, wenn sich ihre Arbeitskraft ebenfalls irgendwie regeneriert, d.h. sie also genügend zu essen und zu trinken und ein Dach über dem Kopf und Kleidung bekommen: finanziert aus dem Geld, das der Mann als Arbeitslohn nach hause bringt. Sie tauschen also ihre häusliche Arbeitsleistung ebenfalls ein: für das, was ihnen der "Ernährer der Familie" dafür  von seinem Einkommen überlässt.

Ob da innerhalb der häuslichen Gemeinschaft nun alles gerecht und fair zugeht, ob die Arbeitsleistung im häuslichen Bereich da womöglich nicht genügend "gewürdigt" wird... Darüber lässt sich lang und breit und vermutlich am Ende immer recht einigungsfrei streiten. Aber es ist unerheblich insofern, als dann, wenn jemand seine Arbeitsleistung nicht mehr verkaufen kann, weil ihr Marktwert unter die Grenze sinkt, die das untere Limit ihrer Reproduktionskosten setzt, er gewissermaßen in Konkurs geht: Seine Betriebskosten, die für das Überleben notwendig erbracht werden müssten, können nicht mehr gedeckt werden. Dass damit nicht nur er perspektiveisch verhungert, sondern auch alle anderen, die von seinem Erwerbseinkommen abhängen, ist dann trivial.

Kurz: die Problematik der "unbezahlten" häuslichen (Reproduktions-) Arbeit jetzt noch mit zu betrachten, bringt hinsichtlich des von goodfruit als Problem identifizierten Diskussionsgegenstands keinen zusätzlichen Erkenntisgewinn.

Wenn wir mal annehmen, dass eine Lösung des Problems (dass die einstigen Lohnarbeiter durch die Durchautomatisierung sämtlicher Produktionsprozesse in die Lage geraten, nichts mehr zu haben, das sie auf dem Markt zum Tausch anbieten können) nur darin bestehen kann, dass all die nun Mittellosen irgendwie von der "Gesamtgesellschaft" alimentiert werden oder ansonsten verhungern müssen, dann ist klar, dass dies nicht nur die einstigen Lohnarbeiter, sondern auch jene betrifft, die materiell von ihnen abhängen. 

So, was passiert nun in diesem Modell mit Blick auf die Robotertechnik? Für den Fall, dass sie die Lohnarbeit komplett ablösen kann, bleiben nur noch zwei Personengruppen stehen: Die Kapitalisten und die Enteigneten.

Naja, Kapitalisten wird es dann eben nicht mehr geben, und streng genommen auch keine Enteigneten (denn um enteignet zu sein, muss man ja vorher über Eigentum verfügt haben, das einem weggenommen wurde). Da der Kapitalismus auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft basiert, bricht er in dem Moment zusammen, wo menschliche Arbeitskraft nicht mehr ausgebeutet wird. Übrig bleiben also nicht die zwei Personengruppen "Kapitalisten und Enteignete" - sondern Besitzende und Habenichtse. Handel im Tauschmarktsinne wird dann lediglich noch zwischen den Besitzenden stattfinden können: sie können jene Ressourcen, über welche sie verfügen, untereinander tauschen. Die Habenichtse fallen als (Tausch-) Marktteilnehmer völlig aus, denn das, was sie vorher als Einziges anzubieten hatten - ihre Arbeitsleistung - hat keinen Tauschwert mehr.

 

GoodFruit würde gern die Lohnarbeit aufrechterhalten, womöglich, da er merkt, was bevorsteht, wenn sie wegbricht. Jack hat hingegen schon eine Utopie parat - die sich außerhalb des kapitalistischen Systems befindet und ein ganz anderes (Arbeits- und Verteilungs-) Modell als dieses möglich macht.

Leider habe ich überhaupt keine Utopie parat, bzw. habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie sich realistischerweise der Übergang weg von einer auf dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit basierenden hin zu einer auf dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit* basierenden (globalen!) Gesellschaft gestalten ließe. Denn dies hieße ja, die momentan zu beobachtene Konzentration von Eigentum auf einen Prozentbruchteil der Menschheit müsste irgendwie "rückgängig" gemacht werden. Meine Einschätzung lautet: das wird nicht passieren, denn es liegt nicht im Interesse der Mächtigen. Da bin ich Voll-Pessimist. Wobei ich mich drüber freuen würde, durch die tatsächlichen zukünftigen Ereignisse voll widerlegt zu werden.

 

 

 

 

 

 

*Was sollte das überhaupt bedeuten, bzw. wie ließe sich das sinnvoll definieren und im Alltag konkret umsetzen: Verteilungsgerechtigkeit? Je länger ich drüber nachdenke, desto schwammiger erscheint mir das.

jack-black antworten
Ina_4321
(@ina_4321)
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@jack-black 

 

Veröffentlicht von: @jack-black

Offtopic ist immer gut.

Also dann.... 🤓 

 

Veröffentlicht von: @jack-black

Wir unterscheiden uns aber grundsätzlich hinsichtlich der Tauglichkeit von goodfruits Problemlösungsvorschlag.

Ihr unterscheidet Euch, wenn ich das richtig gelesen habe, auch hinsichtlich Eurer Bewertung von Lohnarbeit und dem Wunsch, diese zu erhalten. An der Stelle dachte ich, etwas beitragen zu können, weiß aber grade nicht, ob ich mich da nicht irrte. Ich gebe mein Bestes, meine Gedanken nachvollziehbar darzustellen. Zunächst:

Veröffentlicht von: @jack-black

Seufz... Es war und ist nicht mein Anliegen, hier eine marxistische Ideologie zu vertreten.

Das hast Du nicht. Du hast Dich einem analytischen Konstrukt von Marx bedient und das transparent dargestellt. Und Marx passte an der Stelle. Der Gegenüber kann dann selbst entscheiden, was er damit macht und natürlich ist es völlig legitim zu sagen: passt für mich nicht.

Dennoch erlaube ich mir, Marx versuchsweise zu ergänzen 😀 Du kannst schauen, ob das für Dich interessant ist, oder nicht. 

 

Veröffentlicht von: @jack-black

Und allein um diese Gruppe ging es mir, auch wenn ich mit der Formulierung "nicht die wahre Arbeitszeit bezahlt bekommen" so mein Problem habe.

Wenn es Dir darum geht, der Problematik der Lohnarbeit im kapitalistischen Gefüge auf den Grund zu gehen, reicht es eben nicht aus nur einen Blick auf diese Gruppe zu werfen. Ich dachte, das hätte sich auf Euren Diskurs ausgewirkt, Irrtum vorbehalten. 

 

Veröffentlicht von: @jack-black

Tatsächlich halte ich die verbreitete Betrachtungsweise, wonach ein Lohnarbeiter seine Lebenszeit an den Kapitalisten verkauft, sogar für irreführend, weil sie suggeriert, als sei Lebenszeit hier die vom Lohnarbeiter angebotene Tauschware. Nein: der tauscht seine Arbeitsleistung für Lohn ein, that's it.

Es geht nicht um den Tausch der zwischen Lohnarbeiter und Kapitalist erfolgt, sondern um den, den der Lohnarbeiter für seine Reproduktion tätigt. Also quasi nach unten.

Die Zeitwertmessung ist tricky, ich hab nach Absenden des Beitrages auch noch gegrübelt - möchte aber trotzdem dabei bleiben und erklären warum. Also:

Wenn wir erstmal sagen: Arbeitsleistung gegen gerechten Lohn - thats it. Klingt das fair. Die Reproduktionskosten sind gedeckt. Cool. Da sind wa ja fertig, alle sind zufrieden. Vor allem im globalen Norden, wo die Reproduktionskosten genügend umfassen um sie im Ergebnis als Wohlstand bezeichnen zu können. Das ist ja toll. Ich bin ein glücklicher Lohnarbeiter, meinem Chef sehr dankbar und möchte jetzt natürlich alles tun, um meinen Arbeitsplatz vor KI zu retten. Ja, das kann ich aus der Perspektive doch absolut verstehen! An der Stelle bist Du auf die marxistische Betrachtung von Ausbeutung durch Lohnarbeit eingegangen und auf wenig Resonanz gestoßen. Dem klassischen europäischem Lohnarbeiter (das ist nicht unbedingt die Mehrheit) geht’s monetär und auch sonst im kapitalistischem Gesamtgefüge insgesamt nicht so schlecht. Das war auch schon zu Marx Zeiten so (kann ich auch Quellen zu raussuchen, falls es Dich interessiert). Deswegen findet der es üblicherweise auch seltsam zu hören, er würde ausgebeutet. 

Wo ist also das Problem (aus meiner Sicht)? Die Kosten der Reproduktion bleiben unsichtbar. Und die werden von Fraser sichtbar gemacht. Hier befinden wir uns aber nicht mehr in der klassischen Lohnarbeit, sondern im Sektor darunter, den Fraser als Enteignung beschreibt. Die Reproduktionskosten werden im Sinne des „gerechten Lohns“ nach unten immer geringer. Was braucht schon die Avocadoerntehelferin in Südamerika? Oder diejenigen, die die seltenen Erden für unser Smartphone und den Firmenlaptop aus der Erde holen oder diejenigen, die unsere Kleidung nähen, oder diejenigen, die unser Mittagessen in der Mensa abrechnen und nebenher alleine 3 Kinder aufziehen? Eben. Die brauchen doch nix. Die sind das doch gewohnt. Und je näher sie an uns dran wohnen, desto mehr sind sie auch selber schuld (irgendein Grund findet sich da immer).

Am Ende der Nahrungskette wird der „gerechte“ Lohn so gering, dass er die Reproduktionskosten eben nicht mehr deckt. Und die Arbeitszeiten die Regenerationszeiten nicht mehr zulassen. Und ab da sprechen wir nicht mehr von Ausbeutung, sondern von Enteignung. Hier kommen wir zu:

Veröffentlicht von: @jack-black

Wie der Lohnarbeiter seine Arbeitskraft reproduziert, macht keinen Unterschied hinsichtlich dessen, dass es eine Untergrenze für den Arbeitslohn gibt, jenseits derer es für ihn (und seine Familienangehörigen, die von seinem Lohneinkommen abhängen) keinen Sinn mehr ergibt, seine Arbeit an den Kapitalisten zu verkaufen.

Und jetzt müsstest Du mal kurz von Marx wegtreten, auch den Homo Oeconomicus in die Schublade legen sowie Familienlohn und die Hausfrau (deren Reproduktionsarbeit seit den 1980ern nicht mehr vom Kapitalisten „mitbezahlt“ wird, aber das ist ein anderes Thema) links liegen lassen:

Es gibt keine Untergrenze für den Arbeitslohn. Das ist ein Denkfehler, der spätestens dann offenbar wird, wenn Du mit Menschen gesprochen hast, die für weniger als die Reproduktionskosten arbeiten.

Die enteignete (sehr oft nicht Lohn-) Arbeit ist kein rationales Tauschkonstrukt (ein Privileg des Lohnarbeiters!), sondern erfolgt im besten Fall über soziale Zugehörigkeit und im schlechtesten über Zwänge und Gewalt. Auch das ist ein signifikantes Merkmal von Enteignung.

Und jetzt nochmal der ganz wichtige Punkt: Der privilegierte Lohnarbeiter (und der Kapitalist) sind auf die Arbeitsergebnisse dieser Enteigneten angewiesen. Sonst kippt das System.

Wie lässt sich das nun ökonomisch sichtbar machen? Zum Beispiel über Zeitwertmessung, die kann man (im Gegensatz zu Gewalterfahrungen) quantifizieren und sie geht über den Arbeitslohn hinaus, der hier ja teilweise nicht existent ist. 

Ich glaube, die ersten die den Zeitwert einführten kamen aus der Ökobewegung, um die Zeit, die Ökosysteme für die Reproduktion benötigen sichtbar zu machen und um ein halbwegs quantifizierbares, ökonomisches Modell zu bauen. (ich müsste nochmal nachschauen, ich meine Hermann Daly hätte das als einer der ersten beschrieben, falls Dich das näher interessiert). Und noch am Rande: Auch die Ökosysteme zählen zu den Enteigneten. Die werden nicht nur ausgebeutet. Von denen bleibt am Ende nichts mehr übrig. Aber Kapitalist und privilegierter Lohnarbeiter sind auf diese Enteignung ebenso angewiesen - sonst kippt das System. 

Veröffentlicht von: @jack-black

Naja, Kapitalisten wird es dann eben nicht mehr geben, und streng genommen auch keine Enteigneten (denn um enteignet zu sein, muss man ja vorher über Eigentum verfügt haben, das einem weggenommen wurde)

Genau, aus den Kapitalisten würden die Besitzenden und aus den Enteigneten und den übrig gebliebenen Lohnarbeitern die Besitzlosen.

Zur Enteignung: Der Begriff fand insbesondere in der Analyse der ursprünglichen Akkumulation Verwendung und meinte Landnahme und Enteignung der Bauern sowie der Land-Privatisierung und Einhegung der Allmende ab dem 16./17. Jahrhundert. Ja, das klingt erstmal, als können wir nur Enteignet werden, wenn noch Eigentum da ist.

Aber vielleicht sind wir ja mehr als das was wir haben … und so bezieht Fraser auch, und das finde ich richtig, die soziale Ebene mit ein: Und da geht es z.B. um die Enteignung sozialer Beziehungen, um die Enteignung nicht materieller Werte wie Sinnhaftigkeit, Empathie, Fürsorge. Federici bezieht die Enteignung des Körpers noch mit ein. Ich würde die Enteignung der Seele, oder besser gesagt, der psychischen Gesundheit, mit einbeziehen. 

Das wird greifbar, wenn man in der Erwerbslosenberatung mit ü45jährigen arbeitet, von denen nach 25-30 Jahren Enteignung von Körper und Seele nicht mehr viel übriggeblieben ist, weil der Lohn eben noch nie die Reproduktionskosten deckte und die Arbeitszeit die notwendige Regenerationszeit nicht zuließ. 

Veröffentlicht von: @jack-black

Die Habenichtse fallen als (Tausch-) Marktteilnehmer völlig aus, denn das, was sie vorher als Einziges anzubieten hatten - ihre Arbeitsleistung - hat keinen Tauschwert mehr.

Da bin ich gar nicht so sicher. Aber es wird wohl unangenehmer.

 

Veröffentlicht von: @jack-black

Leider habe ich überhaupt keine Utopie parat,

Du hattest irgendwo was von Vergesellschaftung und so erzählt, da dachte ich schon „oh, doch nicht nur dystopisch!“.

 

 

ina_4321 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
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Beiträge : 5646

@ina_4321 Also dann.... 🤓 

O jeh! 😀 Hab heute leider eigentlich gar keine Zeit, weiter zu diskutieren, aber vielleicht ein bisserl...

Ihr unterscheidet Euch, wenn ich das richtig gelesen habe, auch hinsichtlich Eurer Bewertung von Lohnarbeit und dem Wunsch, diese zu erhalten.

Ja stimmt, den Diskussionsstrang hatte ich schon wieder vergessen. 😀

 

Wenn wir erstmal sagen: Arbeitsleistung gegen gerechten Lohn - thats it. Klingt das fair. Die Reproduktionskosten sind gedeckt. Cool. Da sind wa ja fertig, alle sind zufrieden.

Naja, von "gerecht" schrieb ich aber nichts, und auch nicht davon, dass alle zufrieden seien. 

Das mag das Narrativ jener sein, die den Zustand des "real existierenden Kapitalismus" mögen und beibehalten wollen. Das Narrativ der Leistungsgerechtigkeit eben: ein ideologisches Narrativ.

Ich bevorzuge mehr die sachliche Beschreibung: Der Lohnarbeiter tauscht seine Arbeitsleistung gegen Lohn - weil er nun mal nix anderes zum Tauschen anzubieten hat. Und dafür tauscht er sich Tauschmittel (Geld) ein, die mindestens (!) hinreichen, um seine Arbeitskraft zu repdroduzieren. Je nach Marktlage kann er allerdings auch mehr Geld für seine Arbeitsleistung eintauschen, als zur Erhaltung/Reprodktion seiner Arbeitskraft benötigt würde. Du bringst hier später die Formulierung "privilegierte Lohnarbeiter" und ich vermute, damit meinst Du solche Leute, denen die allgemeine Marktlage es ermöglicht, anteilig deutlich mehr vom durch ihre Arbeit generierten Mehrwert zu fordern (und zu bekommen), als es für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft nötig wäre.

Ob der Anteil dessen, den der Lohnarbeiter vom erwirtschafteten Mehrwert nun bekommt, nun als "gerecht" betrachtet wird oder nicht, interessiert mich im hier diskutierten Zusammenhang nicht. Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass jemand, der das Gefühl hat, dass das, was er leistet, allein ihm zugute kommt, statt überwiegend dem Kapitalisten, dies als mehr "in Ordnung" empfinden dürfte und dieses Empfinden dann womöglich dazu beiträgt, die Arbeit an sich als sinnvoll und erfüllend zu betrachten (siehe oben den Unterschied zwischen goodfruits und meiner Bewertung der Lohnarbeit, auf den Du hinwiesest).

 

Es gibt keine Untergrenze für den Arbeitslohn. Das ist ein Denkfehler, der spätestens dann offenbar wird, wenn Du mit Menschen gesprochen hast, die für weniger als die Reproduktionskosten arbeiten.

 

Okay, da kommen wir jetzt zu den Punkten, wo wir womöglich Begriffe unterschiedlich verwenden, bzw. genauer formulieren müssen, um nicht aneinander vorbeizureden.

Klar: man kann einen Arbeitslohn aushandeln, der unter den Reproduktionskosten liegt. Aber nur, wenn diese Kosten dann aus anderen Quellen als dem Arbeitsentgelt bestritten werden. Beispiele dafür gibt es viele, die so genannten "Aufstocker" fallen einem da so fort ein, die 1-Euro-Jobs oder, in privilegierteren Schichten jene, die nur für einen symbolischen Lohn arbeiten...

In solchen Fällen müssen wir aber konstatieren, dass jemand, der seine Arbeitsleistung so billig verkauft, dass sich mit dem Erlös allein seine Arbeitskraft nicht mehr reproduzieren lässt, in irgendeiner Weise alimentiert wird. Sowas ist einem wahren Marktliberalen ein Dorn im Auge, da geraten wir ja glatt auf Sozialstaats-Abwege oder das am Ende der Volksgesundheit schadende Durchfüttern von "unnützen Schmarotzern".

Wenn wir über Mindestlöhne diskutieren würden oder darum, wie Steuergelder ausgegeben, der Sozialstaat organisiert werden sollten... Dann wäre so eine Betrachtungsweise sicherlich wichtig. Aber für den Punkt, auf den es hinsichtlich des "Roboterproblems" (ich fasse mal das Problem, welches goodfruit mit seinem Ampelvorschlag im Eingangsthread adressierte, mal in diesem Wort zusammen) ankam, ist sie eher irrelevant. Wenn menschliche Arbeitsleistung für die Produktion einer Ware nicht mehr benötigt wird, dann sinkt deren Wert auf Null oder nahe Null. Betriebswirtschaftlich ergibt es keinen Sinn, Arbeiter einzustellen, die dann nix zu tun haben.

Wenn wir nun gesetzlich Waren, in deren Produktion wenig oder gar keine menschliche Arbeitsleistung floss, diskriminieren gegenüber Waren, in deren Produktion viel menschliche Arbeitskraft einfloss, dann tun wir systemisch das Allerfalscheste, falls wir die Absicht haben, diejenigen, die ihre Arbeitskraft nicht mindestens zum Wert ihrer Reproduktionskosten verkaufen können, alimentierend unter die Arme zu greifen. Denn wir arbeiten so Produktivitätsfortschritten entgegen, was am Ende zu einem niedrigeren gesellschaftlichen Wohlstand führt - jenen Wohlstand, den wir doch "sozialstaatlich" per Alimentierung verteilen wollten.

Die enteignete (sehr oft nicht Lohn-) Arbeit ist kein rationales Tauschkonstrukt (ein Privileg des Lohnarbeiters!), sondern erfolgt im besten Fall über soziale Zugehörigkeit und im schlechtesten über Zwänge und Gewalt.

Verstehe ich nicht. Ich weiss nicht, was Du mit Privileg meinst und ich weiss nicht, was ein rationales Tauschkonstrukt ist. Dass es beim Aushandeln von Arbeitslöhnen stets darauf ankommt, wie die Machtverhältnisse (die wiederum von der aktuellen Marktlage abhängen) zwischen den Parteien aussehen, ist mir bewußt, und dass jemand, der ausser seiner Arbeitsleistung nichts anzubieten hat, dadurch gezwungen ist, diese gegen Lohn einzutauschen (zu verkaufen), soweit er nicht ausreichend zur Existenzerhaltung alimentiert wird, steht ja ausser Frage. Aber das mit dem "enteignet" verstehe ich immer noch nicht. Wenn wir sagen: indem Arbeiter Müller gezwungen wird, seine Arbeitsleistung für den Betrag X zu tauschen, wirdd er enteignet, denn vorher gehörte sie ihm und nun gehört sie plötzlich dem Fabrikbesitzer Schmidt - worin bestünde dann noch der Unterschied zwischen verkaufen und enteignet werden?

Zur Enteignung: Der Begriff fand insbesondere in der Analyse der ursprünglichen Akkumulation Verwendung und meinte Landnahme und Enteignung der Bauern sowie der Land-Privatisierung und Einhegung der Allmende ab dem 16./17. Jahrhundert.

Enteigneter zu sein wäre dann sowas wie eine vererbliche Eigenschaft? Was wäre denn dann ein Nachfahre eines Ostelbischen Junkers, dessen Vater leider das "Familienvermögen" durch Suff und Spiel durchbrachte, so dass er heute auch für einen kargen Lohne den Spargelerntehelfer spielen muss? Gilt der ebenfalls als enteignet, obwohl ihm diese Eigenschaft ja gerade nicht vererbt werden konnte?

Aber vielleicht sind wir ja mehr als das was wir haben…

Vielleicht. Aber ich verstehe nicht...

und so bezieht Fraser auch, und das finde ich richtig, die soziale Ebene mit ein: Und da geht es z.B. um die Enteignung sozialer Beziehungen, um die Enteignung nicht materieller Werte wie Sinnhaftigkeit, Empathie, Fürsorge.

 

Sorry, aber da komme ich nicht mehr mit und habe das Gefühlt, dass der Begriff "enteignet" so ziemlich aller Trennschärfe verlustig geht.

Nochmal meine Definition von Enteignung: Der Vorgang, bei welchem Eigentum von einem Eigentümer ohne dessen Zustimmung auf einen anderen Eigentümer über geht.

Sind soziale Beziehungen Eigentum? Sind Sinnhaftigkeit, Empathie oder Fürsorge Eigentum? Wie lassen sich soziale Beziehungen wegnehmen und gegen den Willen jener, die sie vorher - öhm... besaßen, pflegten, hatten... übernehmen? Und Sinnhaftigkeit? Sowas kann man besitzen? Ich hab jedenfalls meines Wissens keine. Wurde ich enteignet, ohne es bemerkt zu haben? 🤪 

Nein, da klickt nix bei mir, das dünkt mich alles sehr schwammig.

Federici bezieht die Enteignung des Körpers noch mit ein.

Worin bezieht sie die ein?

Ich würde die Enteignung der Seele, oder besser gesagt, der psychischen Gesundheit, mit einbeziehen

Mit Seele kann ich bekanntlich gar nix anfangen. Und wiewohl ich psychische Gesundheit für eine schöne Sache, einen wünschenswerten Zustand halte, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man die enteignen können sollte. Enteignen - nicht zerstören! Psychische Gesundheit lässt sich auf alle möglichen Weisen zerstören, und wenn man sich gelebten Klassenantagonismus mal als Krieg zwischen den Klassen vorstellt, wäre es nicht abwegig, wenn die eine Klasse versucht, die psychische Gesundheit der gegnerischen Klasse zu zerstören, um solcherart Macht über sie zu gewinne. Aber Enteignung würde dann ja bedeuten das die psychische Gesundheit der einen Klasse weg - und der anderen Klasse zugeschlagen würde. Ergibt das irgendwelchen Sinn?

 

Du hattest irgendwo was von Vergesellschaftung und so erzählt, da dachte ich schon „oh, doch nicht nur dystopisch!“.

Ja, aber was ich da schrieb, hatte weniger etwas mit einer konkreten Utopie zu tun, die ich hege, sondern war (falls ich mich richtig erinnere, aber ich kann mich auch falsch erinnern, dann gib mir mal 'nen Tip, wo in meinen endlosen Monologen die Stelle zu finden ist 😉 ), mehr eine ironische Replik auf die Idee, der Kapitalismus ließe sich mit Methoden retten, die auf die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln hinaus laufen.

Vergesellschaftung von Produktionsmitteln - das ist ja nun seit Jahr und Tag eine der zentralen Forderungen aus den Reihen der Marxisten. Ich bin aber nun nicht gut genug über die marxistische Ideologie informiert, um überzeugt sagen zu können, dass so eine Terminologie für eine Zeit nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus überhaupt noch passend sein könne. So weit ich den Marxismus verstehe, kommt der auch nicht ohne die Vorstellung der menschlichen Arbeit als zentralem Faktor alles Ökonomischen aus. Gibt es entsprechende kommunistische, marxistische oder sozialistische Utopien von einer Welt, in der Menschen nicht mehr arbeiten (müssen)? Ich weiß das nicht, es würde mich aber ehrlich gestanden etwas wundern, denn das hieße ja, dass Marx die AI-Revolution vorausgesehen hätte.

Also nein: mit einer konkreten Utopie, die über haltlose Spekulationen hinaus geht, vermag ich nicht zu dienen. Tatsächlich sehe ich ja noch viiiel düsterer als Goodfruit: Ich vermute stark, dass die Menschheit - schon bevor die Überflüssigmachung menschlicher Arbeit per vollständiger Automatisierung der Warenproduktion unser kaptitalistisches System schrottet - von der demnächst zu erwartenden Super-AGI ausgelöscht wird.

Falls ich mit dieser Vermutung falsch liegen, und die AI aus mir unerfindlichen Gründen uns überleben lassen sollte, dann werden die Menschen in der Zukunft sich von  ihr schon irgendwie erläutern lassen können, wie eine Nach-Kapitalismus-Gesellschaft zu organisieren sei. Oder diese Organisation einfach gleich der AI überlassen und ihr einfach gehorchen: 

Die Welt - ein einziger Gottes-.... äh:AI-Führ(er)ungsstaat. Ist das für Dich eher eine Utopie oder Dystopie? 😉

jack-black antworten
Ina_4321
(@ina_4321)
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Beiträge : 49

@jack-black 

Veröffentlicht von: @jack-black

Hab heute leider eigentlich gar keine Zeit, weiter zu diskutieren, aber vielleicht ein bisserl...

Oh, wie sieht das dann erst aus, wenn Du Zeit hast? 😉 

Ich werd noch versuchen, ein Missverständnis zu klären und zwei Sachen (oder drei) zu vertiefen - sonst ufert das für diesen Thread doch arg aus. 

Veröffentlicht von: @jack-black

Ob der Anteil dessen, den der Lohnarbeiter vom erwirtschafteten Mehrwert nun bekommt, nun als "gerecht" betrachtet wird oder nicht, interessiert mich im hier diskutierten Zusammenhang nicht

Kleines Missverständnis:

„Gerechter Lohn“ ist ein Ausdruck aus der Ökonomie und meint den Subsistenzlohn im Ricard’schen Sinne (sagt man so? Ricardoschen, im Sinne des David Ricardo! 🤓 ). Heißt: Der Lohn ist dann gerecht, wenn er den Reproduktionskosten entspricht (was noch etwas wohlwollend Ricardisch ist).

Veröffentlicht von: @jack-black

Klar: man kann einen Arbeitslohn aushandeln, der unter den Reproduktionskosten liegt. Aber nur, wenn diese Kosten dann aus anderen Quellen als dem Arbeitsentgelt bestritten werden.

  • Zunächst, wer aus dem Bürgergeld kommt, handelt keinen Lohn aus. Er muss annehmen, was er bekommt, sonst Sanktionen und die tun richtig weh.
  • Selbst alimentiert reicht das Geld nicht für die Reproduktion. Die Leute gehen tatsächlich vor die Hunde. Das zehrt zunächst an ihren Rücklagen (falls es welche gibt), dann an ihrem Körper und parallel an der psychischen Gesundheit. Sprich: Sie zahlen drauf. Natürlich sterben sie nicht sofort daran. Ernährungsarmut z.B. (war grade ein großes Thema in Deutschland und ist nachgewiesen: Die Regelsätze reichen nicht für eine ausgewogene Ernährung) hat Folgen für die kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit, der Körper wird nach und nach zersetzt - dann kommen chronische Erkrankungen, dann der Tod. Natürlich nicht von heute auf Morgen. Das meine ich mit Enteignung des Körpers. Das ist auch ein volkswirtschaftliches Desaster, aber billige Arbeitskräfte, die die noch billigere Reproduktion gewährleisten, sind ihr derzeit wichtiger und dafür lässt sie auch die SV Systeme bezahlen (die zum einem erheblichen Teil aus Beitrags- und nicht aus Steuergeldern finanziert werden). 
  • Und dann der ganze nicht-Lohnarbeitssektor. Denken wir an unbezahlte Carearbeit - hier konkret an die „Aufzucht“ und Befähigung der Kinder. Da handelst Du keinen Lohn aus. 35% der alleinerziehenden Haushalte erhalten derzeit SGB II Leistungen, die nicht zum Leben reichen. Mütter hungern für ihre Kinder (gabs in diesem Jahr eine Studie drüber). Demnächst werden Mütter mit Kindern ab einem Jahr noch in den prekären Arbeitsmarkt gedrängt (wo Löhne nicht ausgehandelt werden). Der Kapitalismus wird sich diese Kinder später aneignen - ohne die Reproduktionskosten bezahlt zu haben. Das ist, als würden sie den Ingenieur und die Produktionsmitarbeiter nicht bezahlen, die die Maschinen herstellen. 
Veröffentlicht von: @jack-black

worin bestünde dann noch der Unterschied zwischen verkaufen und enteignet werden?

Verkaufen bedeutet: Du bekommst für einen freiwilligen Verkauf womöglich einen großen Gewinn, womöglich auch nur einen kleinen, aber zumindest den Wert, den es Dich gekostet hat (Reproduktionskosten) oder Du kannst entscheiden, nicht zu verkaufen oder später zu verkaufen. Wenn Du stattdessen gezwungen wirst, zu verkaufen und dabei noch draufzahlst, wirst Du enteignet.

Ich bin mir unsicher, ob ich Dir den Punkt aus meiner Sicht erklären konnte. Wenn ich es bis hierhin nicht konnte, werde ich es derzeit nicht mehr schaffen.

Veröffentlicht von: @jack-black

Vielleicht. Aber ich verstehe nicht...

Ich habe grade aus irgendeinem Grund ein deja vu 😀

ina_4321 antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5646

@ina_4321 „Gerechter Lohn“ ist ein Ausdruck aus der Ökonomie und meint den Subsistenzlohn im Ricard’schen Sinne (sagt man so? Ricardoschen, im Sinne des David Ricardo! 🤓 ). Heißt: Der Lohn ist dann gerecht, wenn er den Reproduktionskosten entspricht (was noch etwas wohlwollend Ricardisch ist).

Danke für die Erläuterung. Wenn hier mit den Reproduktionskosten die der Arbeitskraft gemeint sind, sehe ich da inhaltlich auch überhaupt keinen Widerspruch zu dem, was ich meinte: Lohnkosten, die unterhalb dessen liegen, was die Reproduktionskosten der Arbeitskraft sind, können (sofern nicht von aussen zugeschossen wird) nicht "funktionieren". Denn wenn die Arbeitskraft nicht reproduziert wird, kann auch keine Arbeit geleistet werden. Die Beispiele ausgepowerter Leute, wie Du sie hier beschreibst:

Die Leute gehen tatsächlich vor die Hunde. Das zehrt zunächst an ihren Rücklagen (falls es welche gibt), dann an ihrem Körper und parallel an der psychischen Gesundheit. Sprich: Sie zahlen drauf.

sind ja welche, bei denen ihre Arbeitskraft (power... 😉 ) eben nicht reproduziert wurde. Solche Leute können nicht mehr so effektiv arbeiten wie zu dem Zeitpunkt, woe sie noch nicht körperlich/psychisch ausgezehrt waren - ihre Arbeitskraft lässt nach, dementsprechend ihre Arbeitsleistung..

Individuell sind solche Fälle möglich, auch, weil ja Lohnarbeiter, die nicht mehr die vom Kapitalisten geforderte Leistung erbringen, auf die Straße gesetzt und durch "unverbrauchte" Arbeiter ersetzt werden können.

Wenn wir aber das Gesamtsystem betrachten, kann's so nicht (auf Dauer) funktionieren. Darin besteht ja gerade einer der inhärenten Widersprüche des Kapitalismus: dass die einzelnen Unternehmer (Kapitalisten) eine starke Marktwettbewerbs-Motivation haben, ihren Arbeitern mehr von dem von ihnen produzierten Mehrwert abzuzwacken, als gerecht (Deiner Ricardo'schen Begrifflichkeit gemäß) wäre, andererseits aber damit die im Gesamtsystem vorhandene Arbeitskraft abnimmt oder auf Umwegen (staatliche Zuschüsse etc.) von der Gesamtgesellschaft finanziert reproduziert werden muss.

Darin besteht ja das vernünftige Argument für die Etablierung von gesetzlich festgesetzten Mindestlöhnen: Dass da die Kapitalisten daran gehindert werden, "ungerechte" Löhne zu zahlen, die eine staatliche Unterstützung der über das sinnvolle Maß ausgebeuteten Lohnarbeiter erst zwingend notwendig macht. Wir wollen da jetzt sicherlich nicht in's Detail gehen, Dir sind vermutlich ebenfalls die üblichen Gegenargumente der Kapitalisten und ihrer Lobbysisten bekannt, sowie die Probleme dessen, dass es eben mit der internationalen Solidarität der Arbeiter ziemlich essig ist und also auf einem internationalisierten Arbeitsmarkt die Arbeiter stets gegeneinander ausgespielt werden können.

Denn darin bestand ja bisher die Verhandlungsmacht der Kapitalisten gegenüber ihren Arbeitern: dass sie die Löhne drücken konnten auf das Niveau, zu welchem noch Lohnarbeiter bereit waren, ihre Arbeitsleistung zu verkaufen. Was dann bedeutete, dass "Dumpinglöhne" eine Frage dessen waren, wo ein Arbeiter lebte: Während meinetwegen ein deutscher Arbeiter eben nicht von 600 Euro pro Monat seine Arbeitskraft reproduzieren konnte, weil die Lebenshaltungskosten in Deutschland dafür einfach viel zu hoch waren, konnte von demselben Geld eine Familie in anderen Teilen der Welt gut leben. 

Aber meines Wissens kann nirgendwo auf der Welt ein menschlicher Arbeiter seine Arbeitskraft für 10 oder vermutlich sogar 100  Euro pro Monat reproduzieren (weil da i.d.R., wie wir uns oben wohl schon einig waren, eine ganze Familie mit dran hängt). Irgendwo unterhalb von 600 und oberhalb 10 Euro liegt also eine absolute Untergrenze, ab der kein Mensch mehr sinnvollerweise sich als Lohnarbeiter verdingen kann: weil dies über kurz oder lang, in der Tendenz eher kurz, dazu führt, dass er und seine Familie verhungern würden.

Wenn nun aber Konkurrenten auf den Arbeitsmarkt drängen, welche die gleiche Arbeitsleistung, die ein Mensch pro Monat als Tauschmittel anzubieten hat, für 5 Euro anbieten können, weil die Reproduktionskosten für ihre Arbeitskraft unterhalb dieses Betrags liegen (drei Tropfen Getriebeöl und beinahe kostenloser Ökostrom) - dann können die Kapitalisten auf individueller, d.h. betriebsökonomischer Ebene sich nur entscheiden: die menschlichen Lohnarbeiter durch Roboter ersetzen, oder vom Markt gedrängt werden.

Dass dies über kurz oder lang (die Frage ist doch nicht, ob das möglich sein wird, sondern lediglich: wann) unweigerlich dazu führt, dass sämtliche durch Menschen verrichtbare Produktions-Arbeit zukünftig von Maschinen verrichtet wird, ergibt sich da von selbst: die Marktlogik gilt für Arbeiter wie für Kapitalisten gleichermaßen. Wie es bisher logisch zwingend war, dass die Kapitalisten möglichst maximal ihre Lohnarbeiter ausbeuteten (weil stets ein Konkurrent um die Ecke wohnte, der auf jeden Fall dazu willens war), ist es nun ebenso logisch zwingend, dass die Kapitalisten ihre menschlichen Arbeiter gegen Maschinen ersetzen. Gesamtökonomisch ist das unter kapitalistischen Bedingungen fatal, betriebsökonomisch zwingend.

 

 

Verkaufen bedeutet: Du bekommst für einen freiwilligen Verkauf womöglich einen großen Gewinn, womöglich auch nur einen kleinen, aber zumindest den Wert, den es Dich gekostet hat (Reproduktionskosten)

Sehe ich anders. Auch wenn Du einen Gegenstand unter dem Wert, den er Dich gekostet hat, verkaufst, hast Du ihn verkauft. Dann war das einfach ein schlechter Deal. Etwas zu verkaufen bedeutet nicht zwingend, dabei einen Gewinn zu machen.

Das Wörtchen "freiwillig" ist hier zentral. Du kannst ja auch enteignet werden, wenn Dir für das Eigentum, dass man Dir nimmt, eine lächerlich hohe Kompensation gegeben wird, oder wenn Du konstenfrei an das Eigentum gelangtest, das enteignet wird (z.B. wenn Du den Gegenstand vererbt/geschenkt bekamst). 

Wenn Du stattdessen gezwungen wirst, zu verkaufen und dabei noch draufzahlst, wirst Du enteignet.

Nö, das "noch Draufzahlen" ist nicht  Teil dessen, wie "enteignet werden" meinem Verständnis nach definiert werden muss.

 

Mann kann vielleicht den Tausch von Arbeitsleistung für Lohn insofern auch als "Enteignung" bezeichnen, als man sagt: Der Lohnarbeiter verkauft seine Arbeitsleistung nicht freiwillig, sondern wird durch die Umstände (Naturgesetze und von Menschen konstruierte Gesetze) dazu gezwungen. Aber die Naturgesetze  zwingen jeden Menschen, der nicht einsiedlerisch und autark lebt, am (Tausch-)Markt teilzunehmen, auch den ausbeutenden Kapitalisten. Es ließe sich dann also argumentieren, dass nicht nur der Lohnarbeiter gezwungen wird, seine Arbeitsleistung zu verkaufen, sondern auch der Kapitalist dazu, Arbeitsleistung zu kaufen (denn, das ist ja der Grund, warum am Ende das ganze kapitalistische System zusammenbrechen wird: nur per Ausbeutung der Arbeitskraft von Menschen kann Mehrwehrt generiert werden - was die Voraussetzung für den Profit des Kapitalisten ist).

Bleiben also nur die von Menschen geschaffenen Gesetze. Nach denen aber niemand dazu gezwungen wird, seine Arbeitsleistung zu verkaufen.

 

Unterm Strich: Ich halte den Begriff "enteignen" im Zusammenhang des hier Diskutierten nach wie vor für unpassend/falls und vor allem: überflüssig. Auch weil wir mit "verkaufen" "(ein)tauschen" und "ausbeuten" schon drei Begriffe haben, die je nach Situation das Gemeinte besser auszudrücken vermögen. 

 

Ich habe grade aus irgendeinem Grund ein deja vu 😀

O my god! A glitch in the matrix... We gotta get outta here! 😱 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bin schon still. 😇 

 

jack-black antworten
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(@stern)
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@jack-black 

denn, das ist ja der Grund, warum am Ende das ganze kapitalistische System zusammenbrechen wird: nur per Ausbeutung der Arbeitskraft von Menschen kann Mehrwehrt generiert werden - was die Voraussetzung für den Profit des Kapitalisten ist

Da möchte ich widersprechen. 
Solange der Arbeiter seinen Lebensunterhalt auf befriedigende Weise decken kann, also weder körperlich noch psychisch durch seine verkaufte Arbeitsleistung einen Schaden erleidet, sondern selbst auch einen Mehrwert hat in seinem Leben, nämlich dass er sich (und seine evtl. vorhandene Familie) ernähren und einen Lebensraum bieten kann UND der Unternehmer keine schwarze Null schreibt, sondern auch einen Mehrwert durch das vom Arbeiter hergestellte Produkt generieren kann, spricht nichts gegen diese Wirtschaftsform. Das Problem der Ausbeutung muss es im Kapitalismus nicht zwangsläufig geben. Es existiert nur durch den Wettbewerbsgedanken „ich muss mehr Gewinn als mein Konkurrent machen“. 

Wenn es nur darum ginge, ein Unternehmen erfolgreich zu führen, könnte der Unternehmer sein Geschäft losgelöst vom Gewinn anderer Unternehmen betrachten und für sich selbst beschliessen, dass er Erfolg hat, wenn er stetige Gewinne macht.

Die Ausbeutung entsteht erst durch das Mehr-Habenwollen als das, was bei der Unternehmung tatsächlich in Berücksichtigung der Arbeitskräfte/des Standortes/ usw herauskommt…nicht durch Unternehmertum an sich.

Würde der Kapitalismus nicht mehr nur der Gewinnspanne huldigen, sondern dem Leben wie es ist  - hätten wir kein Problem.

 

stern antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5646

@stern Da möchte ich widersprechen. 

Tue das! 🙂

 

Solange der Arbeiter seinen Lebensunterhalt auf befriedigende Weise decken kann, also weder körperlich noch psychisch durch seine verkaufte Arbeitsleistung einen Schaden erleidet, sondern selbst auch einen Mehrwert hat in seinem Leben,(...)

Jedoch kann ucg mit diesem Widerspruch wenig anfangen, da Du Begriffe wie "Mehrwert" nicht im von mir gemeinten system-analytischen Sinne verwendest.

 

Würde der Kapitalismus nicht mehr nur der Gewinnspanne huldigen, sondern dem Leben wie es ist - hätten wir kein Problem.

Ich weiß nicht, was man sich darunter vorstellen soll: das Leben wie es ist. Aber Du leitest Dein Fazit ja mit einem Konjunktiv - würde - ein und beendest es auch mit einem Konjunktiv: hätten. Zu solchen konjunktivistischen Aussagen pflegte einer unserer Dozenten zu bemerken:

"Hätt' der Has nich g'schisse, hätt' der Fuchs 'n nich g'fresse."

Und bis heute weiß ich nicht, was für eine Mundart das imitieren sollte...

jack-black antworten
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(@stern)
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Beiträge : 1631

@jack-black 

Jedoch kann ucg mit diesem Widerspruch wenig anfangen, da Du Begriffe wie "Mehrwert" nicht im von mir gemeinten system-analytischen Sinne verwendest.

Mehrwert ist doch das, was durch meine Arbeitsleistung für ein Unternehmen entsteht (nach Abzug aller damit verbundenen Kosten).

Und der Unternehmer hat ganz sicher einen Mehrwert, wenn sich das Produkt verkaufen lässt, auch ohne den Arbeiter auszubeuten. Er hat nur mehr Mehrwert, wenn er ihn ausbeutet…(zumindest kurzfristig gedacht.)

Ich weiß nicht, was man sich darunter vorstellen soll: das Leben wie es ist.

Sowohl der Unternehmer als auch der Arbeiter wollen letztendlich beide leben. Beide müssen für ihr Leben das erwirtschaften, was sie dafür brauchen. Das ist keine gleiche Summe, aber es ist das gleiche Prinzip.

Da sie durch ihre Rollen miteinander verbunden und in gewissem Masse voneinander abhängig sind, ist das Wohl des anderen im jeweils eigenen Interesse.

 

 

 

stern antworten
Stern
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(@stern)
Beigetreten : Vor 7 Monaten

Beiträge : 1631

@jack-black 

"Hätt' der Has nich g'schisse, hätt' der Fuchs 'n nich g'fresse."

Und bis heute weiß ich nicht, was für eine Mundart das imitieren sollte...

Wenn das „nich“ ein „net“ wäre, wär‘s badisch…um nochmal den Konjunktiv zu bemühen 😁

stern antworten
Chai
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(@chai)
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Beiträge : 3516

@stern Hätt de Hund net gschisse, hätt er de Has (alternativ: d' Katz) kriegt

chai antworten
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(@stern)
Beigetreten : Vor 7 Monaten

Beiträge : 1631

@chai 

ah, so geht er also richtig…

und? pfälzisch oder badisch?

stern antworten
Chai
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(@chai)
Beigetreten : Vor 1 Jahr

Beiträge : 3516

@stern kurpfälzisch

chai antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 4220

@jack-black Naja, vielleicht ähnlich sinnvoll wie jeden wirtschaftlichen Sachverhalt in Wirtschaftstheorien von anno Tobak reinzwängen zu wollen.

goodfruit antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 5 Jahren

Beiträge : 5646

@goodfruit Ich will Dich zu nix zwingen. 🙂

jack-black antworten
JohnnyD
Beiträge : 1705

@goodfruit 

Ich halte das für Methoden der großen Läden am Markt, sich vor Konkurrenz zu schützen. Irgendwelche Zertifikationsunternehmen haben auch ein großes Interesse daran Siegel und Ampeln teuer zu vertreiben.

Ein Gewinn für den Konsumenten oder den Produzenten ist damit nicht verbunden.

Willst du ethisch kaufen, dann kaufe regional und hochwertig. Das kannst du aber ohne Siegel und Ampel erkennen. 

johnnyd antworten


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