Info: Trauerstaatsakt für Rita Süßmuth
Sie war eine tolle Frau. Ich schau mir das an. Hat grad begonnen (12 Uhr).
Es war wunderbar. Ich hab die Kanzler-Rede noch nicht gehört, aber beide anderen. Ich fand sie sehr wertschätzend und hervorhebend, wofür Rita Süßmuth kämpfte und stand, und dass sie eben auch oft als Katholikin gegen die eigenen (christdemokratischen) Reihen und sogar gegen Kirchenoberhäupter kämpfte (die ihrerseits Gott sei Dank nicht die Oberhand behielten).
Einzig mit dem Thema Abtreibung bin ich noch auf keinem grünen Zweig. Dass sie als Katholikin dafür kämpfte ...
@neubaugoere Wenn ich die Dokumentationen so angesehen habe, dann war sie eine Feministin, das habe ich damals als Jugendlicher nicht so bemerkt. Es gab aber einfach wenige Frauen in so hohen Ämtern in den 80er Jahren. Herta Däubler-Gmelin fällt mir noch ein. In Fragen der Abtreibung ging es ihr, vermutlich wie Kamala Harris auch, um eine legale Möglichkeit unter guten Bedingungen, wenn die Frau schon keinen anderen Weg sieht.
Wir reden hier von einer Zeit in der ein legaler Abbruch im der DDR möglich war und im Westen Frauen mit Bussen in die Niederlande gefahren sind. Die Alternative waren ja nur die Engelsmacherinnen. Abtreibungen in Hinterzimmern, mit der Gefahr dabei ums Leben zu kommen. Natürlich auch unter schlechten hygienischen Bedingungen. Teilweise wurde dazu Kleiderbügel aus Metall umgebogen und in die Gebärmutter eingeführt. Diese Frauen hatten keine medizinische Ausbildung. Eher Erfahrungen durch Prostitution, die ja auch immer wieder zu ungewollten Schwangerschaften führten. Vor allem in der Zeit vor der Anti-Baby-Pille, in der Zeit als man diese nur als verheiratete Frau bekam und Männer eher weniger bereit waren Kondome zu nützen.
Wenn man dann noch sieht wie schwierig Kondome zu bekommen waren. Götz Aly hat ein Buch über die Enteignung der Firma Fromm in Berlin geschrieben. Die Familie Fromm waren Juden und ich glaube es war Julius Fromm hat ein Verfahren entwickelt, dünne nahtlose Kondome zu produzieren. Er kam immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, Werbung für Kondome war verboten. Wenn ein Friseur Gummiwaren verkaufte, wussten die Herren was er auch im Angebot hatte. Das hat sich unter Rita Süßmuth total verändert. Die Aufklärung zu AIDS hatte folgende wichtige Dinge. 1) es ist kein Problem, das nur homosexuelle Männer betrifft, nur weil das die Gruppe ist die am stärksten betroffen ist. 2) Es gab dann so Informationsspots wie Werbespots im Fernsehen. Jemand verwechselt eine Kaffeetasse, Speichel ist in dieser Menge kein Problem. Das Problem ist die Übertragung über Blut und Sperma. Kondome schützen. Legendär ist dann der Spot mit Ingolf Lück und Hella von Sinnen.
Für die Mitlesenden, sollte er nicht mehr bekannt sein. Ingolf Lück steht an der Kasse und versteckt die Kondome zwischen anderen Einkäufen. Ein Schrei geht durch den Supermarkt: Tina, was kosten die Kondome. Ingolf ist das peinlich. Tina schreit den Preis zurück. Eine Rentnerin sagt den korrekten Preis, sie wären gerade im Angebot. Eine attraktive Frau zeigt indirekt wie gut sie den Einkauf findet.
Vermittelt werden verschiedene Botschaften. 1) es ist nicht peinlich Kondome zu kaufen 2) Kondome gibt es jetzt auch in der Drogerie und im Supermarkt. 3) Kondome schützen 4) Verhütung und Schutz ist nicht zwingend Sache der Frau, was ja mit der Pille oft der Fall wurde. 5) die junge Frau findet es verantwortungsbewusst wenn Ingolf Kondome kauft. 6) auch mit über 60 ist AIDS und Sexualität ein Thema, was ja auch ein Tabu war.
Sorry sehr viel Text. Aber die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gehörte zum Bereich von Rita Süßmuth.
@jigal Das war jetzt eine nette Zeitreise. 😊
Ich denke auch, dass der Kampf für Abtreibung eher ein Kampf um 'anständige' Bedingungen war - wenn es denn sein musste, dann wenigstens mit gewissen medizinischen und hygienischen Standards.
@chai Ich habe da eine Sendung "Brennpunkt Nahost" angehört. In Deutschland gab es vor ein paar Jahren eine Anzeige, ein Arzt hatte eine Beschneidung eines türkischen Jungen durchgeführt und wurde angezeigt. Er wurde nicht verurteilt, da ein Auftrag der Eltern vorgelegen hat. Es wurde befürchtet, bei einem Verbot würden die Beschneidung dann von Laien durchgeführt werden mit einem höheren Risiko von Folgeschäden. Da ist die Möglichkeit es im Krankenhaus zu tun besser.
Das war jetzt eine nette Zeitreise.
... aber schon arg vereinfacht. Ein paar Punkte, die mir aufgefallen sind:
- In der Bundesrepublik war Abtreibung nicht verboten. 1976 wurde die Indikationslösung eingeführt
- Kondome waren schon vorher problemlos verfügbar, im Drogeriemarkt ebenso wie im Automaten auf Männertoiletten
- AIDS war Anfang/Mitte der 1980er-Jahre Tagesthema
- Der Fernsehspot mit Ingolf Lück wurde 1989 ausgestrahlt
Frau Süssmuth hat die Politik ihrer Zeit entscheidend mitgeprägt. Aber der Zusammenhang, daß erst durch sie Kondome aus der Schmuddelecke kamen oder Frauen in Notlagen nicht mehr auf Engelsmacher angewiesen waren, stimmt so nicht, wie man es aus dem Text von @jigal herauslesen könnte.
@mikefrommuc Ja klar, war's vereinfacht.
Ich hab da jetzt auch gar nicht direkt einen Bezug zur Frau Süssmuth hergestellt, ich fand's nur nett.
(In meiner Erinnerung war die alte Dame an der Kasse auch deutlich älter als 60 und ich bin / war mir nicht sicher, ob die tatsächlich noch welche braucht).
@chai Nun bin ich ja nicht so alt dass ich in den 80ern Bedarf an Süßmuthhütli gehabt hätte.
Von Automaten auf den Toiletten haben uns die Lehrer abgeraten. Latex ist ein Naturprodukt mit Verfallsdatum. Wenn da also zu wenige gezogen werden sind die nicht mehr sicher.
Rita Süßmuth zu Israel.
Es wird kein Frieden sein in der Region, bis Israels Nachbarn aufhören, es zu bedrohen.