Zuletzt gesehener Film 2024
Hallo Filmfreunde,
neues Jahr, neuer Thread 😉 Wir tauschen über gesehene Filme aus, egal ob auf der großen Leinwand, im Streaming oder Fernsehen.
Bewährt hat sich, in Fettbuchstaben den Titel anfangs zu posten. Wer möchte kann gern auch eine Kritik schreiben und / oder den Trailer verlinken.
Viel Spaß uns allen,
Trissi
ARTE Doku "Abgehört" - abgehörte Gespräche russischer Soldaten zusammen mit ruhigen Filmsequenzen aus der zerstörten Ukraine
Der ukrainische Geheimdienst hat Tausende Telefongespräche russischer Soldaten mit ihren Familien abgehört. Die Anrufe von der Front sind ein erschütterndes Zeugnis der Grausamkeit des Krieges. Der Dokumentarfilm stellt den Gesprächen Bilder der Zerstörung gegenüber, aber auch des Alltags der ukrainischen Bevölkerung, die versucht, den Belastungen standzuhalten. 91 min.
https://www.arte.tv/de/videos/114590-000-A/abgehoert/
Es ist das ein eindrücklicher Film. Die Übersetzung der Telefonmitschnitte gibt es als Untertitel - sonst keine sprachlichen Inhalte. Nur die Bilder. Bilder von zerstörten Häusern, Siedlungen, Landschaften - und Menschen darin, die aushalten, die warten, die versuchen, zu überleben.
Die Gespräche verlaufen unterschiedlich. Manchmal blickt einer der Gesprächspartner, dass das ein sinnloser Krieg eines verdorbenen Systems ist. Manchmal berichtet ein Soldat von den Schwierigkeiten, die ihm die vielen zivilen Opfer machen. Dann gibt es aber auch wieder Soldaten, die berichten, wie viel Freude ihnen das Morden und Foltern macht. Die Beschreibung der Foltermethoden ist hart. Es scheint einen gewissen Stolz zu geben, dass es einem nichts ausmacht, einen Menschen in den Kopf zu schießen. Dann aber auch wieder die Sorge, wie man damit nach dem Krieg umgehen wird, ob man nicht längst unheilbar verrückt geworden ist.
Das ist ein ganz anderer Stoff als Pressemeldungen. Man ist da nicht in Kampfeinsätzen mit drin, aber man sieht, was der Krieg mit den Menschen macht und welche Zerstörung allgemein da ist.
Der Film hat noch einmal meine Achtung vor den Ukrainern und den Job, den sie da für die ganze freie Welt machen, auf ein anderes Niveau gebracht. All die Entbehrungen, all das Leid, um nicht Sklave einer verdorbenen Willkürherrschaft zu werden!
Der Film zeigt sehr wohl auch, dass es in Russland Menschen gibt, die sich bewusst sind, welche Schuld das Land da auch sich nimmt und wie die Kultur im Land generell verdorben ist.
Ich hoffe sehr, dass der Krieg ganz bald vorbei ist. Ich sehe, dass die Ukraine viel Hilfe beim Wiederaufbau haben muss. Ich sehe, dass diese Hilfe von denen kommen sollte, denen sie dieses Leid und das Leben unter einem verdorbenen Regime erspart haben.
Ich sehe aber auch, dass Russland Hilfe brauchen wird. Das Ende des Krieges wird eine zerstörte Wirtschaft, eine große demografische Lücke, fehlende Arbeitskräfte und unzählige geistig-moralisch komplett verwahrloste Menschen zurücklassen.
Putin hat sein Land erfolgreich ruiniert und beim Nachbarn erhebliche Wunden gesetzt. Wozu das alles? Erkennt er nicht, dass seine Schuld nur noch größer wird, je länger er den Krieg fortsetzt? Eine Schuld, die schon jetzt so groß ist, dass ich mich frage, wie er damit umgeht. Aber Rücksichtslosigkeit und Brutalität wird ihm ja schon seit jeher nachgesagt. Es sind dies die Attitüden, die ihn an die Macht gebracht haben.
Ich denke nicht, dass ein Ausländer das Recht oder gar die Pflicht hat, den Russen bei ihrer eigenen Befreiung zu helfen.
Aber ich sehe eine Notwendigkeit, bei der Hilfe der Ukraine nicht nachzulassen und vielleicht noch einmal einen großen Schub hinzuzutun - denn Putin wird vermutlich nicht aufhören, solange er nicht besiegt ist.
"Der Zopf" - Regisseurin: Laetitia Colombani - erschienen: 2024
(auf Amazon Prime gesehen)
Beschreibung: Gesellschaftsdrama
"Indien: Smita träumt davon, dass ihre Tochter in die Schule gehen und so dem Elend, in dem sie als „Unberührbare“ leben muss, entkommen kann.
Italien: Giulia arbeitet in der Perückenwerkstatt ihres Vaters. Als dieser nach einem Unfall im Koma liegt, muss Giulia den Betrieb übernehmen und stellt dabei fest, dass das Familienunternehmen hoch verschuldet ist.
Kanada: Die renommierte Anwältin Sarah soll zur Partnerin der Kanzlei befördert werden, als sie erfährt, dass sie schwer krank ist.
Drei Leben, drei Frauen, drei Kontinente – drei Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Obwohl Smita, Giulia und Sarah sich nie begegnet sind, sind ihre Leben auf bewegende, einzigartige Weise miteinander verwoben."
(Quelle: Amazon Prime)
@neubaugoere Interessanter Tip, danke!. Ich meine von der Beschreibung her, dass der Film vor ein paar Monaten mal positiv bei DLF Kultur erwähnt wurde. Gleich mal gucken... 🙂
Interessant. Werde ihn mir mal anschauen.
Etwas Ähnliches habe ich vor Unzeiten in Finnland erlebt. Ich saß in einem Jahr in der Eisenbahn und bin da einem ziemlich alten Mann begegnet. Er erzählte mir dies und das, u.a., dass er aus Turku stammt und Tierarzt war. So, das war es.
Nein, war es nicht wirklich. Im Jahr darauf war ich wieder in Finnland und habe mich in Tampere mit einem sehr netten Mädchen unterhalten, die sagte, sie käme aus Turku. Da kenne ich nur ich nur einen Menschen habe ich gesagt. Sie lachte darauf hin und fragte, ob er ziemlich alt sei und Tierarzt. Ja, war er natürlich und lachte noch mehr "ja, der war Tierarzt, aber er hatte Angst vor Pferden."
Das ist übrigens eine Literaturverfilmung. Den Roman hat die Autorin Laetitia Colombani geschrieben.
Ein anderer, total spannender Roman ist ihr Buch "Das Haus der Frauen", das von einem großen Haus in Paris berichtet, das Frauen in Not Zuflucht gewährt. Eine junge Anwältin, die nach einem beruflichen Zusammenbruch sich für die Frauen engagiert, Behördenbriefe für sie schreibt und so nach und nach von den unterschiedlichen Schicksalen der Frauen erfährt, beschließt, die Geschichte des Hauses und ihrer Gründerin zu recherchieren. Und so erzählt der Roman auch die Geschichte von Blanche Peyron, die zusammen mit ihrem Mann in Paris das Sozialwerk der Heilsarmee leitete und 1926 in Paris den "Palais de la Femme" für bedürftige Frauen gründete.
Lesenswert! Vielleicht braucht ja noch jemand ein Weihnachtsgeschenk 😉
Disclaimer: Nicht Korrektur gelesen!
John Wick Chapter 4
Zu sehen (kostenfrei) bei amazon prime.
Zusammenfassung: 9/10 Punkten. Unbedingt gucken!
Ooookey. Da schaue ich gestern auf die prime video-Seite, ob die da vielleicht zu Weihnachten irgend 'nen Klassiker hochgeladen haben, weil ich ja nun den aktuellen Dwayne Johnson-Weihnachtscrap auf keinen Fall ansehen wollte - und da wird mir doch tatsächlich von amazon dieses cineastische Geschenkpaket vor die Füße geworfen. WTF?!
Freunde empfahlen mir, als er in die Kinos kam, dafür dann doch mal nach Hamburg oder Bremen zu fahren, weil man ihn sich unbedingt in Cinemascope-Format geben sollte. Aber nein, als Öko und Weltenretter wollte ich jetzt nicht nur für sowas meinen CO2-Fußabdruck vergrößern. Und naja - bei anderen Filmen hatte man mich auch schon mit ähnlichen Argumenten in die Großstadt-CinemaXX-Hallen gelockt und ich war nachher echt enttäuscht (der letzte Bond z.B....). Ausserdem hatten mir Teil 2 und 3 der John-Wick-Serie jetzt nicht soooo gut gefallen, sie fielen m.A.n. gegenüber dem furiosen ersten Teil irgendwie ab: die Story wirkte immer mehr an den Haaren herbeigezogen und die Action nahm überhand und war zwar gut, aber doch wohl nicht abendfüllend gut. Oder? ... Und nun erzählten mir dei Freunde, es gäbe in Teil 4 noch mehr Action zu sehen und ich dachte mir: och nö, noch mehr, obwohl dieses Rezept doch in 2 und 3 nicht wirklich aufging?
Es sei verraten: Ja. Noch mehr. Genauer: JW 4 ist das Prinzip des Action-Kinos - zuende gedacht. Plus (!!!) vollständiger Integration des Action-Video-Game-Prinzips.
Inhalt:
Es geht um eine im Schloßpark schön (kitschig) Geige spielende Tochter. Und die Freundschaft zwischen einem Mann und seinem Hund (diese Idee, dass so richtig tragfähige persönliche Beziehungen eigentlich nur zwischen Mensch und Hund möglich seien, zieht sich ja so ein bißchen durch die ganze Reihe... 😉 ). Und um John Wick, der sich von A über B und C und... nach Z durchkämpft. Er hat wohl seine Gründe dafür und die kommen im Plot irgendwie vor. Aber der Plot ist dermaßen unrelevant und winzig, dass er den schönen Nebeneffekt hat, keinen Platz für große Logiklöcher zu lassen. Am Ende, - SPOILER ALERT! - das sei verraten, darf die Tochter weiter Geige spielen.
Darsteller
Keanu Reeves in der Hauptrolle hat entweder einen neuen Synchronsprecher, oder der alte hat in den vergangenen Jahren tüchtig mit Whisky gegurgelt und filterlose Gitanes von früh bis spät durchgequarzt. Diese gründliche Vorbereitung auf den Job zahlte sich aus: von den vier oder fünf Sätzen, die John Wick so während der Gesamtlaufzeit absondert, wirkt jeder wie aus von Flechten überwachsenem Granit gehauen: "Ich werde dich töten!" Man glaubt's sofort.
Bill Skarsgard, ein Milchbubi, den ich bisher noch nicht in anderen Filmen bemerkt hatte, darf den fiesen Schurken Marquis de Gramont mimen. Er glänzt mit sehr stylischen Anzügen und pass zu seiner recht unterkomplexen Rolle als Dandy-Bösewicht.
Scott Adkins, als bis auf die Haarfolikel durchmuskulierter Action-Darsteller inzwischen etabliert, darf den Ober-Schergen der dunklen Seite spielen. Filmname: Killa. 😀
Ian McShane taucht in seiner Rolle als Winston auf, Laurence Fishburne als König der Penner, Lance Reddick als Charon als (mir fällt jetzt erst die Namensähnlichkeit mit dem Fährmann über den Styx aus der griechischen Mythologie auf, dem man ja auch ein Goldstück als Bezahlung geben musste) bekommt bedauerlicherweise zu wenig Screentime.
Neu hinzu in die illustre Figurengesellschaft kommen der international schon recht bekannte Hiroyuki Sanada als Hotelchef in Osaka und seine Filmtochter Akira, gespielt von Rina Sawayama.
Zwei Figuren, bei denen nicht so richtig zu durchschauen ist, ob sie nun zu den Guten oder den Bösen gehören (als wenn das einen Unterschied machen würde!), sind Shamier Anderson als "Tracker" (Nomen est wieder mal omen ) und der famose Donne Yen als blinder Kampfkünstler Caine (wer vor Jahrzehnten so wie ich regelmäßig "Kung Fu" guckte, bekommt bei dem Namen vielleicht Nostalgie-Vibes...).
Alle Aufgezählten, aber auch die nicht namentlich von mir Erwähnten Darsteller geben Satz für Satz, Szene für Szene, Bild für Bild einfach "Kultfiguren". Es gibt keinerlei darstellerische Schwächen zu bemängeln - vielleicht auch, weil eigentlich nicht wirklich schauspielerische Fähigkeiten gebraucht werden. Hört sich das negativ an? Ist aber nicht so gemeint. Es ist nur so: in diesem Film geht es nicht um das Innenleben der Figuren, irgendeine psychologische Entwicklung oder so. Alle Figuren sind so, wie sie sind, keiner verstellt sich: es gibt also keine "tiefer liegenden Schichten" der Figuren, die auszuleuchten wären.
Dass sie nicht total doof und platt wirken, liegt daran, dass hier tüchtig mit dem Pathos-Streuer agiert wurde. Das Pathos ist über den ganzen Film dermaßen "over the top", dass die Darsteller einerseits überhaupt keine Chance zum "Overacting" bekommen, aber eben auch jede Blödsinn!-Assoziation vom Tisch gepustet wird: "Nee, das ist nicht doof, das ist cool!"
Alle Figuren sind perfekt von der Garderoben-Abteilung ausgestattet. Wollte man gemein sein, könnte man sagen: wir bekommen perfekte Mechandising-Figuren auf der Leinwand vorgeführt. Andererseits: das avisierte Publikum besteht ja nicht aus Kindern, die Mechandising-Puppen sammeln. Hhmm...
Bild, Ton, Technik:
Geht. Nicht. Besser.
Im Ernst: Wär ich mal dafür in's Cinemaxx gefahren! Das ist Kunst, aber keine Kunst-Schnösel-Liebdienerei, sondern handwerklich perfekte visuelle Sow. Die Lichtregie! Die treibenden Beats! Und die Stunt-Choreografien! Alter Falter aber auch! Es werden garantiert viele Computer-Effekte dabei sein - aber wo genau sind die Übergänge zwischen CGI und traditionellen Stunt-Einlagen? Ich bilde mir ein, da ein ziemlich gutes, kritisches Auge zu haben, aber hier konnte ich es in den allerwenigsten Szenen erkennen. Eine besonders abgedrehte Szene wird minutenlang aus der Vogelperspektive gezeigt, so, als würde die Kamera da über den Zimmerwänden schweben, die Räumlichkeiten also alle keine Decke haben. Diese Szene ist aus einem anderen Grund, den ich weiter unten ansprechen will, schon bemerkenswert - aber das sieht da elles so echt aus, dass es einem schwer fällt zu glauben, wir hätten es da durchgängig mit computeranimierten Figuren zu tun. Es könnte also sein, auch wenn das sauteuer gewesen sein müsste, dass die Szene in einem extra dafür gebauten riesigen Set spielt. Ich kann's nicht sagen.
Überhaupt das "Bühnenbild". Die Locations, die wir da vorgeführt bekommen, sind international: New York, Osaka, Berlin, Paris. Ich frag mich ja, ob wir Putin dafür danken sollen, dass Berlin statt Moskau oder St. Petersburg eine der Haupt-Locations wurde. Der Punkt ist: alle diese Locations wirken wie gemalt. Wenn mal kurz das nächtliche Brandenburger Tor ins Bild gerückt wird, sieht das so monumental-stylish aus, als wenn es zu irgendeinem Fantasy-Imperium a la "Chronicles of Riddick" gehören würde. Alles in den Locations dient allein als Level-Design: so findet eine lange Sequenz in Berlin in einer Art Riesendisco statt, die als Kaskaden-Springbrunnen angelegt ist: die Menschenmengen tanzen da, während es von oben tüchtig gießt und die Wassergischt schön mit Disco-Leuchtern illuminiert wird. Sinn ergibt das gar keinen, sieht aber geil aus. 🙂
In Paris wiederum haben wir eine nächtliche Autoverfolgungsjagd, die dann irgendwie im Kreisverkehr (um den Arc de Trioumphe herum) endet. Keine Ahnung, wie sie das gefilmt haben. Heilige Lucy, da kracht und scheppert es, dass einem der Unterkiefer rausfällt! Wie da Sound und Bild zusammenarbeiten, wie man als Zuschauer hört, dass hinter einem die anderen Autos vorbeisauen, und dann, Achtung, aufpassen! Upps, zu spät!... Technik - die Überschrift meint hier auch: die Choreographie der Action. Der Zuschauer wird hier nicht mit Wackelkamera und konfusen Schnitten betuppert: da ist alles sauber zu sehen, kein einziger Schnitt lässt den Verdacht aufkommen, hier habe man sich um etwas schwer "realistisch" zu Realisierendes herumdrücken wollen oder habe schlicht Produktionskosten sparen wollen.
Der Sound - naja, ich hab's am Computer gesehen. Soweit das eine Beurteilung zuläßt, kann ich sagen: Yup! Fett und knackig und niemals konfus dröhnend oder billig... Eine perfekte einheit mit den Bildern: Groove, Baby, grooooove!
Worum es eigentlich geht
JW 4 ist in meinen Augen ein Meilenstein. Wie es sich für echte Kunst gehört, besticht er durch Kompromislogigkeit und durch Formwillen. Er transportiert absolut keine Message. Er hat keinen moralischen Inhalt. Er erzählt nicht mal eine Geschichte. Ja klar, es ist irgendwie eine Geschichte enthalten, sogar eine, die sich über die vier Serienteile hin zieht. Insofern ist "Chapter 4" als Titel gar nicht mal unpassend: die ersten drei Teile haben diesen vierten Teil vorbereitet. Damit in ihm überhaupt nichts mehr erklärt werden braucht. Als erster Vergleich kam mir Tarantinos "Kill Bill" in den Sinn. Der absolute Stil-Wille war in dem ebenso enthalten, wie die Western- und Eastern-Motive. Aber Tarantino kann ja nie anders, als dass er in jedem Film seine V8-Kompressor-Dialog-Maschine hochdrehen muss. Also müssen seine Filme immer auch Story haben, müssen seine Figuren interessant und hintergründig sein.
Die genialen Bilder und Kampf-Choreographien in "Kill Bill" hatten also nie die gesamte Aufmerksamkeit für sich.
Anders bei JW4. Den einen Punkt, den ich hier von der Höchstmarke 10/10 in der Bewertung weg blieb, hab ich mir als Sicherheitsabstand eingeräumt, weil ich denke, dass man womöglich sogar noch weniger Story und Figur hätte haben können: die anfangs erwähnte Geige spielende Tochter wäre womöglich noch verzichtbar gewesen, wenn...
Wenn man sich noch rigoroser entschieden hätte, das Video-Spiel-Prinzip auf die große Leinwand zu bringen.
Darin nämlich sehe ich die zentrale Stärke: dass hier jetzt das ästhetische Pendel zurückschlägt: In den vergangenen zwe, drei Jahrzehnten bestand die Entwicklung der Action-Video-Games darin, dass sie immer "realistischer", immer "filmischer" wurden. Die Grafik-Effekte wurden immer detaillierter, Spiegelungen, Partikel, real-time-Schattenwürfe, Interaktion mit der Umgebung (Pyhsik-Engines). Dazu bekamen Videogame-Figuren immer realistischere Gesichtsanimationen, bis sie schließlich lippensynchron ihre Texte aufsagen konnten. Zwischen die einzelnen Spiel-Level wurden immer aufwendigere Film-Clips gestopft, um zu suggerieren, es gehe um eine "echte Story", statt nur um's Gegner-Wegmetzeln. So sollten die Games sich immer "epischer" anfühlen, (space-) opera-mäßig. Immer wieder wurde versucht, Rollenspiel-, Taktik-, Strategie-, Aufbausimulations- oder Literatur-Elemente in Action-Games zu packen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg (denn gameplay-Aspekte sind kniffelig auszubalancieren). Jedenfalls schien die Annahme zu bestehen, dass den Video-Games zu ihrem Glück letztlich immer noch das fehle, was Literatur und Film zu bieten hätten: Handlung. Denn war das nicht irgendwie dröge: sich von einem Level zum nächsten durchzuschnetzeln, Waffen aufsammeln, Munition aufsammeln, Zwischen-Bosse umzunieten, dann wieder in's nächste Level, andere Waffen neue Munition, zwei neue Special-Moves freischalten, dann der nächste Zwischen-Boss... Und so weiter, bis man schließlich am Ende des letzten levels vor dem Endboss steht und dann... War das nicht irgendwie langweilig?
Aber nun dies: das Phänomen der Walk-Throughs. Also Youtube-Videos, in denen man anderen Leuten beim Durchspielen solcher Games zuschauen kann. Nächste Stufe: Speed-Runs: Videos, in denen man Leuten dabei zusehen kann, wie sie solche Action-Games, für die der nomale Zocker zehn, zwanzig oder dreißig Stunden + braucht, in wenigen Minuten durchrasen: weil sie jeden eizelnen Pixel der Spiellevel mit Vornamen kennen und also sämtliche Tricks und Abkürzungen kenne, um die Endbosse in Sekundenbruchteilen zu "finishen"...
Was einen auf die Idee bringen könnte, dass "Handlung" im literarisch-filmischen Sinne vielleicht gar nicht so das Ding ist, was Action-Games interessant macht. Vielleicht ist gerade dieses Level-Design, das Gradlinie des "Sich-Durch-Kämpfens" das Interessante - umso mehr, je flüssig man sich durch die Level kämpft? Ist nicht vielleicht genau dies das "Geile", das "Kultige" an der Action: die runde, flotte Bewegung, der dynamische Wechsel von ausweichen und angreifen, springen und abrollen, schlagen und decken, drücken und ziehen...? Das punktgenaue Einsetzen von Power-Skills und getimten Finishing-Moves?
Im Kern bekommen wir mit JW 4 eine Art Speed-Walkthrough serviert. JW ist die Spielfigur, die sich durch die Level kämpft. Sehr schön designte Level. Immer findet er passend zum jeweiligen Level Waffen, häufig "lootet" er sie von schon erlegten Gegnern, sodaß die Gegner-Schnetzelei nie langweilig wird. Wie ein Speedrunner, so verschwendet John Wick keine Sekunde: ein oder zwei mal - als ich's bemerkte, mußte ich wirklich laut lachen - unterbricht er seinen Standard-Finishing Move (den Kopfschuß, damit schon erledigte Gegner auch wirklich tot liegen bleiben) sogar, um kurz die Waffe nachzuladen, ganz wie ein Pro-Gamer, der mitten in einer eigentlich anspruchsvollen Jump-and-Run-Passage noch nebenbei im Inventar scrollt, um schon mal die gegen den Zwischenboss effektivste Waffe zu "equippen".
Wie ein Counterstrike-Veteran nutzt JW sämtliche Deckungsmöglichkeiten in den Levels, äh: den Handlungsorten. Er springt aus Fenstern und fällt auf unter denen sorgfältig seinen Fall etwas abfangende Autos: so gehen Leute vor, welche eine Turnier-Kampf-Area aus dem Effeff kennen.
Die Anleihen an der Action-Game-Ästhetik gehen noch weiter. Beispielsweise spritzt zwar bei den Kampfszenen tüchtig Blut - aber der Goore-Effekt bleibt dennoch sehr dünn: Da werden mit Katanas Leiber aufgeschlitzt, aber wir werden vom Anblick herausquellender Gedärme verschont. Da bekommen Figuren dutzendweise härtester Faustschläge mitten in's Gesicht - und in der nächsten Szene muss man schon genau hinschauen, um überhaupt irgendwelche Kratzer zu erkennen - zugeschwollene Augen oder Platzwunden sind Raritäten (kann mich ehrlich gesagt an keine erinnern). Hinzu kommt, dass sowohl Freund wie Feind scheinbar Ganzkörperanzüge aus unsichtbarem Mithril tragen - so locker blocken sie mit ihren angeblich kevlar-verstärkten Designer-Anzügen Kugeln aus Pistolen und Schnellfeuergewehren ab: Gewalt und Leid werden so visuell voneinander getrennt. Wollte man jetzt mit ethischer Bedenkenhuberei kommen, könnte man beklagen, dass Gewalt hier "verharmlost" werde. Damit würde man aber lediglich das eigene Mißverstehen demonstrieren: hier wird kein ethisches Phänomen verhandelt. Sondern ausschließlich Ästhetik. Gewalt wird hier ungefähr so sehr verharmlost wie beim Schachspielen, wenn da die Türme (Kampf-Elephanten) durch die Bauernreihen (Fußsoldaten) pflügen und berittene Krieger (Springer) Bischöfe totschlagen: dass da tot geschlagen und getrampelt wird, ist selbstverständlich - es geht allein um das Wie!
Und da lehnt sich JW 4 eben auch visuell an die Action-Games an, wobei die reine Ego-Shooter-Perspektive dankenswerterweise aussen vor gelassen wird. Die Ego-Perspektive ist in Games keine Frage der Ästhetik, sondern der Gameplay-Notwendigkeiten. Um ein Spiel gut spielen zu können, kann es je nach Genre nötig sein, exakt die Perspektive der Spielfigur einzunehmen: wenn es z.B. darum geht, gezielte Schläge zu setzen oder einen Gegner per Kimme & Korn in's Visir zu nehmen. Vom Bild her sieht diese Perspektive häufib scheiße aus: von links und rechts ragen da die eigenen Hände ins Bild mit den jeweils geführten Waffen... Wo solche Präzision nicht notwendig ist, haben auch Action-Videogames die unterschiedlichsten Perspektive-Alternativen gefunden: die Schulterper-Perspektive, die Kamera also stets der Spielfigur über die Schulter blickt, man sie also immer von hinten zu sehen bekommt (solange sie sich nicht irgendwo spiegelt oder in Cut-Scenes die Kamera mal den Blickwinkel ändert). Die Möglichkeit, von schräg oben (Dreiviertelperspektive) mal näher herein- oder weiter hinaus zu zoomen. Oder aber die Vogelperspektive - verbreitet insbesondere bei sogenannten Echtzeit-Taktik-Shootern und "Stealth"-Spielen wie Commandos, in denen zumeist mehrere Spielfiguren in einer Spielgegend kommandiert werden müssen: die eine muss als Späher in Deckung bleiben, die nächste soll eine Sicherheitssperre hacken, wieder die nächste einen feindlichen Wächter umschleichen und von hinten meucheln, währen die anderen im richtigen Moment entweder mit dem Schießen anfangen, Verwundete verartzten oder irgendwas in die Luft sprengen. Das "Befriedigende" in solchen Taktik-Shootern besteht darin, den Überblick zu haben: von oben herab auf das Große Ganze zu schauen und sich daran zu erfreuen, wie der Plan, den man schmiedete, wie die Taktik aufgeht... An so eine Computerspiel-Szene erinnerte mich die oben angesprochene Szene aus JW 4: Wo die Kamera über dem Geschehn schwebt und man so sehen kann, wie auf der einen und wie auf der anderen Seite einer Zimmerwand die Figuren agieren.
Der Unterschied zwischen Computerspiel und diesem Kinofilm: Hier, auf der großen Leinwand, sieht das entsprechend besser aus. Wie schön, dass wir Zuschauer hier das Spiel nicht selbst spielen müssen. Dass unsere Spielerfigur automatisch immer zum richtigen Zeitpunkt in Deckung geht, schießt, springt, läuft, sich dreht, die Special-Moves anwendet... Nein, ein richtiger Speedrun ist das noch nicht: ein paar der Gegner könnte man zeitsparend umgehen, andere wiederum effektiver zur Strecke bringen, wenn man die Level schon ein paar Mal durchgespielt hätte. Wir haben hier also eher so eine Art unkommentierten "Walkthrough" eines Pro-Gamers für den zwar die Level neu sind, der aber das Gameplay im Schlaf beherrscht. Und was die Grafik angeht: Sacre Coeur (die Kitsch-Kathedrale in Paris) bei Sonnenaufgang dermaßen gegenlicht-goldüberflutet in Szene zu setzen - dafür braucht's noch ein paar Jährchen, das leisten zeitgenössische Game-Engines noch nicht.
Gebrauchsanweisung: Den größten Monitor in Reichweite verwenden, oder per Beamer auf die Leinwand projezieren. Sound hochdrehen. Das Wohnzimmer abdunkeln. In den gemütlichen Sessel zurücklehnen.
Genießen!
Wäre es möglich, die Kritik auf einen Absatz oder zwei zu reduzieren? Ich schreib ja auch gern mal eine ausführliche Rezension, aber das ist einfach übertrieben lang. Ausserdem waren mir schon im zweiten Absatz zu viele Spoiler drin 🙂 (Nichts für ungut!)
Falls das nicht möglich ist hab ich nur eine Frage und zwar ob man den zweiten und dritten Teil gesehen haben muss, um bei 4 mitzukommen?
@tristesse Falls das nicht möglich ist hab ich nur eine Frage und zwar ob man den zweiten und dritten Teil gesehen haben muss, um bei 4 mitzukommen?
Wie gesagt: die Handlung ist bei JW 4 meiner Ansicht nach völlig egal . Wenn man das, was als Alibi-Handlung noch enthalten ist, dennoch verstehen können möchte - ja, dann sollte man sich Teil 2 und 3 noch anschauen. Aber nochmal: es ist nebensächlich, "mitkommen" kann man auch so, weil die inhaltliche Reise lächerlich kurz ist.
Ausserdem waren mir schon im zweiten Absatz zu viele Spoiler drin 🙂 (Nichts für ungut!)
Falls Du das hier meinst:
Es geht um eine im Schloßpark schön (kitschig) Geige spielende Tochter. Und die Freundschaft zwischen einem Mann und seinem Hund (diese Idee, dass so richtig tragfähige persönliche Beziehungen eigentlich nur zwischen Mensch und Hund möglich seien, zieht sich ja so ein bißchen durch die ganze Reihe... 😉 ).
so war das ironisch gemeint. Selbstverständlich geht es nicht darum, die Geigenspielerin ist einfach nur das, was in der ersten (!) Szene zu sehen ist. Und üblicherweise fangen ja viele Filme so an, dass inhaltlich das, was da zuerst gezeigt wird, unglaublich wichtig und zentraler Teil des Plots ist. Was ich damit sagen wollte: plotmäßig geht es im Film eigentlich um nichts.
Diese "Spoiler" waren in meinen Augen auch keine. Spoiler sind doch Informationen, die einem jene Spannung verderben, die in der Frage besteht: wohin entwickelt sich die Geschichte? Spoiler verhindern Überraschungsmomente. Aber es gibt m.A.n. auf Plotebene im ganzen Film keinen einzigen Überraschungsmoment. Das ist ja gerade das Großartige an ihm. 🙂
Aber ich sehe ein: dass ich's ironisch meinte, und der Überzeugung war, da nun wirklich nicht zu spoilern, kann man schlecht verstehen, solange man den Film nicht gesehen hat, insbesondere (das mit dem Hund...) dann nicht, wenn man Teil 2 und 3 ebenfalls nicht gesehen hat, Teil 1 aber kennt.
Civil War
Läuft auf Netflix, u.a. mit Kirsten Dunst.
Die USA in (naher) Zukunft. Es herrscht Bürgerkrieg, als sich eine Gruppe von Fotoreportern ins Auto setzt, um mehrere hundert Meilen quer durchs Land zu fahren, mit dem Ziel, ein letztes Interview mit dem auf verlorenem Posten stehenden Präsidenten zu führen.
Die lange Fahrt bietet reichlich Gelegenheit, um zu zeigen, wie das sein könnte und sich anfühlen würde: Ein Land im Bürgerkrieg. Das wird in meinen Augen auch gut umgesetzt. Warum sich die Fotoreporter auf den Weg machen und dem Wagnis unterziehen, erfährt man hingegen nicht. Reflektiert wird nicht viel, die handelnden Personen gewinnen keine Tiefe - was schade ist.
Fazit: Apocalyse Now ist in jeder Hinsicht besser, doch wer den Film nicht kennt, ist mit Civil War auch ganz gut bedient. Er erzählt zwar nicht länger von einer Reise ins Herz der Finsternis, dafür tut sich die Finsternis in wunderschöner amerikanischer Landschaft überall auf - was womöglich die realistischere Darstellung ist. Fans von Kirsten Dunst werden ohnehin zugreifen.
@mrorleander Ach menno, manchmal bedaure ich, kein Netflix-Abo zu haben. Dein Apocalypse Now-Vergleich macht einen echt neugierig. 🙂
Lucy und der traurige Mann
Lief auf Bibel TV
Fing schon mal gut an driftete dann zunehmend ins Mystery ab.
5 jähriges süßes Mädchen glaubt tief und fest an Jesus, sieht als einzige den verstorbenen Opa und winkt und grüßt es andauernd. Träumt von einem traurigen Mann. Der Mann ein Schwerverbrecher begegnet dann die kleine.
Meine Güte, so viel rührseligen Kitschdrama habe ich noch nie erlebt. So viel Mysterie um Jesus und Geister von verstorbenen. Ich frage mich, ob Jesus sich da nicht fremdschämen müsste. Alle10 Sekunden…..Ich liebe Dich.alle 30 Sekunden: Jesus liebt Dich.
Wer Heulfilme will, der ist da gut aufgehoben. Warnung, die Synchronsprecher sind grottenschlecht.