Buße und der Sinn von metanoia
Warum das Wort „Buße“ in deutschen Bibel-Übersetzungen eine semantische Verzerrung darstellt.
Buße ist das auferlegte Quantum eines Gegenwertes, mit der Erwartungshaltung einer vorgeschriebenen Neuorientierung.
Zur Übersetzung von μετάνοια (Substantiv: metanoia) und μετανοεῖν (Verb: metanoein) im sog. Neuen Testament.
Die Übersetzung biblischer Schlüsselbegriffe ist nicht nur eine philologische, sondern auch eine objektive Aufgabe. Wenige Schlüsselwörter haben die traditionell-abendländische Theologie und kirchliche Praxis so geprägt wie das Wort „Buße“.
Besonders aktuell könnten sich im 20. Jahrhundert kritische Stimmen äußern, die die Übersetzungstradition als irreführend und sprachlich unangemessen betrachten. Im Zentrum steht das griechische Wort μετάνοια (Substantiv) sowie das Verb μετανοεῖν, wie er im sogenannten Neuen Testament an entscheidenden Stellen begegnet.
Die folgende Abhandlung untersucht, warum die herkömmliche Wiedergabe mit „Buße“ bzw. „Buße tun“ weder philologisch noch semantisch adäquat ist, und argumentiert, daß die Übersetzung mit „Umsinnung“ bzw. „umsinnen“ eine größere Präzision bietet als die im Deutschen etablierte Wahl „Buße“ und seltener, aber näher am Sinn: „Umkehr“ oder „Umdenken“.
Das Substantiv μετάνοια (metanoia) ist ein zusammengesetztes Wort aus μετά- („nach, hinter, über … hinaus, in veränderter Relation zu“) und νοῦς („Sinn, Verstand, Bewusstsein“). Das zugehörige Verb μετανοεῖν (metanoein) bedeutet in seiner Grundbedeutung: „einen anderen Sinn annehmen“, „den Sinn ändern“, „umsinnen“.
Im hellenistischen Sprachgebrauch bezeichnet μετάνοια primär eine Änderung der inneren Haltung, des Denkens oder der Sichtweise. Der Begriff verweist nicht primär auf äußere Akte der Reue, des Rituals oder der Genugtuung, sondern auf einen kognitiv-existentiellen Wandel und bedeutet Veränderung im Denksinn und dem damit verbundenen Wandel.
Im NT wird dieser semantische Kern beibehalten, jedoch theologisch gefüllt: Die μετάνοια ist eine Neuausrichtung des Sinnes angesichts der Offenbarung (Enthüllung) Gottes in Christus, zum Beispiel innerhalb der vier Berichte (Evangelien) und des damit verbundenen, verheißenen, aber auch anbrechenden Königreiches Gottes.
Die Übersetzung „Buße“ ist eine Folge der lateinischen Bibeltradition. Hier spielte die Vulgata mit „paenitentia“ (übersetzt mit „Buße“) eine zentrale Rolle. Paenitentia bedeutete im klassischen Latein „Reue, Schmerz, Gewissensbiss“, erhielt jedoch in kirchenlateinischer Verwendung eine engere sakramentale Prägung: „Bußsakrament“, „Kirchenbuße“, „Bußübungen“.
In der Folge wurde im Deutschen „Buße“ mit einem stark moralisch-juridischen und rituellen Bedeutungsfeld verknüpft. Es bringt Vorstellungen in Praxis von Sündenbekenntnis, Strafe, Genugtuung und Wiedergutmachung. Damit verschiebt sich der Fokus von der im NT intendierten Sinnesänderung zu einem institutionalisierten Akt der Reue und Sühne.
Philologisch ist dies problematisch, da μετάνοια in den Grundtexten der Bibel (innerhalb der Ausgangssprache) weder eine strafrechtliche Konnotation noch eine kultisch-sakramentale Handlung impliziert. Objektiv ist es ebenso problematisch, weil dadurch eine bestimmte kirchengeschichtliche Deutung (Bußpraxis) an den Text herangetragen wird, die nicht aus dem Text selbst erwächst.
Neuere Bibelübersetzungen versuchen, durch die Wahl von „Umkehr“ oder „Umdenken“ eine Distanz zur „Buße“-Tradition zu schaffen. Beide Lösungen sind Verbesserungen, bleiben jedoch unpräzise:
• „Umkehr“ legt den Schwerpunkt auf eine äußere Richtungsänderung, fast im wörtlich-räumlichen Sinn. Zwar transportiert es die Idee der Hinwendung zu Gott, aber es unterschlägt den kognitiven Aspekt, den das griechische Grundtextwort durch das Element νοῦς („Sinn, Verstand, Bewusstsein“) betont.
• „Umdenken“ rückt stärker die mentale Dimension ins Zentrum, droht jedoch in eine rein intellektualistische Deutung zu kippen. Es kann den existenziellen, lebensverändernden Charakter der Umsinnung (μετάνοια) abschwächen, indem es lediglich eine gedankliche Neubewertung suggeriert.
Das Deutsche verfügt mit „Sinn“ über eine semantische Nähe zum griechischen νοῦς. Das Substantiv „Umsinnung“ und das Verb „umsinnen“ bilden diese Nähe direkt und ohne Umweg ab.
• Philologisch: „Umsinnung“ reflektiert exakt die Grundstruktur von μετά-νοια: ein neues, anderes Sinnen. Es wahrt damit die Spannung von kognitiver und existenzieller Dimension. „Sinn“ umfasst im Deutschen ebenso wie νοῦς nicht nur rationales Denken, sondern auch Gesinnung, Haltung und Orientierung.
Abwendung von der Ballastladung des Wortes „Buße“, aber auch ohne die Verkürzungen von „Umkehr“ und „Umdenken“, hin zu einer objektiven Neubewertung, macht das Verständnis biblischer Zusammenhänge verständlicher und schließt vermeintliche Missverständnisse aus.
Die Diskussion um die angemessene Übersetzung von μετάνοια und μετανοεῖν zeigt, dass die überlieferte Wiedergabe mit „Buße“ philologisch und objektiv inadäquat ist. Sie spiegelt mehr die kirchengeschichtliche und damit traditionelle Entwicklung als den neutestamentlichen Sinngehalt wider.
Die Alternativen „Umkehr“ und „Umdenken“ markieren zwar Fortschritte, bleiben jedoch partiell verkürzt. Die Übersetzung „Umsinnung“ bzw. „umsinnen“ erweist sich als die präziseste Lösung, da sie sowohl den sprachlichen Aufbau als auch die inhaltliche Dimension des griechischen Grundtextes erfasst.
Die Frage, ob im Rahmen der Bibelübersetzung der Begriff „Buße“ oder „Buße tun“ verwendet wird, erweist sich letztlich als nachrangig. Von zentraler Bedeutung ist vielmehr die Rekonstruktion des ursprünglichen Sinngehalts, der in der neutestamentlichen μετάνοια liegt: nicht in der Bestätigung traditioneller und institutioneller Verständnisse und Praktiken, sondern in einer radikalen Umsinnung im Angesicht der unterschiedlichen Botschaften innerhalb der heilsgeschichtlichen Entwicklung. Ist es daher nicht diese ursprüngliche Dimension, die für das objektive Verständnis biblischer Zusammenhänge entscheidend ist?
Du glaubst gar nicht, wie fest so eine falsche Prägung auf das Wort 'Buße' sitzen kann. ....Schüttelfrost.....