Benachrichtigungen
Alles löschen

Nur christlich oder nicht zuallererst jüdisch?

Seite 3 / 3

Goldapfel
Themenstarter
Beiträge : 1657

Hallo,

vor über 30 Jahren habe ich noch erlebt, dass ein Ältester in einer freien Gemeinde sinngemäß zu mir meinte, „wir Christen“ seien jetzt Gottes Volk. (Ich hoffe sehr, dass er das inzwischen anders sieht)

Die Begriffe altes und neues Testament sind für uns Christen normal.

Pharisäer steht als negativer Begriff für herzlose Gesetzlichkeit und Heuchelei.

Selbst stört mich das bereits länger und ich fühle mich da mit einigem unwohl. Bin ich doch als Heidenchristin bloß eingepfropft und darf an Jesu Opfer teilhaben. Gott sein Volk nie verstoßen oder ersetzt.

Gestern habe ich mal angefangen, mir auf Bibel TV die Reihe „Die Bibel aus jüdischer Sicht“ anzusehen und ich gestehe, dass auch für mich einiges was die inzwischen verstorbene Ruth Lapide, möge ihre Erinnerung ein Segen sein, so sagte, arg herausfordernd ist. Aber es fordert eben heraus und ich habe schon viele neue Denkanstöße erhalten und einiges gelernt. 

Was ich sagen möchte, nach meiner Wahrnehmung fehlt mir häufig in christlichen Kreisen die Anerkennung des jüdischen Erbes und das Bewusstsein, dass die Juden unsere älteren Geschwister sind. 

Ich würde das hier gerne mal zur Diskussion stellen. Auch was ihr von der oben erwähnten Sendereihe haltet.

Antwort
47 Antworten
Holger F.
Beiträge : 700
Veröffentlicht von: @arcangel

Kann man ein Lehrgebäude, welches den leidenden Knecht, aus Jesaja 53 auf das Volk Israel bezieht, ernst nehmen?

Uppps…

Die Alternativfrage, ob das Gottesknechtlied aus Jesaja 53 das Volk Israel ODER Christus meint, stellt sich doch gar nicht. Dem jüdischen Volk abzusprechen, im leidenden Gottesknecht – einer Figur aus IHREN eigenen Schriften – sich selbst zu sehen, ist vermessen. Dies gilt erst recht und gerade angesichts dessen, welchem unermesslichen Leiden dieses Volk zu allen Zeiten ausgesetzt war!

Die christliche Deutung hat in ihrer Tradition - anders als du das hier machst - schon immer im leidenden Gottesknecht sowohl das leidende Volk Israel als auch den leidenden Christus, die leidende Kirche ebenso wie die leidende Welt gesehen und den Text nie nur einseitig auf Christus bezogen. Daraus ergeben sich folgende vier Deutungsebenen:

(1) Die historische Deutung bezieht den Text auf das Leiden des Volkes Israel oder eines gerechten Überrests im babylonischen Exil, wo das Kollektiv inmitten der heidnischen Völker gedemütigt und schließlich von Gott erhöht wird.

(2) Die christologische Deutung sieht darin die vollkommene Erfüllung in Jesus Christus. Was beim Volk Israel unvollkommen blieb, vollendet Jesus als der sündenlose Gottesknecht, der am Kreuz für die Sünden der Menschheit stirbt.

(3) Die moralische Deutung wiederum wendet den Text direkt auf das Leben des einzelnen Gläubigen bzw. der Kirche an und fordert zur Leidensnachfolge auf: Ungerechtigkeit ohne Gegenwehr zu ertragen, zu vergeben und das eigene Leben als Dienst für andere einzusetzen.

(4) Die eschatologische Deutung blickt schließlich prophetisch auf die ewige Herrlichkeit. Sie deutet den Triumph des Knechts nach dem Tod als Zusage der Auferstehung und des endgültigen Sieges Gottes über das Leiden der Welt am Ende der Zeit.

Dieser Bedeutungsreichtum zeichnet ALLE biblischen Texte aus und ist das Ergebnis der 2000jährigen Auslegungsgeschichte der Heiligen Schrift.

holger-f antworten
2 Antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6662

@holger-f 

Die christliche Deutung hat in ihrer Tradition - anders als du das hier machst - schon immer im leidenden Gottesknecht sowohl das leidende Volk Israel als auch den leidenden Christus, die leidende Kirche ebenso wie die leidende Welt gesehen und den Text nie nur einseitig auf Christus bezogen. Daraus ergeben sich folgende vier Deutungsebenen:

Da wäre ich um Quellen und Verweise froh. Ich weiss das Moderne Auslegungen Jesaja 53 auf den Propheten Deuterojesaja beziehen und identifizieren. Aber das es eine christliche Tradition gibt die Jesaja 53 anders als Christologisch betrachtet wäre mir neu. Was natürlich nicht bedeutet das man diesen Text auch allegorisch auf anderes Anwenden kann. Aber es ist eine Sache etwas allegorisch auszuweiten, und eine andere einen Text hermeneutisch anderes einzuordnen. 

Aber eine andere Frage stammt die Antwort von dir oder steckt da GPT dahinter? Denn mit GPT kann ich auch alleine diskutieren. 

arcangel antworten
Holger F.
(@holger-f)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 700

@arcangel 

Da kann ich dich beruhigen. Seit vielen Jahren ist mir die alte Auslegungslehre des VIERFACHEN SCHRIFTSINNS - wie sie seitens der Kirche im KKK empfohlen, in der Tradition verankert und seit vielen Jahren wiederentdeckt, und z.B. von Scott Hahn (Aus dem Herzen der Kirche - Die Bibel richtig lesen, Das Mal des Lammes, Die Königin des Himmels uam.) verwendet wird - ebenso geläufig wie die biblisch fundierte Methode der TYPOLOGIE, wie sie z.B. Brant Pitre auf zentrale Inhalte des altkirchlichen Glaubens erfolgreich anwendet. Diese beiden Methoden legen so reichhaltig neue Sinnebenen frei, dass ich sie seit vielen Jahren immer zu Rate ziehe, wenn mir die Ergebnisse, die z.B. die HKM-Merhode hervorbringt, nicht genügen.

holger-f antworten


Holger F.
Beiträge : 700
Veröffentlicht von: @arcangel

Der Alte Bund schafft es nicht das sich, dass Menschen vor Gott gerecht werden. Somit ist er minderwertig (minder = weniger). 

Ich halte deine Behauptung, der Alte Bund sei „minderwertig“, für theologisch falsch und gefährlich.

Heilsgeschichtlich leistete der Alte Bund aus christlicher Sicht zwar „weniger“, da er als zeitlich begrenzte Vorbereitung die Sünde nur aufdecken, aber den Tod nicht endgültig besiegen konnte. Etwas von Gott Gestiftetes ist dadurch aber niemals qualitativ „minderwertig“.

Paulus betont im Römerbrief, dass das Gesetz „heilig, gerecht und gut“ ist (Römer 7,12). Nicht der Bund war mangelhaft, sondern der sündige Mensch war unfähig, ihn aus eigener Kraft zu erfüllen.

Der Alte Bund wurde von Gott nie „gekündigt“, da seine Zusagen an Israel unwiderruflich sind (ebd. 11,29).

Die Einstufung des Alten Bundes als „minderwertig“ trägt außerdem die Gefahr in sich, direkt in die Substitutionstheorie zu führen (Kirche ersetzt das jüdische Volk als Volk Gottes).

Dieses Konzept bildete historisch nachweisbar das Fundament für den beschämenden und in einigen christlichen Köpfen immer noch tief sitzenden christlichen Antijudaismus. Es stellt zudem die Treue Gottes infrage: Wenn ein göttlicher Bund fehlerhaft wäre oder widerrufen würde, wäre Gott unzuverlässig, was die Verlässlichkeit aller biblischen Verheißungen untergräbe. 

Die Substitutionstheorie ist deshalb theologisch zu verwerfen!

holger-f antworten
4 Antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 2518
Veröffentlicht von: @holger-f
Veröffentlicht von: @arcangel

Der Alte Bund schafft es nicht das sich, dass Menschen vor Gott gerecht werden. Somit ist er minderwertig (minder = weniger). 

Ich halte deine Behauptung, der Alte Bund sei „minderwertig“, für theologisch falsch und gefährlich.

Dieses Konzept bildete historisch nachweisbar das Fundament für den beschämenden und in einigen christlichen Köpfen immer noch tief sitzenden christlichen Antijudaismus. Es stellt zudem die Treue Gottes infrage: Wenn ein göttlicher Bund fehlerhaft wäre oder widerrufen würde, wäre Gott unzuverlässig, was die Verlässlichkeit aller biblischen Verheißungen untergräbe. 

Dem schließe ich mich vollumfänglich an! 

L'Chaim

awhler antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6662

@awhler 

Dem schließe ich mich vollumfänglich an!

L'Chaim

Ich nicht im Geringsten, denn es negiert biblische Aussagen, impliziert eine Kausalität wo keine besteht und konstruiert ein Opfer-Täter Verhältnis um durch Empathie Punkte besagte, Aussage zu diskreditieren. 

Der Alte Bund schafft es nicht das sich, dass Menschen vor Gott gerecht werden. Somit ist er minderwertig (minder = weniger).

Oder ist deine Haltung, dass man durch den Alten Bund, durch das Einhalten der Gesetze das Gleiche leisten kann, wie Jesus am Kreuz gemacht hat. Meinst du also der Mensch könne durch eigens Leistung gerecht vor Gott werden, wenn er denn nur alles im Gesetz einhalten würde? Das ist nicht einmal eine theoretische Möglichkeit den die Opfer des alten Bundes waren nicht dazu in der Lange, Sünde wegzunehmen.

Heb 10, 3 Doch in jenen ⟨Opfern⟩ ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden; 4 denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnehmen.

10 In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi. 11 Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben Schlachtopfer dar, die niemals Sünden hinwegnehmen können.

 

arcangel antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6662

Ich habe den verdacht ihr reibt euch am Begriff minderwertig auf. 

Silber ist im Vergleich zu Gold minderwertiger. Das bedeutet aber noch nicht das Silber keinen Wert hat nutzlos ist oder einen Defekt hat. 

arcangel antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6662

@holger-f 

Ich halte deine Behauptung, der Alte Bund sei „minderwertig“, für theologisch falsch und gefährlich.

Das ist keine Behauptung. 

Hebr 7,18 Denn aufgehoben wird zwar das vorhergehende Gebot seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit wegen 19 – denn das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht –, eingeführt aber eine bessere Hoffnung, durch die wir uns Gott nahen. 20 Und wie ⟨dies⟩ nicht ohne Eid ⟨geschah⟩ – denn jene sind ohne Eid Priester geworden, 21 dieser aber mit Eid durch den, der zu ihm sprach: »Der Herr hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit!« –, 22 so ist Jesus auch eines besseren Bundes Bürge geworden.

Heb 8,6 Jetzt aber hat er einen vortrefflicheren Dienst erlangt, wie er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet worden ist. 

Wie würdest du etwas nennen das schwach und nutzlos ist und von etwas besseren Abgelöst wird? Minderwertig ist da ja noch milde formuliert. 

Paulus betont im Römerbrief, dass das Gesetz „heilig, gerecht und gut“ ist (Römer 7,12). Nicht der Bund war mangelhaft, sondern der sündige Mensch war unfähig, ihn aus eigener Kraft zu erfüllen.

Ich habe nicht behauptet der alte Bund sei Mangelhaft, sondern das er minderwertig ist, das ist nicht das Gleiche. Der alte Bund ist minderwertig (weniger wert) da er nicht erfüllen konnte was Jesus erfüllt hat. Oder willst du Argumentieren, das der alte Bund gleichwertig mit der Tat Jesu ist. 

Wenn das der Fall ist, dann ist Paulus aber sowas von auf dem Holz weg, wenn er meint das man nach dem Gesetz nicht gerecht werden kann. Das Gesetz kann nicht leisten, was der neue Bund leistet, er macht also weniger und ist deshalb weniger wert (minderwertig). Das bedeutet nicht das der alte Bund nutzlos oder wertlos ist, das wäre dann das andere Extrem. 

Der Alte Bund wurde von Gott nie „gekündigt“, da seine Zusagen an Israel unwiderruflich sind (ebd. 11,29).

Braucht er auch nicht da der alte Bund Segen für die Einhaltung und Fluch für die nicht Einhaltung enthält. 

Die Einstufung des Alten Bundes als „minderwertig“ trägt außerdem die Gefahr in sich, direkt in die Substitutionstheorie zu führen (Kirche ersetzt das jüdische Volk als Volk Gottes).

Ich sehe da keine zwingende Argumentationskette, die zu diesem Schluss führt. 

Dieses Konzept bildete historisch nachweisbar das Fundament für den beschämenden und in einigen christlichen Köpfen immer noch tief sitzenden christlichen Antijudaismus. Es stellt zudem die Treue Gottes infrage: Wenn ein göttlicher Bund fehlerhaft wäre oder widerrufen würde, wäre Gott unzuverlässig, was die Verlässlichkeit aller biblischen Verheißungen untergräbe.

Die Substitutionstheorie ist deshalb theologisch zu verwerfen!

Wie gesagt ich sehe da keine Kausalität, zwischen der Aussage das der neue Bund besser (also höherwertig) ist als der alte Bund und einem Antijudaismus oder Substitutionstheologie. Auch wird die Aussage, dass der neue Bund besser ist nicht im Geringsten behauptet der alte Bund sei fehlerhaft oder wäre aufgelöst worden, dahingehend ist der Hebräerbrief auch klar. 

arcangel antworten
Holger F.
Beiträge : 700
Veröffentlicht von: @arcangel

Wie gesagt ich sehe da keine Kausalität, zwischen der Aussage das der neue Bund besser (also höherwertig) ist als der alte Bund und einem Antijudaismus oder Substitutionstheologie.

Historische Fakten belegen sehr wohl eine direkte Kausalität zwischen der Abwertung des Alten Bundes und dem christlichen Antijudaismus!

Die Einstufung des Neuen Bundes als qualitativ „höherwertig“ diente über Jahrhunderte als theologische Legitimation für die Ausgrenzung des jüdischen Volkes, knappe Beispiele:

A) In Traktaten wie „Gegen die Juden“ (Tertullian/ Augustinus) wurde der Alte Bund für veraltet erklärt, um das Judentum „spirituell“ zu delegitimieren. Die Kirche verstand sich als das „wahre Israel“ und sprach den Juden jeden Heilsstatus ab.

B) Martin Luther setzte den Alten Bund mit verwerflicher „Werkgerechtigkeit“ gleich. Da die Juden daran festhielten, sah er sie als „verstoßen“ an und leitete z.B. in „Von den Juden und ihren Lügen“ Gewaltforderungen wie Synagogenbrände ab. 

C) Auch Johannes Calvin vertrat diese Substitutionstheorie, wonach die Kirche das jüdische Volk als Bundespartner komplett abgelöst habe. Seine Schriften spiegeln deshalb den typischen Antijudaismus seiner Zeit wider: Er bezeichnete Juden, die nicht zum Christentum konvertierten, als „Lügner“ und „Verfälscher der Schrift“.

Erst durch die Schoa entstand bei (fast) allen Kirchen eine grundlegende, auch lehrmäßige Umkehr, da man die Mitverantwortung an diesem Verbrechen begriffen und verstanden hatte, dass derlei Abwertungs-Theologie und -Rhetorik den Boden für den Antisemitismus mitverantwortlich war.

Katholischerseits vollzog das Dokument Nostra Aetate (Zweite Vatikanische Konzil) die Kehrtwende hin zum Grundsatz des „nie gekündigten Bundes“, um endgültig die Vorstellung der heilsgeschichtlichen „Mangelhaftigkeit“ des jüdischen Volkes zu beenden.

Auch die EKD formulierte ein frühes Schuldbekenntnis der Gesamtkirche, erteilte Luthers Antijudaismus eine Absage und betonte Gottes bleibende Verheißung über Israel. 

Zu behaupten, es gäbe hier keine Kausalität, blendet meines Erachtens 1800 Jahre dokumentierte christliche Wirkungs- und Verfolgungsgeschichte aus.

holger-f antworten
5 Antworten
kerygma
(@kerygma)
Beigetreten : Vor 3 Monaten

Beiträge : 774

@holger-f Für mich hat @arcangel doch deutlich gemacht, dass er es so nicht meinte. Wenn der alte Bund mit dem neuen gleichwertig ist, hätte es keines neuen Bundes gebraucht. Mir ist der Vorwurf des Antijudaismus heutzutage nur im Falle der katholischen Piusbruderschaft vorgekommen, weil diese in der Karfreitagsliturgie weiterhin an der Fürbitte für das jüdische Volk festgehalten haben. In evangelischen Gruppen mag es da ebenfalls Tendenzen geben, aber daraus den Umkehrschluss abzuleiten, jemand, der den neuen Bund nicht auf die gleiche wie den alten Bund stellt, hätte diese Tendenzen, ist fragwürdig.

kerygma antworten
Holger F.
(@holger-f)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 700

@kerygma 

Aussage war und ist, dass die Substitutionstheologie wesentlicher Grund für christlichen Antijudaismus bis hin zum Antisemitismus war, deshalb seit der Schoa zum Nachdenken in Theologie und Kirchenleitungen geführt hat und von den großen Kirchen so nicht mehr vertreten wird.

Das ist so umfänglich untersucht und so sehr Konsens, dass ich erstaunt bin, dies überhaupt in Erinnerung rufen zu müssen. Und deswegen würde auch sehr ungerne über eine solche Selbstverständlichkeit diskutieren und hier lediglich die Lektüre einschlägiger Literatur empfehlen.

holger-f antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6662

@holger-f 

Die Substitutionslehre an und für sich ist bereits problematisch denn sie beruht auf einer komplett falschen Sichtweise. Die Substitutionslehre ist keine kausale Folge der Sicht, dass der alte Bund durch den Neuen abgelöst wurde. Denn Paulus argumentiert komplett anderes. 

Paulus unterscheidet zwischen “Juden” und “Israel” als zwei verwandte, aber nicht identische Begriffe. Während eng miteinander verbunden, erscheinen Israel und Jude in Paulus’ Schriften dennoch als unterschiedliche Begriffe. Alle Juden gehören zur breiteren Kategorie der Israeliten, aber nicht alle Israeliten sind Juden.

Diese Unterscheidung wird besonders deutlich in Paulus’ Verständnis der inneren Realität. Für Paulus ist nicht jemand ein Jude, der es nur äusserlich ist; vielmehr ist ein Jude derjenige, der es innerlich ist, und die Beschneidung ist eine Angelegenheit des Herzens, durch den Geist (Röm 2,28–3,2). Damit verbunden ist eine grundlegende theologische Aussage: Nicht alle, die von Israel abstammen, gehören zu Israel, und nicht alle sind Kinder Abrahams, weil sie seine Nachkommen sind (Röm 9,1–8).

Paulus behandelt “Israel” als die umfassendere Bezeichnung für Gottes Bundesvolk. Während Paulus’ Aussagen zur Identifikation als Jude mehrdeutig sind, wird Israel als das breitere Bundesvolk Gottes in seinen Schriften konsistenter bekräftigt. Die Ankunft des Messias hat einen Riss innerhalb des ethnischen Israel geschaffen zwischen denen, die glauben, und denen, die nicht glauben—zwischen einem Israel nach dem Fleisch und einem Israel nach der Verheissung, das aus einem Überrest von Christus-glaubenden Juden und heidnischen Christus-Gläubigen besteht.

Besonders aufschlussreich ist Paulus’ Selbstverständnis: In Römer 11,1 präsentiert sich Paulus selbst als Beweis dafür, dass Gott Israel nicht verlassen hat, und identifiziert sich ebenso unmissverständlich als Israelit in 2. Korinther 11,22. Diese positive Identifikation mit “Israel” kontrastiert mit seiner ambivalenten Haltung zur ethnischen Kategorie “Jude” im Kontext des Glaubens an Christus.

Weiter scheint immer wieder vergessen zu gehen, dass beim sinaitischen Bund nicht nur ethische Israeliten anwesend waren, da waren auch ganz viele Ägypter und Menschen aus anderen Nationen anwesend, die allesamt in den Bund mit eingeschlossen wurden. Und dieser Bund ist an Bedingungen geknüpft.

2.Mose 19,5 Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde.

Und weil die Israeliten ihren Bund mit Gott gebrochen hat, darum macht Gott einen neuen ewigen Bund, (Hes 16,60) und in 3.Mose 26,42-46 wird klar, dass Gott nicht brechen wird, den er mit Israel geschlossen hat. Aber dieser Bund ist wie gesagt nicht bedingungslos. Und hier kommt eben Paulus ins Spiel, nicht das Ethische Israel nach dem Fleisch gehören die Zusagen, sondern dem Israel nach der Verheissung. Aber all das betrifft die Gläubigen aus den Nationen (also uns) nicht da wir zwar nach der Verheissung Kinder Abrahams sind, aber nicht Kinder Israels. Die Gemeinde ist nicht das Neue Israel. 

arcangel antworten
Holger F.
(@holger-f)
Beigetreten : Vor 2 Monaten

Beiträge : 700

@arcangel 

Ich nehme deinen Text zur Kenntnis und wiederhole, was ich an kerygma geschrieben habe:

Aussage war und ist, dass die Substitutionstheologie wesentlicher Grund für christlichen Antijudaismus bis hin zum Antisemitismus war, deshalb seit der Schoa zum Nachdenken in Theologie und Kirchenleitungen geführt hat und von den großen Kirchen so nicht mehr vertreten wird.

Das ist so umfänglich untersucht und so sehr Konsens, dass ich erstaunt bin, dies überhaupt in Erinnerung rufen zu müssen. Und deswegen würde auch ungerne über eine solche Selbstverständlichkeit - die nicht „besser“ wird durch den Hinweis auf vermeintlich mangelnde Differenzierung - diskutieren und hier lediglich die Lektüre einschlägiger Literatur empfehlen.

holger-f antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6662

@holger-f 

Aussage war und ist, dass die Substitutionstheologie wesentlicher Grund für christlichen Antijudaismus bis hin zum Antisemitismus war, deshalb seit der Schoa zum Nachdenken in Theologie und Kirchenleitungen geführt hat und von den großen Kirchen so nicht mehr vertreten wird.

Dieser Aussage stimme ich voll und ganz zu, damit habe ich nicht die geringste mühe, was auch ein Grund ist, warum ich mich gegen jede Form der Substitutionstheologie wehre.

Was hingegen nicht korrekt ist, das sich die Substitutionstheologie zwangsläufig aus der Sicht ergibt das der neue Bund der bessere Bund. Denn, wenn etwas besser dann ist das andere zwangsläufig weniger gut. 

Sorry es gibt nur eine Hoffnung und die ist Jesus Christus, Zugehörigkeit zum Volk Israel macht jemanden noch nicht zu einem Kind Gottes. Und wenn du tatsächlich die Meinung vertritt, dass die genetische Abstammung eines Menschen entscheiden darüber ist, ob dieser im Buch des Lebens steht, dann kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen wie du dies mit den Aussagen im Römerbrief und Hebräerbrief in einklang, bringst. 

Aber wo ein Wille ist da ist wohl auch ein Weg. 

 

arcangel antworten


Holger F.
Beiträge : 700
Veröffentlicht von: @arcangel

Dieser Aussage stimme ich voll und ganz zu, damit habe ich nicht die geringste mühe, was auch ein Grund ist, warum ich mich gegen jede Form der Substitutionstheologie wehre.

Das freut mich zu lesen, und ich hatte es, ehrlich gesagt, aufgrund deiner bisher als kompetent wahrgenommenen Beiträge auch erwartet… ❤️

Aus meiner Sicht müssten wir dann über Details nicht mehr weiter „streiten“. 🙏

holger-f antworten
1 Antwort
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6662

@holger-f 

Streiten wir? 

Die Fragen, die sich schlussendlich stellen sind:

"Steht ein Israelit im Buch des Lebens, einzig aufgrund der Tatsache, dass er von Jakob abstammt?"
"Steht ein Israelit im Buch des Lebens, weil den rabbinischen Ritualen und Traditionen folgt?"
"Steht ein Israelit im Buch des Lebens, weil er die Gesetze Moses so gut wie möglich befolgt?"

Ich habe diese Formulierung gewählt, weil das Buch des Lebens ein alttestamentliches Motiv ist. (Siehe Ex 32,32-33, PS 69,28, Dan 12,1, Mal 3,16)

Jetzt stellt sich die entscheidende Frage: Was braucht es laut AT damit jemand im Buch des Lebens steht? 

Und da gibt das AT eine ganz einfache Antwort Dt 6,4-5 und Lev 19,17-18

Es kulminiert schliesslich in Spr 8,17 "Ich liebe alle, die mich lieben, und wer mich sucht, der wird mich finden."

Also nochmals die Frage: Was braucht es damit jemand im Buch des Lebens steht? 

So jemand muss YHWH von ganzem Herzen Lieben und seinen Nächsten wie sich selbst, und so jemand wird YHWH suchen und wird YHWH finden. 

Das war wahr bevor Jesus kam und das ist immer noch wahr. Muss ein Jude Christ werden, um dies zu tun? Wohl kaum, aber was sagt Jesus:

Joh 5,46 Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben.

Ist Jesus der, der er sagt, dass er sei? 

arcangel antworten
Seite 3 / 3
Teilen:

Hey du!

Dieses Forum ist für dich kostenlos.
Das funktioniert nur, weil uns treue Menschen regelmäßig mit ihrer Spende unterstützen.
Bist du dabei?