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Toxische Positivität (im modernen Lobpreis)

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Tiefschuerfer
Themenstarter
Beiträge : 3

Mir liegt das Thema "toxische Posititivität" in christlichen Kontexten aktuell - bzw. eigentlich schon länger - auf dem Herzen bzw. schwer auf dem Gemüt..

Ich meine damit, dass vonseiten bestimmter Christen (Prediger, Influencerinnen, Lobpreismusiker) so getan wird, als sei im christlichen Leben alles "happy clappy" und man gehe nach der Bekehrung nur von einem Hoch zum anderen. Man solle zudem nur "positiv" reden und darf nichts kritisieren. Häufig steckt ein Wohlstandsevangelium dahinter, auch wenn dies nicht unbedingt explizit so gesagt wird.

Irgendwie ist diese Kritik an solchen Phänomen in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum noch nichts ganz angekommen und wenn, dann wird sie von progressiven Christen oder Nicht-Christen geäußert. Ich äußere diese Kritik aber ausdrücklich aus theologisch konservativer Perspektive.

Insbesondere Kritik an lautem ultra-modernem triumphalistischen Lobpreis liest man im englischsprachigen Raum vermehrt von theologisch Konservativer Seite, in Deutschland nehme ich davon aber nur wenig wahr.

(Womöglich hängt dies damit zusammen, dass in der DACH-Region im frommen Lager neocharismatische Kirchen wie ICF noch sehr dominant sind, währenddessen solche Kirchen in den USA den Hype schon hinter sich haben und dort ein verstärktes Interesse an historisch-traditionellen Glaubensformen vorzufinden ist.)

Mir geht es übrigens überhaupt nicht darum, dass der moderne Lobpreis zu emotional ist. Mir geht es darum, dass dieser sehr einseitig aufpeitschend aufs "High"-sein fokussiert ist und andere Emotionen wie Seufzen, Klagen etc. überhaupt nicht vorkommen. Ganz anders sind da die Psalmen, die zu einem Drittel aus Klagepsalmen bestehen oder beispielsweise Litaneien oder alte Kirchenlieder/Glaubenslieder...

Obwohl sich solcher Lobpreis "authentisch" schimpft, ist er es eben gerade nicht, wenn er alles "negative" einfach ausklammert...

Antwort
11 Antworten
Goldapfel
Beiträge : 1612

Hm, solche Kritik kenne ich in Deutschland aus meiner Ansicht nach, von sehr sehr engen Kreisen, stark pietistisch geprägt.

Geleiteter Lobpreis beginnt nach meinen Erfahrungen immer mit dem „Ist-Zustand“ und geht dann von Dank zum Lob/zur Anbetung Gottes.

Ich kenne es, dass auch bei modernem Lobpreis auch mal Choräle in einer „fetzigeren“ Version gespielt werden.

Und ja, meine Seele besinnt sich beim Lobpreis auf Gottes Größe, Seine Güte und Sein Wesen.

Auch in den Psalmen heißt es 

Was bist du so aufgelöst[1], meine Seele, und was stöhnst[2] du in mir? Harre auf Gott! – denn ich werde ihn noch preisen, die Heilstaten meines Angesichts[3] und meinen Gott.“ (ERF Bibleserver, Elberfelder Bibel, Psalm 42,12)

Und wenn mir die Lieder nicht passen oder ich nicht mag, sing ich eben nicht mit. Die Freiheit habe ich. 

Ganz früher dachte ich bei ein zwei Liedtexten, dass ich das ja gar nicht so sehe oder es nicht für mich passt und habe mich verweigert.

Inzwischen weiß ich, dass ich nicht! „unwürdig“ oder „schlecht“ bin, wenn ich etwas gerade nicht so fühle. Meine Gefühle ändern nichts an Gottes Heiligkeit oder Seinem Anrecht auf mein Lob und meine Anbetung.
Seine Wirklichkeit (geistige Welt) ist bislang erst in Teilen sichtbar, aber Jesus sitzt jetzt bereits schon auf dem Thron, was ich in der evangelischen Kirche ja auch im Glaubensbekenntnis so finde, wenn dort bekannt wird, dass Er zur Rechten Gottes sitzt. 

Natürlich besteht bei Lobpreis im allgemeinen (mMn) die Möglichkeit, dass man sich in eine Art „Wohlfühlzustand“ singt. 
Allerdings habe ich selten in intensiven Lobpreiszeiten eher Heilung erfahren, manchmal hat der Heilige Geist aufgedeckt und mich in die Buße geführt, bzw. die erfahrene Liebe Gottes hat es bewirkt. Mal sind Wunden der Selbstablehnung geheilt oder mir wurde ein neues wichtiges Thema für mich gezeigt.

Alles hat seine Berechtigung und seine Zeit: Klagepsalmen und Lobgesang. Lieder der Trauer und Buße und Jubelgesänge über den Sieg, den wir, trotz allem, in Jesus bereits haben.

Und bei allen Klagepsalmen (bis auf Psalm 88) landen die psalmisten am Ende wieder bei der Hoffnung auf Gottes Hilfe, beim Vertrauen auf Ihn und dem Lob bzw. der Zusage, Ihn zu loben.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum man bei Lobpreis seufzen sollte? Wir wissen doch alle um die Beschwernisse und Herausforderungen des Lebens, des Alltags.

Wenn ich in Lobpreiszeiten an Gottes „für mich sein“, Sein Versprechen, mir zur Seite zu stehen, Seine übergroße Liebe zu mir, erinnert werde, ich mich auf Seine Größe besinne und dass Er letztendlich alles in der Hand hält, auch wenn für mich alles ein großes Chaos zu sein scheint, kann ich doch ruhiger durch meinen Alltag gehen, der draußen wieder auf mich wartet. Vielleicht begleitet mich die nächste Zeit ein ganz bestimmtes Lied und hilft mir in meinem persönlichen Sturm den Blickwinkel zu ändern? 

Casting Crowns - Praise You in this Storm

Vielleicht kenne ich auch einfach nur keine Gemeinden, in denen Nachfolge und Christsein nur ein Happening nach dem nächsten ist.

Lobpreis ist nur ein Teil, da kommt ja noch viel mehr dazu.

Und zum Schluss noch etwas zum Thema „positiv reden“… als Christ soll ich meine Hoffnung nicht in die Welt setzen, aber trotzdem die Hoffnung, die ich in Christus habe, weitertragen. Natürlich könnte ich den ganzen Tag kritisieren und mich an den gesellschaftlichen und/oder gemeindlichen Missständen oder der Schlechtigkeit der Welt abarbeiten. Nur verändert das überhaupt nichts und mir geht es dadurch dauerhaft nicht wirklich besser.

Und ich sehe das auch nicht als Gottes Weg für mich als Christ. 

Ich kann auch meine Geschwister mit richtenden oder mit barmherzigen Augen anschauen. Das heißt nicht, dass ich alles gutheißen muss, aber ich kann auch versuchen ihre Fortschritte zu sehen und ihnen Hilfestellung anbieten oder auch einfach für sie beten, wenn ich Probleme wahrnehme. Was hilft ihnen weiter auf ihrem Weg mit Jesus?

Und ich darf ihnen auch Fehler zugestehen. Weil sie genau wie ich begnadigte Sünder sind. 

ga2 antworten


Deborah71
Beiträge : 29408

@tiefschuerfer 

Welche traurigen Lieder würdest du denn gerne im Lobpreis singen? 

deborah71 antworten
1 Antwort
Goldapfel
(@ga2)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 1612

@deborah71 

Du weißt doch, das Leben ist ein Jammertal, der Gerechte muss! viel! leiden und Froide äußert sich bei frommen Christen vor allem innerlich;). Nicht dass man noch übermütig wird. Denn der Weg ist schmal und beschwerlich… 

Das war jetzt vielleicht ein wenig böse, aber das sind Ansichten die man teilweise immer noch findet. 

Ich kann ja die Sorge verstehen, dass es vielleicht Generationen von jungen Christenmenschen gibt, denen Lobpreis wichtiger sein könnte als Jesus selbst. Andererseits glaube ich auch, dass Gott auch solche Mauern einreißen kann, wenn es diese gibt. Wir aber können nicht in die Herzen sehen. 

Natürlich gibt es auch Christen die von einem Lobpreis Event zum nächsten reisen, genau so wie die, die immer die neuesten frommen Bücher brauchen oder von einem Seminar zum nächsten hetzen.

Andererseits gibt es auch genug Christen, deren Haupthemen abseits vom Gottesdienst, Unterhaltung durch Fernsehen, Streaming oder Games oder Tratsch sind, die ihre Nachbarn nicht leiden können und sich beständig über dieselben echauffieren, die nur ums Geld kreisen und gleichzeitig knauserig und prasserisch sind, die ihre Süchte nicht loswerden und sie lieber pflegen, die ihre Verbitterung nicht loslassen wollen und und und. 
Da ist es mir mir persönlich lieber, die Leute gehen zu solchen Events, besuchen Konferenzen oder kaufen und lesen diese Bücher und kommen so mit Gottes Wort in Kontakt (weil die meisten christlichen Autoren immer noch ab und an die Bibel zitieren denke ich) als dass sie sich mit anderen Dingen beschäftigen und zu leicht mit sich zufrieden sind und letztlich Gott außen vor lassen. Aber auch da kann Gott einreißen und neu aufbauen.

Ich denke schon, dass Gemeinde und (Lobpreis)Leiter eine große Verantwortung vor Gott tragen. Gebet für diese ist sicherlich nicht verkehrt. Im Gegenteil.

Puh, lang geworden, irgendwie scheint mich das Thema zu berühren.

Vielleicht, weil ich den Eindruck bekommen hatte, dass da jemand etwas schlecht macht, was so gar nicht schlecht ist aus meiner Sicht.

 

 

ga2 antworten
Channuschka
Beiträge : 5501

Naja - ich finde, es steckt schon im Wort "Lobpreis". Das setzt sich aus "loben" und "preisen" zusammen. Das ist nicht die Zeit für Trauer und Sorge. Wobei es ja Lieder gibt wie "Lege deine Sorgen nieder" und die manchmal auch in einer Lobpreiszeit ihren Platz haben. Oft aber eben nicht im Gottesdienst, sondern eher in Kleingruppen. Dort wo eben auch die eigenen Probleme ihren Platz haben gehört zu werden.

In der Lobpreiszeit im Gottesdienst geht es darum Gott zu loben und zu preisen und das spiegelt sich eben auch musikalisch und textlich wider.

channuschka antworten
1 Antwort
Chai
 Chai
(@chai)
Beigetreten : Vor 2 Jahren

Beiträge : 4965

@channuschka Wobei 'Lobpreis' oder 'Worship' ja schon eine recht neue Sache sind. 
Gesungen wurde auch früher schon, aber damals wurde halt einfach gesungen.
(Wir hatten ja im anderen Thread die Rede von den 'Reichsliederbüchern') 
Das war halt eine etwas ernstere Angelegenheit, die sich auch in den Liedern wiedergespiegelt hat. 
Zum Ausgleich (und für die etwas jüngeren) gab's dann 'Sing and pray', wo auch die etwas neueren Lieder zum Einsatz kamen. 
Im Rückblick denke ich, dass das der 'Worship' der damaligen Zeit war. 

chai antworten


Kappa
 Kappa
Beiträge : 1653

@tiefschuerfer 

Hi, find ich ein sehr guter Punkt.

Die Psalmen sind durchaus anders.

Viele Menschen haben ein hartes, bitteres Leben .

Dazu passen vielleicht auch mal andere Klänge damit es von Herzen kommt. 

kappa antworten
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