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Nur christlich oder nicht zuallererst jüdisch?

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Goldapfel
Themenstarter
Beiträge : 1636

Hallo,

vor über 30 Jahren habe ich noch erlebt, dass ein Ältester in einer freien Gemeinde sinngemäß zu mir meinte, „wir Christen“ seien jetzt Gottes Volk. (Ich hoffe sehr, dass er das inzwischen anders sieht)

Die Begriffe altes und neues Testament sind für uns Christen normal.

Pharisäer steht als negativer Begriff für herzlose Gesetzlichkeit und Heuchelei.

Selbst stört mich das bereits länger und ich fühle mich da mit einigem unwohl. Bin ich doch als Heidenchristin bloß eingepfropft und darf an Jesu Opfer teilhaben. Gott sein Volk nie verstoßen oder ersetzt.

Gestern habe ich mal angefangen, mir auf Bibel TV die Reihe „Die Bibel aus jüdischer Sicht“ anzusehen und ich gestehe, dass auch für mich einiges was die inzwischen verstorbene Ruth Lapide, möge ihre Erinnerung ein Segen sein, so sagte, arg herausfordernd ist. Aber es fordert eben heraus und ich habe schon viele neue Denkanstöße erhalten und einiges gelernt. 

Was ich sagen möchte, nach meiner Wahrnehmung fehlt mir häufig in christlichen Kreisen die Anerkennung des jüdischen Erbes und das Bewusstsein, dass die Juden unsere älteren Geschwister sind. 

Ich würde das hier gerne mal zur Diskussion stellen. Auch was ihr von der oben erwähnten Sendereihe haltet.

Antwort
35 Antworten
Holger F.
Beiträge : 163
Veröffentlicht von: @arcangel

Kann man ein Lehrgebäude, welches den leidenden Knecht, aus Jesaja 53 auf das Volk Israel bezieht, ernst nehmen?

Uppps…

Die Alternativfrage, ob das Gottesknechtlied aus Jesaja 53 das Volk Israel ODER Christus meint, stellt sich doch gar nicht. Dem jüdischen Volk abzusprechen, im leidenden Gottesknecht – einer Figur aus IHREN eigenen Schriften – sich selbst zu sehen, ist vermessen. Dies gilt erst recht und gerade angesichts dessen, welchem unermesslichen Leiden dieses Volk zu allen Zeiten ausgesetzt war!

Die christliche Deutung hat in ihrer Tradition - anders als du das hier machst - schon immer im leidenden Gottesknecht sowohl das leidende Volk Israel als auch den leidenden Christus, die leidende Kirche ebenso wie die leidende Welt gesehen und den Text nie nur einseitig auf Christus bezogen. Daraus ergeben sich folgende vier Deutungsebenen:

(1) Die historische Deutung bezieht den Text auf das Leiden des Volkes Israel oder eines gerechten Überrests im babylonischen Exil, wo das Kollektiv inmitten der heidnischen Völker gedemütigt und schließlich von Gott erhöht wird.

(2) Die christologische Deutung sieht darin die vollkommene Erfüllung in Jesus Christus. Was beim Volk Israel unvollkommen blieb, vollendet Jesus als der sündenlose Gottesknecht, der am Kreuz für die Sünden der Menschheit stirbt.

(3) Die moralische Deutung wiederum wendet den Text direkt auf das Leben des einzelnen Gläubigen bzw. der Kirche an und fordert zur Leidensnachfolge auf: Ungerechtigkeit ohne Gegenwehr zu ertragen, zu vergeben und das eigene Leben als Dienst für andere einzusetzen.

(4) Die eschatologische Deutung blickt schließlich prophetisch auf die ewige Herrlichkeit. Sie deutet den Triumph des Knechts nach dem Tod als Zusage der Auferstehung und des endgültigen Sieges Gottes über das Leiden der Welt am Ende der Zeit.

Dieser Bedeutungsreichtum zeichnet ALLE biblischen Texte aus und ist das Ergebnis der 2000jährigen Auslegungsgeschichte der Heiligen Schrift.

holger-f antworten


Holger F.
Beiträge : 163
Veröffentlicht von: @arcangel

Der Alte Bund schafft es nicht das sich, dass Menschen vor Gott gerecht werden. Somit ist er minderwertig (minder = weniger). 

Ich halte deine Behauptung, der Alte Bund sei „minderwertig“, für theologisch falsch und gefährlich.

Heilsgeschichtlich leistete der Alte Bund aus christlicher Sicht zwar „weniger“, da er als zeitlich begrenzte Vorbereitung die Sünde nur aufdecken, aber den Tod nicht endgültig besiegen konnte. Etwas von Gott Gestiftetes ist dadurch aber niemals qualitativ „minderwertig“.

Paulus betont im Römerbrief, dass das Gesetz „heilig, gerecht und gut“ ist (Römer 7,12). Nicht der Bund war mangelhaft, sondern der sündige Mensch war unfähig, ihn aus eigener Kraft zu erfüllen.

Der Alte Bund wurde von Gott nie „gekündigt“, da seine Zusagen an Israel unwiderruflich sind (ebd. 11,29).

Die Einstufung des Alten Bundes als „minderwertig“ trägt außerdem die Gefahr in sich, direkt in die Substitutionstheorie zu führen (Kirche ersetzt das jüdische Volk als Volk Gottes).

Dieses Konzept bildete historisch nachweisbar das Fundament für den beschämenden und in einigen christlichen Köpfen immer noch tief sitzenden christlichen Antijudaismus. Es stellt zudem die Treue Gottes infrage: Wenn ein göttlicher Bund fehlerhaft wäre oder widerrufen würde, wäre Gott unzuverlässig, was die Verlässlichkeit aller biblischen Verheißungen untergräbe. 

Die Substitutionstheorie ist deshalb theologisch zu verwerfen!

holger-f antworten
2 Antworten
AWHler
 AWHler
(@awhler)
Beigetreten : Vor 4 Jahren

Beiträge : 2433
Veröffentlicht von: @holger-f
Veröffentlicht von: @arcangel

Der Alte Bund schafft es nicht das sich, dass Menschen vor Gott gerecht werden. Somit ist er minderwertig (minder = weniger). 

Ich halte deine Behauptung, der Alte Bund sei „minderwertig“, für theologisch falsch und gefährlich.

Dieses Konzept bildete historisch nachweisbar das Fundament für den beschämenden und in einigen christlichen Köpfen immer noch tief sitzenden christlichen Antijudaismus. Es stellt zudem die Treue Gottes infrage: Wenn ein göttlicher Bund fehlerhaft wäre oder widerrufen würde, wäre Gott unzuverlässig, was die Verlässlichkeit aller biblischen Verheißungen untergräbe. 

Dem schließe ich mich vollumfänglich an! 

L'Chaim

awhler antworten
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6451

@holger-f 

Ich halte deine Behauptung, der Alte Bund sei „minderwertig“, für theologisch falsch und gefährlich.

Das ist keine Behauptung. 

Hebr 7,18 Denn aufgehoben wird zwar das vorhergehende Gebot seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit wegen 19 – denn das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht –, eingeführt aber eine bessere Hoffnung, durch die wir uns Gott nahen. 20 Und wie ⟨dies⟩ nicht ohne Eid ⟨geschah⟩ – denn jene sind ohne Eid Priester geworden, 21 dieser aber mit Eid durch den, der zu ihm sprach: »Der Herr hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit!« –, 22 so ist Jesus auch eines besseren Bundes Bürge geworden.

Heb 8,6 Jetzt aber hat er einen vortrefflicheren Dienst erlangt, wie er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet worden ist. 

Wie würdest du etwas nennen das schwach und nutzlos ist und von etwas besseren Abgelöst wird? Minderwertig ist da ja noch milde formuliert. 

Paulus betont im Römerbrief, dass das Gesetz „heilig, gerecht und gut“ ist (Römer 7,12). Nicht der Bund war mangelhaft, sondern der sündige Mensch war unfähig, ihn aus eigener Kraft zu erfüllen.

Ich habe nicht behauptet der alte Bund sei Mangelhaft, sondern das er minderwertig ist, das ist nicht das Gleiche. Der alte Bund ist minderwertig (weniger wert) da er nicht erfüllen konnte was Jesus erfüllt hat. Oder willst du Argumentieren, das der alte Bund gleichwertig mit der Tat Jesu ist. 

Wenn das der Fall ist, dann ist Paulus aber sowas von auf dem Holz weg, wenn er meint das man nach dem Gesetz nicht gerecht werden kann. Das Gesetz kann nicht leisten, was der neue Bund leistet, er macht also weniger und ist deshalb weniger wert (minderwertig). Das bedeutet nicht das der alte Bund nutzlos oder wertlos ist, das wäre dann das andere Extrem. 

Der Alte Bund wurde von Gott nie „gekündigt“, da seine Zusagen an Israel unwiderruflich sind (ebd. 11,29).

Braucht er auch nicht da der alte Bund Segen für die Einhaltung und Fluch für die nicht Einhaltung enthält. 

Die Einstufung des Alten Bundes als „minderwertig“ trägt außerdem die Gefahr in sich, direkt in die Substitutionstheorie zu führen (Kirche ersetzt das jüdische Volk als Volk Gottes).

Ich sehe da keine zwingende Argumentationskette, die zu diesem Schluss führt. 

Dieses Konzept bildete historisch nachweisbar das Fundament für den beschämenden und in einigen christlichen Köpfen immer noch tief sitzenden christlichen Antijudaismus. Es stellt zudem die Treue Gottes infrage: Wenn ein göttlicher Bund fehlerhaft wäre oder widerrufen würde, wäre Gott unzuverlässig, was die Verlässlichkeit aller biblischen Verheißungen untergräbe.

Die Substitutionstheorie ist deshalb theologisch zu verwerfen!

Wie gesagt ich sehe da keine Kausalität, zwischen der Aussage das der neue Bund besser (also höherwertig) ist als der alte Bund und einem Antijudaismus oder Substitutionstheologie. Auch wird die Aussage, dass der neue Bund besser ist nicht im Geringsten behauptet der alte Bund sei fehlerhaft oder wäre aufgelöst worden, dahingehend ist der Hebräerbrief auch klar. 

arcangel antworten
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