Benachrichtigungen
Alles löschen

Heute vor 30 Jahren

Seite 2 / 2

Irrwisch
Themenstarter
Beiträge : 3339

Heute Nacht haben wir in SWR3 den Film

" Bornholmer Strasse " gesehen.

Ein für mich überaus gut gemachter Film über die Öffnung des ersten Grenzübergangs, nachdem zuvor Schabowski vor laufenden Kameras erklärt hatte, die Grenze sei ab sofort offen für jeden Bürger der DDR.

Diese Erklärung habe ich ziemlich ungläubig und fast nicht fassbar in den 19 Uhr Nachrichten im Fernsehen gesehen.

Ich weiß noch genau, wo ich saß und wie ungläubig ich diese Worte damals meiner Familie mitgeteilt habe.

Heute Nacht sind in mir wieder viele Bilder, Erleben und Gefühle aus den damaligen Geschehnissen aufgetaucht.

Geschehnisse, die nach wie vor für mich immer noch in ihrem friedlichen Ablauf ein Wunder sind.

In diesem Thread möchte ich euch alle dazu einladen, einmal Rückschau zu halten und zu teilen, wie ihr die Grenzöffnung und die Zeit drumherum damals erlebt habt.

Seid herzlich gegrüßt
Inge

Antwort
29 Antworten
Banji
 Banji
Beiträge : 3583

Abends. Einwohnerversammlung im Dorf. Alle waren ganz mutig und haben gemeckert über diesunddasundjenes.
Plötzlich ertönt der Ruf in den Saal "Die Mauer ist gefallen." So schnell hat sich noch nie eine Einwohnerversammlung aufgelöst. Alles strömte nach Hause und an die Fernseher. Ich fand meine Frau natürlich auch vor dem Fernseher. Stehend. Aufgelöst. Fassungslos.
Da wir 4 kleine Kinder hatten, konnten wir nicht los … so haben wir Stunde um Stunde vor dem Fernseher gestanden …

banji antworten
1 Antwort
Irrwisch
(@irrwisch)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 3339

Lieber Banji,

mir fehlt der Ostkontakt komplett.
Als Hessin habe ich nur immer wieder einmal traurig und etsetzt vor der Stacheldrahtgrenze gestanden.
Habe mit 16 Jahren Berlin besucht und dort auch die Bernauer Strasse.

Dass iht aufgelöst und fassungslos gewesen sein, wer will euch das verdenken.

Danke für deinen Einblick

Liebe Grüße
Inge

irrwisch antworten


Ungehorsam
Beiträge : 3336

Ich war 19 Jahre alt, Mitglied in der Jungen Gemeinde und hatte Verantwortung für die Schafherde der LPG. Obwohl der nächste Grenzübergang Selmsdorf/Lübeck in der Nähe war, verfolgte ich alles im Fernsehen. Erst Tage später setzten wir (Vater, Mutter und drei Kinder) uns in Vaters Trabant und stellten uns an der Autoschlange nach Lübeck an.

Mein Vater bekam schon zwei Monate vor der Währungsunion eine Anstellung in Lübeck.

Die Bilder von damals sind noch sehr präsent, und dazu der Song von Nena "Wunder gescheh'n" - ja, dann bekomme ich Gänsehaut.

Und heute wohne ich direkt an der ehemaligen Grenze, aber auf der Westseite.

ungehorsam antworten
1 Antwort
Irrwisch
(@irrwisch)
Beigetreten : Vor 21 Jahren

Beiträge : 3339

Lieber Ungehorsam

Zu den Autoschlangen werde ich auch später noch etwas schreiben.

Herzlichen Dank auch für deinen Einblick

Liebe Grüße
Inge

irrwisch antworten
Friedenslicht
Beiträge : 93

Hallo Inge, ich weiß nur so viel von der Wende, daß meine Mutter damals eine Brieffreundschaft hatte !

friedenslicht antworten


Irrwisch
Themenstarter
Beiträge : 3339

Vorlauf
Wir hatte weder Verwandte noch Freunde in der DDR.
Weswegen auch eine Reise dort hin, ein Besuch nicht möglich war.

Zwar war ich 1968 auf einerSchulabschlussfahrt in Berlin gewesen.
Hatte Mauer hautnah gesehen, und auch den Transit durch die DDR erlebt.

Aber von dem Land eher wenig nur gesehen.

I den späteren 80ger Jahren gab es dann einen Kontakt zu einer Familie mit 4 Kindern.
Die Mutter war erneut schwanger, musste liegen um das Kind nicht zu verlieren.

Über einen Pastor wurde die Bitte an mich und meine Familie heran getragen, ihnen doch ab und zu ein paar Apfesinen zuzuschicken wegen der Vitamine und überhaupt.

Das haben wir dann auch öfters gemacht.
Auch noch, als das Baby gesund zur Welt gekommen war.

Kurz danach ging die Grenze auf.

Ich hätte mir sehr gewünscht, dann noch einmal von dieser Familie zu hören.

Leider war der Kontakt abgebrochen, die Adresse ungültig und wir haben nie mehr was von ihr gehört.

irrwisch antworten
1 Antwort
Anonymous
 Anonymous
(@Anonymous)
Beigetreten : Vor 1 Sekunde

Beiträge : 0
Veröffentlicht von: @irrwisch

Über einen Pastor wurde die Bitte an mich und meine Familie heran getragen, ihnen doch ab und zu ein paar Apfesinen zuzuschicken wegen der Vitamine und überhaupt.

Mein älterer Bruder hatte über das kirchliche Krankenhaus in dem er arbeitete (nicht Magdeburg, es gab ja noch mehr in der DDR) auch so einen Kontakt. Den Namen habe ich nie erfahren, nur manchmal brachte er etwas mit zu meinen Eltern, wie Feinstrumpfhosen oder Wolle. Als er dort nicht mehr arbeitete, brach auch der Kontakt ab, lange vor der Wende.
Ich hatte eine Adresse in Japan, mit einer jungen Frau, die deutsch lernen wollte. Alles was in so einen kleinen Luftpostbrief paßte, wurde hin und her geschickt. Es war schon toll, Post aus Japan zu bekommen. Als sie dann heiratete, schlief der Kontakt auch ein.

Wenn ich mit Menschen in meinem Alter unterhalten habe, dann hatten sie die selben Probleme, auch mit der Zeit.
Es war eben "Kalter Krieg", und ich weiß nicht, ob die Mächtigen je wollten, daß Deutschland wieder zusammen kommt.
So war es die Bewegung der Zeit, etwas ändern zu wollen.

LG Ano

Anonymous antworten
PeterPaletti
Beiträge : 1240

Hallo Inge,

ich habe die Maueröffnung sehr unspektakulär erlebt. Wir waren auf einer Studentenparty, auf der Skat gedroschen wurde. Irgendwann sagt jemand, "Ey, die Mauer ist auf" - Darauf andere: "Ach was, na sowas" und spielten ihr Spiel unberührt weiter.

Den emotionalsten Moment habe ich im Jahre 1989 eigentlich bei dem berühmten Halbsatz von H.D. Genscher in der Prager Botschaft erlebt. Da habe ich vor dem Fernseher gesessen und eine Träne verdrückt.
Nach der Massenflucht und den Demonstrationen war eigentlich klar, dass sich das SED-Regime in der DDR nicht mehr würde lange halten können.

peterpaletti antworten
1 Antwort
Anonymous
 Anonymous
(@Anonymous)
Beigetreten : Vor 1 Sekunde

Beiträge : 0
Veröffentlicht von: @peterpaletti

ich habe die Maueröffnung sehr unspektakulär erlebt. Wir waren auf einer Studentenparty, auf der Skat gedroschen wurde. Irgendwann sagt jemand, "Ey, die Mauer ist auf" - Darauf andere: "Ach was, na sowas" und spielten ihr Spiel unberührt weiter.

😀 😀

Genau - so! hatte ich mir das vorgestellt...

Veröffentlicht von: @peterpaletti

Nach der Massenflucht und den Demonstrationen war eigentlich klar, dass sich das SED-Regime in der DDR nicht mehr würde lange halten können.

Uns hinter der Mauer war das überhaupt nicht klar. Man muss auch bedenken, dass seit Ende September, eben wegen der Massenflucht, alle (!) Grenzen der DDR geschlossen waren. Vorher konnte man wenigstens noch mit Visum nach Polen, Ungarn usw. und ohne Visum immerhin nach Tschechien. Ende September aber hatte die DDR-Regierung in einer letzten Geste der Hilflosigkeit auch diese Grenzen noch geschlossen! Was ganz bestimmt dazu beitrug, das Brodeln im Kessel noch zu vergrößern und die Explosion noch näher herbeizuführen.

Trotzdem hätte ich jedem, der mir noch am 8.11.89 gesagt hätte, die Mauer würde (auch noch bald...) fallen und die Grenze sich öffnen, einfach nur einen Vogel gezeigt!

Allerdings, nach dem 9.10., als eben nicht geschossen wurde und im Zuge des ganzen Prozesses der Runden Tische usw. waren wir schon sehr hoffnungsvoll auf weitere Schritte.

Mein Mann, gelernter Ossi ebenfalls, sagt übrigens auch, das wäre gekommen, die Grenzöffnung. Es gab einfach keine andere Möglichkeit mehr.

Ja - und klar freuen sich diejenigen viel viel mehr, die endlich das Gefängnis verlassen dürfen - als die, die immer schon frei waren... Weil man sich das kaum vorstellen und emotional nachvollziehen kann, dieses Lebensgefühl des Eingesperrtseins, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

Anonymous antworten


Anonymous
 Anonymous
Beiträge : 0

Ich habe die Maueröffnung verschlafen. Ich sah zwar Schabowski mit seinem Zettel im Fernsehen, meinte aber, er sprach von "Ausreisen" (also rüber und drüben bleiben). Enttäuscht fragte ich mich, warum nicht auch "Besuchsreisen" (also rüber und wieder zurück)? Na egal, zwei Tage später, am 11.11., würde sowieso die "genehmigte Besuchsreise" nach München beginnen, da ein Westverwandter kurz zuvor gestorben war, der uns immer wieder Westgeld für den Intershop zugesteckt hatte.

Am nächsten Morgen hörte ich im Westradio, was in der Nacht losgewesen ist. Eilig machte ich mich auf den Weg, um schnell vor der Arbeit wenigstens mal kurz "rüber und nüber zu machen". Es ging ja das Gerücht um, daß man die Mauer um 8 Uhr wieder dichtmachen würde. Also schnell die Gelegenheit nutzen und mal sehen, wie sich das so anfühlt. Meine Arbeit war nahe am Grenzübergang Oberbaumbrücke. Direkt davor eine große Kreuzung. Als die Ampel auf Grün sprang, rannte der Pulk ungeduldig los. Die Leute, die uns aus dem Westen entgegenkamen, riefen: "Langsam, langsam! Es ist genug Westen für alle da!"

Im Übergang blickte man nur kurz in die Personalausweise und winkte die Leute durch. Angesichts meines Reisepasses stutzte der Grenzer und war sofort in seiner gewohnten Routine: "Moment, Sie dürfen doch erst morgen passieren!", und besann sich dann: "Ach, gehen Sie durch."

Meine ersten Eindrücke waren nicht besonders "westlich". Kreuzberg eben. Der Strom stockte vor einem einsamen Schaufenster: "Boah, was die im Westen für tolle Wasserhähne haben!" Dann "fielen" wir in die U-Bahn, Linie 1. Ich fuhr zwei Stationen, kehrte dann um. Immer noch Kreuzberg. Kein Kudamm. Nichts Grandioses. Zeit zum Weiterfahren hatte ich nicht, ich mußte ja zur Arbeit ... pflichtbewußt, wie ich war. Ich nahm noch eine Springer-BZ mit, die jemand auf dem Sitz liegenlassen hat: "DIE MAUER IST WEG! BERLIN IST WIEDER BERLIN". Und fühlte mich fast etwas erleichtert, als ich wieder zurück im vertrauten Osten war.

Etwas zu spät kam ich ins Büro, warf die Zeitung auf den Schreibtisch und ging zum Kleiderschrank in der Ecke, um den Mantel abzulegen. In dem Moment kam der Direktor rein, ein scharfer, roter Hund, vor dem alle Angst hatten. Sch...e! Die Westzeitung! Springer war der erklärte Klassenfeind! Was wird jetzt für ein Donnerwetter kommen? Der Direktor sah die Zeitung, sah auf mich, sah wieder auf die Zeitung, und wieder auf mich, strahlte plötzlich - und ging wortlos. Wir vermuteten, daß die Partei ihn losgeschickt hatte, nachzusehen, wer noch da sei. Ich war im Westen und kam wieder zurück - er muß wohl stolz auf mich gewesen sein.

An dem Tag mußte ich ein paar Bücher in die Betriebsbibliothek zurückbringen. Die Bibliothekarin bat mich, mal kurz die Stellung zu halten, da sie auf die Toilette mußte. "Meine Kollegen haben vorhin angerufen und gesagt, sie wären im Westen. Aber das kann doch nicht sein!" Na, wenigstens war ich nicht der einzige, der die Maueröffnung verschlafen hat.

Nach Feierabend ging es dann noch mal "richtig" rüber. Diesmal Sonnenallee. Und diesmal mit langem Schlangestehen in einer aufgekratzten sozialistischen Wartegemeinschaft, obwohl die Grenzer mit Polizeizäunen einen Gang durch die Übergangsstelle geschaffen haben und die Leute einfach ohne Kontrolle durchwinkten. Immer noch standen einige von ihnen mit umgehängter Waffe herum. Plötzlich sprang jemand über den Polizeizaun und lief auf eine Gruppe bewaffneter Grenzer zu. Alle erstarrten vor Entsetzen: Was wird jetzt passieren?

Es passierte - nichts. Dieser Jemand steckte einem der Grenzer eine Blume in den Gewehrlauf. Und alle, die das sahen, klatschten Beifall. Dieser Moment war für mich der allerbewegendste. Jetzt spürte ich deutlich, daß sich atmosphärisch etwas verändert hat, als wäre ein böser Geist gewichen. Es war der eigentliche Moment des Mauerfalls.

Was auf der anderen Seite passierte, und wie wir am nächsten Morgen in dem Chaos rund um den Tränenpalast unseren Interzonenzug nach München erreicht haben, ist eine andere Geschichte. 😉

Anonymous antworten
2 Antworten
Anonymous
 Anonymous
(@Anonymous)
Beigetreten : Vor 1 Sekunde

Beiträge : 0

Das les ich morgen noch mal in aller Ruhe 😊…

Anonymous antworten
Blondschopf10000
(@blondschopf10000)
Beigetreten : Vor 8 Jahren

Beiträge : 1210
Veröffentlicht von: @joseph

Es passierte - nichts. Dieser Jemand steckte einem der Grenzer eine Blume in den Gewehrlauf. Und alle, die das sahen, klatschten Beifall. Dieser Moment war für mich der allerbewegendste. Jetzt spürte ich deutlich, daß sich atmosphärisch etwas verändert hat, als wäre ein böser Geist gewichen. Es war der eigentliche Moment des Mauerfalls.

Wow! Sehr bewegend - wie der ganze Bericht. Danke!

blondschopf10000 antworten
Seite 2 / 2
Teilen: