Neue Apostolische Reformation und das Ziel der Dominanz über die Gesellschaft
Ich habe von der ca. 6 Jahren zum ersten Mal von der NAR gehört. (die deutsche Übersetzung kann man sich ja heutzutage im Browser anzeigen lassen.)
Dann wurde ich auf diesen Artikel aufmerksam. Aus dem Artikel.
Nun, diese politische Theologie der Macht musste mit einer Mobilisierungsstrategie durchdrungen werden, um Christen dazu zu bringen, das Herrschaftsprojekt anzunehmen. Hier kommt die Idee des „Sieben-Berg-Mandats“ daher. Diese Strategie zielt darauf ab, Christen zu mobilisieren und sie zu befähigen, Top-Rollen in sieben Sphärenkulturen zu besetzen, die auch als Berge bezeichnet werden, die normalerweise verstanden werden: Regierung, Bildung, Wirtschaft, Familie, Kunst und Unterhaltung, Medien und Religion. Das ultimative Ziel ist es, Herrschaft zu etablieren, die nur erreicht werden kann, indem Christen in Führungspositionen an die Spitze dieser kulturellen Berge gestellt werden.
Und gestern fand das nationale Gebetsfrühstück mit Trump statt. Wo die Beziehung zwischen dieser Bewegung, deren Ziele und Trump offensichtlicher wurde als je zu vor. NAR wird in der evangelikalen Szene sehr kritisch betrachtet, weshalb ich überrascht bin, dass sie dennoch den christlichen Diskurs dermassen dominieren. Aber das ist ja auch ihr ausgesprochenes Ziel, jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens zu dominieren.
Bei mir tuts tuten. https://www.concordia.ca/cunews/artsci/2024/03/06/trump-and-the-new-apostolic-reformation-.html
@arcangel Das Interview stammt ja von 2024, also noch von vor Trumps Sieg bei der letzten Präsidentschaftswahl. Von der "Seven Mountains"-Strategie, die darin erwähnt wird und deren Erklärung Du auch nochmal extra auf Deutsch übersetzt hast, hatte ich schon vorher gehört/gelesen... Wo wohl? Bei Annika Brockschmidt, wieder mal: in ihrem Buch "Amerikas Gotteskrieger - Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet". Ich weiß nicht, wie oft ich hier im Forum schon auf dieses Buch hingewiesen habe, dessen Vorzug halt darin besteht, dass es von einer deutschen Autorin auf Deutsch geschrieben wurde und nicht nur zeitgeistmäßig die letzten paar Jahre seit Trump oder kurz davor im Blick hat, sondern wirklich weit zurück bis in's 19. Jahrhundert blickt und die Zusammenhänge zwischen Evangelikalismus und Politik in den USA herausarbeitet.
Insbesondere über den Begriff Dominionismus stolperte ich in diesem Buch zum ersten Mal, und auch die Seven-Mountains-Strategie lernte ich meines Erinnerns aus dem Buch kennen und muss nun bei allen möglichen Meldungen aus den USA daran denken, wie die in dieser Hinsicht einzuordnen seien. Insbesondere im Zusammenhang der "Gleichschaltung" von Bildungs- und Kulturinstitutionen sieht man dann ein Muster: dass es nicht allein der verrückt-eitle Trump ist, der sich mit den Universitäten, Museen, Forschungs- oder Kultureinrichtungen (prominentestes Beispiel dürfte das Kennedy-Center sein) anlegt, weil er in der Vergangenheit irgendwelche persönlichen Kränkungen durch sie erlitt. Sondern dass hier eben tatsächlich eine totalitäre Gleichschaltung dominionistischer Prägung im Gange ist.
Was in dem von Dir verlinkten Interview kaum vorkommt, ist dabei die rassistische Komponente der Angelegenheit. Zwar wird die Präzisierung gemacht, dass es 81% der weissen Evangelikalen waren, die 2020 für Trump stimmten. Aber ansonsten kommt das Thema nicht großartig vor. Man muss es aber im Zusammenhang stets mit bedenken, um den Erfolg des Dominionismus einordnen zu können: er ist, wenn nicht dezidiert, so doch per Ignoranz, anschlussfähig für alle möglichen rassistischen Tendenzen und damit insbesondere für weite Teile der weißen "Unterschicht".
NAR wird in der evangelikalen Szene sehr kritisch betrachtet, weshalb ich überrascht bin, dass sie dennoch den christlichen Diskurs dermassen dominieren.
Nun bin ich ja in der evangelikalen Szene nicht so unterwegs und weiß auch gerade nicht, ob Du von der us-amerikanischen Szene, der deutschen oder womöglich sogar speziell von der schweizerischen Szene sprichst. Wenn ich mir aber den Wiki-Artikel dazu durchlese, kann ich mir Deine Überraschung nicht so ganz erklären. Der Impact dieser Bewegung ist ja nicht so sehr theologischer, als vielmehr machtpolitischer Natur. Wenn wir mal annehmen, dass es Sinn ergibt, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, so haben wir hier die Entsprechung: NAR könnte man dann gewissermaßen Christianismus nennen in Unterscheidung zum Christentum. Nun reden wir allerdings vom Dominionismus statt vom Christanismus, aber ansonsten lassen sich da Parallelen ziehen. So, wie der Islamismus zwar etwas anderes ist als der Islam, aber seine Wortführer andererseits eben sich in der islamischen Welt wie Fische im Wasser bewegen können, so ist zwar auch der Dominionismus etwas anderes als das Christentum - aber findet eben in diesem einen offenen Wirkungsraum.
Wenn man (wie ich meine: zurecht!) bezweifelt, dass sich der Islam und der Islamismus sauber unterscheiden lassen, weil der Islamismus eigentlich als Kernideen nur die kompromislosere Ausführung der islamischn Ideen vertritt, so gilt Gleiches auch für Dominionismus und Christentum: Der Dominionismus ist die kompromislosere Verfolgung der christlichen Kernidee vom Primat Gottes über die Welt: logisch notwendigerweise antidemokratisch.
Selbstverständlich würde eine us-amerikanische christliche Theokratie so wenig funktionieren, wie islamische Theokratien funktionieren können: In der Praxis wird doch immer die "Herrschaft Gottes" durch die Herrschaft seiner selbsterklärten Vertreter (oder deren Marionetten) auf Erden ersetzt werden, die dann behaupten, SEIN Gesetz durchzusetzen, welches ulkigerweise stets sehr gut mit ihren Interessen kongruiert. Religiös getünchter Totalitarismus eben.
Sehr interessant hierzu fand ich diesen Beitrag von "Volksgeist" (trotz der Channelbezeichnung handelt es sich um einen englischsprachigen YT-Kanal), in welchem in aller Ausführlichkeit berichtet wird über Peter Thiel, den wohl wichtigsten Finanzier hinter der us-amerikanischen Machtübernahme durch die christlich-nationalistische Rechte. Gegen Ende des (langen, aber wirklich den Zeitaufwand lohnenden...) Videos wird bei ungefähr 1:25 ein Interview-Ausschnitt gebracht, der zeigt, was hinter der religiös-ideologischen Fassade, die darin besteht, sich selbst als Kämpfer gegen die links-woken Kräfte des Anti-Christen zu geben, steckt: Nichts, das man offen zugeben könnte: Geld- und Machtgier.
Wenn wir mal annehmen, dass es Sinn ergibt, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, so haben wir hier die Entsprechung: NAR könnte man dann gewissermaßen Christianismus nennen in Unterscheidung zum Christentum. Nun reden wir allerdings vom Dominionismus statt vom Christanismus, aber ansonsten lassen sich da Parallelen ziehen.
Das sehe ich genauso. Allerdings bezweifle ich, dass der Islamismus einfach als »Kernidee« des Islams bezeichnet werden kann. Er stellt sich selber als das da, aber es gibt auch andere »Kerne«, die das mit gleichen Recht beanspruchen können.
Der Dominionismus ist die kompromislosere Verfolgung der christlichen Kernidee vom Primat Gottes über die Welt
Nur wo findet sich das in der Bibel? Jesus sagt seine Nachfolgern Verfolgung (»das Schwert«) voraus, auch die Apostel fordern nicht auf, die Welt im Sinne des Dominionismus zu erobern. Klar, am Ende wird Gott siegen, aber nicht indem Christen was erobern, vielmehr kommt Jesus zurück, gerade als die christliche Sache verloren und das Volk Israel dem Untergang geweiht scheint.
Aus biblischer Sicht ist der Dominionismus so etwas wie die »Hure Babylon« in Of 17. Vor 500 Jahre wurde die ja mit der römischen Kirche identifiziert, nicht ohne Grund. Aber heute? Wo ist heute die Kirche, die Jesus untreu wird, indem sie mit den »Königen und Kaufleuten der Erde« ins Bett steigt? Sogar die moralische Verkommenheit einiger Renaissance-Päpste findet in der Person von Trump ihr Spiegelbild …
@hkmwk Nur wo findet sich das in der Bibel?
Spätestens am Ende des Jüngsten Gerichts, würde ich mal sagen.
Klar, am Ende wird Gott siegen, aber nicht indem Christen was erobern, vielmehr kommt Jesus zurück, gerade als die christliche Sache verloren und das Volk Israel dem Untergang geweiht scheint.
Diese eschatologischen Details wirst Du dann wohl mit den Dominionisten abklären müssen. 🙂
Aus biblischer Sicht ist der Dominionismus so etwas wie die »Hure Babylon« in Of 17.
Sagen wir mal: aus Deiner Interpretation der Bibel heraus...
Sagen wir mal: aus Deiner Interpretation der Bibel heraus...
Dass der Tag des Herrn etwas ist, dass nicht die Christen, sondern alleine Gott herbeiführt, ist orthodox. Was nicht orthodox ist, ist die Identifikation der Hure Babylons, da hat jede Epoche eigene Feindbilder hervorgebracht.
Ob die NAR auch die Hure Babylon ist, weiß ich (natürlich) nicht. Aber genauso wie die römisches des, sagen wir mal, 16. Jhs. passt sie ziemlich gut zu deren Beschreibung. Damit ist ein »so etwas wie« gerechtfertigt, denke ich.
Nun reden wir allerdings vom Dominionismus statt vom Christanismus, aber ansonsten lassen sich da Parallelen ziehen. So, wie der Islamismus zwar etwas anderes ist als der Islam, aber seine Wortführer andererseits eben sich in der islamischen Welt wie Fische im Wasser bewegen können, so ist zwar auch der Dominionismus etwas anderes als das Christentum - aber findet eben in diesem einen offenen Wirkungsraum.
Ich bezweifle das der Wirkungsraum ausserhalb der einschlägigen Kreise in den USA so offen ist. Ich bin der NAR vor Jahren begegnet und deren theologische Position schon damals kritisch und genauso wie ein Wohlstandsevangelium, ziemlich kontra evangelisch. Theologischen Strömungen welche von Aposteln (die sich natürlich selbst berufen fühlen) gab es in der Kirchengeschichte immer wieder, bei mir klingen da immer egal in welcher Couleur die Alarmglocken.
Nun bin ich ja in der evangelikalen Szene nicht so unterwegs und weiß auch gerade nicht, ob Du von der us-amerikanischen Szene, der deutschen oder womöglich sogar speziell von der schweizerischen Szene sprichst.
In Europa ist NAR maximal eine Randerscheinung. Nicht so in den USA (offensichtlich) und dort wird NAR sehr kritisch bis ablehnend betrachtet. Das sich 81% der selbst Deklarierten weissen Christen (von denen die abstimmen, was auch nur ~60% wahren), für Trump gewählt haben, hängt mehr damit zusammen, dass die Demokraten als noch unwählbarer empfunden wurden. + wie immer gilt "its the economy silly!"
nur mit Apostroph.
Danke für die Korrektur. Das mit dem Apostroph hab ich beim Copy & Correct glatt übersehen 😉
NAR wird in der evangelikalen Szene sehr kritisch betrachtet, weshalb ich überrascht bin, dass sie dennoch den christlichen Diskurs dermassen dominieren
Hmm, dominieren? Ich habe mal ab und zu was von Thesen wie territorialer Kampfführung gehört, aber das war doch eher marginal.
In welcher christlichen Ecke kann man denn sagen, dass NAR die Debatte dominiert? In der deutschen evangelikalen Ecke wohl kaum:
In 2001, the German Evangelical Alliance released a statement denouncing the spiritual warfare trip of C. Peter Wagner and Global Harvest Ministries to engage the "Queen of Heaven" territorial spirit in battle, stating that while they encouraged prayer, the movement's methods were "unbiblical".[112]
Meine Übersetzung: 2001 veröffentlichte die Deutsche Evangelische Allianz ein Statement, dass den Weg der geistlichen Kampfführung von C.Peter Wagner und Global Harvest Ministries, in der die Schlacht gegen den Ortsgeist der »Himmelskönigin« aufgenommen wird, denunziert (denounced) wird; zwar ermutigten sie zum Gebet, aber die Methoden der Bewegung seien »unbiblisch«.
Das war aus dem Wiki-Artikel zu NAR, die Fußnote verlinkt das Statement, wie es seinerzeit auf den Seiten der DEA zu lesen war (inzwischen im Internet-Archiv).
Hmm, dominieren? Ich habe mal ab und zu was von Thesen wie territorialer Kampfführung gehört, aber das war doch eher marginal.
In Europa ist NAR nicht verbreitet, aber in den USA sind sie politisch aktiv und mit der MAGA Bewegung im Bett. Die geistliche Kampfführung beschränkt sich denn bei NAR nicht nur aufs Gebet. Wagner ist zwar ein Vordenker aber nicht der Begründer der NAR
Ich hab das noch nie gehört obwohl es das lange gibt. Was denkt ihr welche Gefahren könnten konkret ausgehen
Was denkt ihr welche Gefahren könnten konkret ausgehen
Die Vermischung von Wahrheit und Lüge. Gleiche Worte, andere Inhalte. Kein Training in Unterscheidung. Die Versuchung zur Machtausübung ohne geistlich autorisiert zu sein.
Das Apostelamt der Schrift war nie politisch. Das Prophetenamt der Schrift diente u.a. der Korrektur von selbstherrlichen Leitern und Königen. Im NT ist von Ermutigung auf Gott zu hören die Rede, statt Menschen zu folgen und in die Irre zu gehen.
Das ist erstmal mein Resüme aus dem Lesen des NAR-Artikels bei wikipedia.
Was denkt ihr welche Gefahren könnten konkret ausgehen
Dass sich solche Ideen in Gemeinden ausbreiten, wenn davon gesprochen wird, dass Christen in Ämter und Kommissionen Einsitz zu nehmen, um Einfluss (oder eben Dominanz) ausüben, anstatt dort mitzuarbeiten. Da macht der Ton schnell die Musik.