Benachrichtigungen
Alles löschen

Wie wird man mit versehentlicher Schuld fertig?

Seite 1 / 2

Diesel
Themenstarter
Beiträge : 24

Ich hatte vor ein paar Tagen einen schrecklichen Autounfall. Dabei ist meine liebe Frau ums Leben gekommen. Wie der Unfall passiert ist, weiß ich nicht, ich habe keinerlei Erinnerung daran. In den Medien steht, dass ich nach links in den Gegenverkehr gekommen wäre. Ich weiß, ich bin gefahren und habe irgend etwas falsch gemacht.
Meine Frau fehlt mir sehr. Das ist das eine. Andererseits mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht genügend aufgepasst habe, sonst wäre der Unfall bestimmt nicht passiert. Wie wird man mit dieser Schuld fertig, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben? Wie wird man damit fertig, dass man den Schwiegereltern ihre Tochter genommen hat, den erwachsenen Kindern die Mutter, den Schwägerinnen die Schwester?

Antwort
25 Antworten
andreas
Beiträge : 1642

Mein Beileid zum Verlust Deiner Frau.

Das wird ein Wechselbad von Trauer und Schuldgefühlen sein, das ganz sicher ein paar Monate weitergehen wird.

Mir scheint, Du fühlst Dich gegenüber verschiedenen Parteien schuldig: Den Schwiegereltern, den Schwägerinnen, den Kindern, Dir selbst, Gott. Das sind dann auch mehrere Baustellen, mehrere Orte, an denen Du Vergebung ersehnst.

"Fertigwerden" ist wohl das falsche Wort. Das schnelle Rezept, die Abkürzung gibt es nicht.
Mit Schuld wird man nicht fertig. Sie kann vergeben werden, aber der Schaden wird in diesem Leben nicht mehr repariert. Und damit wirst Du irgendwann zu leben gelernt haben.

Nach und nach wirst Du mit allen, gegenüber denen Du Dich schuldig fühlst, einzeln reden. Ich weiß nicht, was dann passieren wird. Statistisch gesehen wird es wohl das Schwerste, Dir selbst zu vergeben.

Jetzt such Dir bitte eine Person, die Dir hilft, das alles zu sortieren. Familienhilfe, psychosozialer Notdienst oder Telefonseelsorge... irgendwann evtl. auch Therapie.
Jemand von außerhalb, mit dem oder der Du reden kannst, reden reden reden.

Gott segne Dich und Deine Familie.

andreas-wendt antworten


Deborah71
Beiträge : 15878

Das tut mir sehr leid, was du erlebt hast. Mein Beileid .....

Es wird Zeit brauchen.... ein TVerarbeitungsprozess geht nicht von jetzt auf gleich.
Sachkundige Begleitung durch einen Trauer- und Traumatherapeuten möchte ich dir empfehlen.
Freunde, die mit dir gehen und wenn es dein Wunsch ist, auch Beter.

Was mir auch wichtig erscheint, wäre der Polizeibericht... wie waren die Straßenverhältnisse in Bezug zu Aquaplaning oder einer möglichen Eisplatte.
Sekundenschlaf wäre auch zu Bedenken.

Es bringt nichts, wenn du dich durch Vorwürfe zermürbst. Sie sind als Erstreaktion verständlich...zeigen mir auch, dass du wohl ein sehr verantwortungsbewusster und fürsorglicher Mensch bist..... auf Dauer aber nicht hilfreich, um durch die Verarbeitung zu kommen.

deborah71 antworten
deadman
Beiträge : 52

Es ist furchtbar, was Du erlebt hast und wie das Dein Leben und das Leben aller anderen Angehörigen unabänderbar in Schmerz und Trauer stürzt. Auch ich möchte mein Beileid aussprechen, auch wenn wir uns gar nicht kennen - ich finde es aber mutig, dass Du hier im Forum diese Frage stellst.

Ein erster Schritt, sich seiner Schuld zu stellen, ist ja das Eingeständnis vor sich selbst und vor den anderen, dass man der Verursacher eines Übels ist. Das tust Du ja gerade.

Einige Schritte machst nicht Du, sondern werden von anderen eingeschlagen. Z.B. von Polizei und Justiz, die sich eine Bild von dem Ereignis machen müssen mit der Frage, ob Du Dich vor einem Gericht wirst verantworten müssen. Von den nahen und entfernteren Angehörigen und dem Freundes- und Bekanntenkreis, die zu dem Geschehen innerlich (vor sich selbst) und nach außen Stellung beziehen werden u.a. zu der Frage, was sich in ihrer Beziehung zu Dir nun geändert hat oder ändern wird. Auf diesen Prozess kannst Du kaum Einfluss nehmen - dieser Prozess wird aber viel Einfluss darauf haben, wie es Dir gehen wird.

Für Deine weiteren Schritte, wie Du mit der Schuld weiterleben kannst, gibt es m.e. kaum brauchbaren Ratschläge. Seelsorge kann sicher eine Hilfe sein. Psychotherapie dagegen m.e. nicht - schuldig werden und damit umgehen müssen ist ja keine seelische Krankheit. Solltest Du in eine tiefe Depression fallen oder unüberwindbare Ängste entwickeln, muss man das natürlich neu bedenken.

Du wirst natürlich Deine Stärken und Ressourcen, mit denen Du bisher Dein Leben gestaltet und bewältigt hast, für die Bewältigung dieser Krise einsetzten. Und die Menschen, die Dich vor dem schrecklichen Unfall geliebt, geschätzt und gemocht haben, werden das auch nach dem Unfall tun - zumindest die "richtigen" aus diesem Kreis. Und von denen wirst Du Mitgefühl, Hilfe und Beistand erleben.

Es wird Dir niemand sagen können, wie lange es dauern wird, bis das Geschehen in Deiner Biographie den Platz gefunden hat, mit dem es Dir wieder besser gehen kann. Ich selbst blicke in meiner Biographie auf den Tod eines Menschen zurück, an dem ich in einer ganz anderen Weise als bei Dir verwickelt war. Der Prozess, den ich hier skizziert habe, hat bei mir ca. 8 Jahre gedauert, dann kehrte wieder so etwas wie innere Ruhe bei mir ein. Ich denke aber, dass das so ein Zeithorizont nicht übertragbar ist auf eine andere Krise.

Das ist alles so individuell, dass ich Dir nur eines rate: nimm Dir die vielen Ratschläge nicht zu Herzen, die Du bekommen wirst. Ratschläge sind oft Schläge, die vor allem den Ratgeber entlasten - und nicht Dich. Ein Ratschlag schafft Distanz zum Beratenen und der Ratgeber kann Dich Deinem Elend ohne weitere eigene emotionale Beteiligung überlassen, weil er Dir ja schließlich die Lösung angeboten hat ... und dann bist Du selbst Schuld, wenn Du den ach so tollen Rat nicht annimmst oder vermeintlich so schlecht umsetzt, dass es nicht klappen kann. Der "gute Rat" bleibt gut - auch wenn er nicht passt. Und Du fühlst Dich noch schlechter.

... Das gilt vielleicht auch für das, was ich hier geschrieben habe.

deadman antworten
1 Antwort
Diesel
(@diesel)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 24

Ich war viele Jahre nicht mehr auf jesus.de online, früher schon öfter mal. Aber jetzt, wo ich ganz alleine Zuhause am PC sitze, kam mir dieser Gedanke, dass ich mich wieder hier einloggen könnte, um dieses Thema, das mich so beschäftigt, einer Gruppe von Menschen zu zeigen, um zu sehen, was andere dazu meinen. Jede Antwort hat mir in irgend einer Weise gut getan, dafür danke ich euch.

diesel antworten


Ultreia
Beiträge : 185

Mein herzliches Beileid, was für eine Katastrophe!
Geht es dir denn gut? Wenn der Unfall erst wenige Tage her ist, dann hast du doch bestimmt auch noch Verletzungen? Ich wünsche dir gute Besserung!

Ich empfehle dir: Rede darüber!
Such dir jemandem, mit dem du reden kannst, bei dem du weinen darfst und bei dem du alles herauslassen kannst. Wenn du niemandem in deinem persönlichen Umfeld hast gibt es inzwischen zahlreiche Onlineangebote, das Sorgentelefon, Angebote von Kirchen...
Und schreib dir auch gern hier immer wieder alles von der Seele!

Und denke unbedingt darüber nach Hilfe in Anspruch zu nehmen in Richtung Trauerbegleitung, Trauma (Posttraumatische Belastungsstörung ist hier ein großes Risiko!), versuche dir sobald wie möglich Hilfe zu holen, denn oft hat man ja leider lange Wartezeiten. Vielleicht kann es auch jemand für dich übernehmen?

Und vielleicht hilft dir irgendwann ein Video, das es bei Youtube gibt vom Kanal "Die Frage". Das ist ein Interview mit einer jungen Frau, die sagt, dass sie Schuld am Tod mehrerer Menschen ist, weil sie einen Unfall verursacht hat. Du findest das Video selbst, wenn du "Die Frage" und "Schuld" eingibst.#
Aber schau es vielleicht noch nicht sofort, ich kann nicht einschätzen, ob es dir heute schon gut tut. Oder schau es mit jemandem zusammen, der dafür sorgt, dass ihr abschaltet, wenn es zu viel wird. Vielleicht hilft es dir irgendwann, weil die junge Frau auch davon spricht, wie sie es schafft mit dieser Schuld zu leben.

Aber eines darfst du heute schon für dich annehmen: An dem Unfall warst du bestimmt nicht schuld!
Unfälle passieren und sind schrecklich, aber gib dir nicht die Schuld daran. Das hilft dir nicht und auch niemand Anderem und auch deine Frau würde das bestimmt nicht wollen!
Sag dir das immer wieder, stelle dich vor den Spiegel und sage es dir mehrmals am Tag, bis du es die selbst glaubst. Ich glaube, das ist ganz wichtig für deine innere Heilung. Ich wünsche dir alles Gute!

ultreia antworten
5 Antworten
Diesel
(@diesel)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 24

Danke für den Hinweis auf den Film in You Tube, ich habe auch den Film, der automatisch als nächstes kommt, angesehen, wo ein Rechtsanwalt den Film kommentiert. Auf mich kommt das ja auch noch zu, ein Verfahren vor Gericht, allerdings nicht im Jugendstrafrecht, da bin ich schon viel zu alt dafür. Aber ich kann das Mädchen super gut verstehen, ich hätte mir auch gewünscht, hätte es lieber mich getroffen als meine Frau, oder wenigstens dann uns alle beide. Diese Gedanken hatte ich auch bereits.

diesel antworten
DerNeinsager
(@derneinsager)
Beigetreten : Vor 3 Jahren

Beiträge : 1449

Hallo,
Ich möchte Dir einfach nur mein Beileid sagen und Dir in dieser Zeit alle Stärke und Kraft wünschen die Du brauchst.

Ich glaube was wichtig ist, das du dich nicht vergräbst sondern Dir alles von Seele reden kannst und wenn es sich mehrmals wiederholt. Suche Gemeinschaft.

Auch wenn das für Dich sich vielleicht jetzt subjektiv befremdlich anhören tut: Aber vor allem eure Kinder für die bist du jetzt auch ein starker Trost und sie brauchen Dich.

Überdies kann es auch ein technischer Defekt gewesen sein am Wagen. Ich kann an der Stelle aber für euch beten.

Liebe Grüße Eddie

derneinsager antworten
Herbstrose
(@herbstrose)
Beigetreten : Vor 7 Jahren

Beiträge : 14193
Veröffentlicht von: @ultreia

Ich empfehle dir: Rede darüber!
Such dir jemandem, mit dem du reden kannst, bei dem du weinen darfst und bei dem du alles herauslassen kannst. Wenn du niemandem in deinem persönlichen Umfeld hast gibt es inzwischen zahlreiche Onlineangebote, das Sorgentelefon, Angebote von Kirchen...

Diesem Rat schließe ich mich an.

Unser Sohn starb in der 32. Schwangerschaftswoche. Ich habe mir Vorwürfe gemacht und hin und her überlegt, obi
ich etwas falsch gemacht oder übersehen habe. Mir half damals, dass andere mir zuhörten und meine Beziehung zu Gott.

Im Buch Prediger heißt es, ein jegliches hat seine Zeit. Auch die Trauer. Nutze diese Zeit.

herbstrose antworten
Diesel
(@diesel)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 24

Ich bin nicht alleine gelassen, sondern werde unterstützt von den Geschwistern meiner Frau und ihren Ehepartnern. Und auch der Pastor, der am Dienstag den Beerdigungsgottesdienst halten wird, hat mir Gesprächshilfe angeboten. Das hilft mir sehr. Aber trotzdem drehen sich die Gedanken immer wieder darum, dass ich die Zeit gerne zurück drehen können wollte, um den Unfall irgendwie zu verhindern, aber das geht leider nicht.

diesel antworten
Herbstrose
(@herbstrose)
Beigetreten : Vor 7 Jahren

Beiträge : 14193

Ja, die Gedanken drehen sich im Kreis. Auch ich kann es nicht ungeschehen machen, dass unser Sohn starb.

Ich freue mich für dich, dass die Familie deiner Frau für dich da ist. Und auch der Pastor. Redet miteinander. Das heilt viele Wunden.

Mein Mann und ich haben uns damals gegenseitig aufgefangen. Wenn es ihm schlecht ging, war ich stark und anders herum. Johann war unser erstes Kind. Mittlerweile sind wir Großeltern. Trotzdem, unser Sohn fehlt. Ihn "verloren" zu haben, schmerzt immer noch. Aber: er ist bei Gott. Wir werden ihn wiedersehen, wenn wir selber beim Vater sein werden.

herbstrose antworten
Irrwisch
Beiträge : 3339

Lieber Trauernder!

Was dir geschehen ist, ist sehr hart!
Ist nicht im Handumdrehen bewältigt.
Wird dich durch dein weiteres Leben begleiten.

Aber:

Schuld kann angeschaut werden.
Am besten mit einem Gegenüber, das fachlich kompetent ist und dem du dein Herz öffnen kannst.

Immer kannst und darfst du dein Herz Gott öffnen.
Bei IHM in die Stille gehen,
oder auch vor IHM weinen, deine Not heraus schreien, oder einfach nur Worte finden, dir dir gerade gut tun, sie auszusprechen.

Als ich deine sehr dichten Worte las und sie auf mich wirken lies, kamen mir diese Worte in den Sinn:

" Wo die Schuld groß ist, sind Gnade und Barmherzigkeit noch größer"

Wir Menschen kommen nicht ohne Schuld durch unser Leben.
Das gehört zum Mensch sein dazu.

Mich persönlich hat Schuld sehr demütig gemacht.
Und auch barmherzig.

Jesus sagt einmal zu einem Gastgeber, der ihn eingeladen hatte

" Wem viel vergeben ist, der liebt auch viel"

Dabei ging es um eine stadtbekannte Frau, die Jesus dessen Füße mit kostbarem Öl gesalbt hatte.

In deinem Leben ist ein großer Einbruch geschehen.
Der nicht von jetzt auf gleich zu bewältigen ist.
Es braucht Zeit, die Trauerarbeit, die jetzt vor dir liegt, zu bewältigen.

Wenn irgend möglich mit den Menschen, die auch davon betroffen sind. Aber auch bei Seelsorgern oder in einer Trauergruppe ist ein guter Platz für deine Trauerarbeit.

An Mitbetroffene Briefe schreiben,ihnen deine Not, deine Selbstvorwürfe und deine Gedanken darin aufschreiben ist eine weitere gute Möglichkeit.
Inwieweit du diese Briefe weitergibst, bleibt erst einmal dir überlassen.

Vielleicht ist es erst einmal wichtig, deine Worte, deine Selbstanklage, deine Not darin aufzuschreiben.

Mit am schwersten wird die Vergebung dir selbst gegenüber werden.

Es kann für dich sehr wichtig sein, sie dir zusprechen zu lassen.

So, wie Jesus dem Mann, der von Freunden durchs Dach herabgelassen wurde, weil er offenbar wegen schwerer Schuld nicht mehr fähig war, zu laufen, die Vergebung zusprach:

" Dir sind deine Sünden vergeben. Steh auf, nimm dein Bett und geh!"

Ich wünsche dir in deiner schweren Zeit auch solche Freunde zur Seite wie diese 4 mutigen Männer.
Ich weiß darum, dass Jesus auch heute noch Menschen unter Schuldenlast solche Worte zuspricht

Ich wünsche dir einen guten Weg der Heilung deiner schweren seelischen Verletzungen.

Über Weihnachten sind mir 2 Dinge erneut wieder groß geworden.

Eins davon sind die beiden Lichter.
Hinein in die Dunkelheit, nachts auf freiem Feld bei den Hirten, die Engel mit ihren Worten
" Fürchtet euch nicht........"
Das andere Licht ein Stern, der Männern, die von weit her kommen, ihren Weg weist.
Männern, die einen König anbeten wollen.

Ich wünsche dir solche Lichter, die Dunkelheit hell machen und die Wege aufzeigen, hinein in dein Leben!

Sei still gegrüßt
Inge

irrwisch antworten


Seite 1 / 2
Teilen: