Ich war ja am Überlegen, auch dieses Thema unter "Politik" zu eröffnen, weil aus meiner neueren kommunistisch, d.h. antikapitalistisch geprägten Perspektive die politischen Implikationen mir so offensichtlich erscheinen. Aber um Euch nicht gleich abzuschrecken und irgendwie einen Zugang offenzuhalten, der z.B. über den "Erhaltung der Schöpfung"-Gedanken stattfinden könnte, wähle ich nun doch die Wissenschaftsabteilung, um auf das zentrale Zukunftsthema der Menschheit hinzuweisen, das wir aufmerksamkeitsökonomisch ja in den letzten paar Jahren recht effektiv zu verdrängen gelernt hatten nach dem Motto: Da kümmern wir uns später drum, jetzt ist Krieg erstmal wichtiger.
Als ich eben aus unruhig verschwitzter Nacht aufwachte, geschah dies aufgrund eines Dröhnens, das über's Feld schallten. Da ich nix Besseres zu tun hatte, wechselte ich die Boxershorts, sprühte mich schön mit Anti-Zecken-Spray an und marschierte mal die paar hundert Meter rüber, um dem Lärm auf die Spur zu kommen. Es zeigte sich: die Klimaanlage der benachbarten Schweinefleischproduktionsanlage (Stall kann man solche Einrichtungen ja nicht mehr ernsthaft nennen, so ein Wort weckt allzu kitschig-nostalgische Landleben-Assoziationen) hatte wohl Aussetzer gehabt, und nun waren hektisch agierende Arbeiter damit beschäftigt, irgendwelche dieselbetriebenen Maschinen einzurichten, die da Kühlung zu den in ewiger Dunkelheit gefangenen Kottelett-Lieferanten reinblasen mussten, damit nicht ein totaler "Ernteausfall" geschähe. Dieselbetriebene Kühlung für die Lebensrettung von Kühlthekenleichenteilverkaufswaren. Das hatte doch was. Ob schon ein Teil der Fleischernte per Hitzetod verdorben sei, wurde mir auf meine Nachfrage hin nicht mitgeteilt. Also stapfte ich wieder heim und dachte beim Heimstapfen so drüber nach, wie das alles einer gewissen, allerdings traurigen, Ironie nicht entbehre: Dieselbetriebene Kühlung. Versteht Ihr? Da werden vor Jahrmillionen gestorbene Lebewesen verbrannt, um so Kühlung für heutige Lebewesen zu schaffen, denen in ihrer Aufzuchtshölle jene Hitze zu schaffen macht, die Resultat dessen ist, das wir Menschen, die wir vorhaben, demnächst ihre möglichst unverdorbenen Leichnamsteile zu fressen, veranstaltet haben, indem wir aus "ökonomischen Zwängen" heraus ständig mehr und mehr und noch mehr vor Jahrmillionen gestorbene Lebewesen verbrennen...
Wie doch das eine mit dem anderen zusammenhängt, ist es nicht erstaunlich? So dachte ich also drüber nach beim Heimstapfen, weswegen der Grundgedanke, den ich mit mir heimschleppte, sich so reflexartig in mich reinassoziiert hatte: "Wer verdienen es nicht besser, als dass uns unser falsches Handeln so richtig schmerzhaftauf die Füße fällt!" Und ich kam drauf: Gerade in diesem Moment, ganz aktuell und per Schweißtropfen und Kurzatmigkeit beim Treppesteigen wird per Omegaglocken-Hitzelage das fühlbar, was wir in den vergangenen Jahren, nachdem die Freshness von FFF so langsam weg und es - aus Gründen, die einer näheren Investigation würdig wären, hier aber zu weit führen würden - in Mode gekommen war, Greta Thunberg als Terroristin zu stigmatisieren, mit aller uns zur Verfügung stehenden Ignoranz verdrängt haben:
Time is up! (Es ist an der Zeit) ist der Titel eines Vortrags des forensischen Biologen mark Benecke. Eines Vortrags, den er seit ungefähr zehn Jahren in immer wieder aktualisierter Form hält, und in welchem er über das, was so zum Klimawandel (genauer: Klimakatastrophe, weil halt Artensterben...) gemessen wird, referiert. Ich habe hier:
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mal das letzte Update verlinkt, das vom 10. Mai datiert und auf dem Channel meines neuen Lieblingsyoutubers Dekarldent gehostet wird. Wenn Ihr, vielleicht aus weltanschaulichen Gründen, nicht unbedingt den Algorithmus in favour für einen Kommunisten beeinflussen möchtet, könnt Ihr hier, auf Beneckes eigenem YT-Channel:
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die Aufzeichnung des vorherigen Updates desselben Vortrags anschauen - den Mark B. ein paar Wochen vorher in der Tübinger Universität vor einem recht großen Publikum hielt.
Hier nun, um den Forumsvorgaben gerecht zu werden, eine Zusammenfassung des Vortrags von mir, in der Hoffnung, dass Euch die nicht reicht, sondern Ihr euch dennoch - vielleicht nachdem Ihr Euch den Ventilator so eingerichtet habt, dass Ihr ein Weilchen unter erträglichen Konditionen vor dem Monitor auszuharren vermögt - die Zeit nehmt für die verstörenden, aber im Idealfall womöglich doch auch aufrüttelnden Informationen:
Mark Benecke kommt aus der Forensik und hat sich in der Vergangenheit mit den Insekten beschäftigt, die an Tatorten insbsondere nach Morddelikten (oder auch nur ungeklärten Leichenfunden) den kriminalistischen Wissenschaftlern sozusagen Informationen liefern darüber, wann und wie eine Leiche so zugerichtet wurde, wie man sie aufgefunden hat. Bestimmte Insekten nutzen Leichen als Futterquellen, andere als Balzgebiete, wieder andere legen ihre Eier dort ab... Wenn man weiß, welche Insekten in einer bestimmten Gegend in welcher Zahl vorkommen, dann lassen sich Rückschlüsse über zeitliche Zusammenhänge machen. Naja, Ihr kennt sowas vermutlich aus irgendwelchen Krimis.
Vor diesem beruflichen Hintergrund ist Beneckes Faszination für Insekten zu verstehen - und dass er sehr an präzisen Messergebnissen interessiert ist. Unabhängig von den kriminalistischen Fragestellungen fiel ihm in seinem beruflichen Kontext auf, wie stark und schnell sich die Insektenpopulationen zu verändern scheinen. Und dass da ein Zusammenhang zum Klimawandel bestehen könnte, sowie zu anderen Einflussarten menschlichen Verhaltens auf die schrumpfenden Naturräume - das fiel ihm gewiß nicht als Erstem auf. Aber er hat es sich halt zur Aufgabe gemacht, darüber in immer neuen Vorträgen aufzuklären. Sozusagen missionarisch - nur dass ihn niemand auf seine Missionierung schickte.
In dem Vortrag werden nun Zahlen und Fakten genannt darüber wie rasch sich Klimakatastrophe und Artensterben nähern und genaugenommen schon bei uns (der globalen Menschheit, aber halt auch uns in Mitteleuropa lebenden Menschen) angekommen sind. Es werden Studienergebnisse renommierter internationaler Institute zusammengefasst, aber auch z.B. von der Ökospinnerei gewiß unverdächtigen Rückversicherern (also jene Versicherungsgesellschaften, die dann, wenn Versicherungen in Naturkatastrophenfällen an direkt Geschädigte zahlen müssen, wiederum diesen Versicherungen zahlen müssen, bzw. denen, bei denen sich die Versicherungen versichert haben...). Es wird erklärt, wie rasend schnell die Folgekosten unseres ökonomischen Handelns auf uns zukommen: indem nach und nach immer mehr Landstriche über längere Zeiträume hinweg unbewohnbar heiß werden, Extremwetterereignisse ständig zunehmen und der Kollaps bestimmter globaler Klima-Systeme (Beipiel: Golfstrom) schneller eintreten könnte, als selbst von den Pessimisten der vergangenen Jahrzehnte prognostiziert.
Benecke kennt aus seiner langjährigen Vortragserfahrung natürlich die üblichen Reaktionen auf all die Hiobsbotschaften, die er zu überbringen hat: dass die Leute das gar nicht hören wollen. Dass die Leute nach tausenderlei Zweckrationalisierungs-Strohalmen greifen, warum es doch wohl so schlimm nicht kommen werde. Dass sowohl mit aller Kraft zu ignorieren versucht wird oder Gründe aus dem Ärmel geschüttelt werden, warum das, was er da referiert, gar nicht sein könne. Wie umgeschaltet wird auf "ehrlichen" egoistischen Trotz: Wenn es schon so schlimm ist, dann will man wenigstens selbst sein Leben genießen, solange dies noch möglich ist. Wie dann reflexhaft all die Gründe vorgebracht werden, aus denen man ja leider selbst gar nichts mehr tun könne, um das, was hier allzu deutlich (und gemessen! <- immer wieder betont Benecke dies: es handelt sich bei dem, was er vorträgt, nicht um irgendwelche Meinungen, sondern um Messergebnisse, an denen es nicht ernsthaft etwas wegzudiskutieren gibt) prognostiziert, bzw. diagnostiziert wird, noch zu verhindern, abzumildern, umzukehren.
Aber nein, damit, unsere Hände in Unschuld und Verantwortungslosigkeit zu waschen, lässt er uns Zuhörer nicht einfach davon kommen. Er sagt, was getan werden müsste. Was jeder Einzelne von uns im Privaten tun kann. Kleinschrittig. Beispielsweise, indem wir auf vegane Lebensweise umstellen. Indem wir nicht jede Woche den Rasen mähen. Indem wir, gannz allgemein zusammengefastt, da, wo es uns möglich ist, nachhaltig leben und also auch auf unsinnigen Konsum verzichten (hört Euch an, was er über seine Kleidung erzählt... 😉 ). Er lügt uns dabei nicht die Hucke voll, dass wir durch so ein privates Verhalten allein die Welt, wie wir sie kennen, noch retten könnten. Er sagt klar, was jeder mit Verstand im Kopf längst weiß, auch wenn es nach wie vor weitflächig medial beschwiegen wird: dass das 1,5°-Ziel längst schon verfehlt wurde, also jenes Ziel, die Maximalerwärmung des globalen Klimas nicht über plus 1,5 Grad steigen zu lassen: diese Marke ist überschritten und wird überschritten bleiben, und realistische Szenarien gehen von 2,5 bis 3 Grad Plus um die Jahrhundertmitte aus. Er verkündet also nicht billige Hoffnung. Aber er zeigt Wege, wie jeder einzelne von uns zumindest versuchen kann, nicht allzu schlimm mitschuldig zu werden an dem Massenmorden, dass wir gerade an Menschen und Myriarden anderer Lebewesen auf der Erde veranstalten. Er zeigt die Gangbarkeit dieser Wege duch sein eigenes Beispiel, legt also, um mal Eure religiöse Terminologie zu bemühen 😉 , Zeugnis ab: Man kann ohne Scheuklappen all das, was er da vorträgt, sehen und wissen - und muss dennoch nicht zu einem verbiestert-zynischen Menschen degenerieren. Man kann Kraft, Sinn und Selbstbewußtsein daraus schöpfen, hartnäckig immer weiter dran zu bleiben an den Problemen, nach praktischen Lösungsmöglichkeiten zu suchen und überall, sehr unideologisch dafür nach Verbündeten zu suchen.
In dem Zusammenhang fand ich persönlich diesen XXL-Talk:
Klick mich Youtube-Link, wenn Du noch magst und heute nix anderes mehr vor hast!
äußerst interessant, in welchem Er mit den deutlich jüngeren und ideologischeren Youtubern und Twitchern Naitan und Dekarldent Zuschauerfragen diskutiert, aber eben auch die Frage, wie die Klima- und Artensterbenkatastrophe überhaupt noch sinnvollerweise verhindert oder in ihren Folgen abgemildert werden könne. Seine beiden Diskussionspartner sind deutlich politisch-ideologischer unterwegs als er und es ergeben sich erhellende Gedanken darüber, ob, bzw. wie Menschen motiviert - oder halt abgeschreckt werden können dazu, bzw. davon, mitzumachen. Als jemand, der sehr viel rumgekommen ist auf der Welt und dabei viele praktische Kontakte mit Menschen z.B. in der dritten Welt hatte, sieht Benecke beispielsweise wenig Chancen, dass dort die "vernünftige" Idee, dass Wohlstands- und also auch Kapitalismusverzicht eine gute Sache sein könne, sich auf absehbare Zeit durchsetzen könne*. Gleichzeitig aber kann er auch die Logik, mit welcher das kapitalistische System notwendigerweise verhindert, dass sich die Menschheit effektiv dazu aufrafft, ihre ökologischen Lebensgrundlagen zu retten, nicht bestreiten.
Okay - das war jetzt wieder ein riesenlanger Text. Danke, wenn Ihr den durchgelesen habt. Und danke für den Fall, dass Ihr tatsächlich den Links (oder einem oder zwei davon) folgt. Falls Ihr wissen wollt, woring genau denn nun mein Diskussionsanliegen bestehe, kann ich nur sagen: Dass dieses Thema diskutiert wird. Dass es einfach ein winzig kleines Stückchen wieder nach vorn gerückt wird in unserem, d.h. auch Eurem Aufmerksamkeits-Sichtfeld. Dass vielleicht eine/r von Euch einen kleinen Motivationsschub bekommt, irgendeine kleine oder größere Sache in der eigenen Lebensführung zu ändern. Z.B. weil Ihr auf die Idee kommt, dass Ihr es Euren Kindern oder Freunden oder Enkelkindern oder den Kindern Eurer Freunde schuldig sein könntet, nicht auf Seite der Zerstörungstäter mehr mitzumischen als unbedingt nötig. Auf SPON ist ja seit Wochen schon ganz groß eine Datenbank Thema, in welcher Deutsche (SPON-Abonenten...?) nachschauen können, ob, und falls ja, in welcher Weise ihre Vorfahren bei den Nazis mitmachten. Es gibt also anscheinend diese Art von Familieninteresse: welchen Blick man auf das Verhalten der eigenen Vorfahren hat. Da kann ja dann vielleicht auch mal der Umkehr-Gedanke aufkommen: wie schauen die uns nachfolgenden Generationan auf uns - darauf, wie wir uns ganz konkret verhielten, wissend, was unser Verhalten für Konsequenzen haben würde?
Also stelle ich mal, nur um eine konkrete Diskussionseinleitungsmöglichkeit zu geben, die für meinen eigenen Geschmack schon etwas zu moralisch riechende Frage:
Wie, glaubt Ihr, werden Eure Nachfahren Euer Verhalten in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit dereinst beurteilen?
Danke für Eure Aufmerksamkeit!
*Das erinnerte mich an eine Aussage hier im Forum, die Lucan kürzlich machte, und die sinngemäß lautete: Aber die Menschen wollen Wohlstand (wie er nur durch den Kapitalismus möglich ist), das lässt sich nicht ändern.