Muslime sind Menschen! Warum ist das so schwer?
Ich bin gerade auf einen früheren Beitrag einer Satiresendung gestoßen, die ich früher einmal sehr gemocht habe. Jetzt gucke ich diese Sendung nicht mehr, auch nicht mehr die heute show. Mich nervt deren Tonfall mittlerweile.
Diesen Beitrag halte ich jedoch für ganz besonderst widerlich.
https://www.ardmediathek.de/video/extra-3/die-geschichte-der-taliban-in-afghanistan/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS85Y2U5YjgzOS0yN2JiLTRjNjItYTE5YS1jMTU3MTk0ZWE2YWY
Natürlich will ich nicht die Taliban und deren Ideologie verteidigen. Natürlich tun mir die Frauen in Afghanistan leid.
Es geht mir nur darum, daß Christian Ehring behauptet, daß das was die Sowjetarmee von 1980 bis 1988 in Afghanistan getan hat, nämlich -zitausende traumatisierte Waisen hinterlasse, nichts mit der Entstehung der Taliban zu tun hat. Waisen um die sich niemand gekümmert hat, außer diesen ultraradikalen Koranschulen in Pakistan.
Es entsetzt uns zu Recht, was die russische Armee in der Ukraine "veranstaltet". Aber was sie in Syrien getan hat, und was sie in Afghanistan getan hat, kümmert uns nicht. Wir billigen Muslimen keine menschlichen Emotionen zu. Keine Schmerzen, keine Trauer, keine Verzweiflung.
Tatsächlich jedoch hat die Sowjetarmee damals jedes Dorf einzeln auseinandergenommen. Die Schätzungen der toten Zivilisten liegen zwischen 0,6 und 2 Millionen.
Diese toten Zivilisten waren beispielsweise auch Eltern. Und sie haben Kinder hinterlassen, die niemandem mehr vertrauen konnten und nicht mehr wussten wohin mit ihrem Schmerz.
Viele dieser Kinder kamen in ultraradikale Koranschulen in Pakistan. Ist eine andere Geschichte und wäre jetzt zu weitschwafelig, wann und warum diese Koranschulen entstanden sind.
Und auch ansonsten ist die Geschichte Afghanistans wesentlich komplexer als Ehring sie darstellt.
In den 1970ern hatte Afghanistan eine sehr gespaltene Gesellschaft. Die Städte waren pro-westlich und wollten modern leben, der Landbevölkerung ging das zu schnell. Landbevölkerung ist immer konservativer als Städte, das ist bei uns nicht anderst. Insbesondere ist es aber in Ländern spürbar, wo die Großfamilie noch die Überlebensgarantie ist. Überleben geht nunmal vor Demokratisierung, liberalen Ideen usw.
Ebenfalls von 1980 bis 1988 finanzierten westliche Staaten dem irakischen Diktator Saddam Hussein einen gnadenlosen Krieg gegen den Iran, in welchem die Mullahs ein Jahr zuvor die Anti-Schah-Revolution gekapert hatten. Ironischerweise verkauften die USA dem Iran auch noch Panzerfäuste. https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Golfkrieg#Liste_der_Waffenverk%C3%A4ufe_an_Iran_unter_dem_Schah
Die Schätzungen der Kriegstoten insgesamt gehen von 367.000 bis über 1 Million.
Irgendwie kann sich hier niemand vorstellen, warum 1988 beide Diktaturen fest im Sattel saßen. D.h. warum dort niemand zwischen Hunger, Bombenangriffen und Beerdigungen den Nerv für demokratische Verfassung nach westlichem Vorbild, Liberalisierung und so hatte. Auch hier ist unser Urteil: Muslime haben keine menschlichen Emotionen. Sie sind nicht erschöpft, sie haben keine Schmerzen, keine Angehörigen, sie trauern nicht.
Bekanntlich annektierte der Irak 2 Jahre später, 1990, Kuweit. War Völkerrechtswidrig, hätten sie nicht tun dürfen. Klar. Wenn man aber vergleicht, wie vergleichsweise wenig bei dieser Annexion passiert ist, und was Saddam Hussein zuvor ERLAUBT wurde, einschließlich Giftgas: Wo ist da die Konsistenz?
Die ganze "Refugees Welcome"-Romantik können wir vergessen, wenn es uns nicht gelingt, Muslime als Menschen anzuerkennen.
Das bedeutet nicht, alles im Islam gut und richtig zu finden.
Es bedeutet einfach, einzusehen, daß auch Msulime Menschen sind.
Und genau wie wir manchmal auch einfach alles nicht mehr ertragen können. Und an einen Punkt kommen können wo sie, genau wie wir. auch zerbrechen können.
Bei einem bin ich mir ziemlich sicher.
Das was wir normale Bürger meinen, von den Hintergründen solcher Kriege und Konflikte zu wissen, egal wie gut informiert wir meinen zu sein hat oft wenig mit der Wahrheit zu tun.
Ich bin da also vorsichtig, wie damals etwas wirklich war.
Aber ich finde auch dass Du hier in einigen Punkten sehr verallgemeinerst. Wobei ich Dir in einigen Punkten durchaus Recht gebe.
VG
Chey
Sowohl Extra3 wie auch heuteshow sind schon länger keine Satire mehr, sondern Blödelfernsehen mit Schenkelklopferhumor und hohem auf Kumpelhaftigkeit schielendem Fäkalhumoranteil.
Was das Thema Afghanistan angeht, so hab ich keine Ahnung, wie man mit dem umgehen sollte. Die Lage in dem Land ist derartig verfahren - ich habe keine Idee, was ich diesbezüglich veranlassen würde, selbst wenn ich diktatorische Macht über die deutsche Aussenpolitik besäße. Als Thema für solchen TV-Blödsinn taugt es jedenfalls nicht.
Und wenn am Ende bei dem hach!-so-lustigen Lied irgendwas von Menschenrechten geträllert wird, dann zieht die Gebührenzahler-Scham schon spürbar in den Schläfenlappen. Sollte sich nicht langsam herumgesprochen haben, dass die Menschenrechte vom kapitalistischen Wertewesten regelhaft nur dann zur Sprache gebracht werden, wenn's gerade ins eigene imperialistische Kalkül passt? Ab und an rutscht unserer Obrigkeit ja mal ein ehrliches Wort heraus a la "Deutsche Interessen werden am Hindukusch verteidigt" oder "die Ukraine erledigt Drecksarbeit für uns". Aber das ist eben die Obrigkeit, die Repräsentanz der Macht, der herrschenden Klasse, die da spricht und die Sachzwänge damit offenbart, unter denen jede nationale Regierung im globalen Kapitalismus steht. Satire indes sollte, um sich ihrer Bezeichnung auch würdig zu erweisen, tunlichst davon absehen, zum Sprach- bzw. Resonanzrohr der Macht zu werden.
Ich kann also Deinen Ärger gerade über diese Sendung sehr gut nachvollziehen: billige Witzeleien ohne jedes Risiko, gewissermaßen mit Zustimmungsgarantie bei der TV-Gucker-Mehrheit. Keine erkennbare, bzw. nachvollziebare konstruktive Intention (wie sollte sich der Zuschauer von nun an anders verhalten als bisher?) und wirklich nullkommanullnullnullein Prozent Informationsgehalt.
Allerdings wäre es m.A.n. durchaus angebracht, zwischen Muslimen generell und Taliban im Speziellen zu unterscheiden und nicht jedem, der was gegen die Taliban hat (oder gegen ISIS oder die Hamas oder die Muslimbrüder oder...), sofort zu unterstellen, er/sie würde Muslime nicht als Menschen ansehen. Dass es leider genügend islamhassende Rassisten gibt, die alle Muslime in denselben Sack stecken möchten, auf den sich dann bequem einprügeln lässt, ist mir bewußt. Umso mehr sollte man aufpassen, Leute, die da zu differenzieren wissen, nicht in den Sack mit solchen Rassisten zu stecken.
Ich persönlich lehne den Islam als besonders unaufgeklärte und m.A.n. leider auch tendenziell unaufklärbare religiöse Ideologie übrigens ab, ohne irgendeinem Muslim damit das Mensch-Sein abzusprechen. "Der Islam ist die Lösung!" ist in meinen Augen eina ebenso blödsinnig-ideologischer Slogan wie "Der freie Markt sorgt für Wohlstand für alle!"
Was nun allderdings die afghanischen Flüchtlinge angeht, so mögen sie ihrerseits mehrheitlich Muslime sein - die aber halt auch gerade vor anderen Muslimen fliehen; ebenso um Leib und Leben fürchtend wie beispielsweise ukrainische Flüchtlinge. Sie alle sollte man hierzulande so behandeln, wie eine humanistische Moral es idealerweise erfordert: als Menschen und (leider noch) Opfer.
p.s.: Das Verdikt "Steinzeit", bzw. "steinzeitlich" taucht mindestens zweimal in dem Extra3-Beitrag auf. Die assoziative Dummheit des Beitrags lässt sich daran ablesen: technologisch hat sich die Menschheit sicherlich seit der Steinzeit weiter entwickelt. Was aber soziale oder ethische Standards angeht, so darf da gern ein Fragezeichen gesetzt werden. Dass die Taliban nicht nach den neuesten Pariser Modetrends gekleidet oder frisiert sind und Afghanistan architektonisch oder technologisch mit Dubai, Hong Kong oder München mithalten kann - geschenkt! Aber nach ein paar Jahren Krieg im Lande sehen auch ukrainische Straßen und Menschen nicht mehr ganz so schnieke aus, und ein Spaziergang nach dem deutschen Endsieg anno 45 durch teutonische Innenstädte wäre einem sicherlich auch unwillkürlich die Assoziation "Steinzeit" in den Sinn gekommen.
Die Verachtung, die in solchen Formulierungen liegt, wendet sich aber in dem Moment gegen diejenigen, die sie verwenden, wenn man sich mal klar macht, dass eben diese Steinzeit-Taliban die hehren Recken des so unglaublich fortschrittlichen Wertewestens aus dem Land vertrieben haben. Jenes Wertewestens, der es nun nicht mal auf die Reihe kriegt, die Versprechungen einzulösen, die man einst den Angehörigen der öftlichen Hilfskräfte gemacht hatte. Was für eine traurige Schande!