Heilige Schrift und...
 
Benachrichtigungen
Alles löschen

Heilige Schrift und kirchliche Lehre

Seite 8 / 8

Holger F.
Themenstarter
Beiträge : 407

Die Gesamtproblematik von „Heiliger Schrift und kirchliche Lehre“ dreht sich mE um die Frage, wo die letztgültige Autorität des Glaubens verortet ist.

Da die Bibel kein systematisches Lehrbuch, sondern ein vielstimmiges Zeugnis ist, erfordert sie eine Instanz der Auslegung. Zwei unvereinbare (?) Systeme der Autoritätsbegründung stehen sich dabei gegenüber: 

 

(1) Interpretations-Dilemma (Protestantismus): Das Prinzip „Sola Scriptura“ setzt das geschriebene Wort als Letztinstanz und vertraut auf die Klarheit des Textes. 

Da jedoch ein verbindlicher „Schiedsrichter“ fehlt und jeder Gläubige die Bibel selbst auslegt, führt dieser Ansatz zwangsläufig zu innerprotestantischen Widersprüchen und einer Zersplitterung der Lehren.

 

(2) Kontinuitäts-Prinzip (Katholizismus): Der katholische Ansatz gründet auf der Annahme, dass Jesus Christus die Vollmacht zur Lehre und Leitung direkt an die Apostel und deren Nachfolger (das Lehramt) übertragen hat. 

Diese Vollmacht existierte vor den Texten. Die Heilige Schrift begründet das Lehramt daher nicht, sondern bezeugt und bestätigt dessen göttliche Einsetzung im Nachhinein.

 

Unauflösbare (?) Differenz: Aus dieser Vollmacht heraus entfaltet die katholische Tradition Lehren (wie Mariendogmen), die im Bibeltext nur als Samenkorn angelegt sind, vom Lehramt aber als verbindlich erklärt werden. 

Für Protestanten hingegen bleibt jede Lehre illegitim, die sich nicht direkt aus dem Wortlaut der Schrift herleiten lässt – sie lehnen eine personelle, vom Text unabhängige Vollmacht ab.

 

Im Kern geht es also um die Frage: Bezeugt die Bibel eine von Christus eingesetzte, lebendige Lehrautorität der Kirche, oder ist die Bibel selbst die einzige und direkt zugängliche Autorität für den Gläubigen?

 

 

Was mich beschäftigt:

A) Ist die Problemanalyse richtig?

B) Ist diese Differenz unauflösbar?

Antwort
126 Antworten
Holger F.
Themenstarter
Beiträge : 407
Veröffentlicht von: @kerygma

Zum einen sind Bekenntnisschriften keine Dogmen, zum anderen kann schon ein Blick in diese Schriften erkannt werden, wie sie hinsichtlich ihrer Komplexität gegenüber dem römischen Lehramt aufgestellt sind

Sind die protestantischen Bekenntnisschriften neuerdings nicht verbindlich? Verbindliche Glaubenswahrheiten nennt man Dogmen. Und auf solche für dich überaus wichtigen Dogmen/ Glaubenswahrheiten weißt du doch selbst immer wieder hin.

Das protestantische Bekenntnis ist weniger komplex als das katholische? Die Bekenntnisschriften nebst ihrer für notwendig erachteten Erläuterungen sind kaum weniger umfangreich!

Ich habe gerade noch einmal nachgesehen: Allein das offizielle lutherische Konkordienbuch von 1580 (in der modernen historisch-kritischen Ausgabe der Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche/ BSLK) umfasst in Buchform ca. 1500 Seiten. Die Schriften umfassen nicht nur kurze Glaubensbekenntnisse, sondern extrem ausführliche, seitenlange theologische Abhandlungen wie die Apologie des Augsburger Bekenntnisses oder die hochkomplexe Konkordienformel.

Ähnlich verhält es sich im reformierten Protestantismus mit umfangreichen Werken wie dem Heidelberger Katechismus (129 Fragen und detaillierte Antworten) oder den Dordrechter Canones.

holger-f antworten


Seite 8 / 8
Teilen:

Hey du!

Dieses Forum ist für dich kostenlos.
Das funktioniert nur, weil uns treue Menschen regelmäßig mit ihrer Spende unterstützen.
Bist du dabei?