Sünde versus Verfehlung
Zur Übersetzung von ἁμαρτία (hamartia) und ἁμαρτάνειν (hamartanein) im sogenannten Neuen Testament
Warum die Wiedergabe mit „Sünde” eine semantische Verzerrung darstellt und warum „Verfehlung” der nüchternere, präzisere Ausdruck ist.
Sünde ist eine kirchengeschichtlich aufgeladene Schuldkategorie, ein juridisch gefärbter Zustandsbegriff, dessen versprochene Auflösung sich systembedingt in endloser Wiederholung verliert: der Vergebung folgt der nächste Fall, der nächste Beichtgang, das nächste Sakrament.
Was sich als Heilsangebot ausgibt, erweist sich der Sache nach als Dauerverwaltung eines Mangels.
Wenige theologische Begriffe haben die abendländischen religiösen Gemeinschaften und institutionellen Einrichtungen so tief geprägt (und zugleich so nachhaltig verzerrt) wie eben dieses Wort. Es ist zum semantischen Zentralgestirn ganzer dogmatischer Systeme geworden, hat Bußpraxis, Ablasswesen, Beichtordnung und Erbsündenlehre umkreist und sich dabei so weit von seinem griechischen und hebräischen Ausgangswort entfernt, daß heutige Leser des deutschen Bibeltextes bei „Sünde” nahezu reflexhaft an Schuld, Gesetzesübertretung und moralische Befleckung denken, selten jedoch an das, was im Grundtext eigentlich gesagt wird.
Im Zentrum der Frage stehen das griechische Substantiv ἁμαρτία (hamartia) und das zugehörige Verb ἁμαρτάνειν (hamartanein), die im Neuen Testament an theologisch entscheidenden Stellen begegnen und im Hintergrund das hebräische חטא (chata) der hebräischen Schriften, das in der Septuaginta fast durchgängig mit ἁμαρτία wiedergegeben wird
Die folgende Abhandlung untersucht, warum die herkömmliche Übersetzung mit „Sünde” weder philologisch noch sachlich angemessen ist, und argumentiert, daß die nüchterne Wiedergabe mit „Verfehlung” im Bedarfsfall durch „(Ziel-) Verfehlung” als erklärende Präzisierung ergänzt, das Bedeutungszentrum des Grundtextes deutlich genauer trifft.
I. Wortwörtliche Bedeutung: ἁμαρτία ist „Verfehlung”
ἁμαρτία ist ein Substantiv, gebildet aus dem Verbalstamm ἁμαρτ- und der Endung -ία, die im Griechischen häufig abstrakte Substantive bildet (vergleichbar deutschen Bildungen auf „-ung” oder „-heit”). Wortwörtlich bedeutet ἁμαρτία daher: „Verfehlung”, im konkreten Sinn von „das Nicht-Treffen” oder „das Fehlgehen”. Das zugrunde liegende Verb ἁμαρτάνειν trägt die Bedeutungen „verfehlen”, „nicht treffen”, „fehlgehen”, „den Punkt nicht erreichen” oder (kontextabhängig) „das Ziel verfehlen”. Daraus ergeben sich für ἁμαρτία wortnahe Wiedergaben wie „das Verfehlen” (als Vorgang), „die Verfehlung” (als Ergebnis) oder „das Nicht-Treffen” (als Zustand gegenüber einem verfehlten Bezugspunkt).
Eine kleine, aber instruktive philologische Beobachtung: Das α- am Wortanfang ist kein Alpha privativum, also keine Verneinungs-Vorsilbe (wie in „a-moralisch” oder „a-typisch”), sondern gehört zum Stamm selbst. Die Verfehlung wird nicht durch eine Vorsilbe „nicht-” gebildet, sondern liegt im Verb ἁμαρτάνειν unmittelbar.
Für den weiteren Argumentationsgang ist entscheidend, daß eine wortwörtliche Übersetzung nicht „Sünde”, nicht „Schuld” und nicht „Übertretung” ergibt, sondern zunächst schlicht „Verfehlung”. Erst wenn der im Verb mitgedachte Bezugspunkt ausdrücklich genannt werden soll, entsteht die erklärende Präzisierung „(Ziel-) Verfehlung”. Wichtig ist hier eine morphologische Klarstellung: ἁμαρτία setzt sich nicht transparent aus heute noch erkennbaren Wortteilen für „Ziel” und „Verfehlung” zusammen; das Wort enthält kein eigenes griechisches Lexem für „Ziel”. Das „Ziel” steckt vielmehr in der Bedeutung des Verbs ἁμαρτάνειν, sofern dieses im Sinne von „ein Ziel verfehlen” gebraucht wird. „(Ziel-) Verfehlung” ist also eine sinnnahe und in vielen Kontexten erhellende Wiedergabe, aber morphologisch nicht wörtlich. Wörtlich am nächsten ist und bleibt: Verfehlung.
II. Die Bildlogik: Verfehlen eines Bezugspunkts
Das Verb ἁμαρτάνειν kann in einer seiner konkreten klassischen Verwendungen das Verfehlen eines Ziels bezeichnen, beim Bogenschuß ebenso wie beim Wurf oder bei jeder anderen Form des gerichteten Tuns. Bei Homer, in der griechischen Tragödie und in Aristoteles’ Poetik, wo die ἁμαρτία des tragischen Helden den fatalen Fehlgriff bezeichnet, der den Untergang einleitet, ist die Bildlogik des Verfehlens noch deutlich präsent. In der klassisch-griechischen Verwendung ist ἁμαρτία dabei zunächst moralisch neutral: ein objektives Fehlgehen, kein primär schuldhafter Akt.
Hier ist allerdings methodische Vorsicht geboten. Aus dem Befund, daß für das Verb ἁμαρτάνειν „ein Ziel verfehlen” als konkreter Sinn belegt ist, folgt nicht, daß im Substantiv ἁμαρτία im Neuen Testament durchgehend eine aktive Bogen- oder Schützenmetapher mitschwingt. Lexikalisch ist ἁμαρτία in der gräzistischen Belegbreite eher allgemein „Fehler”, „Fehlhandlung”, „Verfehlung”; in religiöser und neutestamentlicher Verwendung tritt der ethische Sinn deutlich hervor. Die Bogen- oder Pfeilmetapher ist daher als anschauliche Veranschaulichung der Grundvorstellung legitim, sie ist aber kein durchgängig mitlaufender Wortbestandteil und sollte philologisch nicht so behandelt werden, als sei sie es.
Das hebräische Pendant חטא (chata) trägt eine vergleichbare Bildlogik. Auch dieses Verb bedeutet zunächst und buchstäblich: „verfehlen”. Ein aufschlußreicher Beleg ist Richter 20,16: Dort wird von Schleuderern berichtet, die einen Stein „auf ein Haar” schleudern und „nicht חטא“, also nicht verfehlen. Die Stelle ist als Beispiel für den konkreten, unmetaphorischen Gebrauch des Wortes hervorragend geeignet; es geht hier ausdrücklich nicht um Bogenschützen, sondern um Schleuderer, was die These einer ausschließlich auf den Bogen bezogenen Grundmetapher zusätzlich relativiert. Die Wortbildung trägt vielmehr die allgemeinere Vorstellung: zielen und nicht treffen. Erst durch metaphorische Übertragung wird der Begriff theologisch gefüllt: das Verfehlen des göttlichen Maßstabs, das Verfehlen der Beziehung, in der der Mensch stehen soll.
Daß die Septuaginta-Übersetzer im 3. und 2. Jahrhundert vor der Zerstörung des zweiten Tempels חטא mit ἁμαρτία wiedergaben, war kein Zufall, sondern philologisch konsequent: zwei Sprachen, dieselbe Grundvorstellung des Fehlgehens, dieselbe Offenheit für metaphorische Vertiefung.
III. Wie aus dem Verfehlen das deutsche Wort „Sünde” wurde
Die entscheidende Verschiebung geschieht in zwei Schritten. Zunächst über die lateinische Tradition: Vetus Latina und Vulgata übersetzten ἁμαρτία mit peccatum, das im klassischen Latein zwar zunächst breit „Fehltritt”, „Versehen”, „Vergehen” bedeutete, in der kirchenlateinischen Verwendung aber eine massive Verengung erfuhr; vom Versehen zum Vergehen, vom Fehltritt zum schuldhaften Bruch des göttlichen Gesetzes, schließlich zur juridisch-sakramental verhandelten Größe, die mit peccatum mortale, peccatum veniale und peccatum originale ein ganzes System dogmatischer Kategorien aufspannte.
Der zweite Schritt vollzieht sich im Deutschen, und hier wird die etymologische Spurensuche besonders aufschlußreich. Das deutsche Wort „Sünde” ist durch kirchliche Dogmatik, Bußpraxis und Schuldvorstellungen stark aufgeladen; etymologisch wird es mit althochdeutsch sunta und mittelhochdeutsch sünde verbunden. In etymologischen Darstellungen (etwa bei Grimm und Kluge-Seebold) wird eine Herleitung aus einer germanischen Wurzel diskutiert, die mit „seiend, wahr” zusammenhängt; die Nähe zum altnordischen sannr („wahr”; auch „schuldig”) und zum lateinischen sons („schuldig”) wird in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt. Diese Herleitung ist in der Forschung nicht unumstritten und hier nicht als gesicherte Endaussage zu verstehen, aber sie weist in eine bemerkenswerte Richtung: „Sünde” hat im Deutschen, anders als ἁμαρτία im Griechischen, eine forensisch-juridische Färbung schon im sprachlichen Vorfeld. Was etymologisch durchschimmert, ist nicht das Bild des Verfehlens, sondern die Vorstellung der erwiesenen Tatschuld.
Das Resultat ist eine Übersetzung, in der vom griechischen Original kaum noch etwas durchscheint. Wer im Deutschen „Sünde” hört, denkt an Schuld, Strafe, Beichte, Befleckung, Erbsünde, Sündenfall, Sündenstrafe, Sündenbock, ein institutionell, moralisch und juridisch geprägtes Bedeutungsfeld. Was er nicht hört, ist das, worauf der Grundtext zielt: das nüchterne Faktum eines Verfehlens.
IV. Die etablierten Alternativen und ihre Grenzen
Neuere Bibelübersetzungen haben den Verzerrungseffekt erkannt und Alternativen versucht.
Das Wort „Übertretung” verschiebt den Fokus erneut ins Juridische: man übertritt eine Linie, ein Gebot, ein Gesetz. Das Bild des Verfehlens verschwindet vollständig; an seine Stelle tritt das räumliche Bild des Schwellenüberschreitens. Das paßt gelegentlich zu παράβασις (parabasis) oder παράπτωμα (paraptoma), nicht aber als Standardwiedergabe von ἁμαρτία.
Das Wort „Schuld” ist die theologisch gewichtigste, aber zugleich die weitestgehende Verschiebung: Hier wird das Verfehlen eines Bezugspunkts durch den juristischen Schuldzustand ersetzt, also gerade durch jene Bedeutung, die das deutsche Wort „Sünde” schon mitbringt. Es ist der Tautologie-Effekt: das eine wird durch das andere erklärt, ohne daß zur Sache vorgedrungen würde.
Das Wort „Verfehlung” schließlich ist die nächste und nüchternste Wiedergabe und sollte als Grundübersetzung gewählt werden, gerade weil sie den semantischen Kern von ἁμαρτία wiedergibt, ohne den Inhalt der jeweiligen Verfehlung vorwegzunehmen. Der oft erhobene Einwand, das Ziel bleibe bei „Verfehlung” unsichtbar, ist sachlich gerade kein Mangel, sondern die korrekte philologische Repräsentation: ἁμαρτία benennt zunächst nichts anderes als den Sachverhalt des Fehlgehens. Was genau verfehlt wird, Treue, Glaube, Gesetz, Liebe, Gerechtigkeit, die Bestimmung zum Ebenbild Gottes, die Gemeinschaft mit dem Vater, ergibt sich aus dem jeweiligen Textzusammenhang. Das deutsche „Sünde” macht dagegen aus der Verfehlung schon vor jeder Kontextprüfung eine Schuldkategorie.
V. „(Ziel-) Verfehlung” als Auslegungshilfe, nicht als Standardübersetzung
Wo der biblische Kontext es nahelegt, ist „(Ziel-) Verfehlung” eine wertvolle erklärende Wiedergabe. Sie hat drei Vorzüge:
— Sie macht den Aspekt des Verfehlens unübersehbar.
— Sie verhindert, daß der Leser sofort und reflexhaft an die kirchliche Schuldmechanik denkt.
— Sie zwingt zur Frage: Welches Ziel wird verfehlt? (und damit zur Auslegungsarbeit, die die Übersetzung mit „Sünde” seit Jahrhunderten vermeintlich erspart).
Zugleich hat das Wort spürbare Nachteile: Es klingt im Deutschen technisch-abstrakt, und das Verb „ziel-verfehlen” wirkt sprachlich künstlich und wäre für eine Bibelübersetzung in der Fläche stilistisch schwer tragbar. „(Ziel-) Verfehlung” eignet sich daher nicht als durchgängige Standardwiedergabe, sondern als erklärende Präzisierung, als hermeneutische Hilfe und als didaktischer Ausdruck, überall dort, wo das Fehlgehen gegenüber einer von Gott her gesetzten Bestimmung im Vordergrund steht.
VI. Zwei neutestamentliche Prüfsteine
Römer 3,23. Der Vers lautet sinngemäß: „Alle haben verfehlt und ermangeln / bleiben zurück hinter der Herrlichkeit Gottes.” Die Formulierung paßt sehr gut zu einer „(Ziel-) Verfehlungs”-Lesart und ist einer der starken Texte für den Gedanken, daß die Menschen hinter einem von Gott her gesetzten Maß zurückbleiben. Sie beweist aber nicht, daß ἁμαρτία hier primär als Bogenschußmetapher gemeint ist; das Bild liegt im Bereich der nahegelegten Veranschaulichung, nicht im Bereich des philologisch zwingend Mitgemeinten. Auch die Wendung „Herrlichkeit Gottes” ist exegetisch umstritten: vertreten werden u. a. die Lesarten „Gottes Herrlichkeit nicht widerspiegeln”, „nicht an der von Gott gemeinten Herrlichkeit teilhaben” und „hinter Gottes Standard zurückbleiben”. Was alle drei Lesarten gemeinsam haben, ist gerade die Grundvorstellung des Zurückbleibens hinter einem Bezugspunkt, und damit die Strukturlogik, die im griechischen Wort selbst angelegt ist.
1Johannes 3,4. Der Vers stellt eine Identifikation auf, die als scheinbarer Einwand gegen die hier vorgeschlagene Lesart wirken könnte: ἡ ἁμαρτία ἐστὶν ἡ ἀνομία, daß ist: „die Verfehlung ist die Gesetzlosigkeit”. Damit wird ἁμαρτία unmittelbar mit ἀνομία verbunden, also mit Normwidrigkeit gegenüber dem Gesetz. Bei genauerem Hinsehen verschärft die Stelle aber gerade die Frage, statt sie zu schließen: Welches Gesetz ist gemeint? Und für wen gilt es? Wer will dieses Gesetz halten, und wer kann es halten? Der Verfasser des ersten Johannesbriefes setzt ein Gesetzesverständnis voraus, das im Kontext des Werkes eng mit dem Gebot der gegenseitigen Liebe verbunden ist (vgl. 1 Johannes 3,11.23), nicht ein abstrakter, juristisch verwalteter Strafkodex. Und Paulus’ Antwort auf eben dieselbe Frage ist hochkomplex: Er schreibt zugleich, daß durch das Gesetz die Erkenntnis der ἁμαρτία (Verfehlung) komme (Römer 3,20), daß das Gesetz heilig (d.i. abgesondert für…) sei (Römer 7,12), und daß dennoch niemand durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt werde (Galeter 2,16). Eine Übersetzung mit dem schon vorbelasteten Wort „Sünde” suggeriert eine Eindeutigkeit der „Schuld vor dem Gesetz”, die der neutestamentliche Befund gerade nicht hergibt. „Verfehlung” hält die Frage offen und verlangt vom Leser, sie aus dem jeweiligen Textzusammenhang zu beantworten.
VII. Das eigentliche Problem der Standardübersetzung „Sünde”
Der Befund läßt sich knapp zusammenfassen: In Bibelübersetzungen wird ἁμαρτία sehr häufig institutionell-religiös als „Sünde” mit dem ganzen Schuldkomplex wiedergegeben, obwohl der griechische Kontext oft nur von einem Verfehlen (etwa im Sinne eines verfehlten Ziels) spricht. Damit trägt die Übersetzung etwas in den Text hinein, was im Wort selbst nicht steht: eine spätere institutionell-kirchlich und dogmatische Schuldsemantik, die als Auslegung in bezeichneten Kreisen legitim sein mag, als Wiedergabe aber präjudiziert, was sich allein aus dem Kontext klären sollte.
Die wortwörtliche Übersetzung zeigt dies unmißverständlich: „Sünde” gibt nicht die elementare Grundbedeutung von ἁμαρτία wieder, sondern eine traditionsgeschichtlich verdichtete, religiös-institutionell geprägte Auslegung des Bedeutungsfeldes und diese Auslegung wird, sobald sie in Übersetzungen den Status der Standardwiedergabe erhält, im Bewußtsein der Leser zur scheinbar selbstverständlichen Bedeutung des Wortes.
VIII. Objektive Qualität vor traditioneller Naivität
Die wortwörtliche Übersetzung von ἁμαρτία ist nicht „Sünde”, nicht „Schuld” und nicht „Übertretung”, sondern schlicht: Verfehlung. Diese Wiedergabe ist gegenüber „Sünde” die präzisere Grundübersetzung, weil sie den semantischen Kern des griechischen Wortes wiedergibt, ohne den Inhalt der jeweiligen Verfehlung vorwegzunehmen. Erst der Kontext zeigt, worin die Verfehlung im einzelnen besteht: Untreue, Unglaube, Gesetzlosigkeit, Gewalt, Götzendienst, Lieblosigkeit, Trennung von der Gemeinschaft mit Gott oder Verfehlen der göttlichen Bestimmung.
„(Ziel-) Verfehlung” und in zurückhaltender Verwendung auch das Verb „ziel-verfehlen”, ist als erklärende Auslegungshilfe wertvoll: dort, wo das Fehlgehen gegenüber einer von Gott her gesetzten Bestimmung in den Blick treten soll. Als durchgängige Standardübersetzung trägt das Kompositum jedoch eine Spezifizierung in den Text ein, die das griechische Wort an dieser Stelle gar nicht von sich aus mitbringt; es eignet sich daher als Präzisierung, nicht als Ersatz.
„Sünde” hingegen ist als Standardübersetzung irreführend, weil sie eine spätere institutionell-kirchlich und dogmatische Schuldsemantik in den Text einträgt und in dieser Schuldsemantik bleibt der Mensch dauerhaft gefangen, denn das System, das die Sünde verwaltet, lebt von ihrem Fortbestand.
„Verfehlung” als Grundübersetzung hält (wie das griechische Grundtextwort) den Begriff offen und erlaubt dem jeweiligen biblischen Zusammenhang, seine eigene Stimme zu finden. Damit wird sichtbar, was die institutionelle Übersetzungstradition systematisch verdeckt: daß die biblische Rede vom Fehlgehen des Menschen nicht bei einer Schuldverwaltung endet, sondern bei der Frage anfängt, was ist es, hinter dem zurückgeblieben wird, und wer ist es, dem gegenüber das Ziel verfehlt wurde?
Diese Frage offenzuhalten (und gerade nicht durch ein vorbelastetes Wort vorzeitig zu beantworten) ist die eigentliche Aufgabe einer Bibelübersetzung, die der Sache dienen will und nicht der Tradition.
Holger T. Schubert
Guten Morgen,
Diese Frage offenzuhalten (und gerade nicht durch ein vorbelastetes Wort vorzeitig zu beantworten) ist die eigentliche Aufgabe einer Bibelübersetzung, die der Sache dienen will und nicht der Tradition.
in diesem von Dir genannten Sinne:
welche Bibelübersetzung oder auch welche Erklärbibel kommt denn für dich persönlich am nächsten an die eigentlichen Bedeutungen der Wörter - und ist damit auch näher an der ursprünglichen Aussage?
Das von jemandem zu erfahren, der in der Welt der Sprache so gut zu Hause ist wie du, wäre wirklich hilfreich….😌🙂
Einen schönen Tag!
@stern vielen Dank für dein Feedback.
Ein alter Mann sagte mal: 😊
Keiner Übersetzung vertrauen, nur weil sie fromm klingt.
Keine Übersetzung verwerfen, nur weil sie traditionell klingt.
Keine eigene Deutung absolut setzen, nur weil sie sprachlich plausibel wirkt.
Sondern immer wieder fragen: Was steht da wirklich, was lege ich hinein, und wo muss ich offenlassen, was der Text offenlässt?
H.T.S.
Herzliche Grüße
Könntest du die Verbindung zwischen den drei hebräischen Worten für verschiedene Sündenarten (Zielverfehlung, Absicht, ...) zu begleitenden Worten bei hamartia herstellen? Im NT gibt es ja einmal den Ausdruck "Sünde nicht zum Tode", also spezifischer ausgedrückt. Das fände ich sehr hilfreich, denn vorweigend in allen Bereichen nur hamartia im NT zu finden ist nicht so aufschlußreich.
@deborah71 herzlichen Dank für deinen Einwand, er ist positiv konstruktiv, und er erlaubt mir, einige Linien zu ziehen, die im Aufsatz selbst nur angedeutet sind.
Zur hebräischen Seite. Die Schriften kennen tatsächlich eine differenzierte Terminologie, klassisch dreigliedrig:
– חטא (chata’): „verfehlen, das Ziel nicht treffen”; das Pendant zu ἁμαρτία und das Wort, das auch in dem von mir angeführten Beispiel Richter 20,16 (die Schleuderer, die nicht „chata’”, also nicht verfehlen) konkret und unmetaphorisch gebraucht wird.
– עון (’awon): „Verkehrtheit, Verdrehtheit, Verschuldung”; trägt den Aspekt des bewussten Sich-Krümmens, oft mit der Konnotation der nachfolgenden Schuldlast.
– פשע (pesha’): „Auflehnung, Bruch, Rebellion”; der willentliche Treuebruch, besonders gegen einen Bundespartner.
Diese drei stehen klassisch nebeneinander, etwa in 2 Mose 34,7 oder Psalm 32,1–5, und werden gerade nicht synonym gebraucht. Auch das Opfersystem in 3 Mose 4–6 differenziert ausdrücklich zwischen unwissentlicher Verfehlung und bewusstem Treuebruch.
Zur neutestamentlichen Seite, und hier muss ich deine Annahme freundlich korrigieren. Das NT verwendet keineswegs „vorwiegend nur ἁμαρτία”. Es verfügt über ein erstaunlich abgestuftes Vokabular, das die hebräische Differenzierung teilweise sogar abbildet:
– παράβασις (parabasis): Übertretung, das Überschreiten einer gesetzten Linie (Röm 4,15; Gal 3,19); semantisch nahe pesha’.
– παράπτωμα (paraptoma): Fehltritt, Straucheln (Röm 5,15–20; Eph 2,1).
– ἀνομία (anomia): Gesetzlosigkeit (1 Joh 3,4; Matth 7,23).
– ἀσέβεια (asebeia): Gottlosigkeit, Pietätsbruch (Röm 1,18).
– ἀδικία (adikia): Ungerechtigkeit, Unrecht (Röm 1,18; bemerkenswert auch 1 Joh 5,17: „πᾶσα ἀδικία ἁμαρτία ἐστίν” — alle Ungerechtigkeit ist Verfehlung).
– ὀφείλημα (opheilema): Schuld im Sinne des Geschuldeten (Matth 6,12).
Wenn die deutsche Übersetzungstradition all dies unter dem einen Wort „Sünde” einebnet, geht nicht nur die Präzision von ἁμαρτία verloren, sondern ein ganzes differenziertes Begriffsfeld. Das stützt mein Argument im Aufsatz eher, als es zu schwächen: Die Tradition verflacht beides, den hebräischen Befund und den griechischen.
Zu deinem Beispiel „Sünde nicht zum Tode” (1 Joh 5,16–17). Diese Stelle ist exegetisch hochinteressant, und sie zeigt etwas Bemerkenswertes: Hier differenziert der Verfasser nicht durch ein anderes Wort, sondern innerhalb von ἁμαρτία durch eine kontextuelle Bestimmung: πρὸς θάνατον, „hin zum Tode”. Das spricht gerade nicht gegen meine These, sondern bestätigt sie.
Wörtlich heißt der Ausdruck nämlich „eine Verfehlung hin zum Tode”, wobei πρός eine Richtung, eine Hinordnung angibt, nicht eine kausale Folge. Und damit drängt sich genau die Frage auf, die mein Aufsatz als die eigentliche Aufgabe der Auslegung identifiziert: Was wird hier verfehlt? Welches Ziel?
Die Antwort gibt der Brief selbst, wenige Verse vorher: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht” (5,12). Und unmittelbar danach: „Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr eonisches Leben habt” (5,13). Das Bezugsziel, gegenüber dem die Verfehlung sich definiert, ist also das Leben selbst.
Hier ist nun der Punkt, an dem die Stelle in ihrem eigentlichen Kontext gelesen werden muss, statt sie durch eine spätere dogmatische Brille zu betrachten: Johannes ist Jünger und Schüler dessen, der die kommende Königsherrschaft auf der Erde verkündigt hat. Sein Brief steht in der Hoffnungslinie der Glaubenden des Alten Bundes (Hiob, Daniel, die Propheten) und erwartet die Auferstehung zum Leben in dem kommenden Eon (auf dieser Erde), in dem die Königsherrschaft aufgerichtet wird. Das ζωή αἰώνιος, von dem er spricht, ist nicht eine spirituelle Innerlichkeit, sondern das eonische, dauerhafte Leben in dieser kommenden Königsherrschaft. Genauso ist der Tod, auf den eine ἁμαρτία πρὸς θάνατον hin orientiert ist, nicht ein metaphysisch konstruierter „ewiger Tod” späterer Höllenlehre, sondern der Tod als Endpunkt ohne Aussicht auf das Leben des kommenden Eons.
Damit klärt sich die Stelle nüchtern und ohne dogmatischen Überbau:
– Eine Verfehlung hin zum Tode ist eine Verfehlung, deren Richtung den Verfehlenden aus der Erwartung auf das Leben des kommenden Eons herausnimmt, weil sie das Ziel selbst (den Sohn, die kommende Königsherrschaft, die Auferstehung zum Leben in ihr) grundsätzlich verwirft.
– Eine Verfehlung nicht hin zum Tode ist eine Verfehlung innerhalb dieser Erwaetungshaltung, ein Fehlgehen, das die Grundausrichtung nicht aufkündigt und für das die Fürbitte des Bruders Sinn ergibt: „und er wird ihm Leben geben” (5,16), also ihn auf das Leben des kommenden Eons hin ausgerichtet halten.
Was die Tradition aus dieser Stelle gemacht hat ist Todsünde gegen lässliche Sünde, mit der ganzen Bußmechanik und das ist eine spätere Übertragung kirchlicher Schwere-Kategorien in einen Text, der davon gar nicht redet. Johannes redet von Richtung, nicht von Gewichtsklassen.
Damit zum Kern deiner Frage: Du fragst zu Recht, ob die Konzentration auf ἁμαρτία im NT nicht zu wenig aufschlussreich sei. Mein Aufsatz argumentiert genau umgekehrt: Es ist die Übersetzungstradition, die das Begriffsfeld einebnet, nicht das NT selbst. Sobald man ἁμαρτία wörtlich als „Verfehlung” liest und nach dem jeweils verfehlten Ziel fragt und dieses Ziel nicht aus späterer Dogmatik importiert, sondern aus dem jeweiligen Textzusammenhang erhebt, wird sichtbar, was die Standardübersetzung systematisch verdeckt: dass die biblische Rede vom Fehlgehen nicht bei einer Schuldverwaltung endet, sondern bei der Frage anfängt, hinter welchem Bezugsziel zurückgeblieben wurde.
Genau das wollte ich im Aufsatz zeigen, und deine Frage hat mir die Gelegenheit gegeben, es an einem konkreten Beispiel auszubuchstabieren. Dafür danke ich dir.
Herzlichen Dank, Holger 🙂
Da ich keine wirklichen Griechischkenntnisse habe ist deine Ausarbeitung für mich großartig erweiternd und ich werde sie in Ruhe durcharbeiten.
Die Einebnung in den Übersetzungen ist noch gravierender, als ich dachte. Ich überlege das richtige Wort.... erschütternd kommt dem nahe, was deine Ausarbeitung aufdeckt...und Ehrfurcht gegenüber dem Bibelwort vertiefend. Umgangssprachlich ...ich bin geplättet, was da verborgen war.
Ermutigendes und aufbauendes Wissen weitergeben ist soooo wichtig für mehr Verständnis, welche Schätze in der Schrift vorhanden sind und Gottes Fülle für uns offenbar wird.
shalom
Deborah71
Ich bleibe mal bei mir dran, mit dem, was mir beim Nachlesen und Notieren am Schreibrand wichtig ist.
chata - Ziel verfehlen Richter 20,16 alle, die eine verkümmerte rechte Hand hatten und haargenau trafen mit der Schleuder, wurde gleich mit Linkshänder übersetzt. Ich wusste, dass bei den Benjaminitern viele Linkshänder waren, aber nicht, dass es sich dabei auch, zumindest teilweise, um einen Defekt der rechten Hand gehandelt haben könnte.
Dabei fällt mir der Mann mit der verkrüppelten Hand in der Synagoge ein, dem Jesus befiehlt: strecke deine Hand aus ...und sie wurde in Ordnung Mt 12,13. Impuls: Wir hatten Patienten mit Morbus Dupuytren in der Behandlung und jetzt weiß ich auch, dass es eine Erbkrankheit ist.
Beute: Jesus heilt auch Erbkrankheiten, die von den Medizinern als unheilbar angesehen werden und nur Linderung möglich sei.
Veröffentlicht von: @deborah71Impuls: Wir hatten Patienten mit Morbus Dupuytren in der Behandlung und jetzt weiß ich auch, dass es eine Erbkrankheit ist.
Beute: Jesus heilt auch Erbkrankheiten, die von den Medizinern als unheilbar angesehen werden und nur Linderung möglich sei.
Hast Du eine solche Heilung bei Morbus Dupuytren erlebt?
Noch nicht. Die Information aus dem Bibelvers ist ja ganz neu und ich hatte noch keine Gelegenheit und Impuls zur Anwendung. Mir geht es um die grundsätzliche Bestätigung bzgl Erbkrankheiten. Und es ermutigt mich dranzubleiben für jemanden, der eine andere Erbkranheit in seinen Händen hat und darunter leidet.
Bislang waren die Ergebnisse bei Gebet bzgl Erbkrankheiten ein Verschwinden der Ängste, einmal eine Wiederherstellung eines Teiles eines Stimmbandes, das wegen Krebs entfernt worden war.
Weitere Ergebnisse waren plötzliches Aufscheinen von neuen erfolgreichen Therapiemöglichkeiten, wo es vorher hieß "unheilbar". Ebenso wurden Kranke frei von schädigenden Verhaltensweisen und konnten förderliche Verhaltensweisen annehmen, wogegen sie sich vorher mit Händen und Füßen gewehrt hatten.
Die allererste Begegnung mit Gebet gegen Erberkrankungen war das Zeugnis eines Pastoren, in dessen Familie Kurzsichtigkeit durch die Generationen wanderte. Nach dem Gebet war kein weiteres Kind kurzsichtig geboren worden.
In der Seelsorgeschule hatten wir Unterricht, wie Erberkrankungen weitergegeben werden können und wie man dagegen Einfluß nehmen kann. Es waren drei Bereiche.
Veröffentlicht von: @deborah71Noch nicht. Die Information aus dem Bibelvers ist ja ganz neu und ich hatte noch keine Gelegenheit und Impuls zur Anwendung.
Die Frage war eine ganz einfache.
D.h. Du hast auch noch keine andere Möglichkeit als eine OP erlebt.
Ich bin nicht der Maßstab. Ich freue mich einfach über den Ausblick und was ich schon alles mit Heilungsgebet erlebt habe.
Was schließt du denn daraus, dass ich von einer übernatürlichen Heilung von M. Dupuytren noch nicht erfahren habe?
Veröffentlicht von: @deborah71Was schließt du denn daraus, dass ich von einer übernatürlichen Heilung von M. Dupuytren noch nicht erfahren habe?
Dass wohl doch eine OP notwendig ist.
Wenn es keinen Impuls von Gott gibt, dann dürfen seine Subunternehmer arbeiten. Es glaubt ja auch nicht jeder und nicht jeder ist empfangsbereit. Ausserdem bleiben die meisten Heilungsberichte in den entsprechenden Gemeinden. Dann gibt es auch noch die Lehre in etlichen Gemeinden, dass Gott heute nicht mehr heilen würde. Das bremst den Heiligen Geist auch aus.
Heilungsgebet ist kein Automatismus und nicht jeder ist in diesen Bereich berufen.
Ich habe bei dem Thema gar kein gutes Gefühl, ja ich halte es teilweise sogar für gefährlich.
Gebet und (schul)medizinische Behandlung sind keine Gegensätze.
Kaum ein Mediziner wird bestreiten, dass Anteilnahme, sozialer Kontakt, Rückhalt und dazu zählt eben auch Gebet, für eine Heilung gut sind
Ausser wenn dadurch für den Kranken zusätzlicher Druck aufgebaut wird nach dem Motto, wir beten für Dich, aber da Du nicht gesund wirst, glaubst Du nicht richtig.
Bedenklich ja gefährlich wird es, wenn man notwendige medizinische Behandlung verweigert, weil man sich nur auf Gebet verlassen will und wenn das religiöse Umfeld einen darin bestärkt oder so ein Verhalten gar einfordert.
Ohne Gott heilt nichts! Aber die medizinische Behandlung wegen Gebten zu verweigern ist eine Versuchung Gottes. Man fordert ein Wunder ein und das ist meines Erachtens anmaßend.
Eine kleine Geschichte:
Ein Mann sitzt in einem brennenden Haus und betet intensiv und tief gläubig zu Gott, dass er ihm retten möge. Die Feuerwehr dringt das 1. Mal zu ihm durch. Er schickt sie weg mit den Worten 'Gott wird mich retten'.
Die Feuerwehr erscheint noch zweimal, jedesmal weigert er dich mitzugeben, denn er vertraut auf Gottes Hilfe.
Dann verbrennt der Mann und steht danach vor Gott. "Warum hast du mich nicht gerettet, wo ich so wahrhaft dafür gebetet habe' fragt er Gott.
Gott antwortet: Ich habe Dir die Feuerwehr sogar dreimal geschickt. Du wolltest ja nicht mitgehen.
VG
Chey
Gute Geschichte.
Es sind ja verschiedene Untersuchungen gemacht worden, wie Gebete auf erkrankte Menschen wirken, ob ihr Gesundheitszustand danach besser geht oder so bleibt. Die Überraschung war, dass es denen, denen man nichts von Gebeten für sie gesagt hatte, unverändert ging, denen, denen man gesagt hatte, dass für sie gebetet wurde, ging es aber schlechter.
@queequeg Hat das dann damit zu tun, dass gebetet wurde, oder ging es ihnen schlechter, nachdem man es ihnen offenbart hat? Also weil es dann eben Druck gemacht und der Zustand sich dadurch verschlechtert hat?
Dass man den Kranken mit Gebeten Druck gemacht hat, kann natürlich sein. Näher lieg aber, dass sie sich sozusagen aber den Gebeten ausruhen und keine eigenen Kräfte mobilisieren, weil sie ja jetzt nicht mehr notwendig sind.
Die gesammelten Werke an Einwänden sind mir alle bekannt. Von mir wirst du nie hören: dann hast du nicht genug geglaubt. Dieser Satz bürdet dem Kranken eine Leistung auf, die sich negativ auswirkt und unangemessen wirkt. Heilung ist aber im Gnadenbereich mit Barmherzigkeit angesiedelt und oft zündet die Geistesgabe des Glaubens, die punktuell wirken kann.
Bei Heilungsevangelisten wirkt sich die Gabe der Heilungen anders aus als bei dem Ältestenauftrag in Jakobus. Es gibt keine feststehenden Muster und oft, wenn es um Generationsspuren in einer Familie geht, öffnen sich plötzlich neue ärztliche Behandlungswege, die zum Erfolg führen oder neue förderliche Verhaltensweisen, die vorher striktestens abgelehnt wurden.
Veröffentlicht von: @cheyIch habe bei dem Thema gar kein gutes Gefühl, ja ich halte es teilweise sogar für gefährlich. ...
Ja, so ist auch mein unterschwelliges Gefühl.
(Im Wissen, dass das ein Bereich ist, in dem viel möglich ist.)
Ausser wenn dadurch für den Kranken zusätzlicher Druck aufgebaut wird nach dem Motto, wir beten für Dich, aber da Du nicht gesund wirst, glaubst Du nicht richtig.
Auch das soll vorkommen. Und logisch - es ist ja eine Erwartungshaltung da.
Sonst würde man ja nicht -mehr oder weniger- glaubenssicher beten.
Bedenklich ja gefährlich wird es, wenn man notwendige medizinische Behandlung verweigert, weil man sich nur auf Gebet verlassen will und wenn das religiöse Umfeld einen darin bestärkt oder so ein Verhalten gar einfordert.
Ohne Gott heilt nichts! Aber die medizinische Behandlung wegen Gebten zu verweigern ist eine Versuchung Gottes. Man fordert ein Wunder ein und das ist meines Erachtens anmaßend.
Nach wie vor bin ich mir sicher, dass Gott ja auch medizinische Behandlungen zur Heilung eines Kranken nutzen kann.
Eine kleine Geschichte:
Ein Mann sitzt in einem brennenden Haus und betet intensiv und tief gläubig zu Gott, dass er ihm retten möge. Die Feuerwehr dringt das 1. Mal zu ihm durch. Er schickt sie weg mit den Worten 'Gott wird mich retten'.
Die Feuerwehr erscheint noch zweimal, jedesmal weigert er dich mitzugeben, denn er vertraut auf Gottes Hilfe.
Dann verbrennt der Mann und steht danach vor Gott. "Warum hast du mich nicht gerettet, wo ich so wahrhaft dafür gebetet habe' fragt er Gott.
Gott antwortet: Ich habe Dir die Feuerwehr sogar dreimal geschickt. Du wolltest ja nicht mitgehen.
Ich kenn die Geschichte mit dem Schiffbrüchigen, der sich nicht von einem Rettungsboot und einem Hubschrauber retten lassen will ... Es ist wohl die Erwartung von etwas Übernatürlichem, wo sich Gott ganz irdischer Hilfsmöglichkeiten bedient.
Eine kleine Geschichte:
…
Ich finde die Geschichte zwar auch anschaulich..aber sie impliziert, dass Gott nicht anders als durch Menschen heilen kann.
Und sie impliziert auch die Frage - wenn er das kann, also Feuerwehrleute zur Hilfe schicken, wieso hilft er dann insgesamt nicht mehr? Oder so, dass jeder immer und überall Hilfe bekommt?
Nicht genug gebetet? Oder nicht richtig?
Oder ist der Mann nicht gerecht genug in Gottes Augen?
Keine Helfer (also Leute die willens sind=Feuerwehrleute zB) vor Ort?
Alle Antworten möchte man gerne mit ❌ Nein! beantworten, denn wo ist dann seine Allmacht? (Lucan weist oft genug darauf hin und bis jetzt hat niemand darauf eine wirklich befriedigende Antwort).
Vielleicht muss man Gott nochmal anders denken…
Ein Gebot der 10 Gebote fällt zu Unrecht oft ein bisschen hinten runter, dabei ist es eines der wichtigsten:
Wir sollen uns von Gott kein Bildnis machen.
Nun ist das beim Christentum mit seinem menschgewordenen Gott kaum möglich.
Aber solche Überlegungen wie hier zeigen mir immer, wie sinnvoll dieses Gebot ist.
Wir können Gott nicht erfassen. Und dennoch versuchen wir gern, ihn mit menschlichen Maßstäben zu messen.
Das kann nicht funktionieren.
Leider sind die Religionen auch voll von solchen Versuchen.
VG
Chey
Vielleicht muss man Gott nochmal anders denken…
Das hat gerade was ausgelöst....: die Menschen kamen oder wurden getragen physisch oder mit Worten >in Jesu Gegenwart.!
Dazu hatte sich schon früher eine Frage bei mir festgesetzt: Was bedeutet übertragen Jesu Gewand berühren.
Teilantworten habe ich.... aber auch das Gefühl... es fehlt noch was.
Dazu hatte sich schon früher eine Frage bei mir festgesetzt: Was bedeutet übertragen Jesu Gewand berühren.
Teilantworten habe ich.... aber auch das Gefühl... es fehlt noch was.
Ich bin gespannt…denn alles was uns hilft, Gott besser zu verstehen, ist für jeden hilfreich!
Das ist nun nichts zum einfach Nachahmen, sondern eine persönliche Geschichte. Aber das Prinzip darin ist vllt hilfreich.
Einmal habe ich die Heilungskraft Gottes (ich als Lämmchen, frisch bekehrt) durch einen Bibelvers erlebt. Ich hatte es schonmal erzählt: Psalm 118,17 hatte gezündet. Die Lungenentzündung wollte nicht weichen und ich war ziemlich platt. Da hörte ich im Inneren "Lies einen Psalm"... Ich war so platt, dass ich mich nicht mal wunderte. Die Ansage kam noch zweimal und dann bewegte ich mich. Daumen in den Bereich, wo die Psalmen waren und kam bei Psalm 118 raus. Ich begann zu lesen und dann sprang mich Vers 17 an und Kraft strömte aus dem Buch in mich hinein. Das hatte ich immerhin gerafft. Ab da ging es steil bergauf mit der Gesundheit und ich war bald wieder arbeitsfähig.
Ps 118, 17 Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen.
Den Vers habe ich als "Schwert des Geistes" parat, wenn es um heftige Sachen geht. Es war ein Rhema-Wort für mich.
Prinzip: sich ein Rhema-Wort vom HERRN erbitten (rhema-Wort: ins Herz gefallene Wort, direkte Ansprache
Ein weiteres Rhema ist für mich die Geschichte der blutflüssigen Frau. Wenn diese Geschichte auftaucht, werde ich sehr hellhörig. Da kommt Gutes.
In der Geschichte sind mehrere symbolische Anhaltspunkte für "sein Gewand berühren".
12 erfolglose Jahre: 12 ist eine Vollzahl.... jetzt ist es genug!
erfolglos: eine Sache, die Ärzte damals nicht heilen konnten; ein Fall für Gott, dem nichts zu schwer ist
Gewand berühren 1: Original geht es da um die Tzitzit, die Schaufäden, die für die Gebote, Gehorsam und Bundesverheißung stehen
Gewand berühren 2: Jakobus >naht euch Gott so naht er sich euch (Erwarte von Ihm, nicht vom Beter oder von den Ältesten, auch wenn sie gerufen werden sollen. Der Heilende ist Gott)
Demut = um Hilfe bitten, entspannen, ärztlichen Rat suchen
Gewand berühren 3: Zeit mit Gott verbringen
Mein Schlüssel damals bezgl rheum. Formenkreis: Sichtbar werden wollen
Gott rief mich zu einer bestimmten Veranstaltung im Rheinland. Ich träumte von der Geschichte der Blutflüssigen Frau. In der zweiten Session begann der Heilungsevangelist mit dieser Bibelgeschichte. Als er sagte: die Frau musste sich entscheiden, sichtbar werden zu wollen, hörte ich Gott im Inneren: komm raus in den Flur (ayle, zwischen den Stühlen). Ich traute mich erst nicht, ging dann aber doch in den Mittenflur. Es kam eine Sequenz mit Lobpreis. Mein rechter kleiner Finger war arthritisch entzündet. Ich hob auch die Hände beim Lobpreis und dann spürte ich auf einmal, wie etwas gefühlt dichter um den kleinen Finger wurde und er sofort abkühlte. Er hat sich nie wieder entzündet. Ich wollte zum Zeugnisgeben nach vorne gehen... auf dem Weg kam die eigentliche Belastung hoch: Angst, so rheumatisch zu enden, wie meine Mutter. Ich heulte die Angst aus und danach war es gut. Die Zeugniszeit vorne war inzwischen beendet worden. War auch ok für mich.
Vielleicht kannst du aus meiner Geschichte etwas entnehmen an Erwartung, Zuversicht, Geduld.... hoffe....
Wir wissen nicht, warum Gott manchmal hilft und manchmal nicht.
Es ist ja auch nicht so, dass Gläubige immer gesund sind und ihnen alles gelingt und Nichtgläubige nicht.
Mir ist hier nur sehr wichtig, nicht aus einem Glaubensverständnis der Gebetserhörung notwendige medizinische Hilfe zu unterlassen.
Das ist unverantwortlich. Insbesondere wenn man Dritte entsprechend unter Druck setzt.
VG
Chey
"Geh zum Arzt und lass dir helfen!" war einmal eine klare Anweisung Gottes, als ich einen massiven Leistungseinbruch hatte. Es stellte sich heraus, dass ein bestimmter Arbeitsplatz meine Kalium- und Magnesiumspeicher fast leergefressen hatte.
Nachdem alle Katastrophenvermutungen abgeklopft waren, wurden dann endlich die Mineralien geprüft. Der Stand war so niedrig, dass die Mineralien sogar verordnungsfähig waren. Ich muss also immer auf den Mineralstand achten bei mir. Das wäre mit einer "Wunderheilung" nicht zielführend gewesen.
Veröffentlicht von: @sternIch finde die Geschichte zwar auch anschaulich..aber sie impliziert, dass Gott nicht anders als durch Menschen heilen kann.
Nein. Natürlich könnte Gott anders helfen, aber er hat nun mal auch Bodenpersonal.
Und wenn man - wie in der Geschichte mit dem Ertrinkenden - den Rettungsring wegschubst und nicht ins Boot gezogen werden will, dann hat man vielleicht aus falsche Vorstellungen.
Vielleicht muss man Gott nochmal anders denken…
Das kann sein.
Veröffentlicht von: @deborah71Wenn es keinen Impuls von Gott gibt, dann dürfen seine Subunternehmer arbeiten.
'Subunternehmer' = Arzt?
@deborah71 Ich denke, das ist der übliche Weg.
Und ich empfinde es als 'Lenkung', wenn man an einen guten Arzt gerät, der dann eine richtige Therapieform findet.
עון (’awon) Ein Wort mit doppelter Bedeutung. Strafe und Verbrechen gleichzeitig. Das erste Vorkommen bei Kain wirft einen bezeichnenden Blick auf das Wort: Meine Strafe ist zu schwer, dass ich sie tragen könnte.
Ich bringe damit den Erlösungsplan durch Jesus gedanklich in Verbindung. Er hat unsere Strafe am Kreuz getragen, weil sie wirklich zu schwer für unsere Verdrehtheit ist, der zweite Tod.
Bei Rashi hatte ich eine Querverbindung zu Verdrehtheit gefunden, leider aber den Vers nicht notiert. Rashi verbindet an dieser Stelle Verdrehtheit mit einem Wiesel aufgrund einer MishnaBemerkung. Das Bild des Wiesels in seiner Fähigkeit sich ganz dünn durchzuschieben, sich zu verdrehen, rauszuwinden, finde ich sehr deutlich im übertragenen Bereich wie Ausreden, Schuldverschiebung usw....
Ich bin ja nun auf dem Gebiet der Sprache vollkommener Laie... ich bin aber immer davon ausgegangen, dass "Sünde" etwas mit "Sonderung" zu tun hat, also "Absonderung" von Gott.
Das bedeutet einmal die Trennung von Gott durch den Sündenfall, also dass Menschen sich für eine "Gottesferne" entschieden haben und Gott nicht mehr unmittelbar für uns präsent ist.
Es bedeutet aber zusammenhängend damit auch, dass wir uns von seinen Idealen entfernt haben. Die "Sünde" als fehlerhafte Handlung ist daher eine Folge dieser Trennung, weil uns die Orientierung fehlt.
Jesus ist nun der Schlüssel, damit wir diese Orientierung wiederfinden. Zwar werden wir immer noch Fehler machen, weil Gott immer noch fern ist (Also werden wir vorerst Sünder bleiben) - aber zumindest die Richtung stimmt, weil sie wieder zu Gott führt.
So habe ich das jedenfalls immer verstanden.
@lucan-7 danke für deine offene Rückmeldung, gerade weil du dich als Laien bezeichnest, ist deine Wortmeldung wertvoll, denn du formulierst eine Lesart, die in evangelikalen und volksfrommen Kreisen weit verbreitet ist und die ich im Aufsatz indirekt mitbehandelt habe. Lass mich auf zwei Ebenen antworten: auf der etymologischen und auf der sachlichen.
Zur Etymologie. Die intuitive Verbindung von „Sünde” mit „Sonderung” / „Absonderung” ist sprachlich naheliegend, sie ist aber nicht haltbar. Es handelt sich um eine sogenannte Volksetymologie, eine Deutung, die durch klanglichen Gleichlauf entsteht, ohne dass eine tatsächliche Wortverwandtschaft vorliegt.
– „Sünde” geht auf althochdeutsch sunta, mittelhochdeutsch sünde zurück und wird in der Forschung mit einer germanischen Wurzel verbunden, die mit „seiend, wahr, schuldig” zusammenhängt; die Nähe zum altnordischen sannr („wahr”; auch „schuldig”) und zum lateinischen sons („schuldig”) wird in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt. Etymologisch trägt „Sünde” also gerade nicht das Bild der Trennung in sich, sondern die forensisch-juridische Vorstellung der erwiesenen Tatschuld.
– „Sonderung” / „absondern” gehört zu einer ganz anderen Wurzel, althochdeutsch suntar („abseits, getrennt”), verwandt mit lateinisch sine („ohne”) und griechisch ἄτερ („abseits”). Mit „Sünde” hat das etymologisch nichts zu tun.
Das mag enttäuschen, weil deine Deutung theologisch schöner wirkt als die tatsächliche Wortgeschichte. Aber genau das ist mein Punkt im Aufsatz: Die deutsche Wortgeschichte von „Sünde” weist nicht in eine theologisch hilfreiche Richtung, sondern in eine forensische und genau deshalb verzerrt sie das griechische ἁμαρτία, das eben nicht von Schuld, sondern von Verfehlung redet.
Zur Sache, hier wird es interessant, denn deine theologische Intuition ist gar nicht falsch, sie ist nur nicht in dem Wort „Sünde” angelegt, sondern müsste trotz dieses Wortes erst gegen seine semantische Schwerkraft erarbeitet werden.
Du beschreibst eine Bewegung: Trennung vom Bezugspunkt (fehlende Orientierung, fehlerhafte Handlung) als Folge dieser Trennung. Das ist sachlich nicht weit von dem entfernt, was das griechische ἁμαρτάνειν tatsächlich beschreibt: das Verfehlen eines Ziels, weil die Ausrichtung auf dieses Ziel nicht mehr stimmt. Insofern hast du in der Sache etwas Richtiges erfasst, nur eben nicht über das Wort „Sünde”, sondern gegen es.
An zwei Stellen würde ich allerdings nachfragen:
Erstens. Du sprichst davon, dass „Gott immer noch fern” sei und dass wir „vorerst Sünder bleiben” werden. Das ist die klassische lutherisch geprägte simul iustus et peccator-Formel, und sie ist genau jene Schuldverwaltung im Dauerzustand, die ich im Aufsatz beschreibe: ein System, das vom Fortbestand dessen lebt, was es zu beheben verspricht. Wenn aber, wie du selbst formulierst, „die Richtung stimmt“, warum sollte der, dessen Richtung stimmt, weiterhin als „Sünder” etikettiert werden? Die Etikettierung gehört zur juridischen Schuldsemantik des Wortes „Sünde”, nicht zur Sachlogik der Verfehlung. Wer auf dem Weg ist, ist nicht mehr ein Verfehlender, sondern ein Suchender, oder einer der schon die Gemeinschaft mit Gott dem Vater schon gefunden hat.
Zweitens. Die Vorstellung, der „Sündenfall” habe eine ontologische Trennung zwischen Mensch und Gott bewirkt, die durch das Erlösungswerk grundsätzlich, aber nicht praktisch überwunden sei, ist eine spezifisch westlich-augustinische Konstruktion, die der hebräische Befund so nicht trägt. Im Tanach gibt es keinen Begriff von „Erbsünde” im augustinischen Sinn, und die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird durchgängig als eine Beziehung dargestellt, die durch konkretes Verhalten (Treue oder Treuebruch) gestaltet wird, nicht durch einen ontologischen Zustand der „Gottesferne”, der erst durch sakramentale oder forensische Mechanik überbrückt werden müsste.
Worauf das hinausläuft. Du hast in deiner Frage etwas formuliert, was die Stärke und zugleich die Tragik der Schuldsemantik gut zeigt: Sie ist intuitiv, weil sie sich in das Bewusstsein der Gläubigen über Jahrhunderte eingeprägt hat, so tief, dass selbst die etymologische Herleitung des Wortes intuitiv „passend” gemacht wird (Sünde = Sonderung), obwohl die Sprachgeschichte das nicht hergibt. Genau das ist der Effekt, den der Aufsatz beschreibt: Eine institutionell-kirchliche Auslegung hat sich so weit in das Wort eingeschrieben, dass sie als seine natürliche Bedeutung erscheint, und sogar mit nachträglich konstruierten Volksetymologien gestützt wird.
Mein Vorschlag mit „Verfehlung” ist deshalb kein semantischer Purismus um seiner selbst willen. Er ist der Versuch, dem Wort seine Offenheit zurückzugeben, damit der Leser die Frage stellen kann, die du in deiner Antwort bereits selbst stellst: Wovon hat sich der Mensch entfernt? Welches Ziel wird verfehlt? Worin besteht die Bestimmung, hinter der zurückgeblieben wird?
Das deutsche „Sünde” beantwortet diese Fragen vorzeitig, nämlich juridisch. Das griechische ἁμαρτία hält sie offen.
Übrigens, deine theologische Intuition ist näher am griechischen Grundwort, als das deutsche Wort „Sünde” es ist. ❤️
Danke für deine sehr ausführliche Klarstellung. Man lernt doch immer wieder dazu... von alleine wäre ich wohl nie darauf gekommen, die Kombination "Sünde/Sonderung" in Frage zu stellen, weil es so offensichtlich scheint.
Ebenso offensichtlich ist es aber natürlich, dass man bei der Bedeutung immer am Orginaltext arbeiten muss, weil jede Übersetzung ja allenfalls eine Annäherung sein kann.
Du sprichst davon, dass „Gott immer noch fern” sei und dass wir „vorerst Sünder bleiben” werden. Das ist die klassische lutherisch geprägte simul iustus et peccator-Formel, und sie ist genau jene Schuldverwaltung im Dauerzustand, die ich im Aufsatz beschreibe: ein System, das vom Fortbestand dessen lebt, was es zu beheben verspricht. Wenn aber, wie du selbst formulierst, „die Richtung stimmt“, warum sollte der, dessen Richtung stimmt, weiterhin als „Sünder” etikettiert werden?
Meine simple Antwort darauf: Weil es der Kirche nutzt. Wer schuldig ist, muss sich verantworten, und wer sich verantworten muss, der kann kontrolliert werden. Und das funktioniert sehr gut - so gut, dass ja schon davon gesprochen wird, dass wir in einer "Schuldkultur" leben.
Das sehen wir ja immer wieder, wenn irgendwo ein Unglück geschieht: Es wird immer sofort die Frage gestellt, wer dafür verantwortlich ist, damit man die Person bestrafen kann. Das ist in anderen, fernen Kulturen oft anders. Deshalb ist es für uns beispielsweise irritierend, etwa einen japanischen Film über den 2. Weltkrieg zu sehen, in dem der Krieg als eine Art Naturkatastrophe geschildert wird, in die die Menschen hineingeraten, ohne dass die Frage nach der Schuld gestellt wird. So eine Herangehensweise wäre in einem (West-)europäischen Film undenkbar.
Und ich denke, dass diese kulturelle Denkweise ganz zentral mit dem Verständnis von "Sünde" als einer juristischen Schuld zusammenhängt, die beurteilt und bestraft werden muss. So sehr, dass das auch ausserhalb des Christentums völlig etabliert wurde.
Mein Vorschlag mit „Verfehlung” ist deshalb kein semantischer Purismus um seiner selbst willen. Er ist der Versuch, dem Wort seine Offenheit zurückzugeben, damit der Leser die Frage stellen kann, die du in deiner Antwort bereits selbst stellst: Wovon hat sich der Mensch entfernt? Welches Ziel wird verfehlt? Worin besteht die Bestimmung, hinter der zurückgeblieben wird?
Das deutsche „Sünde” beantwortet diese Fragen vorzeitig, nämlich juridisch. Das griechische ἁμαρτία hält sie offen.
Das ist sicher richtig - es stellt sich aber auch die Frage, ob dieses Verständnis, selbst wenn es dem Orginal viel näher kommt, sich in unserer Kultur überhaupt durchsetzen könnte. Denn wir wünschen uns ja ein klares Schema: Gut - Böse, Schuld - Strafe, alles muss geklärt sein.
Ich selber habe ja vom Judentum genau so wenig Ahnung wie von Sprache... aber nach meinem Verständnis wird dort Vieles offen gelassen, weil es eben nicht eindeutig beantwortet werden kann. Gott ist der, der er ist, und sein Handeln ist oft unverständlich.
Das ist für uns hierzulande nur schwer auszuhalten. Deshalb mögen wir auch keine "offene Sünde", die "nur" eine Verfehlung ist...
@schubertholger Ich stimme dir absolut zu. Was aber folgt daraus?
Folgerungen
- Ohne Zielsetzung gibt es keine Sünde.
- Gott ist ohne Sünde, weil Er Sein selbst gesetztes Ziel erreichen wird.
- Die erste Sünde konnte nur durch das erste Übertreten eines Verbots Gottes geschehen, womit der Mensch ein gesetztes Ziel verfehlt hat.
Welches sind die Ziele, oder: wann sündigt man?
Gottes Ziel und das Ziel des Menschen hängen aus Gottes Perspektive zusammen:
Das Ziel Gottes ist, von der Menschheit, Seiner Schöpfung, ausnahmslos verehrt zu werden (Jes. 45,23-24, Phil. 2,9-11, Röm. 14,11, Off. 4,11; 15,4).
Das bedeutet also, immer wenn Menschen Gott verehren und ihm treu sind (glauben), sündigen sie nicht. Anders gesagt: „Alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“ (Römer 14,23).
Mit der obigen Definition ist auch klar, wie Sünde zunimmt: Durch Gesetze, also viele Teilziele, die vollständig erreicht werden müssen, was aber Menschen unmöglich ist: „Das Gesetz aber kam nebenbei herein, damit die Kränkung zunehme“ (Römer 5,20). „Wo aber kein Gesetz ist, gibt es auch keine Übertretung“ (Römer 4,15). Und da wir, „die Nationen, das Gesetz nicht haben“ (Römer 2,14) können wir dies ja nicht übertreten. Gläubige, die das Evangelium der Gnade angenommen haben, sind also aus „Glauben gerechtfertigt, nicht durch Gesetzeswerke (Römer 3,28)“.
Dagegen galt das Gesetz für Gläubige aus Israel, die nach dem Evangelium des Petrus gelebt haben und nicht zur herausgerufenen Gemeinde (Evangelium des Paulus) gehören (1.Petr. 4,17f; Jak. 4,11).
Der erste Sünder
Sünde gab es schon vor dem sog. „Sündenfall“ Adams, denn es gab ja schon den Versucher, die Schlange (1.Mose 3,1). Dies war Satan (Offb. 20,2) – ein Sünder (1. Joh 3,8) und ein Menschentöter von Anfang an (Joh 8,44). Das bedeutet, dass schon vor dem „Sündenfall“ feststand, dass Satan Menschen töten wird (s.o.). Das war seine Bestimmung. Einzug hält das Böse bzw. Satan in der Bibel wohl in 1.Mose 1,2 mit dem Satzteil „Finsternis über der Tiefe“ – nach der Beschreibung der Leere mit „Die Erde wurde öde und leer“. Römer 5,12 beschreibt den Sündeneintritt durch Adams Übertretung in die Welt der Menschen.
Der Eintritt der Sünde in die Menschheit
Die Sünde konnte nur durch das erste Übertreten eines Verbots durch einen Menschen in die Menschheit gelangen. Um das zu bewerkstelligen, pflanzte Elohim in die Mitte von Eden den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und versah dessen verlockende Früchte mit dem Verbot, von ihnen zu essen. Damit nicht genug, schickte Elohim die Schlange, die durch geschickte Rhetorik die anfänglichen Bedenken von Eva zerstreute, sie zum Essen verführte und somit ihrem Titel „Menschentöter“ gerecht wurde (1.Mose 3,1-7).
Denn durch diese erste Übertretung kam der Tod über alle Menschen (Römer 5,12). Gemeint ist hier aber nicht der sofortige körperliche Tod, sondern die Störung der Lebensgemeinschaft zwischen Gott und den Menschen: „Nachdem er den Menschen ausgetrieben hatte, ließ Er ihn gen Osten vom Garten in Eden weilen, und der setzte die Cherubim und die Flamme des zuckenden Schwertes davor, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen“ (1. Mose 3,24). Der Tod ist also hier nicht das sofortige Aufhören der Existenz, sondern eine Existenz in einer gestörten Gottesbeziehung (1.Johannes 3,14; Offenbarung 3,1; 1.Timotheus 5,6; Lk. 15,24; 15,32; Epheser 5,14). Nur das Hinwenden zu Gott bringt Menschen aus diesem (bildlichen)Tod in das Leben (Epheser 2,5; Kolosser 2,13; Sprüche 4,23; 22,4-5; Amos 5,4-6; Psalm 22,27; 69,33). Durch den Sündenfall Adams wurden wir aber das Gute und Böse erkennende Menschen.
Denn was passierte nach dem Sündenfall Adams? Der Tod kam zu allen Menschen, worauf „alle sündigten“ (Römer 5,12). Diese Entwicklung lag in Gottes Heilsplan, „denn Gott schließt alle zusammen in Widerspenstigkeit ein, damit Er sich aller erbarme!“ (Römer 11,32).
Das Ende der Sünde
Aus diesem Grunde wird der Tod als letzter Feind bezeichnet und wird von Gott unwirksam gemacht werden (1. Kor. 15,26).
Der Weg war der Tod Christi: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1. Kor. 15,22). Sowohl das Sterben durch Adam, sowie auch das Lebendig machen durch Christus bezieht sich nicht nur auf das Körperliche. Christus ist nicht in erster Linie dafür gestorben, dass der Mensch endlos leben kann. Nein, Christus wird die Sündenfolge Adams, die zerstörte Beziehung des Schöpfers zum Menschen, wieder zurecht bringen. Alle Menschen leiden unter dem Sündenfall Adams, alle Menschen werden auch auch davon erlöst. Das ist die Aussage von 1.Kor. 15,22.
Wenn alle Menschen dann lebendig gemacht werden, wird diese Verheißung erfüllt werden: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir wird sich jedes Knie beugen, und jede Zunge wird Gott bekennen.“ (Röm. 14,11).
Ich war etwas überwältigt von Holgers langen Texten und hab mit KI nachgeholfen, die mir erklärt hat ...
Sünde ist demnach nicht eine verbotene Handlung, für die Gott aktiv Leid zufügt *, sondern die Folgerichtigkeit eines inneren Zustands der Abkehr, dessen Folgen er wirken lässt und einen später zur Verantwortung zieht.
* was ich nicht ganz mit dem Sündenfall vereinen kann, bei dem ja klar gegen das Gebot (?) / die Anweisung nicht von dem einen Baum zu essen gehandelt wurde ...
😆 Ich hab vergessen, was ich eigentlich sagen wollte: Nämlich, wie krass es ist, wie unglaublich negativ das ... ja, ich sag verzerrt wurde.
@samira-jessica Stimmt schon... tja, KI ersetzt doch nicht das Selber-denken..
@tatokala xD Das hat nicht mit der Zusammenfassung der KI zu tun, sondern ich habe es vergessen.
Vielleicht wurde das schon erwähnt, ich hab nicht alles durchgelesen:
Ich hab Joyce Meyers Definition
Sünde ist der Ungehorsam gegenüber dem Willen Gottes
mit KI besprochen und ich möchte - ja, trotz aller Vorurteile - gerne teilen, was rauskam:
Sünde besteht aus zwei (und mehreren) Ebenen, Schritten.
Die erste wird hier aufgeführt, der innere Zustand der Abkehr (aufgrund negativer Gefühle wie verletzt, bitter, stolz sein). In diesem Zustand sind empfänglicher für Versuchung. Daraus folgt die zweite, nämlich der bewusste Ungehorsam aus diesen Zustand heraus.