Toxische Positivität (im modernen Lobpreis)
Mir liegt das Thema "toxische Posititivität" in christlichen Kontexten aktuell - bzw. eigentlich schon länger - auf dem Herzen bzw. schwer auf dem Gemüt..
Ich meine damit, dass vonseiten bestimmter Christen (Prediger, Influencerinnen, Lobpreismusiker) so getan wird, als sei im christlichen Leben alles "happy clappy" und man gehe nach der Bekehrung nur von einem Hoch zum anderen. Man solle zudem nur "positiv" reden und darf nichts kritisieren. Häufig steckt ein Wohlstandsevangelium dahinter, auch wenn dies nicht unbedingt explizit so gesagt wird.
Irgendwie ist diese Kritik an solchen Phänomen in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum noch nichts ganz angekommen und wenn, dann wird sie von progressiven Christen oder Nicht-Christen geäußert. Ich äußere diese Kritik aber ausdrücklich aus theologisch konservativer Perspektive.
Insbesondere Kritik an lautem ultra-modernem triumphalistischen Lobpreis liest man im englischsprachigen Raum vermehrt von theologisch Konservativer Seite, in Deutschland nehme ich davon aber nur wenig wahr.
(Womöglich hängt dies damit zusammen, dass in der DACH-Region im frommen Lager neocharismatische Kirchen wie ICF noch sehr dominant sind, währenddessen solche Kirchen in den USA den Hype schon hinter sich haben und dort ein verstärktes Interesse an historisch-traditionellen Glaubensformen vorzufinden ist.)
Mir geht es übrigens überhaupt nicht darum, dass der moderne Lobpreis zu emotional ist. Mir geht es darum, dass dieser sehr einseitig aufpeitschend aufs "High"-sein fokussiert ist und andere Emotionen wie Seufzen, Klagen etc. überhaupt nicht vorkommen. Ganz anders sind da die Psalmen, die zu einem Drittel aus Klagepsalmen bestehen oder beispielsweise Litaneien oder alte Kirchenlieder/Glaubenslieder...
Obwohl sich solcher Lobpreis "authentisch" schimpft, ist er es eben gerade nicht, wenn er alles "negative" einfach ausklammert...
Du meinst dieses 'Komm-zu-Jesus-und-alles-wird-gut-Theologie'?
@ichsen gibt dutzende Beispiele dafür. Theologen: Joel Osteen, Kenneth Copeland beispielsweise. Eine Megachurch in der SChweiz, die einst zum ICF gehörte, meinte, Joel Osteen sei deren Vorbild...
Na ja, den "Lobpreis" braucht ja nicht Gott oder Jesus, den brauchen die Menschen, um sich immer wieder zu versichern, am geistig richtigen Ort zu sein. Da kann es dann ganz tröstlich sein, wenn man nur das Positive gelten lässt und Negatives einfach ignoriert.
@queequeg Ich halte das für einen vermeintlichen Trost, der schnell enttäuscht wird, wenn das Leben sich dann doch nicht als Dauer-Freu-Feier herausstellt, sondern den Menschen vor große Herausforderungen stellt. Wenn Geduld, Einsicht in die eigenen "blinden Flecken" im Glauben und die eigenen Fehler sinnvoll wären, um wirklich und ehrlich weiter Jesus zu folgen, auch wenn er manchmal nicht so schnell antwortet, wie man es gerne hätte.
Ich denke, es ist legitim, zu einer Hilfe zu greifen, die vorhersehbar nur kurzfristig wirkt. Alles, was Du schreibst, ist richtig, für die Zeit danach, wenn es auch notwendig ist, sich von der anfänglichen Tröstung zu verabschieden.
@queequeg Nein, tröstlich ist es, wenn zunächst mal man da abgeholt wird, wo man ist. D.h. wenn es einem absolut schlecht geht, muss auch erstmal in gewisser Form eine "Resonanz" zu diesem Gefühl da sein. So wie bei vielen Psalmen - und die PSalmen (zu einem Drittel aus Klagepsalmen bestehend) werden nicht umsonst das "Gebetbuch" der Bibel genannt und wurden teilweise in reformierten Kirchen ausschließlich als Gesangbuch zugelassen und spielen auch im katholischen (sowie teile lutherischen und anglikanischen) Stundengebet eine große Rolle.
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch !
Phil 4,4
Ich weiss ja nicht, der Satz bezieht sich jetzt nicht explizit auf Lobpreis. Aber freuen sollen wir uns. Viel Raum für Negativität ist da nicht.
Das heisst aber nicht, dass es das nicht auch gibt, siehe Bergpredigt: Selig sind die Trauernden…usw.
Vielleicht stört es dich, weil du es als unecht empfindest, als keine authentische Freude?
Ich denke, ich verstehe, was Du meinst.
Selber bin ich aufgewachsen in einem recht ernsthaften pietistischen Umfeld.
Und so fand ich diesen fröhlichen, modernen Lobpreis erstmal sehr erfrischend.
Aber es ist wie mit allem, was zu einseitig wird - auch da fehlt was.
Und im Lauf der Jahre zeigt sich, dass das Leben auch für Christen nicht immer glatt läuft und / oder aufwärts geht.
Und da hilft dann auch kein 'Du bist gut' in Dauerschleife.
selbst mache ich auch gerne Musik, auch Lobpreis. Leider kann ich nach drei Operationen in der
Halswirbelsäule, keine Gitarre mehr spielen. Aber bei mir gibt es nicht nur Lobpreislieder, happy clappy,
sondern auch Lieder für Menschen, die leiden, Trost brauchen. Auch mal Protestlieder,
wie die von David, oder Hiob.......
In einem Gottesdienst sitzen Menschen die gerade voller Dankbarkeit und Freude gegenüber
Gott sind, andere die traurig sind, leiden...........
Da gilt es in Christus die Mitte finden, einen guten Ausgleich.
liebe Grüße,