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Karl Marx in einem Rutsch - was hat der große Denker uns heute noch zu sagen?


GoodFruit
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Hallo Community,

in einem anderen Thread kam der Verdacht auf, dass der Marxismus als Ideologie unseren Staat und politische Entscheidungen mehr prägt, als wie sich das insbesondere ein sich den westlichen Werten und Wurzeln zugehörige Bürger vorstellen könnte.

Ein entsprechender Verdacht wurde mit Unverständnis bzw. dem Einwand, dass Marxismus kein Leninismus oder Stalinismus sei – also wohl nicht so schlimm.

Ich möchte daher den Marxismus kennenlernen und habe mir daher mal die Quelle dafür zur Brust genommen:

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Marx,+Karl/Das+Kapital

Ich habe alles durchgelesen. Insbesondere Band zwei und drei allerdings nur überfolgen. Aber ich denke, dass ich einen guten Eindruck bekommen habe. Ich weiß, dass wir hier auf Jesus.de wirkliche Experten der Materie haben und ich möchte dazu einladen, meine Ausführungen zu den mit wichtig erscheinenden Textabschnitten zu kommentieren.

Im Folgenden gibt es Originalzitate aus „Das Kapital“ von Karl Marx und dann Anmerkungen von mir.

Das Werk von Karl Marx ist eine wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung der ökonomischen Verhältnisse seiner Zeit (der erste Band ist 1867 erschienen). Es war das die Zeit der Industrialisierung, die geprägt war durch technologische Innovationen aber auch gesellschaftlichen Umbrüchen, die mit großer Not breiter Bevölkerungsschichten verbunden war. Mit dieser Situation beschäftigt sich Karl Marx und sein Werk trägt den Untertitel Kritik der politischen Ökonomie“ zu Recht.

Mir scheinen die Überlegungen, die Karl Marx ausformuliert, frei erdacht und nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt. Ich kann vieles nachvollziehen. Allerdings bekomme ich vieles nicht mit meinen Vorstellungen von der ökonomischen Realität in Einklang. Um so wichtiger ist es, sich damit auseinanderzusetzen, weil ein Aufsitzen auf schrägen Vorstellungen, die die Menschen in einer entscheidenden Phase der Menschheit einen falschen Weg weisen, wäre fatal.

Jetzt aber hinein in den Text:

Da existiert keine Verschiedenheit oder Unterscheidbarkeit zwischen Dingen von gleich großem Tauschwert. […]

Als Gebrauchswerte sind die Waren vor allem verschiedner Qualität, als Tauschwerte können sie nur verschiedner Quantität sein, enthalten also kein Atom Gebrauchswert.

Marx geht von einem von Arbeitern erzeugten Produkt als ein vorwiegend (bzw. ausschießlich) durch die investierte Arbeit definierten Wert. Produkte können getauscht werden oder gegen Geld getauscht werden. Den wirklichen Wert erhalten sie nur durch die Arbeit und alle Arbeit ist da gleichwertig.

Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.[52] […]

Es ist also nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt.

[…] Eine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar.

Diese Grundlagen der Theorien von Karl Marx stimmen einfach nicht! Der Wert eines Produkts wird doch auch durch den Bedarf nach ihm bestimmt. Ein knappes und für das Leben sehr wichtige Produkt ist wertvoller als ein Produkt, das ich nicht unbedingt benötige, von dem es aber überall reichlich gibt. Man denke nur mal den Wert von Klopapier in der Corona-Zeit …

Auch gibt es qualitative Unterschiede von Produkten. Karl Marx betreibt hier eine Gleichmacherei, die jeglicher sinnlichen Wahrnehmung von Produkten oder der Freude an der Genialität des Herstellers zur Bedeutungslosigkeit erklärt. Vor diesem Hintergrund kann ich das Warenangebot der DDR nachvollziehen, die ja nicht unbedingt durch innovative Raffinesse gekennzeichnet waren, sondern mehr so Brot-und-Butter Produkte darstellten. Funktionell und das wars. Für mich ist das ein kultureller Mangel, der aus dieser Ideologie herrührt.

Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist. […]

Die Merkantilisten legen das Hauptgewicht auf die qualitative Seite des Wertausdrucks, daher auf die Äquivalentform der Ware, die im Geld ihre fertige Gestalt besitzt – die modernen Freihandelshausierer dagegen, die ihre Ware um jeden Preis losschlagen müssen, auf die quantitative Seite der relativen Wert form. Für sie existiert folglich weder Wert noch Wertgröße der Ware außer in dem Ausdruck durch das Austauschverhältnis, daher nur im Zettel des täglichen Preiskurants.

[…]

Wie sehr ein Teil der Ökonomen von dem der Warenwelt anklebenden Fetischismus oder dem gegenständlichen Schein der gesellschaftlichen Arbeitsbestimmungen getäuscht wird, beweist u.a. der langweilig abgeschmackte Zank über die Rolle der Natur in der Bildung des Tauschwerts.

Hier kommt die Ablehnung der qualitativen Wertigkeit von Produkten bei Karl Marx sehr gut zum Ausdruck. Das, was mir an Produkten so wichtig ist und das ich als elementarer Bestandteil menschlicher Kultur und menschlichen Schaffens ansehe, ist für ihn reiner Fetischismus.

Ich finde die Sicht von Karl Marx erschreckend kalt und verständnislos in Bezug auf menschliche Innovation, Schaffenskraft und künstlerischen oder kunstfertigen Ausdruck. Für Karl Marx scheint es nur Butte, Brot und Wasser zu geben – mehr nicht und das reicht auch. Was für eine schreckliche Welt!

Auffällig auch die wenig professionelle Ausdrucksweise in Bezug auf Ökonomen anderer Schule. Für mich ist Freude an kulturellen Errungenschaften kein „Fetischismus“, „Freihandelshausierer“ ist eine sehr wertende und wenig sachliche Bezeichnung und „abgeschmackt“ sind Theorien zu marktwirtschaftlichen Zusammenhängen wohl kaum sondern im Gegensatz zur Marxschen Ideologie deutlich besser wissenschaftliche gegründet.

Das Rätsel des Geldfetischs ist daher nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs. […]

Die Preisform schließt die Veräußerlichkeit der Waren gegen Geld und die Notwendigkeit dieser Veräußerung ein. Andrerseits funktioniert Gold nur als ideelles Wertmaß, weil es sich bereits im Austauschprozeß als Geldware umtreibt. Im ideellen Maß der Werte lauert daher das harte Geld.

[…]

Nichts kann alberner sein als das Dogma, die Warenzirkulation bedinge ein notwendiges Gleichgewicht der Verkäufe und Käufe, weil jeder Verkauf Kauf und vice versa. […]Die Identität von Verkauf und Kauf schließt daher ein, daß die Ware nutzlos wird, wenn sie, in die alchimistische Retorte der Zirkulation geworfen, nicht als Geld herauskommt, nicht vom Warenbesitzer verkauft, also vom Geldbesitzer gekauft wird.

[…]

abgeschmackten[137] Hypothese, daß Waren ohne Preis und Geld ohne Wert in den Zirkulationsprozeß eingehn, wo sich dann ein aliquoter Teil des Warenbreis mit einem aliquoten Teil des Metallbergs austausche.

Hier noch einmal der kritische Blick von Karl Marx auf marktwirtschaftliche Gegebenheiten, wobei er hier auf das Geldsystem (das damals wohl noch weitestgehend mit dem Goldsystem identisch war, da wichtige Währungen einem Goldstandard entsprachen und entsprechend gesichert waren).

Karl Marx leugnet hier dreist marktwirtschaftliche Zusammenhänge. Warum kann er nicht einsehen, dass ein Produkt, das nicht benötigt wird und von dem es ein großes Angebot gibt, einen deutlich kleineren Wert hat als ein Produkt das selten und begehrt ist (auch wenn in beiden Produkte dieselbe Arbeitszeit für die Herstellung benötigten). Dinge werden nicht richtig, nur weil man sie sturr und konsequent leugnet. So ist denn die Marxsche Ideologie von vielen solcher Knackpunkten durchzogen, die geeignet sind, das ganze System als Irrtum zu entlarven.

Um das Gold als Geld festzuhalten und daher als Element der Schatzbildung, muß es verhindert werden zu zirkulieren oder als Kaufmittel sich in Genußmittel aufzulösen. Der Schatzbildner opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. […], viel verkaufen, wenig kaufen, die Summe seiner politischen Ökonomie.

Hier geht Karl Marx auf das Problem der Schatzbildung ein. Biblisch kennen wir das in der Geschichte des reichen Kornbauerns, der sich große Speicher als Sicherheit in der Zukunft (die ihm dann von Gott genommen wird) baut während das Volk hungert. Es ist das ein wichtiges ökonomisches Thema, wo die Marxschen Ideen in meinen Augen Relevanz bekommen.

Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das sich in Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld rückverwandelt. […]

Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen, und es kann ebensowenig aus der Zirkulation nicht entspringen. Es muß zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen.

Hier führt Marx den Begriff des Kapitals ein, das sich im marktwirtschaftlichen Geschehen generiert.

Die Verwandlung des Geldes in Kapital ist auf Grundlage dem Warenaustausch immanenter Gesetze zu entwickeln, so daß der Austausch von Äquivalenten als Ausgangspunkt gilt.161 Unser nur noch als Kapitalistenraupe[180] vorhandner Geldbesitzer muß die Waren zu ihrem Wert kaufen, zu ihrem Wert verkaufen und dennoch am Ende des Prozesses mehr Wert herausziehn, als er hineinwarf. Seine Schmetterlingsentfaltung muß in der Zirkulationssphäre und muß nicht in der Zirkulationssphäre vorgehn. Dies sind die Bedingungen des Problems. Hic Rhodus, hic salta!

[…]

Der Kapitalist hat durch den Kauf der Arbeitskraft die Arbeit selbst als lebendigen Gärungsstoff den toten ihm gleichfalls gehörigen Bildungselementen des Produkts einverleibt. Von seinem Standpunkt ist der Arbeitsprozeß nur die Konsumtion der von ihm gekauften Ware Arbeitskraft, die er jedoch nur konsumieren kann, indem er ihr Produktionsmittel zusetzt.

Nach Marx wird der Arbeiter selbst bzw. seine Arbeitskraft zur Ware. Der Begriff "Human Resources" zeigt, das er mit dieser Annahme wohl ganz richtig lag.

Man sieht: Von ganz elastischen Schranken abgesehn, ergibt sich aus der Natur des Warenaustausches selbst keine Grenze des Arbeitstags, also keine Grenze der Mehrarbeit. Der Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und womöglich aus einem Arbeitstag zwei zu machen sucht.

Das Kapital entwickelte sich ferner zu einem Zwangsverhältnis, welches die Arbeiterklasse nötigt, mehr Arbeit zu verrichten, als der enge Umkreis ihrer eignen Lebensbedürfnisse vorschrieb. Und als Produzent fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit und Exploiteur von Arbeitskraft übergipfelt es an Energie, Maßlosigkeit und Wirksamkeit alle frühern auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionssysteme.

Hier geht Marx auf die Gefahr der Ausbeutung des Arbeitnehmers ein, die entstehen kann, wenn grenzenlose Gier des Arbeitgebers nicht effektiv kontrolliert und beschränkt wird. Zur Zeit von Karl Marx war da ein echtes Problem – allerdings gab es selbst da schon Ansätze, gesetzliche Schranken zu installieren.

Dies Produkt der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit produzierte seinerseits – Maschinen. Sie heben die handwerksmäßige Tätigkeit als das regelnde Prinzip der gesellschaftlichen Produktion auf. So wird einerseits der technische Grund der lebenslangen Annexation des Arbeiters an eine Teilfunktion weggeräumt. Andrerseits fallen die Schranken, welche dasselbe Prinzip der Herrschaft des Kapitals noch auferlegte.[390]

Als Maschinerie erhält das Arbeitsmittel eine materielle Existenzweise, welche Ersetzung der Menschenkraft durch Naturkräfte und erfahrungsmäßiger Routine durch bewußte Anwendung der Naturwissenschaft bedingt. […] Die Maschinerie, mit einigen später zu erwähnenden Ausnahmen, funktioniert nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels selbst diktierte technische Notwendigkeit.

[…]

Der Fabrikkodex, worin das Kapital seine Autokratie über seine Arbeiter, ohne die sonst vom Bürgertum so beliebte Teilung der Gewalten und das noch beliebtere Repräsentativsystem, privatgesetzlich und eigenherrlich formuliert, ist nur die kapitalistische Karikatur der gesellschaftlichen Reglung des Arbeitsprozesses, welche nötig wird mit der Kooperation auf großer Stufenleiter und der Anwendung gemeinsamer Arbeitsmittel, namentlich der Maschinerie. An die Stelle der Peitsche des Sklaventreibers tritt das Strafbuch des Aufsehers.

In diesem Abschnitt setzt sich Karl Marx mit dem Problem der Maschinen auseinander, die zu seiner Zeit grade die große Veränderung in der Arbeitswelt gebracht haben. Er erkennt, dass der Arbeiter dadurch vielfältiger einsetzbar wird (anders, als es durch vor allem durch Zünfte definierte Berufe und Tätigkeiten der Fall war). Das kann als Befreiung, aber auch als noch mehr bindendes Problem gesehen werden. Die Arbeit wird noch arbeitsteiliger und kann nur noch gemeinschaftlich ausgeführt werden. Die Maschinen bedingen Arbeit in Fabriken und die Arbeitsmittel (Maschinen) binden die Arbeiter genau dort. Das hat Marx alles so richtig erkannt.

Je mehr die Produktivkraft der Arbeit wächst, um so mehr kann der Arbeitstag verkürzt werden, und je mehr der Arbeitstag verkürzt wird, desto mehr kann die Intensität der Arbeit wachsen. Gesellschaftlich betrachtet, wächst die Produktivität der Arbeit auch mit ihrer Ökonomie.

[…]

Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andren Schichte zuwälzen kann. Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produziert durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit.[552]

Mit den Maschinen wächst auch die Produktivität der Arbeiter. Mehr kann in kürzer Zeit geschafft werden. Das ist ja heute immer noch ein großes Ziel jeglichen Wirtschaftens. Karl Marx sieht, dass dadurch zeitliche Freiräume geschafft werden, die den Individuen Freizeit schaffen (hey, würde ich ohne, dass ich Samstag frei habe, mich hier mit Marx auseinandersetzen?). Er sieht allerdings auch, dass diese Freizeit nicht gleich verteilt ist. Es ist die Arbeitszeit der Massen, die bei anderen Freizeit schaffen. Die Hoffnung, dass die Freizeit zu mehr freier geistiger Beschäftigung un gesellschaftliche Betätigung führt, sehe ich nur bedingt erfüllt, auch wenn wir heute mehr Freizeit haben denn je. Naja, veilleicht ist ja WhatsApp "gesellschaftliche Betätigung ...

Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwert, in welcher besondern Gestalt von Profit, Zins, Rente usw. er sich später kristallisiere, ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit.[556]

[…]

Das Verhältnis zwischen Kapital, Akkumulation und Lohnrate ist nichts als das Verhältnis zwischen der unbezahlten, in Kapital verwandelten Arbeit und der zur Bewegung des Zusatzkapitals erforderlichen zuschüssigen Arbeit. [..]Wächst die Menge der von der Arbeiterklasse gelieferten und von der Kapitalistenklasse akkumulierten, unbezahlten Arbeit rasch genug, um nur durch einen außergewöhnlichen Zuschuß bezahlter Arbeit sich in Kapital verwandeln zu können, so steigt der Lohn, und alles andre gleichgesetzt, nimmt die unbezahlte Arbeit im Verhältnis ab. Sobald aber diese Abnahme den Punkt berührt, wo die das Kapital ernährende Mehrarbeit nicht mehr in normaler Menge angeboten wird, so tritt eine Reaktion ein: ein geringerer Teil der Revenue wird kapitalisiert, die Akkumulation erlahmt, und die steigende Lohnbewegung empfängt einen Gegenschlag. Die Erhöhung des Arbeitspreises bleibt also eingebannt in Grenzen, die die Grundlagen des kapitalistischen Systems nicht nur unangetastet lassen, sondern auch seine Reproduktion aufwachsender Stufenleiter sichern

Marx redet hier auch von dem Mehrwert, der entsteht, wenn Ware weiterverkauft wird, was die Grundlage jeglichen Handelns ist. Marx reduziert den Wert (bzw. nicht-Wert) des Handels auf die Generierung von Mehrwert. Nach Marx entsteht der Mehrwert, indem bei jedem Handelsschritt dem Wert eines Produktes, das nach seiner Vorstellung ja nur durch die Arbeit des Arbeiters definiert ist, ein Betrag aufgeschlagen wird. Er hat kein Verständnis für das Gewerbe des Händlers, der ja immerhin ein Risko zu tragen hat (er könnte auf seine Ware sitzenbleiben, ein schlechtes Geschäft machen) und er liefert einen echten Mehrwert, indem er die Ware zum Markt trägt und kaufbar macht, was der Arbeiter in seiner Fabrik nicht zu leisten vermag. Hier übersieht Marx ein komplettes Wirtschaftsfeld bzw. negiert es durch seine verachtende Haltung. Kann man die Bedeutung einer Wertschöpfungskette für jegliche moderne industrielle Produktion als Marxist überhaupt erfassen?

Karl Marx sieht als Haupttreiber für die Kapitalbildung unbezahlte Arbeit des Arbeiters. Er sieht auch die Dynamik, die sich da entwickeln kann. Eine Art Schweinezyklus für Löhne. Ob es das so wirklich gibt, vermag ich nicht zu sagen. Mein Eindruck ist der, dass bei der Lohngestaltung oft ganz andere Faktoren wesentlich sind. Ich halte den Wert des Händlers und seiner Arbeit bei Karl Marx deutlich unterschätzt.

Der kapitalistische Produktionsprozeß reproduziert also durch seinen eignen Vorgang die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbedingungen. Er reproduziert und verewigt damit die Exploitationsbedingungen des Arbeiters. Er zwingt beständig den Arbeiter zum Verkauf seiner Arbeitskraft, um zu leben, und befähigt beständig den Kapitalisten zu ihrem Kauf, um sich zu bereichern. […]

Der kapitalistische Produktionsprozeß, im Zusammenhang betrachtet oder als Reproduktionsprozeß, produziert also nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter.823[604]

Marx stellt hier die in seiner Zeit modernen Produktionsbedingungen als Treiber für Kapitalbildung dar. Das kann ich nachvollziehen.

Die Zentralisation kann erfolgen durch bloße veränderte Verteilung schon bestehender Kapitale, durch einfache Veränderung der quantitativen Gruppierung der Bestandteile des gesellschaftlichen Kapitals. Das Kapital kann hier zu gewaltigen Massen in einer Hand anwachsen, weil es dort vielen einzelnen Händen entzogen wird. In einem gegebnen Geschäftszweig hätte die Zentralisation ihre äußerste Grenze erreicht, wenn alle darin angelegten Kapitale zu einem Einzelkapital verschmolzen wären.886

[…]

Und während die Zentralisation so die Wirkungen der Akkumulation steigert und beschleunigt, erweitert und beschleunigt sie gleichzeitig die Umwälzungen in der technischen Zusammensetzung des Kapitals, die dessen konstanten Teil vermehren auf Kosten seines variablen Teils und damit die relative Nachfrage nach Arbeit vermindern.

 [...]

Die im Lauf der normalen Akkumulation gebildeten Zusatzkapitale (s. Kap. XXII, 1) dienen vorzugsweise als Vehikel zur Exploitation neuer Erfindungen und Entdeckungen, überhaupt industrieller Vervollkommnungen. Aber auch das alte Kapital erreicht mit der Zeit den Moment seiner Erneuerung an Haupt und Gliedern, wo es sich häutet und ebenfalls wiedergeboren wird in der vervollkommneten technischen Gestalt, worin eine geringere Masse Arbeit genügte, eine größere Masse Maschinerie und Rohstoffe in Bewegung zu setzen. Die hieraus notwendig folgende absolute Abnahme der Nachfrage nach Arbeit wird selbstredend um so größer, je mehr die diesen Erneuerungsprozeß durchmachenden Kapitale bereits zu Massen angehäuft sind vermöge der zentralisierenden Bewegung.

Wichtige Themen bei Karl Marx sind die Zentralisations- und Akkumulationstendenzen des Kapitals. Das Kapital akkumuliert in wenigen Händen, Händen einzelner Menschen oder großer Kapitalgesellschaften. Das ist ja ein wichtiges Thema und wird oft als zentrales Problem des Kapitalismus gesehen. Und insbesondere in Ländern, wo es keine soziale Marktwirtschaft gibt und den kapitalistischen Akteuren freie Hand gelassen wird, droht die Situation heute zu eskalieren. Man denke nur an die wenigen Superreichen und an die Wohnungslosen in den USA, die oft Arbeit haben, aber sich ein bürgerliches Leben nicht leisten können. Es war sehr vorrausschauend von Karl Marx, das gesehen zu haben. Allerdings sehe ich eine Lösung des Problems bei ihm eher nicht. Die Bedeutung von Innovation sehe ich bei Karl Marx deutlich zu negativ konnotiert!

Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee und das tote Gewicht der industriellen Reservearmee. Seine Produktion ist eingeschlossen in der Produktion der relativen Übervölkerung, seine Notwendigkeit in ihrer Notwendigkeit, mit ihr bildet er eine Existenzbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung des Reichtums. […]

Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums.

Hier geht Karl Marx auf das Problem der Verarmung breiter Massen ein, die den Fabriken ein großes Potential an Arbeitern vorhält. Sicher so richtig erkannt.

Privateigentum, als Gegensatz zum gesellschaftlichen, kollektiven Eigentum, besteht nur da, wo die Arbeitsmittel und die äußeren Bedingungen der Arbeit Privatleuten gehören. Je nachdem aber diese Privatleute die Arbeiter oder die Nichtarbeiter sind, hat auch das Privateigentum einen andern Charakter.

[…]

Sobald dieser Umwandlungsprozeß nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eignen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und andrer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine neue Form. Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist.

 [...]

Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes.

Hier geht Karl Marx auf die Veränderung des Charakters des Privateigentums im Kapitalismus ein und er sagt eine Weltwirtschaft voraus. Er sieht das als Prozess, der mit einer Ausbeutung der Arbeiter (die er hier Proletarier nennt) einhergeht.

[…]Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.

[…]

Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. […]Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.

[…]

Die Verwandlung des auf eigner Arbeit der Individuen beruhenden, zersplitterten Privateigentums in kapitalistisches ist natürlich ein Prozeß, ungleich mehr langwierig, hart und schwierig als die Verwandlung des tatsächlich bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches. Dort handelte es sich um die Expropriation der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, hier handelt es sich um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse.

Karl Marx sieht auch die Grenzen der Ausbeutung und dass es eine Zeit geben wird, wo die Ausbeuter ausgebeutet werden, wo es neues Privateigentum geben wird – diesmal als individuelles Eigentum, das sich von den Früchten des kapitalistischen Systems speist. Jeder, der Aktien oder Aktienfonds hält, partizipiert hier und heute an diesem System.

Dann kommt Karl Marx noch auf seine Lehre der Klassengesellschaft:

Die Eigentümer von bloßer Arbeitskraft, die Eigentümer von Kapital und die Grundeigentümer, deren respektive Einkommenquellen Arbeitslohn, Profit und Grundrente sind, also Lohnarbeiter, Kapitalisten und Grundeigentümer, bilden die drei großen Klassen der modernen, auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden Gesellschaft.

[…]

Die nächst zu beantwortende Frage ist die: Was bildet eine Klasse? und zwar ergibt sich dies von selbst aus der Beantwortung der andern Frage: Was macht Lohnarbeiter, Kapitalisten, Grundeigentümer zu Bildnern der drei großen gesellschaftlichen Klassen?

[…]

Auf den ersten Blick die Dieselbigkeit der Revenuen und Revenuequellen. Es sind drei große gesellschaftliche Gruppen, deren Komponenten, die sie bildenden Individuen, resp. von Arbeitslohn, Profit und Grundrente, von der Verwertung ihrer Arbeitskraft, ihres Kapitals und ihres Grundeigentums leben.

Die letzten Abschnitte entstammen den Büchern II und II von Karl Marx, die von Friedrich Engels für die Publikation vorbereitet wurden, weil Karl Marx das nicht mehr erleben durfte.

Soweit inhaltlich die Ideen des Karl Marx.

Darauf aufbauend gibt es viele politische Systeme wie den Kommunismus, den Leninismus oder den Sozialismus. Mir ist kein politisches System bekannt, das je zum Wohle der Bürger funktioniert hätte. Ich führe das auch auf fehlerhafte Grundannahmen von Karl Marx zurück, indem er marktwirtschaftliche Prinzipien komplett ablehnt. Die Marktwirtschaft schafft nicht nur eine automatische Feinjustierung der Versorgung der Bevölkerung, sondern sie schafft auch ein Klima für Innovation und Weiterentwicklung. Viele marktwirtschaftliche Volkswirtschaften haben den Bürgern Wohlstand und gutes Leben beschert.

Aus dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft ist bekannt, dass es möglich ist, politische Rahmenbedingungen zu setzen, innerhalb derer die Systeme gewünschte Ergebnisse liefern. Das sollte auch in Hinblick auf ökologische Notwendigkeiten möglich sein und hier dann die erforderlichen Innovationen ermöglichen, ohne die es in Zukunft keinen Wohlstand geben wird. Ich hoffe sehr, dass unsere politischen Lenker sich ihren Marx noch einmal kritisch ansehen und sich dann erfolgreicheren Modellen zuwenden!

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23 Antworten
Scylla
 Scylla
Beiträge : 207

Mich erstaunt es immer wieder, das es heute immer noch Menschen gibt die meinen, dieser antisemitisch-rassistische "Denker" , der nur auf dem Nacken anderer gelebt hat, und Urvater verschiedener totalitärer Systeme ist, die  Millionen von Menschen Leben, Gesundheit und Freiheit kostete, hätte uns heute noch etwas "zu sagen"

scylla antworten
14 Antworten
Gelöschtes Profil
(@deleted_profile)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 17053

@scylla Viele Menschen früherer Zeiten hatten aufgrund der Vorurteile ihrer Zeit antisemitische, rassistische und sonst irgendwie moral verwerfliche Gedanken. Wer weiß, was die Menschen späterer Zeiten über uns Heutige denken werden.

Das würde ich hier nur zu bedenken geben. Ich glaube nicht, dass deshalb alle Gedanken und Äußerungen eines solchen Menschen heute nicht mehr relevant sind. Das ist doch Cancel-Culture pur, oder nicht?

Und würdest Du auch die Naturwissenschaftler vergangener Zeiten ähnlich beurteilen, weil ihre Ideen beispielsweise zur Erfindung von Atombomben geführt haben? (ich weiß, ein etwas schiefer Vergleich, aber trotzdem)

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Scylla
 Scylla
(@scylla)
Beigetreten : Vor 5 Monaten

Beiträge : 207

@suchender_345ab 

Sich einer Ideologie zu wiedersetzen, die Rund 100 Millionen Menschen das Leben kostete, einem vielfachen mehr Gesundheit, Lebensgrundlage, Familie uvm. hat nichts mit "Cancel Cutur" zu tun.

Urvater dieser Ideologie ist und bleibt im wesentlichen Karl Marx.

 

Das Unterscheidet ihn im Kern zB. von einem rassistischen Antisemiten wie Martin Luther, der zwar in seinem partiellen Hass und seinem judenfeindlichen Schreiben als  einer der vielen Gleisnägel Richtung  Auschwitz benutzt wurde, aber nicht der Nucleulus, die Kernzelle einer derartigen vernichtenden Ideologie wie dem Kommunismus/Sozialismus wurde.

"weil ihre Ideen beispielsweise zur Erfindung von Atombomben geführt haben? "

 

Bei Oppenheimer stand am Ende zumindest die Selbsterkenntniss

"Jetzt bin ich der Tod, der Zerstörer von Welten"

 

 

 

scylla antworten
Gelöschtes Profil
(@deleted_profile)
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Beiträge : 17053

@scylla  Ich muss zugeben, dass ich von Karl Marx nicht viel weiß. Wenn ich mehr wüsste, könnte ich Dich vielleicht besser verstehen. Aber ich kenne Menschen, die ich sehr schätze und die ihrerseits Marx einiges abgewinnen können. Nicht ihm als Menschen, sondern seinen Gedanken.

Oppenheimer hatte eine sehr differenzierte Ansicht zur Atombombe und seiner Rolle im Manhattan-Projekt, wie man zum Beispiel aus diesem Interview-Ausschnitt von 1965 heraus hören kann:

https://www.youtube.com/watch?v=AdtLxlttrHg

Aber ich meinte gar nicht Oppenheimer. Seine Ideen waren ja nicht der Ursprung der Atombombe. Ich dachte eher an Physiker wie Einstein, die die theoretischen Grundlagen geliefert haben.

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Helmut-WK
(@hkmwk)
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Beiträge : 7007

@suchender_345ab 

Ich dachte eher an Physiker wie Einstein, die die theoretischen Grundlagen geliefert haben.

Einstein war es auch, der den US-Präsidenten vor einer nazideutschen Atombombe warnte und forderte, dass die USA selber Atombomben entwickeln.

Allerdings waren er und so ziemlich alle beteiligten Wissenschaftler entsetzt, als 1945 die Atombomben nicht gegen Deutschland eingesetzt wurden (das schon kapituliert hatte), sondern gegen Japan, das gar nicht an Atombomben forschte.

hkmwk antworten
Gelöschtes Profil
(@deleted_profile)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 17053

@hkmwk  So what? Das ist allgemein bekannt. Wer sagt, dass Marx nicht entsetzt gewesen wäre, wenn er die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gesehen hätte?

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Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

Beiträge : 7007

@suchender_345ab 

Wer sagt, dass Marx nicht entsetzt gewesen wäre, wenn er die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gesehen hätte?

Verwechselst du mich mit Scylla?

Ich habe hier schon zweimal darauf hingewiesen, dass an den »Entwicklungen des 20. Jahrhunderts« vor allem Lenin und nicht Marx verantwortlich war.

Was heute auch kaum noch bekannt ist: Neben der Revision der Gedanken von Marx durch Lenin gab es auch die »Revisionisten« (wie sie von ihren linken Gegnern beschimpft wurden), deren Revision ganz anders aussah. Deren demokratischer Marxismus war die Linie der SPD nach dem Bruch mit den Spartakisten 1918 bis in die 50-er Jahre (wurde dann vom Godesberger Programm abgelöst).

Ob Karl Marx über das, was in real existierenden Kommunismus passierte, entsetzt gewesen wäre, weiß ich nicht. Bei seinem Charakter könnte ich mir auch vorstellen, dass ihm das vergleichsweise egal gewesen wäre - aber wer weiß? Wahrscheinlich hätte ihm der demokratische Sozialismus, wie er von ca. 1945-90 in Schweden herrschte, besser gefallen (bitte nicht mit dem verwechseln,was die Kommunisten als »demokratischen Sozialismus« verkauft haben!).

hkmwk antworten
Gelöschtes Profil
(@deleted_profile)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 17053

@hkmwk  Oh, Entschuldigung. Ich habe Dich anscheinend wirklich mit Scylla verwechselt.

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Scylla
 Scylla
(@scylla)
Beigetreten : Vor 5 Monaten

Beiträge : 207

@hkmwk

 

Lenins Theorien  und vor allem  Handeln fusst aber nun mal auf den Theorien von Marx.

 Es heisst ja auch Marxismus-Leninismus.

Ihne Marx hätte es keinen Lenin(ismus) gegeben.

Marx ist und bleibt die Urzelle, die Basis des tödlichen  Krebsgeschwür Kommunismus/Sozialismus incl.  all seinen Spielarten und Sonderformen.

Da beist die Maus keinen Faden ab, so sehr Du Dich auch dagegen wehrst.

scylla antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 3371

@scylla Ihne Marx hätte es keinen Lenin(ismus) gegeben.

Wie bist Du Dir da so sicher? Denkst Du, ohne Marx wäre Russland zur Zeit des 1. Weltkriegs nicht ebenso innergesellschaftlich zerrissen gewesen? Leninismus und insbesondere der Stalinismus führten doch Marx lediglich als pseudo-intellektuelles Mäntelchen im Gepäck. Das durch und durch agrarisch geprägte Rußland als der Ort auf der Erde, an welchem zuerst die Arbeiterschaft sich gegen die kapitalistische Bourgoisie erhebt? Es ließe sich mit guten Gründen behaupten, dass Rußland überhaupt nicht "reif" für eine Revolution im marx'schen Sinne war: es gab da kaum was vom Manchester-Kapitalismus (dessen Analyse vor allem Marx' Verdienst war.). Revolutionäres Potential ganz allgemein freilich: das gab es im Zarenreich sehr wohl. Man lese einfach mal ein bisserl bei Dostojewski nach, wenn man keine Lust hat, Sachliteratur zum Thema russischer Innenpolitik im 19. Jahrhundert zu wälzen.

Der Krieg war aus der Perspektive des russsischen Volkes so sinnvoll wie ein Kropf: ein blutiges Hauen und Stechen, vom Zaren anlässlich eines Vorfalls im fernen Sarajewo mit "in Auftrag gegeben"... Aber zu leiden hatte die Bevölkerung und zu leiden hatten die armen Schweine, die in den unteren Mannschaftsgraden kämpften und bei denen öfter mal nicht klar war, ob nun zuerst die Läuse und der Hunger sie erwischen würden oder eine deutsche Kugel.  Hätte es Lenin nicht gegeben, hätte womöglich ein anderer Revolutionär  eine ähnliche Sache vom Zaum gebrochen. Oder wenn es Marx nicht gegeben hätte, dann hätte sich Lenin halt woanders bedient, um der eigenen Sache einen wissenschaftlichen, philosophischen oder gleich welthistorisch bedeutsamen Anstrich zu verleihen. Beispielsweise Bakunin.

 

jack-black antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

Beiträge : 7007

@jack-black 

Man lese einfach mal ein bisserl bei Dostojewski nach

Ich hab auch mal was bei Tolstoj gefunden: Der war erschrocken über die Gesinnung, die er beim einfachen Volk fand: Blanker Hass auf die oberen Schichten (adlige Großgrundbesitzer, Intellektuelle, Kirchenleute), nicht ansprechbar für seien Botschaft der Liebe. Hat er in einem Brief geschrieben (ist aber zu lange her,als dass ich das noch völlig korrekt wiedergeben könnte).

hkmwk antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

Beiträge : 7007

@scylla (zum Beitrag)

Lenins Theorien und vor allem Handeln fusst aber nun mal

… auf der Einsicht, dass eine erfolgreiche Revolution i.d.R. organisiert sein muss und kein demokratischer Prozess sein kann, wie sich Marx das vorgestellt hat. Paradebeispiel war für ihn die gescheiterte Pariser Kommune.

Das gilt aber auch für die friedliche Revolution in der DDR: Die war von einer Minderheit getragen, und diese Minderheit war eigentlich gegen eine Wiedervereinigung … aber nach der Wahl zur Volkskammer waren diese Leute bedeutungslos.

In Lenins Theorien hat Marx noch ne wichtige Rolle gespielt, beim Handeln eher nicht.

Ihne Marx hätte es keinen Lenin(ismus) gegeben.

Schon, aber ohne das Christentum würde es auch keine christlichen Sekten geben. Das heißt aber nicht, dass wir Christus für alles Übel, das Sekten (oder auch manche Kirchen) verbrochen haben, verantwortlich machen können.

Der Vergleich hinkt natürlich, denn Marx hatte einen schlechten Charakter, und der Marxismus-Leninismus ist mehr als ne unbedeutende marxistische Sekte. Aber ich hoffe du verstehst den Vergleichspunkt.

so sehr Du Dich auch dagegen wehrst

Ich denke immer noch, dass die Diktatur einer überwältigenden Mehrheit (offenbar deutlich mehr als 90%) über eine gefährliche Minderheit zwar nicht optimal, aber doch vergleichsweise harmlos ist, zumal sie sich von alleine auflöst zugunsten einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Meine Kritik daran ist., dass das ganze völlig unrealistisch ist.

hkmwk antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

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@scylla (zum Beitrag)

Urvater dieser Ideologie ist und bleibt im wesentlichen Karl Marx.

Nö. Was hat die Vorhersage von Marx, dass am Ende weltweit wenige Superreiche und sehr viele bitterarme »Proletarier« sein werden, dazwischen fast nichts, dass deshalb eine weltweite Revolution die Verhältnisse sich umkehren, jetzt unterdrückt die überwältigende Minderheit der Proletarier die Minderheit der Kapitalisten, dass dann sich die Lage beruhigt, die Diktatur und überhaupt jeder Staat abgebaut wird und am Ende eine fröhliche Anarchie, genannt Kommunismus, herrschen wird - was hat das bitte  mit dem zu tun, was die Kommunisten gemacht haben?

Der wesentliche Urvater ist Lenin. Der hat die Ideen von Marx, die sich als mindestens teilweise falsch erwiesen haben, verändert (z.B. durch die Theorie vom Imperialismus), und vor allem die führende Rolle der Partei eingeführt, also aus der Diktatur einer überwältigenden Mehrheit die Diktatur einer wissenden Minderheit gemacht - und das hat dann sehr viel auch mit Stalin, Mao etc. zu tun.

hkmwk antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

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@scylla Hallo Scylla,

An sich war bisher Deine Haltung genau das, was ich immer auch gedacht habe. Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich da nicht differenziert habe, weil ich auch zu wenig wusste. Es war in einem anderen Thread hier, wo ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass meine Sicht wohl nicht berechtigt wäre - und deshalb habe ich mich mal mit der Quelle, den Schriften von Karl Marx beschäftigt.

Ich meine, dass sein Modell entscheidende Fehler hat, die dann wohl auch in vielen Fällen zum Scheitern geführt haben. Was die Marktwirtschaft angeht, so hat er da regelrechte Verachtung dafür, obwohl viele Zusammenhänge sich da sicher nicht leugnen lassen und ich vermute, dass das auch schon zu seiner Zeit so war.

Andererseits hat er die Veränderung der Arbeitsverhältnisse seiner Zeit gut beschrieben und da auch viele Zusammenhänge und Probleme erkannt, mit denen er wohl recht hatte.

Was ich auch festgestellt habe ist, dass - sehen wir mal von den reichlich derbe ausgefallenen Bemerkungen in Richtung auf Marktwirtschaftler ab - er zwar eine Klassengesellschaft diagnostiziert hat, aber dieser ganze Klassenkampf findet sich bei ihm nicht, zumindest nicht so hart und ausgeprägt, wie ich das erwartet hätte, statt. Er sieht ja sogar eine Perspektive, dass sich akkumulierte Kapital eines Tages in Privatvermögen mit breiterer Streuung verteilen könnte, was für den Kapitalismus rettend sein würde.

Vieles ist eine Beschreibung der Situation zu seiner Zeit, wo er sicher oft gut beobachtet hat. Aber natürlich auch eine Einordnung seiner Vorstellungen gemäß der von ihm entwickelten Ideologie, mit der er sicher nicht immer recht hatte.

Karl Marx selber hat die Veröffentlichung der beiden letzten Bände seiner Arbeit ja schon gar nicht mehr erlebt. Von daher weiß ich auch nicht, ob man ihm persönlich das anlasten darf, was andere aus seinen Lehren gemacht haben.

Von daher bin ich dankbar, dass ich diese Korrektur erfahren habe und weil das so ist und der Impuls von hier ausging, wollte ich das mit Euch teilen.

goodfruit antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

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@scylla 

Mich erstaunt es immer wieder, das es heute immer noch Menschen gibt die meinen, dieser …, hätte uns heute noch etwas "zu sagen"

Karl Marx hat viel geschrieben, manches war richtig, anderes nicht.

Beispielsweise war er der erste, der eine Beschreibung des rheinischen Dialekts geliefert hat, die den nicht in viele Unterdialekte aufteilt, sondern als Gruppe sinnvoll zusammenfasst. Oder die Mehrwertsteuer stammt von Gedanken, die Goodfruit kritisiert hat.

Marx war kein guter Charakter, er war Egoist, selbstbezogen, die Armut,wegen der er es sich meist nicht leisten konnte, seinen Bart zu scheren (genau, deshalb hatte er ihn) war größtenteils selbstverschuldet.

Das kann man an privaten Begebenheiten festmachen (ich hab mal gehört: Als ne Verwandte von Marx starb und sie ihm etwas, aber leider viel zu wenig vererbte, äußerte er in einem Brief an Engels, es wäre doch gut, wenn dessen … sterben würde). Oder am Stil, in dem er Andersdenkende herabsetzte (sie Goodfruit). Oder seiner Theorie, die zuweilen unlogisch wird - Hauptsache es kommt eine Revolution dabei heraus. Oder anderen Inhalten, auf die du hinweist …

und Urvater verschiedener totalitärer Systeme ist

Dass Lenin mit seiner Theorie der führenden Arbeiterklasse aus der Diktatur des Proletariats (also einer Diktatur der überwältigenden Mehrheit der Menschheit über eine kleine, gefährliche Minderheit) eine Diktatur über das Proletariat machte, kann man Marx nicht zum Vorwurf machen. Der »Urvater« ist Lenin, nicht Marx.

Was Marx prophezeite, ist nicht eingetreten, beispielsweise hat es nie eine Weltrevolution gegeben (was die Kommunisten als Weltrevolution bezeichneten, war ein mehr oder weniger kalter krieg zwischen ihrem totalitären System und dem teils ebenfalls totalitärem Rest der Welt, das beinhaltete einzelne lokale Revolutionen, aber dass die Menschheit auf der ganzen Welt gegen ihre Unterdrücker aufsteht - das gab es nicht).

Aber bei all den Irrtümern und Unsinn, den Marx verkündete: Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Daran ändert auch sein schlechter Charakter nichts.

hkmwk antworten


Kappa
 Kappa
Beiträge : 155

Guten Abend. Ganz schön Umfangreich. Du hast dich damit gut auseinander gesetzt.

Ich finde einige Beobachtungen auch richtig. Kannst du auseinander halten welche schlimmeren Dinge des späteren Sozialismus oder Stalinismus, durch spätere Nachfolger oder durch Marx initiiert wurden? 

kappa antworten
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GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 2519

@kappa Ich bin erst einmal bei Marx gelandet. Was danach kam, habe ich bislang nur in einigen YouTube Erklärvideos angerissen. Ich finde, dass die Entwicklung, die die Sache dort genommen hat, nicht zwangsläufig bei Marx angelegt war. Da ist einige entgleist - und sicher kann man auch aus der Geschichte lernen, wenn man sich anschaut, was da eigentlich schiefgelaufen ist. Letztendlich dürfte es in vielen Fällen so gewesen sein, wie wir das in der Farm der Tiere von George Orwell beschrieben finden: Die Ideologie wurde als Vorwand genommen, um ein totalitäres System zu errichten, das am Ende schlimmer war, als jede Regierung, die die Bevölkerung bis dahin erlebt hatte.

Ich finde bei Marx den Begriff des Proletariats - aber über die Perspektive der Diktatur des Proletariats bin ich nicht gestoßen. Dafür aber über die Ausbeutung der Ausbeuter, was aber keine Gewaltaktion ist, sondern eine wirtschaftliche Beteiligung auf breiterer Ebene. Wenn ich da etwas übersehen habe, lasst es mich bitte wissen.

goodfruit antworten
Helmut-WK
Beiträge : 7007

@goodfruit 

Ich habe alles durchgelesen. Insbesondere Band zwei und drei allerdings nur überfolgen.

da kann ich nicht mithalten. Experte bin ich also nicht. Aber ich kann deine Kritik nicht ganz nachvollziehen.

Als Gebrauchswerte sind die Waren vor allem verschiedner Qualität, als Tauschwerte können sie nur verschiedner Quantität sein, enthalten also kein Atom Gebrauchswert.

Das ist doch trivial: Wenn ich Wein für 100 Euro gegen Papier für 100 Euro tausche, dann geht es nur um diesen Tauschwert (100 Euro). Dass ich das Papier besser gebrauchen kann als den Wein und der Tauschpartner den Wein besser als das Papier, der Gebrauchswert für uns also unterschiedlich ist, ist die Voraussetzung für den Tausch, aber an sich irrelevant (vielleicht gebe ich den Wein ja auch ab, weil ich in finanziellen Schwierigkeiten stecke? Egal, der Tauschwert bleibt gleich.)

Marx geht von einem von Arbeitern erzeugten Produkt als ein vorwiegend (bzw. ausschießlich) durch die investierte Arbeit definierten Wert.

Nö, umgekehrt wird ein Schuh draus. Es geht um die Begriffe vom gerechten Preis und gerechtem Lohn, die bis Adam Smith wirtschaftliche Diskussionen beherrschten. Seit Smith wird nicht mehr von einem gerechten Preis gesprochen, an dem sich real existierende Preise messen lassen können (je weiter davon entfernt, desto ungerechter), sondern von einem Preis, der durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Mit den gerechten Preis wird aber auch der gerechte Lohn bzw. der »Wert der Arbeit« fragwürdig. Marx nun definiert den Wert der Arbeit durch den Mehrwert, der durch die Arbeit entsteht: Der Preis für das Produkt, abzüglich dem Preis für alle Rohstoffe, das ist der Wert der Arbeit.

Gut, das ganze ist natürlich komplizierter (sonst wär das »Kapital« vermutlich höchstens 100 Seiten lang 😉 ), aber das ist der Grundgedanke, den du mit deiner Formulierung gewissermaßen auf den Kopf stellst. Der (Tausch-)Wert des Produkts ist bei Marx kein Ergebnis der Arbeit, sondern die Basis, um den Wert der Arbeit zu ermitteln (und damit einen Anhaltspunkt für einen gerechten Lohn zu erhalten).

Auch gibt es qualitative Unterschiede von Produkten

Versteh den Zusammenhang nicht zu dem, was Marx sagt.

Die Merkantilisten legen …– die modernen Freihandelshausierer dagegen

Hier beschreibt Marx ja nicht seien eigenen Ideen, sondern referiert das, was Wirtschaftstheoretiker seiner Zeit sagten. Die »Freihandelshausierer« sind die Propagandisten der völlig freien Marktwirtschaft.

Hier kommt die Ablehnung der qualitativen Wertigkeit von Produkten bei Karl Marx sehr gut zum Ausdruck

Ich lese aus der Kritik an der Marktwirtschaftslehre (»Freihandelshausierer«) doch gerade heraus, dass die Reduktion auf den Tauschwert (also das Vernachlässigen dessen, was du als unterschiedliche Qualität beschreibst) ein Fetischismus ist. Also das Gegenteil von dem, was du schreibst.

Jetzt brauchen wir einen Fachmann, der sagen kann, wer von uns beiden Marx besser verstanden hat: Du oder ich (der Marx v.a. indirekt kennt, z.B, aus Besprechungen von dem, was im Kapital steht).

Auffällig auch die wenig professionelle Ausdrucksweise in Bezug auf Ökonomen anderer Schule

Marx hat immer (nicht nur im Kapital) andere Leute runtergemacht, die nicht seiner Meinung waren.

Warum kann er nicht einsehen, dass ein Produkt, das nicht benötigt wird und von dem es ein großes Angebot gibt, einen deutlich kleineren Wert hat als ein Produkt das selten und begehrt ist (auch wenn in beiden Produkte dieselbe Arbeitszeit für die Herstellung benötigten).

Kannst du mal ein Zitat bringen, aus dem hervorgeht, dass Marx so denkt? Ich hab nur eins gesehen, in dem er sagt, dass eine Ware, die einen geringen Preis erzielt, deswegen nicht nutzlos wird: Sie ist weniger wert (in Geld), aber deswegen nicht weniger nützlich. Also kritiisert er, den utzen (ist das deine »Qualität«) einer Ware allein am Preis festzumachen.

Er erkennt, dass der Arbeiter dadurch vielfältiger einsetzbar wird (anders, als es durch vor allem durch Zünfte definierte Berufe und Tätigkeiten der Fall war).

Zünfte sind hier off-topic. Zünfte haben den wirtschaftlichen Vorsprung gedämpft, durch z.T. Kartellartige Vorschriften, oder zuweilen auch dadurch, dass es den Meistern verboten wurde, etwas Neues zu erfinden. Aber darum geht es in deinem Zitat, das du kommentierst, nicht.

Was Marx meint ist ja, dass durch die Verwendung von Maschinen es keine Spezialisten mehr braucht, sondern ungelernte Arbeiter können mit Hilfe der Maschinen verrichten, was sonst nur ein Geselle oder gar ein Meister konnte. Er projiziert das für die Zukunft so weit, dass im »Kommunismus« jeder problemlos jede Tätigkeit ausüben kann … (war doch mal Nebenthema woanders auf jesus.de).

Mit den Maschinen wächst auch die Produktivität der Arbeiter. Mehr kann in kürzer Zeit geschafft werden.

Marx macht das aber nicht an den Maschine fest, sondern an

je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andren Schichte zuwälzen kann

Solange die Arbeiter ausgebeutet werden, müssen sie »endlos« schuften, wenn die Arbeit gerechter verteilt wird, erhalten auch die einfachen Arbeiter die Freizeit die bisher nur die Oberschicht hat. Oder so ähnlich.

Er hat kein Verständnis für das Gewerbe des Händlers

Das war ja auch ein Nebenthema. Dienstleistungen (von persönlichen Diensten einer Dienstmagd oder eines Kammerdieners etc. mal abgesehen) waren damals ökonomisch peripher, und deshalb von Marx nicht im Blick. Und du blendest Zinsen, »Renten« (also Dividenden etc.) aus, die Marx explizit erwähnt, und nun tatsächlich Mehrwert sind, für den der, der ihn erhält, nichts tun muss. Aber irgend jemand muss das ja erarbeitet haben, den Geld kann man ja nicht essen, wie es ein Hollywoodfilm einem Indianer in den Mund gelegt hat …

Karl Marx sieht auch die Grenzen der Ausbeutung und dass es eine Zeit geben wird, wo die Ausbeuter ausgebeutet werden, wo es neues Privateigentum geben wird

Ich lese was von einem Vergleich der »Enteignung« der vielen durch die Zentralisierung des Kapitals in den Händen weniger, was ein langwieriger Prozess war, und der Enteignung der Kapitalisten zugunsten der Volksmassen (also offensichtlich nach der Weltrevolution), was laut Marx vergleichsweise einfach und schnell geht. Und da gibt es dann eben kein »neues Privateiegentum«, sondern laut Marx gesellschaftliches Eigentum.

Soweit inhaltlich die Ideen des Karl Marx.

Ich sehe da eine Reihe von Missverständnissen. Mag sein, dass in einigen Punkten ich falsch liege und du Marx besser verstanden hast als ich (wie gesagt: bin kein Experte), aber offensichtlich hast du so Manches bei Marx falsch verstanden.

Und was ich nicht kommentiert habe, war auch nach meiner Ansicht im Wesentlichen richtig kommentiert, bzw. ich konnte das nicht beurteilen.

hkmwk antworten
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GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

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@hkmwk Versteh den Zusammenhang nicht zu dem, was Marx sagt.

So wie ich Marx verstehe, ist es ihm wichtig, dass ein Produkt seinen Wert durch die Arbeit erhält, die da drin steckt. Das, was mir an einem Produkt besonders zusagt und weshalb ich bereit bin, dafür dann auch einen höheren Preis zu bezahlen, wird bei ihm als Fetisch bezeichnet. Wirtschaftlicher Erfolg und höherer Preis hat ja grade etwas mit dem Design, der Qualität der Fertigung oder besonderer Funktionalität zu tun. Für Karl Marx ist ein Stuhl und Stuhl und wenn der italienische Designer da mehr Geld dafür haben will, dann sieht Marx das als einen Fetischismus an, den da Verkäufer und Käufer treiben.

Das ist etwas, wo ich ihm nicht zustimmen will. Die Welt wird unsinnlich, wenn wir nicht das, was Marx als "Fetischismus" bezeichnet, zulassen. Ich bin froh, dass ich in einer vielfältigeren Produktwelt aufgewachsen bin. Klar hätte ich auch mit deutlich einheitlicherer Umwelt aufwachsen können, aber für mich ist auch Produktdesign eine Kulturfrage und oft bringt Innovation entscheidende Schritte vorwärts.

Ich lese aus der Kritik an der Marktwirtschaftslehre (»Freihandelshausierer«) doch gerade heraus, dass die Reduktion auf den Tauschwert (also das Vernachlässigen dessen, was du als unterschiedliche Qualität beschreibst) ein Fetischismus ist. Also das Gegenteil von dem, was du schreibst.

Das habe ich ganz deutlich anders gelesen. Marx will nicht wahrhaben, dass Preise im Rahmen einer Marktlage festgelegt werden. Für ihn zählt nur die Arbeit, die drinsteckt.

Zünfte sind hier off-topic. Zünfte haben den wirtschaftlichen Vorsprung gedämpft, durch z.T. Kartellartige Vorschriften, oder zuweilen auch dadurch, dass es den Meistern verboten wurde, etwas Neues zu erfinden. Aber darum geht es in deinem Zitat, das du kommentierst, nicht.

Ich meine sogar, dass Marx irgendwo die Zünfte direkt anspricht. Aber da kann ich mich irren. Auf jeden Fall ist das ja eine Situation, von der wir herkommen. Die Arbeiter waren beruflich fixiert. Sie hatten bestimmte Aufgaben und sie hatten konkrete Fähigkeiten. Das verwäscht im Maschinenzeitalter. Damit werden die Arbeiter einerseits freier, auch einfach mal etwas ganz anderes zu machen. Andererseits kommen sie aber in eine Abhängigkeit hinein, die fast drückender ist.

Marx nun definiert den Wert der Arbeit durch den Mehrwert, der durch die Arbeit entsteht: Der Preis für das Produkt, abzüglich dem Preis für alle Rohstoffe, das ist der Wert der Arbeit.

So wie ich Marx verstehe, kommt der Mehrwert von nicht bezahlter Arbeit des Arbeiters. Dadurch entsteht auch überhaupt erst Kapital, daher kommt der Gewinn, der sich dann akkumulieren und zentralisieren kann. Der Gewinn, der durch Handel hinzukommt, ist auch etwas, was Marx nicht gerne sieht. Für ihn ist das etwas, für das nicht gearbeitet wurde.

Solange die Arbeiter ausgebeutet werden, müssen sie »endlos« schuften, wenn die Arbeit gerechter verteilt wird, erhalten auch die einfachen Arbeiter die Freizeit die bisher nur die Oberschicht hat. Oder so ähnlich.

Das ist die Praxis, auf die es meist hinausläuft. Aber Marx sieht das schon auch differenziert. Theoretisch könnte die Freizeit auch gerechter verteilt werden - in der Arbeitswelt, wie Marx sie erlebte, schuftete die Masse, damit eine bestimmte Klientel weniger arbeiten muss.

Und du blendest Zinsen, »Renten« (also Dividenden etc.) aus, die Marx explizit erwähnt, und nun tatsächlich Mehrwert sind, für den der, der ihn erhält, nichts tun muss.

Eigentlich nicht. Dieser Aspekt findet sich bei der 3-Klassengesellschaft. Da hat man einmal die Arbeiter, die ihre Arbeitskraft zu Markte tragen und vor der sie leben, das Proletariat. Dann haben wir die Kapitalisten, die vom Mehrwert leben, von dem Geld, was sie mehr für die Produkte verlangen als wie sie die Herstellung inklusive Lohnkosten gekostet hat. Und die Renten haben wir bei den Grundbesitzern, die von der Verpachtung von Ländereien oder Immobilien leben können.

Ich lese was von einem Vergleich der »Enteignung« der vielen durch die Zentralisierung des Kapitals in den Händen weniger, was ein langwieriger Prozess war, und der Enteignung der Kapitalisten zugunsten der Volksmassen (also offensichtlich nach der Weltrevolution), was laut Marx vergleichsweise einfach und schnell geht. Und da gibt es dann eben kein »neues Privateiegentum«, sondern laut Marx gesellschaftliches Eigentum.

Das, was Du da schreibst, hätte ich bei Marx erwartet - aber ich habe es so nicht gefunden.

Die Thematik ist hier behandelt:

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Marx,+Karl/Das+Kapital/I.+Band%3A+Der+Produktionsproze%C3%9F+des+Kapitals/VII.+Der+Akkumulationsproze%C3%9F+des+Kapitals/24.+Die+sogenannte+urspr%C3%BCngliche+Akkumulation/7.+Geschichtliche+Tendenz+der+kapitalistischen+Akkumulation?hl=die+aus+der+kapitalistischen+produktionsweise+hervorgehende+kapitalistische+aneignungsweise

Marx beschreibt da einen geschichtlichen Ablauf.

Da kommen wir her:

Das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln ist die Grundlage des Kleinbetriebs, der Kleinbetrieb eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion und der freien Individualität des Arbeiters selbst. Allerdings existiert diese Produktionsweise auch innerhalb der Sklaverei, Leibeigenschaft und andrer Abhängigkeitsverhältnisse. Aber sie blüht nur, schnellt nur ihre ganze Energie, erobert nur die adäquate klassische Form, wo der Arbeiter freier Privateigentümer seiner von ihm selbst gehandhabten Arbeitsbedingungen ist, der Bauer des Ackers, den er bestellt, der Handwerker des Instruments, worauf er als Virtuose spielt.

Dann kommt der Kapitalismus:

Sobald dieser Umwandlungsprozeß nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eignen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und andrer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine neue Form. Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist.

Marx spricht hier auch die Globalisierung des Kaptialismus an.

Dann aber kommt die Krise des Kapitalismus:

Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden[790] und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbstgeschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.

Marx spricht hier den Punkt an, wo das System kippt. Ich sehe da keinen Aufruf, dies selbst herbeizuführen. Ich verstehe es als eine prognostische Beschreibung von Abläufen, die sich (systemtheoretisch zu erwarten) so abspielen werden.

Die kleine Liga der Kapitalisten übertreiben es, der Druck im Kesses wir zu groß und die Arbeiterschaft übernimmt das Kapital.

Das führt dann zu folgendem Resultat:

Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.

Hier hatte ich etwas falsch gelesen. Es geht da nicht um Aktienbesitz. Es geht um individuelles Eigentum in Form von vereinnahmter Erde als gemeinschaftlicher Besitz (ähnlich Allmende?) und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.

Zusammenfassend:

Verwandlung des tatsächlich bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches. Dort handelte es sich um die Expropriation der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, hier handelt es sich um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse.

Da haben wir dann die Idee des gemeinschaftlichen Eigentums und ein fettes Problem in der Marxschen Theorie: Jeder, der das "Problem der Allmende" kennt, weiß, was ich damit meine: Etwas, was allen gehört, wird oft weniger gepflegt, wird mitunter individuell ausgenutzt und ist oft ziemlich bald in einem erbärmlichen Zustand. Das ist eine Entwicklung, die sich zu jeder historischen Zeit an so gut wie jedem Ort auf der Welt finden lässt. Es scheint, als widerspräche die Idee der Allmende der Biologie des Menschen, der sich um Privateigentum meist mehr kümmert als um Gemeineigentum ohne direkte Verantwortung.

 

goodfruit antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

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@goodfruit 

So wie ich Marx verstehe, kommt der Mehrwert von nicht bezahlter Arbeit des Arbeiters.

Kann sein, dass ich das falsch verstanden habe. Demnach setzt sich der Preis zusammen aus den Kosten für die Grundstoffe, dem Lohn der Arbeiter und dem Mehrwert. Und worin wir wohl noch auseinander liegen: Der Wert der Arbeit (der eigentlich dem Arbeiter zufallen sollte) besteht aus Lohn und dem Mehrwert, der Mehrwert wird dem Arbeiter gewissermaßen abgeknöpft. So habe ich bisher immer das verstanden, was mir über die Gedanken von Marx erklärt wurde.

Ich sehe da keinen Aufruf, dies selbst herbeizuführen. Ich verstehe es als eine prognostische Beschreibung von Abläufen,

Marx hatte sich selbst ja als einen Denker (Philosophen) gesehen, der die Zukunft wissenschaftlich vorhersagt. Also die Weltrevolution als unausweichlich kommendes Ereignis gesehen. Nach seinem Tod wurde immer mehr klar,m dass es irgendwie anders kommt. Und in den Teilen des Kapitals, die Engels nach dem Tod von Marx herausgegeben hat, ist das wohl schon etwas berücksichtigt worden,

Ich erinnere mich jedenfalls an etwas, dass ich in dem Taschenbuch »Der Minister und der Terrorist« gelesen habe. Der größte teil des Buchs bestand aus einem Gespräch zwischen dem damaligen Innenminister Baum, und dem ehemaligen Terroristen Horst Mahler, der sich gerade von der RAF losgesagt hatte. (Dass Mahler später rechtsradikal wurde, war noch nicht absehbar, auch wenn Baum in einer Art Nachwort einiges kritisierte, wo sich wohl erste Ansätze dazu zu zeigen begannen) Mahler hat da erwähnt, dass Engels die Aktiengesellschaft als »Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise« bezeichnet hat.

Hier hatte ich etwas falsch gelesen. Es geht da nicht um Aktienbesitz. Es geht um individuelles Eigentum in Form von vereinnahmter Erde als gemeinschaftlicher Besitz

Das hatte ich ja gesagt. Insofern sind wir uns da jetzt einig. Die Allmende ist eine frühe Form von Gemeineigentum, im »Sozialismus« wird so was nach der Weltrevolution die Regel sein (laut Marx). Und sviw nicht nur die Erde, sondern auch die Produktionsmittel werden vergesellschaftet.

Dort handelte es sich um die Expropriation der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, hier handelt es sich um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse.

Dieses Zitat kann man so verstehen, dass es da um die Enteignung der Kapitalisten (nach der Weltrevolution) geht, aber möglicherweise auch eher so, wie oben angedeutet. Ich bin mir nicht sicher.

Und bevor wir weiter rumraten, habe ich jetzt mal Jack-Black um Hilfe gerufen, in der Hoffnung, dass er mehr Experte ist als du und ich.

hkmwk antworten
Jack-Black
(@jack-black)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 3371

@hkmwk Und bevor wir weiter rumraten, habe ich jetzt mal Jack-Black um Hilfe gerufen, in der Hoffnung, dass er mehr Experte ist als du und ich.

Das ehrt mich, aber leider trog Dich die Hoffnung. Meine Beschäftigung mit dem Capital ist gute 30 Jahre her - und viel ist nicht hängengeblieben. Falls es hier vornehmlich um den marx'schen Mehrwertsbegriff gehen sollte, finde ich den Wikipedia-Eintrag allerdings schon ganz hilfreich.

jack-black antworten
GoodFruit
(@goodfruit)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 2519

@hkmwk Das mit dem Mehrwert scheint auf jeden Fall die Quelle für den Kapitalisten zu sein, am Werk der Arbeiter reich zu werden, egal, ob wir es so denken, wie ich es verstanden habe oder wie Du es verstanden hast.

Den Gedanken, über eine Aktienbeteiligung die Firmen teilhaftig zu werden, passt ja schon und ich hatte den ja auch. Aber ich glaube kaum, dass Karl Marx daran gedacht hat. Du kannst da ja immer nur ein kleines Stück erwerben und das meisten wird wohl immer denen gehören, die eh schon den Löwenanteil daran haben. Wenn ich Aktien kaufe, dann mache ich das ja, weil ich mir davon Gewinn erhoffe und nicht weil ich der Boss von dem Laden werden will.

Ich denke, dass Karl Marx die maximale Eskalation der Ausbeutung für unausweichlich gesehen hat. So ist es ja nicht gekommen. Bei uns nicht, weil man angefangen hat, die Not der Arbeiter durch Gesetze einzuschränken und so eine übermäßige Ausbeutung zu verhindern. Letztendlich diente das dann ja sogar den Unternehmern.

Ich erinnere mich, dass in den USA manche Banker in der schweren Bankenkrise die Politiker angefleht hatten: Wir sind gierig wie wilde Tiere, wir können uns nicht mäßigen - bitte schränkt uns in unseren Möglichkeiten ein!

Das war dann aber schon ziemlich bald vergessen und es hat nicht die Rücknahme der Freiheiten, die Ronald Reagan mal eingeführt hatte und die zu den unseriösen Geschäften geführt haben, gegeben.

Angeblich soll Joe Biden ja einiges an der Not der wohnungslos gewordenen Bürger verbessert haben. Aber der große Befreiungsschlag kam wohl eher nicht.

Auch wenn ich nach Bangladesch schaue, wo Menschen diese extremste Ausbeutung erleben müssen, so sehe ich doch auch da nicht den großen Umsturz, den Marx für unausweichlich gehalten hat.

Und da, wo es kommunistische Umstürze gegeben hat, ist mein Eindruck, dass eine machtgeile Klientel die Marxschen Gedanken nur als Vorwand genommen hat, um sich selber zum Diktator zu küren.

Der Teil seiner Analyse und Vorhersagen war mit Sicherheit falsch.

Die Allmende ist eine frühe Form von Gemeineigentum, im »Sozialismus« wird so was nach der Weltrevolution die Regel sein (laut Marx). Und sviw nicht nur die Erde, sondern auch die Produktionsmittel werden vergesellschaftet.

Die Allmende ist ein heikles Thema. Wo es sie gab, wurde sie zu meist übernutzt oder verwahrloste. Entweder hat der einzelne Nutzer dieses Gemeinbesitzes so viel herausgeholt, dass die Fläche übernutzt und geschädigt wurde, oder aber es fühlte sich keine verantwortlich und so hat sie keiner gepflegt und erhalten.

Um eine Allmende zu erhalten, braucht es Kümmerer, die sie intensiv und beharrlich betreuen - und das auch noch uneigennützig. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass es solche Persönlichkeiten in einer Gemeinschaft gibt. Viel wahrscheinlicher ist der baldige Ruin des Gemeineigentums.

Als die Russen die Waffen und die Munition aus Nordkorea bekamen, mussten sie feststellen, dass ganz viel nicht brauchbar war. Manchmal fehlten sogar wichtige Teile und die Sache war nicht funktional. Ich habe dazu einen Kommentar gehört, dass so etwas im Kommunismus normal sei. Die wirtschaftliche Not ist groß und wenn es Gelegenheit gibt, Bauteile unter der Hand zu verkaufen, dann wird das oft auch gemacht.

Erst gestern las ich von chinesischen Raketen, die mit Wasser statt mit Raketentreibstoff befüllt worden waren. Da mag ein friedensbewegter Mensch gehandelt haben - viel wahrscheinlicher ist aber, dass es da einen Markt für Raketentreibstoff gab und jemand nen schnellen Renminbi gemacht hat.

Man sieht es auch an den Rollern, die überall in den Innenstädten rumstehen. Die sind zwar kein Gemeineigentum, aber sie können von allen genutzt werden. Es gibt Untersuchungen, wonach diese Roller keinen wirklichen Beitrag zum Umweltschutz als elektrisch getriebenes Fahrzeug leisten. Ist so ein Roller aber in privater Hand und wird nur von dieser Person genutzt, dann sieht es ganz anders aus. Diese Roller sind wertvolle Hilfen, um Energie und CO2 einzusparen.

Privateigentum wird anders gepflegt, anders genutzt und bekommt so einen anderen gesellschaftlichen wie umweltpolitischen Wert. So etwas ist mit Gemeineigentum unerreichbar.

Dazu kommt dann noch das innovationsfeindliche Umfeld von solchen kommunistischen Konzepten. Unterm Strich gehen solche Konzepte regelhaft nach hinten los.

Trotzdem ist die Konzentration und Akkumulation von Kapital, wie das Marx richtig vorhergesehen hat, ein großes Problem. Manche Superreiche geben viel Geld weg. Das ist eine sehr reife Haltung und letztendlich helfen sie mit dazu, dass das System nicht kollabiert und alle inklusive sie selbst überhaupt nichts mehr haben. Aber leider ist das Horten über jedes Maß hinaus eine Sache, die die ganze Situation nachhaltig belastet. Und es ist ja nicht so wie im Gleichnis des reichen Kornbauerns, dass Gott das Problem regelhaft über Sterbefälle löst.

Umso größere Achtung habe ich vor Superreichen, die ihr Kapital wirklich segensreich investieren und nicht einfach nur darauf rumsitzen. Ich denke z.B. an die Lidlstiftung. Dieter Schwarz steht ja eigentlich nie in der Öffentlichkeit. Aber das, was er in seiner Region investiert, ist weit sichtbar und für die Menschen dort ein großer Segen. Und, glaube mir, es kommt auf diesem Wege mehr für die Menschen dabei heraus, als wenn man ihn enteignen würde und irgendein halbgares Kollektiv das Unternehmen in den Ruin wirtschaftet ...

In diesem Sinne habe ich Achtung vor Karl Marx als Denker und als Wissenschaftler. Aber seinen Theorien kann ich keinen praktischen Nutzen abgewinnen - außer dem, dass es keine gute Idee ist, Arbeiter auszubeuten und so das System, auf dem letztendlich alle sitzen, zum Einsturz zu bringen.

Viele Grüße

GoodFruit

goodfruit antworten
Helmut-WK
(@hkmwk)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

Beiträge : 7007

@goodfruit 

Ich erinnere mich, dass in den USA manche Banker in der schweren Bankenkrise die Politiker angefleht hatten: Wir sind gierig wie wilde Tiere, wir können uns nicht mäßigen - bitte schränkt uns in unseren Möglichkeiten ein!

Ich nehme an die so gefleht haben waren keine wilden Tiere, sondern meisten ihre Kollegen. So wie es in D Millionäre gibt, die eine Vermögenssteuer fordern …

Aber der Bund der Steuerzahler (also der Leute, die viele Steuern bezahlen, weil sie so gut verdienen) fordert natürlich das Gegenteil - so ähnlich dürfte es in den USA auch sein.

Und da, wo es kommunistische Umstürze gegeben hat, ist mein Eindruck, dass eine machtgeile Klientel die Marxschen Gedanken nur als Vorwand genommen hat, um sich selber zum Diktator zu küren.

Kommunismus = Marxismus-Leninismus. Und ich zitiere gerne Trotzky, der Lenins These von der führenden Rolle der Partei als Projekt einer Diktatur über das Proletariat bezeichnet hat. Allerdings hat er sich im 1.Weltkrieg dann doch mit Lenin zusammengetan und den Oktoberputsch von 1917 maßgeblich geleitet (Lenin war nicht in Petrograd).

Dass Trotzky von der Diktatur über das Proletariat, die er selber (mit)errichtet hat, am Ende abserviert (von von Stalins Schergen in Mexiko ermordet) wurde, erscheint mir wie eine gerechte Strafe.

Der »real existierende« der kommunistischen Staaten hatte mit Marx nur nebenbei zu tun, das fängt, wie gesagt, schon damit an, dass die Diktatur nicht von der Mehrheit, sondern einer Minderheit ausgeübt wurde. Am ehesten dürften Jugoslawien und Schweden dem Sozialismus à la Marx entsprochen haben - der Unterschied zwischen beiden deutet schon an, wie sehr der Vergleich zu Marx hinkt.

Die Allmende ist ein heikles Thema.

Inzwischen gibts auch Untersuchungen die sagen, ganz so schlimm war es nicht, die Allmende wurde aus anderen Gründen aufgegeben. Wie dem auch sei.

Trotzdem ist die Konzentration und Akkumulation von Kapital, wie das Marx richtig vorhergesehen hat, ein großes Problem.

Das hat er nicht vorhergesehen, das hat er erkannt - und das Problem besteht heute noch. Das würde ich als »Analyse« von Marx bezeichnen, bei der er zu einem nicht geringen Teil Recht hatte. Aber die Vorhersagen von Marx begannen mit einer simplen Projektion in die Zukunft, da mussten schon Engels, die »Revisionisten« und Lenin etc. erkennen, dass das so nicht stimmt. Die Weltrevolution und alles, was darauf folgen sollte, blieb denn auch aus.

Umso größere Achtung habe ich vor Superreichen, die ihr Kapital wirklich segensreich investieren und nicht einfach nur darauf rumsitzen. Ich denke z.B. an die Lidlstiftung.

Das heißt aber in der Praxis, dass für »Sozialstaat« de facto der Reiche mit seiner Stiftung zuständig ist. Gut für die, die er bedacht, schlecht für die, die er übersieht oder gar absichtlich nicht unterstützen will. Das ist jetzt für alle entsprechenden Stiftungen gesagt, nicht speziell auf Lidl.

Aber seinen Theorien kann ich keinen praktischen Nutzen abgewinnen

Da gibt es wohl mehr Nutzen als du denkst - etwa die Mehrwertsteuer. Aber das ist alles kalter Kaffee. Impulse für die Zukunft erwarte ich von Marx nicht. Und Lenin sollte man am besten ganz vergessen - theoretische Beiträge, wie man effektiv eine Diktatur aufbaut oder warum die Relativitätstheorie die falschen philosophischen Grundlagen hat (und darum abzulehnen ist) sind nun wirklich überflüssig (außer ggf. für Leute, die gerne Diktator werden wollen).

hkmwk antworten


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