Angst vor Gott?
Inwieweit spielt die Angst vor Gott tatsächlich - bewusst oder unbewusst - auch bei Christen noch eine bleibende (den Glauben grundierende bzw. ihn erhaltende) Rolle?
Ich kenne Menschen, die ihren Glauben längst aufgegeben hätten, weil sie ehrlicherweise an dem Punkt waren, dass er sie nicht mehr trägt, ihnen weder seelisch noch intellektuell eine stimmige Lebensgrundlage schenkt und ein "Freischwimmen" ins Offene für sie dran wäre - aber aus einer tiefsitzenden Angst, sie würden damit doch einer Verdammnis anheimfallen, bleiben sie in dem, was lebensmäßig längst nicht mehr für sie stimmt.
Ich nenne es eine metaphysische Angst, die sie gefangen hält ... ggü. Gott, der als "Angst-Gott" wieder auftaucht und bleibend im Hintergrund lauert, sobald sie "auszubrechen" drohen mit Lebens- und Erkenntnisschritten, die ihre bisherigen Selbstverständlichkeiten des Glaubens und der Gottesbeziehung in Frage stellen.
Ich habe auch erlebt, dass gestandene, treue und gewissenhafte Christenmenschen schwer und nicht im Frieden mit Gott ihren letzten Weg gegangen sind ...
Wo und wie - und bitte, antwortet jetzt nicht mit Glaubens-Richtigkeiten, Bibelversen und Belehrungen 😉 - kennt Ihr selber, wenn Ihr tief in Euch hineinhorcht und ehrlich seid, eine ANGST VOR GOTT ... ?
L'Chaim
Ich nicht.
Ich kann zu dem Thema so viel sagen, dass "Angst vor Gott" vermutlich ein Grund dafür war, dass ich als Kind keinen echten Glauben aufbauen konnte - was womöglich auch Auswirkungen darauf hatte, dass mir das auch später nicht mehr möglich war.
Wesentlich trug dazu eine große, bebilderte Kinderbibel bei, die den Schwerpunkt auf das AT setzte. Das NT wurde hingegen nur in wenigen Seiten abgehandelt, und die waren aus Kinderperspektive ziemlich langweilig... da lief ein Typ namens Jesus herum und erzählte den Leuten Dinge. Na ja.
Im AT ging allerdings die Post ab. Manchen Leuten ging es gut, andere bekamen richtig was ab, und manchmal wurden ganze Städte zerstört, wenn nicht gerade Welt unterging. Manchmal starben die Guten, manchmal die Bösen, und manchmal wusste man gar nicht richtig wer nun was ist.
Und in dem Buch war Gott der Gott dieser fremden Menschen, mit langen Haaren, Bärten und in orientalischen Gewändern, und was genau er eigentlich wollte war kaum nachvollziehbar. Dieser Gott war mir in jeder Beziehung unheimlich.
In der Kirche und den Kindergottesdiensten wurde mir dann irgendwas von Liebe erzählt und wie toll das doch alles ist, und ich dachte an die Menschen aus dem Buch, die auf grausame Weise gestorben waren, und nichts davon ergab Sinn für mich.
Und so blieb Gott, obwohl ich schon an ihn glaubte, dabei fremd und unheimlich. Und ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollen könnte, aber auf jeden Fall würde er streng und gnadenlos sein.
(Und nur der Vollständigkeit halber, weil so etwas immer gleich vermutet wird: Mein Vater ist ein sehr gelassener und liebenswürdiger Mensch, von dem habe ich diese Vorstellung garantiert nicht!)
Das Christentum lernte ich dann erst sehr viel später als Erwachsener kennen (Der Konfirmationsunterricht war damals so weltfremd dass er mich auch nicht weiterbrachte). Und dann begann ich die Sache noch einmal neu aufzurollen.
Bakanntermaßen habe ich die Sache auch dann nicht auf die Reihe gebracht... was geworden wäre, hätte ich früher ein positiveres Bild von Gott gehabt ist natürlich Spekulation. Ich vermute, das Ergebnis wäre wohl dasselbe gewesen, aber wer weiss was positive Erfahrungen mit Glaube und Kirche damals hätten bewirken können...
Danke für Dein persönliches und transparentes Posting.
Das Thema (grundsätzlicher, bleibender oder überwundener) "Angst" im Blick auf Gott ist für die einen kein Thema, weil sie ihre Angstfreiheit im und durch den Glauben bekennen, für andere auch nicht, weil die Vorstellung an (einen angstmachenden) Gott für sie irrelevant ist.
Manche halten "Gottesangst" sowieso für ein eher im Mittelalter (Luther!) verortetes Thema. Andere beklagen bibelgläubig gerade, dass in den liberalen Volkskirchen nur noch einseitig und verwässert von Gottes Liebe gepredigt wird, aber nicht mehr von dem Gott, der auch zu fürchten ist und von seinem Zorn. Und wiederum andere sehen in der Frage der "Gottesangst" gerade den Unterschied zwischen dem muslimisch-ambivalenten Allah und dem liebenden Abba des NT.
Wie auch immer: Meine These und Erfahrung ist aber, dass auch der christliche Glaube (und tatsächlich in seiner fromm-evangelikalen Prägung) für Viele noch den Bodensatz einer Gottesangst hat. Tilmann Mosers Buch "Gottesvergiftung" ist zwar mittlerweile ein "alter Schinken" (70er Jahre), aber Religion, Glaube und Gott sind für nicht Wenige (wenn sie ehrlich und reflektierend sind) bleibend angstbesetzt.
Oft heißt es an dieser Stelle, dass zu unterscheiden ist zwischen "Gottesfurcht" (biblisch) und "Gottesangst/Angst vor Gott" (die einem das Evangelium ja gerade nehmen will) - ich halte diese Unterscheidung im Blick auf das tatsächliche Glaubens- und Seelenleben mancher Christen (Erziehung und Frömmigkeitsmelieu spielen da tatsächlich eine nicht geringe Rolle) für nicht sauber zu trennen und de facto für ineinander-fließend.
Ein Prüfstein ist gegeben, wenn Menschen dabei sind, ihrem bis dato festgefügten Glauben (auch in einer Gemeinde-Bindung) zu entwachsen - und sie konfrontiert werden mit inneren und äußeren Simmen, die vor Untreue, Abwegen und Ungehörsam ggü. Gott warnen ...
L'Chaim
Oft heißt es an dieser Stelle, dass zu unterscheiden ist zwischen "Gottesfurcht" (biblisch) und "Gottesangst/Angst vor Gott" (die einem das Evangelium ja gerade nehmen will) - ich halte diese Unterscheidung im Blick auf das tatsächliche Glaubens- und Seelenleben mancher Christen (Erziehung und Frömmigkeitsmelieu spielen da tatsächlich eine nicht geringe Rolle) für nicht sauber zu trennen und de facto für ineinander-fließend.
Gerade weil das Evangelium die Angst nehmen möchte („Lasst euch mit Gott versöhnen“), finde ich es da notwendig, das sauber zu trennen. Jemand der Angst vor Gott hat, kann ihn nicht lieben. Also in meiner Logik.
Mag sein, dass es da so ein ambivalentes hin- und herschwappen gibt in der Praxis, die eben nichts mit Logik zu tun hat. Aber sinnvoll für die Gottesbeziehung ist das nicht.
Ein Prüfstein ist gegeben, wenn Menschen dabei sind, ihrem bis dato festgefügten Glauben (auch in einer Gemeinde-Bindung) zu entwachsen - und sie konfrontiert werden mit inneren und äußeren Simmen, die vor Untreue, Abwegen und Ungehörsam ggü. Gott warnen ...
Was meinst du damit?
Ich kenne Christen, die im freikirchlichen Kontext zum Glauben gekommen sind und beheimatet waren. Im Laufe der Zeit regten sich in ihnen aber Zweifel & Fragen an dem, was ihnen biblisch gepredigt wurde und was der klar definierte Glaube der Gemeinde ist ... sie fingen an "liberaler" zu denken, sich innerlich von bestimmten dogmantischen und moralischen Anschauungen zu entfremden, sich umzuschauen in der Welt und auch in anderen Glaubensrichtungen ...
Die Reaktion war, dass man sich um sie sorgte, dafür betete, dass sie "zurückfinden" zum rechten Glauben - und immer stärker war das von starken inneren Zweifeln begleitet, damit Gott untreu zu werden, ihn zu enttäuschen, ja auch bestraft zu werden von Gott, der das "Abweichen seiner Kinder" durchaus bestraft - bis hin zu der Vorstellung, am Ende ihres Lebens hätten sie Gottes Liebe doch wieder verspielt, es sich mit ihm verschezt, umso schlimmer, weil sie ja schon mal die Seigkeit gekostet hatten.
Gott wurde ihnen doch nocheinmal zu einem "Angst-Gott", dem gegenüber sie sich nicht mehr sicher sein konnten. Solche Prozesse gibt es nicht wenige und je fester der Glaube zuvor war, umso heftiger die Turbulenzen im Inneren. Oder auch die Warnungen seitens anderer Gemeindeglieder oder der Gemeindeleitung....
Dies ist seelsorgliche Erfahrung aus meiner pastoralen Zeit, gerade im "kleinen Grenzverkehr" persönlicher und gemeindlicher Nähe zwischen meiner Ev. Gemeinde und den FEGs und EFGs in unmittelbarer Nachbarschaft.
Und ein bisschen kenne ich es auch aus eigenen Ablösungsprozessen in frühen Jahren auf meinem Glaubensweg ins "Post-Evangelikale", in Berührung mit "liberaler" Theologie und durch frühere, innere Kämpfe & Zweifel hindurch.
L'Chaim
Gott wurde ihnen doch nocheinmal zu einem "Angst-Gott", dem gegenüber sie sich nicht mehr sicher sein konnten. Solche Prozesse gibt es nicht wenige und je fester der Glaube zuvor war, umso heftiger die Turbulenzen im Inneren. Oder auch die Warnungen seitens anderer Gemeindeglieder oder der Gemeindeleitung....
Das kann immer passieren.
Aber das ist nicht das Ende.
Kann das denn sein, ein Gott vor dem man sich fürchten muss? Dann wäre die Aussage, dass Gott gut ist, gelogen.
Wenn es einem gelingt, die Widersprüche so zu integrieren, dass sie sich wieder zu einem Gott zusammenfügen, der liebt und gerecht ist, dann braucht man keine Angst zu haben.
Ich schon.
Aber tatsächlich eher nicht so, wie du das oben beschreibst. Und vermutlich ist es eher eine gesunde Furcht. Es ist einfach so, dass ich es eher so wie Lucan empfinde. Wir sind alle auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, ohne Ausnahme. Und da ich aber an einen guten und gerechten Gott glaube, glaube ich auch daran, dass meine Fehler und mein Versagen gerecht bewertet werden und dann erwartet mich eben was immer mich erwartet. Dabei empfinde ich aber tiefste Ehrfurcht vor diesem Wesen, ebenso wie Vertrauen, und das ist es wiederum, was mich erst zum Menschen macht, der nicht komplett auf sich bezogen lebt. Diese Art der Furcht empfinde ich als heilsam, gesund und lebensförderlich. Wenn du irgendwie verstehst, was ich meine.
Hej, wie wäre es, wenn du dieses "wir sind alle auf Gedeih und Verderb ausgeliefert" nicht länger so negativ formulierst, sondern als das, was es ist: Es wird so sein. Wir dürfen vom Ende her denken, sehen, handeln. Jesus hat den Tod besiegt. Er hat die Welt überwunden. Er ist uns vorausgegangen. Er hat uns gerettet und wird uns wieder eingeliedern dahin, wohin wir von Anfang an gehören. Das steht fest.
Und ja, ich habe tiefste Ehrfurcht vor diesem Gott, vor unserem Christus Jesus, der dies ermöglicht hat in einer Welt, die höher ist als meine/unsere. Ich bin dankbar, dass ich durch seinen Heiligen Geist wissen darf, wer ich bin und wohin ich gehöre.
Hej, wie wäre es, wenn du dieses "wir sind alle auf Gedeih und Verderb ausgeliefert" nicht länger so negativ formulierst, sondern als das, was es ist: Es wird so sein.
Das war für mich nicht negativ. Tut mir leid, wenn es du das so aufgefasst hast. Aber das ist das, was es ist. Wir sind alle in Gottes Hand.
Und wir sollen den fürchten, sagt Jesus, der das kann, Leib und Seele verderben.
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. Fürchtet euch mehr vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann.
Und das ist für mich keine „Angstmache“ sondern eine Tatsache: Gott bestimmt. …letztendlich fusst darauf meine Ehrfurcht.
@stern also beim Lesen denke ich an den Teufel, nicht an Gott
also beim Lesen denke ich an den Teufel, nicht an Gott
Auch das tut mir leid…
Aber was jemand aus einem Text herausliest, hat manchmal auch damit etwas zu tun, wie man ihn selbst liest.
Zu akzeptieren, dass ich mit keinem (!) meiner Werke Gott überreden oder überzeugen kann, mich doch bitte zu retten, gibt mir sehr viel Freiheit, zB ihm vorbehaltlos gegenüber zu sein. Also auch keine Angst zu haben…
Diese Einstellung habe ich nicht über Nacht entwickelt/bekommen, sondern sie ruht in mir nachdem ich auch ganz schön viel Mist geglaubt habe.
Aus der modernen Hebräischübersetzung: In Mt 10,28 sind zwei verschiedene Worte für Fürchten verwendet.
Auf die Menschen bezogen ist es 'pachad' Angst und Schrecken haben; Auf Gott bezogen ist es 'jare' fürchten, ehrfürchten.
Pachad wird niemals im Sinne von ehrfürchten in Hebräischen Texten verwendet.
Leider ist es so, dass es in der deutschen Übersetzung verschwimmt, weil immer 'fürchten' geschrieben wird. Auch in der griechischen Übersetzung ist nicht zwischen Angst haben und ehrfürchten unterschieden. https://biblehub.com/interlinear/matthew/10-28.htm
28 Und fürchtet pachad euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet yare (ehrfürchtet) viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
Genau…
Und ich habe endlich auch meinen Frieden damit gefunden, dass da eben auch verderben steht.
@stern Ich hab mal Copilot gefragt, weils mich verwirrt hat: "In Matthäus 10,28 bedeutet „Verderben“ hier primär endgültige Verlorenheit — also der Ausschluss aus dem Leben mit Gott (die ewige, existentielle Trennung), nicht bloß irdischer Tod."
bedeutet hier….endgültige Verlorenheit — also der Ausschluss aus dem Leben mit Gott (die ewige, existentielle Trennung), nicht bloß irdischer Tod."
Ja, das ist so. Ich habe mich sehr gewehrt gegen diese Vorstellung - aber letztendlich muss ich sie akzeptieren, wenn ich Gott zugestehen möchte, dass er All-mächtig ist.
@stern Das ja, aber wir können immer noch - und ich behaupte sogar hauptsächlich - mit-bestimmen was uns am Ende "blüht". Mit unseren Entscheidungen, unserem Glauben, unserem Vertrauen auf Gott und Buße. Oder eben ohne alldem.
Aber im Grunde, glaube ich, liegt es an uns selbst.
Aber im Grunde, glaube ich, liegt es an uns selbst.
Ich bin mir da nicht so sicher.
Das, was ich heute glaube, ist durch so viele verschiedenen Menschen und Gedanken beeinflusst, dass ich nichtmal sagen kann, wo da mein Selbst daran beteiligt war/ist. Was und wieviel an mir selbst liegt, ist mir nicht klar. Aber das muss es auch nicht, denke ich.
Manchmal reicht es schon, die Richtung zu kennen.
@stern Oh, ich weiß, was du meinst. Aber man kann ja filtern so das Selbst ist, wenn man das Beeinflusste beiseiteschiebt. Ist nicht immer leicht aber geht.