Glaubenswahrheit und Wissenschaft
Mir fällt gelegentlich auf, dass wir wissenschaftliche Erkenntnis wie dogmatische Wahrheiten behandeln, hingegen dogmatische Wahrheiten für revidierbar halten. Aus meiner Sicht ist es genau umgekehrt: Wissenschaftliche Erkenntnisse verstehen sich nicht als dogmatische Wahrheit und sind falsifizierbar, dogmatische Wahrheiten sind - unabhängig von ihren geschichtlich gewachsenen Formeln und menschlichen Prägungen - hingegen unumstößlich.
Da ich heute schon ein Lexikon zur Hand hatte, wo es um ein anderes Thema ging, möchte ich aus diesem etwas zitieren, was diesen Sachverhalt gut beschreibt: "Die Frage ist jedoch, ob sie damit eine Offenbarungswahrheit bezeugen oder ob sie eine feststehende Offenbarungswahrheit ... von einer unzulänglichen naturwissenschaftlichen Anschauung aus unzutreffend interpretieren." (Ott, Grundriss der Dogmatik, S. 238).
Unter dem zunehmenden Einfluss des Rationalismus und Atheismus neigen Christen manchmal dazu, ihre eigenen Glaubenswahrheiten abzuschwächen (alles nicht so gemeint) und den (aktuellen) wissenschaftlichen Stand als Letzterkenntnis einzustufen. Damit meine ich nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse abzulehnen, sondern anzuerkennen, dass wir im Zuge wissenschaftlicher Einsichten zukünftig noch bessere Zugänge zu bestimmten Glaubenswahrheiten bekommen können ohne jedoch ihren Wahrheitsgehalt aufzugeben.
Dieser Ansätz wäre auch ein ganz anderer als zu sagen, dass sich die Wissenschaft geirrt habe.
@kerygma Unter dem zunehmenden Einfluss des Rationalismus und Atheismus neigen Christen manchmal dazu, (...)
Was könnte denn der Grund für die Zunahme dieses Einflusses sein? 🤔
(...) neigen Christen manchmal dazu, ihre eigenen Glaubenswahrheiten abzuschwächen (alles nicht so gemeint) und den (aktuellen) wissenschaftlichen Stand als Letzterkenntnis einzustufen.
Was ist denn eine Letzterkenntnis? Etwa sowas wie die Ansicht, eine Frage sei beantwortet und man brauche sich nicht weiter um sie zu scheren?
Damit meine ich nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse abzulehnen, (...)
Hä? Die von Dir nicht näher spezifizierten Christen lehnen doch, so verstehe ich Dich, wissenschaftliche Erkenntnisse gerade nicht ab?
(...) im Zuge wissenschaftlicher Einsichten zukünftig noch bessere Zugänge zu bestimmten Glaubenswahrheiten bekommen können (...)
Besser als was?
(...) ohne jedoch ihren Wahrheitsgehalt aufzugeben.
Also entweder ist etwas (ein beliebiger Aussage-Inhalt) wahr oder nicht. Wenn so ein wahrer Inhalt vorliegt, zu dem man dann per wissenschaftlicher Einsicht, d.h. also per Anwendung wissenschaftlicher Methodik, einen (noch besseren...) Zugang erhält - warum sollte dann irgendeine Gefahr drohen, dass da ein Wahrheitsgehalt aufgegeben werde? Was soll das überhaupt bedeuten: einen Wahrheitsgehalt aufgeben? Ist das nicht nur ein rhetorisch ausgepeppte Version von: einen Irrtum zu erkennen, bzw. einzugestehen?
Vielleicht könnte man Dein Anliegen besser nachvollziehen, wenn Du mal etwas konkreter würdest, was Du überhaupt mit "dogmatische Wahrheiten" meinst. Mal scheinst Du "dogmatisch" im pejorativen Sinne zu verwenden:
Mir fällt gelegentlich auf, dass wir wissenschaftliche Erkenntnis wie dogmatische Wahrheiten behandeln
Mal - und zwar gleich im nächsten Halbsatz, im zustimmenden Sinne:
hingegen dogmatische Wahrheiten für revidierbar halten.
Ausserhalb theologischer Zirkel wird der Begriff "dogmatisch" negativ konnotiert, also synonym für: engstirnig/ unbegründet-unbegründbar/berechtigten Einwänden gegenüber verschlossen verwendet. Innerhalb theologischer Zirkel - oder genauer: innerhalb konfessionell homogener theologischer Zirkel - wird der Begriff eher synonym für axiomatisch / denk-, bzw. glaubensnotwendig / a priori wahr verwendet. So lange, wie's um die eigenen Dogmen (als Wahrheit zu verstehende Behauptungen) geht. Wenn dagegen dann über die Behauptungen Andersgläubiger geredet wird, die womöglich ebenfalls sich rationalen Einwänden gegenüber verschlossen zeigen, wird dann on the fly umgeswitcht von positiver zu negativer Konnotation des Begriffs.
Interessant finde ich nun, dass Du hier insbesondere von Christen redest, die wissenschaftliche Erkenntnisse wie Dogmen behandeln. Indem sie dies tun, demonstrieren sie genaugenommen ihr Unverständnis der wissenschaftlichen Methode. Woher kommt dieses Unverständnis? Meine Vermutung: aus Gewohnheit. Sie wurden per christlicher Sozialisation daran gewöhnt, Tatsachenbehauptungen von Autoritäten nicht prinzipiell zu hinterfragen. Ihnen wurde der grundlegende Skeptizismus abtrainiert, der in der Wissenschaft notwendige Basis jeden Arbeitens ist.
Das grundlegendere Problem dabei ist der Offenbarungsglaube. Der hat die Kritikimmunisierung schon zur Basis. Man hat zu akzeptieren, dass offenbarte Wahrheiten (Tatsachenbehauptungen) akzeptierbar seien ohne Angabe von potentiellen Falsifizierungskriterien. Klar: wer gelernt hat, fraglos Dogmen als gegeben zu akzeptieren: als offenbarte Wahrheiten - der hat dann seine Schwierigkeit, gegenüber wissenschaftlich womöglich sehr überzeugend begründeten Tatsachenbehauptungen grundsätzlich skeptisch zu bleiben. Skeptizismus ist Übungssache.
Skeptizismus ist Übungssache.
Mag sein. In der Bibel heisst es auch : prüft alles und behaltet das Gute.
Prüfen ist aber nicht notwendigerweise mit Skepsis verbunden, sondern eher mit Verifizierung.
Soll heißen: es ist kein Fehler offen zu bleiben für mehr als das, was wir sehen können und was wir gewohnt sind für wahr zu halten (weil wir es mit unseren Sinnen erfassen können).
Prüfen ist aber nicht notwendigerweise mit Skepsis verbunden, sondern eher mit Verifizierung.
Nein.
"Prüfen" bedeutet: Es wird verifiziert - oder widerlegt.
Wer nur verifzieren will, der "prüft" nicht.
Prüfen" bedeutet: Es wird verifiziert - oder widerlegt.
Ja, so meinte ich es. Wenn es der Verifizierung nicht standhält, wird es als Wahrheit aussortiert oder zumindest umsortiert.
Skepsis hat für mich noch eine Konotation in Richtung Zweifel, man ist nicht mehr unvoreingenommen offen bzw. ergebnisoffen sondern eben…skeptisch.
Wer nur verifzieren will, der "prüft" nicht.
Das kann ich bestätigen. Gerade im christlichen Kontext. Wobei ich denke, dass es da die einzig mögliche Herangehensweise ist.
Jener, welcher alles erschaffen hat, wird sich kaum durch wissenschaftliche Methoden innerhalb seiner Schöpfung feststellen lassen.
Ich denke, gerade deshalb brauch man den Glauben, um über das Erschaffene hinaus denken zu können.
Ich wollte hier zwar eigentlich nichts mehr schreiben, aber sei's drum...
Zum einen sprichst du hier eine sehr wichtige Sache an:
Mir fällt gelegentlich auf, dass wir wissenschaftliche Erkenntnis wie dogmatische Wahrheiten behandeln
Dass die Wissenschaft heutzutage völlig falsch eingeschätzt wird und ihr sogar die Eigenschaft einer Ersatz-Religion zugeschrieben wird, die "Wahrheiten" verkünden kann halte ich auch für gefährlich. Denn leider scheinen sehr viele Menschen nicht zu wissen, was Wissenschaft leisten kann, was ihre Ansprüche sind und wie sie funktioniert. Das hat man vor allem während der Corona-Zeit sehen können.
Da wurde offenbar erwartet, dass es ein offensichtliches Problem gibt (Ein Virus verbreitet sich in der Welt), die Wissenschaftler arbeiten an einer Lösung, gehen dafür in ihre Labore... und zehn Minuten später kommen sie mit einer Lösung wieder heraus, weil sie die "Wahrheit" über das Virus herausgefunden haben.
Was natürlich völliger Unsinn ist und allenfalls in schlechten Filmen funktioniert... Wissenschaft ist in so einem Fall monate- und jahrelange, mühsame Kleinarbeit, während man sich dem Problem und einer möglichen Lösung nach und nach annähert, in der Hoffnung irgendwann genügend Informationen zu haben, mit denen man dann arbeiten kann. Und irgendwann hat man dann (hoffentlich) genug erkannt, um das ein oder andere als "gesichert" zu erkennen und funktionierende Lösungen anzubieten.
Das ist eine gute und bewährte Methodik, die auch funktioniert. Aber sie ist nicht darauf ausgelegt, absolute Wahrheiten zu verkünden.
Dein Problem an dieser Stelle verstehe ich allerdings nicht so richtig.
Unter dem zunehmenden Einfluss des Rationalismus und Atheismus neigen Christen manchmal dazu, ihre eigenen Glaubenswahrheiten abzuschwächen (alles nicht so gemeint) und den (aktuellen) wissenschaftlichen Stand als Letzterkenntnis einzustufen.
Wann wäre das denn der Fall? Das letzte Mal, dass hier Wissenschaft und Glaube heftig aneinandergerieten war als die Evolutionstheorie vorgestellt wurde... und etwas später, als das tatsächliche Alter der Erde berechnet wurde. Das stimmte mit etlichen religösen Vorstellungen nicht überein... wobei ich jetzt nicht wüsste, dass dabei irgendwelche Dogmen berührt wurden, aber da mag ich mich irren.
Meiner Ansicht nach ist es generell ein Fehler, diese Dinge überhaupt miteinander zu verknüpfen oder zu vergleichen. Denn dadurch besteht ja überhaupt erst die Gefahr, die Wissenschaft zu einer "Religion" zu machen, was sie nicht ist und auch nicht sein sollte.
Und schon die Formulierung "Glaubenswahrheiten" zeigt ja schon, dass es hier keine Gemeinsamkeiten gibt - so etwas gibt es in der Wissenschaft schlicht nicht.
Eine geglaubte "Wahrheit" ist dasselbe wie ein "Glaube": Man hält etwas für wahr. Das ist schlicht eine Tautologie: Was geglaubt wird, hält man für wahr - eine "Glaubensunwahrheit" gibt es nicht.
"Glaubenswahrheit" dient hier schlicht der Selbstvergewisserung: "Was wir glauben, ist wahr!".
Na ja, logisch, dass du es für wahr hälst... sonst würdest du es ja nicht glauben.
Und das hier verstehe ich nun gleich gar nicht:
Damit meine ich nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse abzulehnen, sondern anzuerkennen, dass wir im Zuge wissenschaftlicher Einsichten zukünftig noch bessere Zugänge zu bestimmten Glaubenswahrheiten bekommen können ohne jedoch ihren Wahrheitsgehalt aufzugeben.
Inwiefern könnte Wissenschaft hier hilfreich sein? Und welchen Sinn hat es, an einem Glauben festzuhalten, wenn die Wissenschaft dagegen spricht (Wie bei der Evolution, der Sintflut oder der alten Erde)?
Erhoffst du dir, dass bestimmte Dogmen von der Wissenschaft bestätigt werden?
Meiner Ansicht nach ist das nicht möglich, aufgrund der Eigenschaften der meisten Dogmen, die schlicht ausserhalb wissenschaftlicher Zugänge formuliert wurden (Vermutlich aus gutem Grund...).
Ich halte hier also eine strikte Trennung für sinnvoll, statt hier auf Bestätigung von Glaubensaussagen durch die Wissenschaft zu hoffen.
Veröffentlicht von: @kerygmadogmatische Wahrheiten sind - unabhängig von ihren geschichtlich gewachsenen Formeln und menschlichen Prägungen - hingegen unumstößlich.
Sehe ich nicht so. Dogmen sind grundsätzlich immer in geschichtliche Zusammenhänge einordbar. Problem ist nur, daß schriftliche Überlieferung eben nicht unendlich weit zurückreicht. Das heißt aber nicht, daß es keine historischen Hintergründe gab, die zu ihrer Entstehung geführt haben.
Man kann keine Dogmen "unabhängig von menschlichen Prägungen" nachweisen, wie chemische Substanzen in einem naturwissenschaftlichen Experiment.
@meriadoc Witzigerweise finde ich eben gerade, als ich den Wiki-Artikel zum Thema Dogma durchlese, darin folgenden Abschnitt:
(...) eine dritte Bedeutung, die die (in der Theologie lange unbeachtete) strukturelle Begriffsbedeutung der antiken Philosophie wieder in die Debatte einbezieht. Sie führt zu einer phänomenologischen Begriffsbetrachtung. Diese erweitert die theologische Bedeutung des Wortes „Dogma“ um die empirische Wirklichkeit, die exemplarisch im pejorativen Gebrauch des Adjektivs „dogmatisch“ zum Ausdruck kommt.
Ich möchte klar stellen, dass ich nicht beim Verfassen des Artikels mitgewirkt und ihn bis eben auch noch nicht gelesen hatte! 😀