Einsam unter Menschen
Hallo ihr Lieben,
Wo soll ich nur beginnen? Ich bin 18 und komme aus Sachsen. Viele aus meiner Klasse sind auf diesem neurechten Trend aufgesprungen, sind jetzt gegen Menschen mit Migrationshintergrund, gegen Menschen, die auch nur ein wenig von ihrem Bild von einem Menschen abweichen, gegen Gott und Religion und erzählen dann aber doch von Odin und so weiter. Ich fühl mich oftmals schrecklich allein, hab manchmal keine Kraft ihnen allen zu wiedersprechen und fühl mich dann schrecklich, weil ich doch genau das tun müsste.
Außerdem sind für viel Männer in meinem Alter, Frauen nur noch ein Objekt, wenn man sich nicht sexualisiert kleidet, wird über einen hergezogen, wenn man den Mund aufmacht und gegenspricht, wird man zum Teil bedroht.
Jesus kämpfte gegen Ungerechtigkeit, indem er sich aktiv für die Ausgegrenzten einsetzte. Warum schaffe ich das nicht auch?
Liebe Sophie,
Deine Situation klingt durch und durch anspruchsvoll. Ich glaube kaum, dass meine Antwort Dir gerecht werden kann. Eines ist mir wirklich wichtig zu sagen:
"Jesus kämpfte gegen Ungerechtigkeit, indem er sich aktiv für die Ausgegrenzten einsetzte. Warum schaffe ich das nicht auch?"
Du bist 18, in einer Situation in der Du ziemlich alleine zu sein scheinst und zunächst einmal darfst Du Dich selber schützen.
Du hilfst noch niemandem damit, wenn Du durch den Widerspruch Deine ganze Kraft verlierst - oder Dich sogar in Gefahr bringst. Der Widerspruch hilft wahrscheinlich nicht mal sooooo viel, so bitter das ist. Du musst mit 18 nicht zur Märtyrerin werden, sondern darfst Erfahrungen sammeln, beobachten, Dich entwickeln, weise und weiser werden, auch Freude am Da-Sein entfalten und dann, wenn Du Dich in einem Dich stützenden Umfeld befindest, vielleicht auch in einer anderen Rolle bist, einer, aus der Du wirksam werden kannst, dann kannst Du sicherlich viel gegen Ungerechtigkeiten unternehmen. Und das vielleicht sogar auf einem ganz anderen Niveau, weil Du heute wichtige Erkenntnisse sammeln kannst (und dafür brauchst Du erstmal nur beobachten und nicht viel tun).
Das gilt vor allem, wenn Du komplett alleine mit der Situation bist. Hast Du Menschen in Deinem Umfeld, mit denen Du über Deine Lage sprechen kannst? Gibt es an Deiner Schule Menschen, die Verantwortung übernehmen?
Alles Liebe, Ina.
Danke @ina_4321 für die lieben Worte. Naja, dass mit den Menschen in meinem Umfeld ist eher schwierig. Meine Eltern sind geschieden, ich bin mal bei dem einen, dann bei der anderen. Mein Vater will nichts davon wissen, will nichts mit Politik und so zu tun haben. Und meine Mom, naja, ich muss mehr auf sie aufpassen, als sie noch mit mehr zu belasten. Mit Freunden ist das hier auch schwierig, viele gehen lieber den leichten Weg und sind halt lieber Mitläufer. Sie haben Angst vor den Konsequenzen, wenn sie sich anders äusern.
hab manchmal keine Kraft ihnen allen zu wiedersprechen und fühl mich dann schrecklich, weil ich doch genau das tun müsste.
Du bist 18? Sei froh. Du kannst selbst entscheiden, ob du da bleiben willst. Manchmal ist es besser, zu gehen.
@martha Aber wenn alle gehen und keiner mehr wiederspricht, was passiert dann?
Liebe Sophie,
wie auch immer du an diesen Ort gelangt bist, ob durch Geburt, Umzug der Eltern -
irgendwann bist du herangereift, selbst Verantwortung für dein Leben zu übernehmen.
Für mich war es mit 16 eine Befreiung, in ein Umfeld umziehen zu können, dessen Geist mich atmen ließ.
Für (ich spitze zu) "Mission unter Neurechten, die mit Neuheidentum verquickt sind" benötigst du mMn eine Berufung und verlässliche Mitstreiter.
D.a.s i.s.t k.e.i.n.e P.i.l.l.e.p.a.l.l.e!
Auch Jesus selbst wurde in Nazareth als Prophet abgelehnt. Und seinen Jüngern ist es gestattet, den Staub von ihren Füssen zu klopfen, wenn die Mission scheitert.
Der Osten hat Berlin wieder u wieder auf diese Problematik hingewiesen.
Sie hat sich stetig weiter gefestigt.
Ich akzeptiere das nunmehrige Gewordensein inzwischen.
Für manche Menschen werden manche Orte keine Option mehr sein.
Ich fühl mich oftmals schrecklich allein, hab manchmal keine Kraft ihnen allen zu wiedersprechen und fühl mich dann schrecklich, weil ich doch genau das tun müsste.
Das ist wirklich eine schlimme Situation, in der du dich da befindest, und ich kann verstehen, dass du dich oft verlassen fühlst. Und natürlich wäre es auch schön, wenn du mehr tun könntest und dich stärker dafür einsetzen könntest, woran du glaubst.
Aber deine Möglichkeiten sind nun einmal begrenzt. Du leistest bereits etwas damit, dass du dir deine Werte bewahrst und bei diesem Spiel nicht mitmachst. Und das zählt bereits viel.
Und an erster Stelle sollte auch dein Eigenschutz stehen. Das ist keine Feigheit - es ist niemandem damit geholfen, wenn du am Ende selbst verprügelt wirst. Es ist auch nicht deine Verantwortung, diese Leute wieder auf den Pfad der Tugend zu führen. Du bist in erster Linie für dich selbst verantwortlich, und da bist du ja bereits auf einem ganz anderen Weg als dein Umfeld.
Mit Sicherheit gibt es auch Dinge, die du tun kannst, auch wenn ich dir da keine konkreten Beispiele nennen kann. Das sind dann veilleicht nur kleine Gesten, die in so einem Umfeld viel bedeuten können. Denke nicht daran, was du gerne tun wolltest (Da gibt es sicher manches, was dir einfallen würde) - sondern welche Möglichkeiten du überhaupt hast. Die kleinen Dinge können auch sehr wichtig sein.
Ich wünsche dir jedenfalls viel Kraft dafür!
Hi,
ich kann dich sehr gut verstehen. Ich hoffe sehr (mache einen Aufruf) das du hier auch Leute findest, die mit dir über WhatsApp oder Signal, kommunizieren. Vielöleicht kannst du auch über Whatsap einer christlichen Community beitreten.
Hier gibt es Unterstützung.
https://www.whatsapp.com/communities/learning/settingupyourcommunity?lang=de
Es ersetzt nicht die direkte menschliche Nähe, aber man kann sich austauschen und sehen und irgendwann auch mal sich treffen.
Du bist 18 und irgendwann wirst du vielleicht diesen Ort verlassen und woanders hinziehen.
Ich weiß nicht, ob du in einer Gemeinde bist. Jedenfalls lese ich es nicht heraus.
Viele Christen sind einsan. Viele Menschen mit einer Behinderung sind einsam. Du bist da leider nicht alleine. Ich war 10 Jahre einsam als ich nach Nürnberg gezogen bin. Mittlerweile hat sich ein relativ gutes Freundes- und Bekanntenkreis entwickelt. Manches dauert ein wenig. Leider!
Was ich ganz gut fände, wenn dich aktiv am Leben anderer Menschen beteiligts. Ältere Menschen besuchen usw.. Ich kümmere mich zum Beispiel um meinen Nachbar der nichts richtig fertig bringt. Da geht es um Behörde oder Steuererklärungen usw.. Eine Aufgabe zu haben bringt echt was. Der Typ macht langsam, Fortschritte 🤣 😎
Ich empfehle dir auch gute Podcasts. Psychologie To Go. Suche dir da das beste aus was gerade brauchst. Ich finds klasse.
Was Kleidung und Aussehen betrifft. DU musst dich wohlfühlen. Ob du dich so oder so kleidest. Es ist dein Stil und steh dazu. Lasss die Spacken reden 🤨 🤣
In diesem Sinne...lasse reden...
https://www.youtube.com/watch?v=yVEeBKzJGcg
Da es m.E. um Rechtsextremismus geht, möchte ich noch weitere Hilfsangebote aufführen:
https://verband-brg.de/supportcompass-beratungsapp/
https://www.justiz.sachsen.de/smj/download/OpferhilfeInSachsen.pdf
Was Kleidung und Aussehen betrifft. DU musst dich wohlfühlen. Ob du dich so oder so kleidest. Es ist dein Stil und steh dazu. Lasss die Spacken reden
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Das ist ein Punkt, über den ich in letzter Zeit öfters nachgedacht habe... und ich fürchte, es ist nicht ganz so einfach, gerade in so einer Situation.
Soll heissen: Es sagt sich so einfach - trag' doch, was du willst, und so soll es ja eigentlich auch sein. Eigentlich - aber wir wirken ja immer auch durch Kleidung. Und das ist etwas, das wir auch beachten müssen.
Ich habe beispielsweise ein T-Shirt mit einem Motiv in Regenbogenfarben. Ich fand das witzig und mir gefällt es - aber mancher Beobachter würde das vielleicht mit der LGBTQ-Bewegung assoziieren, obwohl das damit gar nichts zu tun hat, einfach wegen der Farben.
In meinem Umfeld ist das kein Problem. Meine Firma steht hinter Vielfalt und LGBTQ, selbst wenn mich einer deshalb für schwul halten sollte wäre das völlig egal.
In einem anderen Umfeld könnte das allerdings schnell zum Problem werden - gerade in dem Umfeld, das hier beschrieben wird.
Es gibt also Einschränkungen. Auch dann, wenn man selbst gar keine Lust auf Regenbogenfarben oder ähnliches hat weiss man: "Ich muss aufpassen, wie ich mich gebe, ich könnte Ärger bekommen!".
Selbst wenn man tragen kann, was man will, weil man zufälligerweise einen unproblematischen Geschmack hat, ist so eine Atmosphäre zusätzlich bedrückend...
Und dann? Dann darf man keine US Ware tragen, kein Basecap, Nur das was die deutsche Kultur prägt....wie Dirndl oder Trachten. Für die Ehefrau nur Schürze und Kochlöffel?
Im Film " Die Welle" wird darauf eingegangen. Wenn Individualität verpönnt wird, was noch?
Und dann? Dann darf man keine US Ware tragen, kein Basecap, Nur das was die deutsche Kultur prägt....wie Dirndl oder Trachten. Für die Ehefrau nur Schürze und Kochlöffel?
Man muss sich fragen, ob es einem das wert ist, für seinen Kleidungsstil verprügelt zu werden.
Wenn es zu extrem ist, dann ist klar dass man eh nicht lange dort bleiben wird. Dann passt man sich so lange an, wie es nötig ist, und sucht sich dann einen netteren Ort.
Natürlich sollte man auf dem Standpunkt stehen, dass man so etwas nicht akzeptiert und dagegen vorgeht. Das schafft man aber nicht alleine. Und wenn man keine entsprechenden Mitstreiter hat, die zumindest einen gewissen Schutz bieten, dann hat man eben nicht viele Optionen.
Als ich deinen Text las, erinnerte er mich an eine aktuelle Situation. Ich war frustriert und müde, dass sich viele Menschen nicht um Internetsicherheit kümmern. Ich kann reden und Beiträge schreiben, aber es ist verlorene Liebesmühe. Mir wurde klar, dass ich die Welt nicht „retten“ kann und das Thema auch loslassen darf. So sehe ich es auch bei dir. Du wirst müde werden, wenn du meinst, du müsstest ihnen widersprechen. Man darf etwas sagen, aber dann muss man das Thema auch wieder loslassen können, weil es einen ansonsten zerfrisst. Darin steckt „Achtsamkeit“, also darauf zu achten, wie du dich dabei fühlst.
Du machst dir zum Vorwurf, dass Jesus sich ja aktiv gegen Ungerechtigkeit eingesetzt hat und du dies nicht kannst. Jesus nachzufolgen ist ein Prozess. Wir können nicht „einfach mal so“ sein wie Jesus. Das ist, wie gesagt, ein Entwicklungsprozess. Man macht ja auch nicht „einfach mal“ sein Abitur. Dahinter stecken viele Jahre des Lernens.
An deiner Stelle würde ich mich erst einmal vor dem Gedanken schützen, dass du ihnen ständig widersprechen müsstest. Wenn es über deine Kräfte geht, bringt es dir nichts, und nach außen hin wird es auch wenig bewirken. Was du aber vielleicht machen kannst: Bringe diese Sache immer wieder im Gebet vor Gott.