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Inspiration und Kanonbildung

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andreas
Themenstarter
Beiträge : 1818

In verschiedenen Threads über das Verständnis der Bibel und Vertrauen in ihre Texte stehen häufig zwei Positionen einander gegenüber:

Am einen Ende des Spektrums die Betonung, dass es sich bei der Bibel als ganzer um inspiriertes Gotteswort handelt.
In dieser Ecke ordne ich auch alle ein, die sich nicht festlegen wollen, wie Gott die Bibeltexte inspiriert habe, aber die in ihr Gott reden hören.

Dem gegenüber steht oft ein Argument, das ungefähr so geht: Wir wissen doch zumindest beim Neuen Testament, wie es zur Zusammenstellung des Kanons kam. Das war ein Konzil, wir wissen, wer daran beteiligt war, welche Kriterien sie anlegten, sogar, ob sie damit aller Wahrscheinlichkeit nach richtig lagen oder nicht. Außerdem hatte ein Kaiser den Vorsitz, also ist zumindest ein machtpolitischer Aspekt nicht ganz auszuschließen.
Also, so wird häufig aus dieser Kenntnis geschlossen, ist das mit der Inspiration und Vertrauenswürdigkeit doch nicht so sicher.
(Okay, das wird manchmal noch radikaler formuliert.)
Oft erlebe ich, dass Vertreter der erstgenannten Position dem etwas ratlos gegenüber stehen.

(Dass historisch die Kanonbildung ein längerer Prozess war und das entsprechende Konzil eher eine Ratifizierung als eine Festlegung war, lasse ich hier mal außenvor.)

Mir fällt dabei folgendes auf: Anscheinend fällt es schwerer, ein Wirken Gottes beim Entstehen eines Buchs anzunehmen, je mehr man historisch darüber weiß.

Und auf der anderen Seite gibt es über die Phase, bei der historische Forschung mit ihren Methoden nicht so genau rankommt - nämlich die der Abfassung der Texte - eine gewisse Abneigung zwischen historischen Theorien dazu und dem Glauben an die Inspiration der Texte.

Es scheint fast, als wäre der Glaube an die Inspiration der Bibeltexte davon abhängig, dass man es historisch nicht so genau zu fassen kriegt. Hierüber scheint an den verschiedenen Enden des Spektrums Konsens zu bestehen.

Meine Frage ist, ob ich damit einigermaßen die Positionen richtig verstanden habe.

Meine These wäre dazu, dass diese Fronstellung so nicht sein muss.
Das Wirken des Heiligen Geistes entzieht sich nicht nur historischer Forschung, sondern oft auch menschlichen Erfahrungen. Was Menschen im Glauben an Gott und unter Gebet um seine Leitung tun, kann vom Geist geleitet sein, ohne dass Menschen es merken. Willenlosigkeit und prophetische Ekstase sind nur eine Möglichkeit, wie Menschen sein Wirken erleben. Oft wirkt er, ohne dass Menschen es erleben.

Wüssten wir also historisch exakt, wie es sich mit der Abfassung einer jeden biblischen Schrift auf menschlicher Seite verhielt, dann wäre dies überhaupt kein Argument dagegen, dass Gott in diesen Schriften zu uns Menschen redet.

Und bloß weil wir historisch recht genau wissen, wie der Prozesse der Kanonbildung ablief, ist das überhaupt kein Argument dagegen, dass die Bibel als Gottes Wort angesehen werden kann.

Historische und theologische Aussagen bewegen sich, was diese Fragen angeht, auf verschiedenen Ebenen (bei anderen Fragen ist das anders).

Das bedeutet aber auch:
Wer die Bibel als inspiriertes Gotteswort ansieht, muss auch von einem Wirken des Heiligen Geistes nach Abfassung der Texte beim Prozess der Kanonbildung ausgehen.
Dieses Wirken würde beim Neuen Testament mindestens bis zu den Synoden von Rom, Hippo und Karthago gehen, beim AT wäre es noch ein bisschen komplizierter.

Das Werk des Heiligen Geistes wäre aber in keinem Fall mit der Abfassung der Texte getan, sondern er hätte auch dafür gesorgt, dass die richtigen aufgenommen werden.

Diese Aussage bleibt freilich historisch nicht zugänglich, sondern ist eine theologische mit durchaus axiomatischem Charakter.

Frage in beide Richtungen: Leuchtet das irgendwie ein?

Oder welche Wege habt Ihr, mit diesem Befund umzugehen?

Gruß von
Andreas

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37 Antworten
Arcangel
Beiträge : 4664

Inspiration und Kanonbildung erst beim Lesen?
Ich sehe oft, wenn ich Atheisten zuhöre wie sie mit der Bibel umgehen. Wenn, Texte oder Passagen nehmen und widersprüchliches in der Bibel diskutiert werden, dann haben sie auf der rein analytischen textbasierten Seite recht mit ihrer Kritik.

Würde sämtliche Texte der Bibel wörtlich genommen werden hätten wir einen extrem schizophrenen Glauben. Oder zumindest einen zutiefst Amoralischen Glauben. Aber wir nehmen ja nicht alles wörtlich, wir relativieren, setzen es in den Kontext, deuten und interpretieren.

Der(die) Verfasser war inspiriert als er schrieb, aber wenn der Leser nicht inspiriert ist wenn er liest dann ist es nur toter Buchstabe.

arcangel antworten
4 Antworten
andreas
(@andreas-wendt)
Beigetreten : Vor 17 Jahren

Beiträge : 1818

"wörtlich nehmen" ist aber auch nichts anderes als eine bestimmte Interpretation. Die Frage, wie ein Text zu interpretieren ist, ist noch mal eine völlig andere als die, ob Gott in ihm redet.
Schließlich kann Gott auch Metaphern gebrauchen.

andreas-wendt antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 23 Jahren

Beiträge : 4664
Veröffentlicht von: @andreas-wendt

Die Frage, wie ein Text zu interpretieren ist, ist noch mal eine völlig andere als die, ob Gott in ihm redet.

Klar, nur die Interpretation eines Textes hängt zu einem Immensen Teil vom eigenen dogmatischen Unterbau ab.

Und das sich Interpretationen fundamental ändern können selbst wenn der Text derselbe bleibt, zeigten der Abolitionismus. Oder der Wechsel von einem Geo- zu Heliozentrischen Weltbild.

Das zeigt, dass die Inspiriertheit eines Textes alleine noch nicht ausschlaggebend ist, ob es auch als Gottes Wort verstanden ist.

Was beim Empfänger ankommt ist wichtig nicht die Methode des Übermittelns.

Denn wenn es wirklich nur die eine wahre Deutung gäbe, dann gäbe es ja nicht so viele Denominationen. Von einem Göttlich diktierten Text würde ich erwarten, das er unmissverständlich ist.

Deshalb meine These, die Bibel ist nur dann inspiriert wenn auch der Leser inspiriert ist.

arcangel antworten
andreas
(@andreas-wendt)
Beigetreten : Vor 17 Jahren

Beiträge : 1818
Veröffentlicht von: @arcangel

Deshalb meine These, die Bibel ist nur dann inspiriert wenn auch der Leser inspiriert ist.

Da würde ich so halb widersprechen wollen: Dass ein Leser in dem Text Gott zu sich sprechen hört, ist selbst Wirkung des Heiligen Geistes. Das würde ich allerdings nicht so deuten, dass der Text dadurch erst zu Gottes Wort wird, sondern der Text, der es ohnehin ist, wird erst dadurch als Gottes Wort erkannt.
Und gleichzeitig gilt auch: Gott benutzt diesen Text, um Glauben zu wecken.

andreas-wendt antworten
jour
 jour
(@jour)
Beigetreten : Vor 20 Jahren

Beiträge : 1904

grün
Wunderbar formuliert 😎

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Menge
 Menge
Beiträge : 313
Veröffentlicht von: @andreas-wendt

Oder welche Wege habt Ihr, mit diesem Befund umzugehen?

Ich versuche mich mal aus einer etwas anderen Perspektive dem Problem von Kanonbildung und Inspiration "der Bibel" zu nähern.

Ich meine aus der Kirchengeschichte zu ersehen, dass jede Kanonbildung immer im Spannungsfeld von Polarisierung und Vereinheitlichung ablief. Schon im NT gibt es die Polarisierung der Juden- und Heidenchristen, wobei im Apostelkonzil "die Bibel" ihre Autorität für die Heidenchristen fast gänzlich verliert. Es entstehen juden- und heidenchristliche Gemeinden.

Das christliche NT entwickelt sich aus den Paulusbriefen und den vielen damals entstehenden christlichen Schriften, die aus teils judaistisch teils hellenistisch geprägten Gemeinden stammen und auf ganz unterschiedliche Weise das Geheimnis Jesu Christi in den Griff zu bekommen versuchen.

Die Juden polarisieren ihrerseits, indem sie ihr Profil zur gleichen Zeit dadurch schärfen, dass sie sich auch rückwirkend wieder mehr von den hellenistischen Einflüssen der Zeit abgrenzen und die griechischen Schriften der Septuaginta nicht in ihren vereinheitlichenden Kanon "der Bibel" aufnehmen.

Marcion polarisiert dadurch extrem, dass er den ersten Kanon "der Bibel" für die Christen macht und "die Bibel" der Juden gänzlich verwirft. Auf der anderen Seite vereinheitlicht er "die Bibel" dadurch extrem, dass er "die Bibel" lediglich aus dem Lukasevangelium und zehn Paulusbriefen bestehen lässt, weil er aus all den im Umlauf befindlichen christlichen Schriften beim besten Willen keine einheitliche Theologie entwickeln kann.

Die zwei Gottesbilder des Marcion, grausamer Demiurg des AT im Gegensatz zu dem liebevollen Vater Jesu, sind vielen Christen zu extrem "polarisiert". In Wahrheit handelt es sich dabei nicht um eine Polarisierung sondern um eine Dualisierung und damit um die Aufhebung des Monotheismus.

Das ging den "anderen" Christen zu weit. Sie wollten im Sinne einer angestrebten theologischen Einheit das AT und das christliche Schrifttum in seiner damaligen vielfältigen Gesamtheit unter einem Hut verstanden wissen, der nicht mit allen Traditionen "der Bibel" bricht, sondern im Sinne Jesu darauf zurückgreifen und aufbauen.

Aber selbst das christliche Schrifttum ist im 2. Jahrhundert alles andere als theologisch einheitlich. Selbst die vier in den meisten Gemeinden genutzten Evangelien polarisieren manchen noch zu stark, weswegen Tatian mit seinem Diatessaron eine erste Evangelienharmonie zum Zwecke einer Vereinheitlichung erstellt.

Das Diatessaron war so erfolgreich, dass es in der ostsyrischen Kirche bis ins 5. Jh. als offizielles Evangelienbuch "der Bibel" galt. Dieses Bedürfnis brachte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neue Evangelienharmonien hervor und ist bis heute nie erloschen.

Es äußert auch darin, dass in Diskussionen mit unterschiedlichen Auffassungen, immer wieder von beiden Seiten versucht wird, die eigene Meinung dadurch "biblisch" zu untermauern, indem man Zitate aus allen vier kanonischen Evangelien (und auch sonstigen biblischen Schriften) miteinander kombiniert und beide Seiten sich dabei auf die Einheitlichkeit und Widerspruchsfreiheit "der Bibel" berufen.

Diese Zitatenschlachten, führen nur äußerst selten zu einem einvernehmlichen Ergebnis einer solchen Diskussion, obwohl diese von einem Geist inspirierten Schriften von beiden Parteien durch den Heiligen Geist inspiriert verstanden werden. Ich will die Inspiration an sich dabei gar nicht in Frage stellen, stehe aber einigermaßen ratlos vor den unterschiedlichen Meinungen die Inspiration selbst betreffend.

Der Mensch an sich scheint ein starkes Bedürfnis nach einer einheitlichen Richtschnur für sein Verständnis der Welt zu haben. Auch in der Naturwissenschaft bemüht er sich darum eine Große vereinheitlichte Theorie (GUT = Grand Unified Theory) zu erringen und damit "alles" unter einen Hut zu bringen.

Ich frage mich, ob dieser Drang des Menschen nach Einheitlichkeit, der Grund für die so unwiderstehliche Redeweise von "der Bibel" ist, bei Juden wie bei Christen - die letztendlich auch für "den Koran" im Islam gilt, welcher wohl als Reaktion auf die Streitigkeiten zwischen Juden und Christen entstanden ist, wieder im Sinne einer Vereinheitlichung und Aufhebung dieser streitbaren Polaritäten. So haben wir nun drei monotheistische, aber leider eben gerade deshalb wiederum polarisierende Religionen.

Möglicherweise wirkt die göttliche Inspiration in erster Linie im universellen Drang des Menschen zu einer friedvollen Einheitlichkeit und nur unmerklich in konkreten, geschichtlichen Erscheinungen.

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2 Antworten
Anonymous
 Anonymous
(@Anonymous)
Beigetreten : Vor 1 Sekunde

Beiträge : 0

Grün!
So ein interessanter und (zumindest für mich) auch informativ-lehrreicher Beitrag - und dann ruinierst Du ihn mit dem letzten Satz. Dennoch mir einen grünen Smiley wert.

Anonymous antworten
Menge
 Menge
(@menge)
Beigetreten : Vor 6 Jahren

Beiträge : 313

Wenn ich dich richtig verstehe, wertest du die von mir geschilderten, geschichtlichen Entwicklungen bei der Kanonisierung der Kanones der unterschiedlichen Bibeln als Indizien, welche deine atheistische Richtschnur (gr. kanṓn) für deine Lebensgestaltung bestätigen.

Der Kanon meines Lebens schließt einen offenen Diskurs über Gott mit ein, der für meine Lebensgestaltung einen positiven Effekt hat, wie ich meine.

Unsere Standpunkte unterscheiden sich darin, dass ich in diesem Spiel mitspiele, und du als Außenstehender dieses Spiel kommentierst.

Möglicherweise besteht neben dem Drang nach Einheitlichkeit göttliche Inspiration auch aus der Freude am Spielen.

Dieses Spiel ist leidenschaftliches Stückwerk, in dem es persönliche und gemeinschaftliche Niederlagen und Erfolge gibt, doch ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass diese drei immer mit im Spiel waren: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Deshalb ist es kein Nullsummenspiel, bei dem der Verlust des einen den Gewinn des anderen ausmacht, sondern ein Spiel welches der Win-Win-Strategie folgt, von der ein gewisser Wanderprediger überzeugt war und die ich für ziemlich plausibel halte.

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