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"Nein, meine Söhne geb ich nicht!"

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lubov
 lubov
Themenstarter
Beiträge : 2607

Moin zusammen!

An anderer Stelle postete vor drei Tagen jemand eine Version von Reinhard Meys "Nein, meine Söhne geb ich nicht" und nannte das Lied ein

Kleines pazifistisches Juwel:

Dort habe ich schon nachgefragt, aber ich war vielleicht etwas vorschnell, denn in dem Thread dort ist eine Diskussion vielleicht nicht so angebracht. Ich hätte aber gerne eure Gefühle, Gedanken, Meinungen zu dem Lied.

Meine Schwester schickte mir das, ich glaube, es war im März, in dieser Version.

Damals wie heute packt mich das Lied emotional sehr. Dass da engagierte Väter und Mütter musizieren, merkt man, und es ist insgesamt fast perfekt inszeniert, finde ich. Mir laufen bei dem Lied immer wieder die Tränen. Trotzdem - oder grade deswegen - hab ich hingehört. Und ich hab mich (und meine Schwester) gefragt, wer "ihr" und "euch" sein soll, die sich da "in weiche Kissen setzen" - gesungen von Deutschen, jetzt.

Von meiner Schwester habe ich keine Antwort bekommen.

Ich habe mich aber gefragt und frage mich ein gutes halbes Jahr später noch und wieder, was so ein Video wohl mit einem Menschen macht, der es hört, ihm entgegengesungen von Deutschen, jetzt, nachdem er in irgendeiner ukrainischen Stadt gerade sein Kind beerdigt hat, das durch einen russischen Angriff auf die eine oder andere Weise umgekommen ist.

"Nun werdet ihr sie nicht mit Hass verderben" - ich kenne ein paar Soldaten. Nur deutsche Soldaten, und nur "alte", die "ohne Kriegseinsatz" durch's Leben gegangen sind, besser. Aber flüchtig eben auch solche, die gekämpft haben - z.B. in Afghanistan. Die haben nicht aus Hass gekämpft, sondern weil sie selbst Mütter, Tanten, Schwestern, Töchter haben, und weil sie hofften, dadurch Menschen dabei zu unterstützen, ihren Mütter, Tanten, Schwestern, Töchtern ein besseres Leben ermöglichen zu können, und ihren Vätern, Onkeln, Brüdern, Söhnen auch. Keiner, der da gekämpft hat, tat das, weil er mit Hass verdorben war.

"Kein Ziel... sind's wert, dafür zu töten und zu sterben" - das, finde ich, kann jede und jeder für sich alleine so sagen - aber nicht für andere. "Die Kinder schützen vor allen Gefahren ist doch meine verdammte Vaterpflicht" singt da einer. Ich bin eine alleinstehende Frau, wenig Verwandtschaft, absolut keine "heroische" Figur. Aber wenn ich dafür sorgen könnte, dass meine Freundinnen und ihre Kinder dadurch die Chance haben, zu überleben, weil da ein Feind kommt, mit dem erklärten Ziel, sie zu töten - nun, ich würde zumindest billigend in Kauf nehmen, dafür zu töten, und ich wäre bereit, dafür zu sterben.

Was macht dieses Lied mit den Eltern gefallener ukrainischer Soldaten? Ihnen muss es wie Hohn in den Ohren klingen. Oder mit den Müttern der jungen Russen, die Putin tatsächlich als Kanonenfutter verheizt?

Natürlich ist Krieg Scheiße. Ohne Wenn, ohne Aber.

Was nützt es dennoch, zu sagen: "Nein, meine Söhne kriegt ihr nicht!" - wenn das dazu führt, dass eben jene Söhne im Schutt der zerbombten Wohnung sterben? Als ob ein ganzes Volk fliehen könnte! Und also ob ein ganzes Volk irgendwo aufgenommen würde! Hah! Wir sehen es doch an den Syrern und Afghanen, die kommen. Was kriegen sie zu hören: "Grade die jungen Männer kommen! Sollen sie sich doch in ihrem Land zur Wehr setzen! Was wollen sie hier! Wir wollen sie nicht! Schon gar nicht, wenn sie dann die ganze Familie nachholen!"

Und junge Russen bekommen an mehr als einer Grenze gesagt, dass ihre drohende oder erfolgte Einberufung kein Asylgrund ist.

Ich finde das Lied in seiner martialischen Aufmachung... tendenziös. Sehr gut gemacht, und darum besonders gefährlich, weil es dazu einlädt, sich von den starken Emotionen mitreißen zu lassen.

Was macht das Lied mit euch? Mögt Ihr Eure Gedanken, Gefühle, Meinungen mit mir teilen?

 

Gruß und Segen
lubov

Antwort
43 Antworten
Lucan-7
Beiträge : 16988

@lubov 

Ich habe jetzt nur mal kurz reingehört... und ich muss dazu sagen, dass ich Reinhard Mey sehr schätze. Kindheitserinnerungen und so halt.

Aber bei dem Lied muss ich mir spontan sagen: Was für eine verdammte Arroganz ist das denn?!?!

"Meine" Söhne? Sorry, da liegt ein Irrtum vor... Kinder gehören niemandem!

Natürlich habe ich Verständnis wenn man sich sorgt. Wenn man leidet, wenn die eigenen Kinder sich in Gefahr begeben. Das ginge mir nicht anders.

Aber: Wenn die Kinder sich als erwachsene Menschen dazu entscheiden, in den Krieg zu gehen, um ihr Land zu verteidigen, wie es jetzt in der Ukraine der Fall ist... dann kann man natürlich darüber reden. Aber die letzte Entscheidung bleibt bei ihnen selbst!

Und auch diese Zeile von wegen: "Ich hab' dich so und so erzogen, und jetzt hast du gefälligst auch so zu sein wie ich mir das gedacht habe!"- Ernsthaft?

Je nun... die gute Absicht in allen Ehren, aber möglicherweise entscheiden sich die Kinder dann doch für einen anderen Weg als die Eltern sich das dachten.

Und ja, das ist natürlich ein ernstes Thema.

Und dennoch empfinde ich das als falsch und übergriffig... bei aller berechtigter Sorge.

 

 

lucan-7 antworten


Alescha
Beiträge : 6322

@lubov 

Gute Gedanken zu dem Lied.

So sehr ich Reinhard Mey schätze, aber ich fürchte, hier ist er derjeinige, der in weichen Kissen sitzt. Solange keine hemmungslose Soldateska durch die eigene Stadt/das eigene Dorf zieht und wahllos Zivilisten - und damit vielleicht auch die besungenen Söhne - massakriert, lässt sich sowas bequem singen. 

alescha antworten
GoodFruit
Beiträge : 1783

@lubov Hallo Lubov,

ich bin nicht gegen eine Verteidigung und ob so ein Lied berechtigt ist oder nicht, das hängt auch von dem Umfeld ab, in dem die Soldaten rekrutiert werden.

Wenn ich da sehe, wie russische Bürger an die Waffen gerufen werden und sie werden absehbar auf Grund mangelnder Ausrüstung, mangelnder Ausbildung und mangelnder Konzepte mit sehr großer Wahrscheinlichkeit als Kanonenfutter enden - dann hat das Lied absolut Berechtigung.

Wenn meine Söhne (ich selber habe keine, aber die Bundeswehr nimmt ja auch Frauen) in einer Armee dienen wollen, die als klaren Auftrag die Landesverteidigung hat und die auf einen demokratischen Rechtsstaat eingeschworen ist und die zudem noch technologisch und auch von der Qualität und Quantität an Waffen gut gerüstet und gut ausgebildet ist - dann ist Soldat sicher ein guter und wichtiger Job.

Nun darfst Du Dich mal selber fragen, ob wir zur Zeit in Deutschland eine solche Armee haben. Ich habe da noch Berichte in Erinnerung, wo deutsche Soldaten mit schwarz angemalten Besenstilen statt Waffen ins Manöver gezogen sind und sich Panzermanschaften brüllend verständigen mussten, weil über keine geeignete abhörsichere Funktechnologie verfügten. Und wenn die Munitionisvorräte nur ein paar Tage halten - was wollen wir da mit Soldaten? Sollen die "Peng-Peng" rufen und so den Feind erschrecken? Das alles kontrastiert dann enrom mit der Qualität, die deutsche Rüstungsschmieden anzubieten haben.

Ich hielte eine deutsche Verteidigung mit modernen Waffen und Konzepten für dringend geboten - aber da sind wir wohl weit davon entfernt. Aus diesem Grund bietet sich vielleicht als gute Alternative der Dienst in einer Gebetsarmee an ... Und so halte ich denn das Lied des Aachener Chorprojektes als passend für diese Zeit und dieses Land.

Die ukrainische Armee war materiell und von der Bildung her bestens auf den Angriff der Russen vorbereitet - sonst hätte das alles nicht so funktioniert. Und wenn ich Interviews mit Ukrainern gesehen habe, dann hat das jedesmal meine Achtung vor diesen Menschen erhöht - unabhängig ob es Zivilisten waren, die in dem Wahnsinn ihren Job weiter gemacht haben z.B. um Felder zu bestellen oder ob es Soldaten waren oder Zivlisten, die sich einfach nen liegengebliebenen russischen Panzer geschnappt haben und mit ein paar Leuten ihre private Verteidigungseinheit begründet haben. Da wird soldatisch ein verantwortungsvoller und auf Grund der Vorbereitung und des verfügbaren Materials auch ein verantwortbarer Krieg geführt und da wäre das Lied dann wohl unangebracht.

Auf der anderen Seite sehe ich nicht, dass wir alle Hoffnung auf eine gute Armee setzen sollten. Wenn da Atomraketen gezündet werden, dann nutzt Dir die beste Armee nicht. Alles was da hilft ist beten - und zwar nicht erst, wenn die Dinger in der Luft sind. Ich denke, dass viel von dem ukranischen Erfolg auch von Gebeten von Menschen in aller Welt abhängt, die in diesem Land die Bastion der zivilisierten Welt sehen.

goodfruit antworten


der_alte
Beiträge : 675

@lubov erinnert mich an meinen Vater (R.I.P.) der nach 9/11 sagte, dass er mich niht gehen lassen woll, war ja zuerst unklar ob ggf. Reserve einberufen würde und damals gehörte ich noch zu der Reserve die man als erstes einberufen würde.

Wobei ich sicher gegangen wäre, Befehl ist Befehl, da gibt es kein Abweichen.

Würde auch heutzutage jederzeit eine Waffe in die Hand nehmen, würde der Staat es wollen (nur bin ich zu alt und unfit wohl, aber ich würde es sofort).

War halt interessant für mich dass er dagegen war und Pazifist war ganz sicher keiner. Der war rechts-konservativ und Öko (ass aber trotzdem Fleisch).

Irgendwie wie sein Schwiegervater/mein Opa (R.I.P.) der fand Zivis nützlich, aber sein Enkel bei denen? Der hätte mich wohl nur noch scheel angesehen wäre ich dort gewesen.

der_alte antworten
Jigal
 Jigal
Beiträge : 2996

Mir fällt dazu ein Bericht in eine Fachzeitschrift ein als in der Bundesrepublik Deutschland der Zivildienst eingeführt wurde.

Die Reaktion der Sowjetunion.

Wer sein Land nicht verteidigen will muss psychisch krank sein,

Bürger der Sowjetunion die den Dienst verweigern kommen daher in Psychiatrische Kliniken.

Dort werden schnelle Heilungserfolge erzielt.

jigal antworten


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