Über Mikwe und Taufe
Im Zuge archäologischer Forschungen in Rothenburg ob der Tauber wurde eine Mikwe entdeckt, die derzeit als die einzige noch erhaltene mittelalterliche Anlage dieser Art in Deutschland gilt. Der Anlass des Besuches und meiner Recherche vor Ort befindet sich in einem Bauwerk, das ebenfalls in das entsprechende Aion (Zeitalter/Epoche) datiert werden kann, und lässt sich spätestens auf das Jahr 1409 zurückführen.
Der Begriff Mikwe (hebräisch: מִקְוֶה, wörtlich „Ansammlung“) wird im jüdischen Kontext im übertragenen Sinn als „das Zusammengeflossene“ oder „das Gesammelte (Wasser)“ verstanden. Eine der frühesten Belegstellen findet sich in Bereschit (1. Mose 1,10), wo im Ausdruck mikwe ha-mayim („Sammlung der Wasser“) auf die Schöpfung selbst Bezug genommen wird. Sprachlich verweist der Terminus nicht auf den Prozess des Zufließens, sondern auf das Resultat der Ansammlung von Wasser. Funktional handelt es sich bei der Mikwe um ein rituelles Tauchbad, das innerhalb des jüdischen Religions- und Alltagslebens eine zentrale Rolle einnimmt.
Ein archäologischer Befund von hoher Relevanz wurde zudem 2020 im Jerusalemer Stadtteil Gethsemane gemacht, wo eine Mikwe entdeckt wurde, die bereits in der Zeit des Zweiten Tempels und somit zur Lebenszeit Jesu Christi in Benutzung war.
Der Gedanke des rituellen Untertauchens findet auch im biblisch-theologischen Diskurs Resonanz. In Melachim (2. Könige 5) wird von Naaman, dem Heerführer des Königs von Aram, berichtet. Als Nichtisraelit und Unbeschnittener nimmt er dennoch eine reinigende Handlung des Untertauchens vor. Auf diese Episode nimmt Jesus selbst in Lukas 4 Bezug und verdeutlicht, daß Rettung von Gott nicht ausschließlich Israel gilt, sondern allen Völkern, eine Aussage, die in seinem Umfeld auf Ablehnung stieß.
Die neutestamentliche Terminologie des „Untertauchens, traditionell mit „Taufe“ (βάπτισμα / báptisma) bezeichnet, knüpft inhaltlich und semantisch an das jüdische Konzept der טְבִילָה (tevilah, rituelles Untertauchen) an, das auf das hebräische Verb ṭāval(„untertauchen“) zurückgeführt werden kann. So entsteht ein chronologisches Kontinuum zwischen alttestamentlicher Praxis, der Tätigkeit Johannes des Täufers im Neuen Testament. Während Johannes die Untertauchung (Taufe) an das Volk Israel adressierte, verschob sich in den Schriften des Paulus die Bedeutung: Hier erscheint διὰ τοῦ βαπτίσματος („mittels des Untertauchens“) nicht mehr als ritueller Vollzug, sondern als bildhaftes Wort innerhalb der Christus-zentrierten Lehre, welche ein Kompass für den Wandel ist.
Ein paradigmatisches Beispiel hierfür findet sich in Römer 6,4:
„Mit ihm zusammen wurden wir nun mittels des Untertauchens (durch die Taufe) in den Tod begraben, damit, ebenso wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters aus den Toten auferweckt wurde, auch wir in Neuheit des Lebens wandeln mögen.“
Die Mikwe von Rothenburg ob der Tauber ist somit nicht nur ein einzigartiges archäologisches Zeugnis jüdischer Geschichte in Deutschland, sondern auch ein kultur- und religionsgeschichtlicher Anknüpfungspunkt zur Erforschung der semantischen, rituellen und theologischen Transformation des Konzepts des Untertauchens von der Hebräischen Bibel über die Zeit Jesu, über die jüdische Tradition, bis hin zu den Briefen des Paulus und besonders dessen Inhalt.
@schubertholger Die Mikwe ist nicht einfach ein Schwimmbad oder ein Becken mit Wasser drin.
Eine Mikwe hat Wasser, das mit dem Grundwasser in Verbindung steht und als "lebendiges Wasser" nicht in einem tiefen Brunnen geschöpft werden muss, sondern als Quelle an die Oberfläche gedrückt wird.
Diesem Wasser wird eine besonders reinigende Wirkung nachgesagt - wobei man da eher an eine geistige als an eine physische Reinigung denken muss.
Den Begriff des lebendigen Wassers finden wir eher im Bereich der Esoterik, der Grenzwissenschaften. Hier Artikel dazu:
https://www.hausjournal.net/lebendiges-wasser
https://www.abipur.de/referate/stat/661961248.html
Der Jakobsbrunnen hatte kein lebendiges Wasser. Man musste das Wasser aus der Tiefe schöpfen.
Der Jakobsbrunnen in Sichem, wo Jesus die Samariterin traf und sich erstmals als Messias outete, war für die Juden ein besonderer Ort. Jakob hatte den Brunnen gegraben. Dort war der Ort, wo er einen Altar errichtetet hatte und nach der Rückkehr aus dem Gebiet, das seinem Schwiegervater Laban gehörte in die Gegend seines Vaters, wo er einen Weg finden musste, friedlich mit der Familie seines, um das Erstgeburtsrecht betrogenen Bruders Esaus zu leben. An diesem Ort bzw. nahe dieses Ortes sprach Mose auch den jüdischen Familien den Segen zu. Das war also ein Ort mit ganz tiefen Wurzeln für das jüdische Volk. Aber der Ort lag im Gebiet der Samariter und der Brunnen war tief und das Wasser musste von tief aus der Erde (dem Grundwasserspiegel)geholt werden.
Dieser Frau bietet Jesus lebendiges Wasser umsonst.
Lebendiges Wasser - also Wasser wie in einer Mikwe, Wasser, das mit dem Grundwasserkörper verbunden ist und natürlich an die Oberfläche gelangt ist, Wasser, das nicht nur durststillend ist, sondern auch in besonderer Weise reinigend wirkt - umsonst!
@goodfruit Manche Mikwe wird auch durch anderes fließendes Wasser gespeist, nicht nur Quellwasser. Manche mit Regenwasser, in Emmendingen fließt direkt nebenan ein Fluß der durch das durchlässige Mauerwerk auch durch die Mikwe fließt.
@schubertholger Nun zu behaupten das wäre die einzige mittelalterlich hat mich stutzig gemacht.
Es gibt eine sehr kalte in Worms zu der noch Leute wegen des Rabbiners Raschi kommen, der dort gelehrt hat,
diese ist auch dem Hochmittelalter. Laut schumstaedte.de ist sie von 1185 / 86. Das ist deutlich älter als 1409.
@jigal vielen Dank für deine Präzision. Die Mikwe in Rothenburg ob der Tauber ist in einem mittelalterlichen Wohnhaus erhalten und damit tatsächlich die einzige in Deutschland, die in einem solchen Gebäude überliefert ist. Die Wormser Mikwe ist älter und wichtiger, aber kein Beispiel für eine in einem erhaltenen mittelalterlichen Haus integrierte Anlage. Beide Mikwen sind historisch bedeutsam, aber sie unterscheiden sich klar in ihrer baulichen und auch denkmalpflegerischen Situation.
@schubertholger Ja das verstehe ich, das mittelalterliche Wohnhaus ist der Punkt, oft sind die Häuser aus dem 17 oder 18. Jahrhundert.
Die Taufe entsprich ja eher der Beschneidung. Die Mikwe ist eine rituelle Reinigung die oft wiederholt wird. Eine Taufe ist eigentlich einmalig, auch wenn manche sich noch einmal taufen lassen. Ich habe mal ein Buch gelesen in der eine Frau die Meinung vertritt eine Mikwe in jedem Haushalt wäre sinnvoll. Es ist irgendwie ein Tabu über das nicht gesprochen wird. Mancher Frau ist es peinlich die Schwiegermutter im den Vorräumen der Mikwe zu treffen.
@jigal Es ist irgendwie ein Tabu über das nicht gesprochen wird.
Mancher Frau ist es peinlich die Schwiegermutter im den Vorräumen der Mikwe zu treffen.
Nicht nur das. Es ist einfach kein öffentliches Thema.
@chai Früher mussten die Frauen das Lager verlassen, da Blut als unrein gilt und in der Zeit darf man eigentlich auch nicht auf einen Friedhof. Daher gehen die Frauen regelmäßig zur rituellen Reinigung. Heute müssen es die Ehemänner aber auch noch wissen. In religiösen Familien wird kein Essen durch die Frau gerichtet und sexuelle Enthaltsamkeit ist sowieso angesagt.