100%ige Heilssicherheit Calvin
An anderer Stelle wurde das Calvinistische „Einmal gerettet, immer gerettet“ (100%ige Heilssicherheit) diskutiert und mit dem Katholizismus verglichen. Da mir eine 100%ige Heilssicherheit nicht so recht einleuchten wollte, habe ich mit jemandem gesprochen, der das als „Calvins Hütchenspieler-Trick“ bezeichnet und mir das am Beispiel eines Mörders erklärt hat. Daraufhin habe ich noch etwas weiter recherchiert…
Beide daraus entstandenen Texte „Calvins Hütchenspieler-Trick“ und „Harmonisierung von calv. und kath. Heilsvorstellung“ würde ich gerne zur Diskussion stellen und zwar hinsichtlich der Frage, ob diese Sichtweisen - vereinfacht zwar - im Grunde richtig wiedergegeben sind und was ggf. grundsätzlich anders gesehen werden könnte/ müsste/ sollte.
Es geht also darum zu verdeutlichen, dass einerseits die vermeintliche Überlegenheit einer als 100%ig gedachten Heilszusage zu relativieren ist und andererseits sich beide Heils-Ansichten viel näher sind als im ersten Moment sichtbar.
(I) Calvins „Hütchenspieler-Trick“
Das Calvinistische „Einmal gerettet, immer gerettet“ ist ein theologischer Hütchenspieler-Trick! Das lässt sich leicht zeigen.
Nehmen wir an, ein bekehrter Calvinst begeht einen Mord. Kommt dieser Mörder in den Himmel? Nein, auch nach Calvinistischem Denken kommt der Mörder nicht in den Himmel, sondern in die Hölle. Trotzdem gilt „Einmal gerettet, immer gerettet“. Wie kann das sein?
Ganz einfach. Calvinisten sagen, der Mörder war gar nicht bekehrt, er hat sich seine Bekehrung nur „eingebildet“ (Scheinbekehrung). Um „Einmal gerettet, immer gerettet“ als theologische Prämisse zu retten, wird die vorherige Bekehrung des Mörders einfach als „Scheinbekehrung“ uminterpretiert!
Das ist der klassische Hütchenspieler-Trick. Vor den Augen der Zuschauer verwandelt sich die unverlierbare Errettung (die 100%ige Heilssicherheit) des Mörder - simsalabim - in eine Scheinbekehrung.
Man sagt ihm also einfach: Errettet? Pustekuchen! Du warst nie errettet! Dasselbe gilt für alle Ehebrecher, Diebe, Räuber, Betrüger, Meineidige, Verleumder, Denunzianten, Unterdrücker, Gotteslästerer, Götzenanbeter, Totenschänder, Hochmütige, Neidische, Geizige, Habsüchtige, Maßlose, Verräter…
Aus ihrem unverlierbaren Heil, der 100%ig sicheren Errettung, wird durch ihre Tat der absolute Heilsverlust, eine 0%sichere Errettung.
(II) Harmonisierung von calv. und kath. Heilsvorstellung
Der Calvinist stellt niemals das theologische Konstrukt einer unfehlbare Errettung nach eindeutiger Bekehrung in Frage, sondern - im Falle von sündhaftem Verhalten - die Realität seiner Bekehrung (war es vielleicht eine Scheinbekehrung?). Heilstheoretisch läuft es im Ergebnis auf dasselbe hinaus…
Der Katholik erfreut sich an seiner begründeten Hoffnung auf das ewige Heil, weiß aber um die Möglichkeit, durch schwere Sünde aus diesem Stand der Gnade zu fallen und er kennt den Weg der Reue und Buße, diesen notwendigen Stand der Gnade wiederzuerlangen.
Unsicherheit hinsichtlich des ewigen Heils gibt es bei beiden.
Der Katholik wird sich vielleicht fragen, ob eine begangene Sünde „schon“ eine schwere Sünde ist, die dazu führt aus dem Stand der Gnade zu fallen. Der Calvinist verlagert das Problem, indem er bei jedem möglichen sündigen Verhalten seine Bekehrung in Frage stellt.
In beiden Fällen gibt es deshalb im Prinzip denselben Effekt: man achtet genau darauf, was man tut, möglicherweise sehr akribisch, um daraus ein möglichst präzises Werkzeug zu entwickeln, mit dem man ermitteln kann, ob man das ewige Leben wirklich hat oder…
A) durch schwere Sünde aus dem Stand der Gnade gefallen ist (Katholik)
B) durch Sünde deutlich wird, dass die Bekehrung nicht echt war.
Der psychologische Effekt ist allerdings unterschiedlich und durch Max Weber beschrieben (protestantische Arbeitsethik)
A) der Katholik ist per se entlastet, da er ja weiß, dass bei sündhaftem Verhalten sakramentale Werkzeuge zur Verfügung stehen, dies vor Gott wieder in Ordnung zu bringen.
B) der Protestant dagegen müsste sich, wenn er aufgrund seines sündhaften Verhaltens sich seiner Bekehrung nicht sicher ist, selbst immer wieder neu bekehren.
Wenn wir also fragen, wo - psychologisch betrachtet - die größere „Sicherheit des Glaubens“ vorhanden ist, würde ich sagen beim Katholiken, nach dem Sakrament der Beichte sagt ihm die Kirche, dass die Dinge vor Gott zu 100% wieder in Ordnung gebracht sind.
Da es diese Zusicherung im Calvinismuss nicht geben kann, muss er sich im Zweifelsfall selbst zerfleischen und immer wieder neu bekehren, im Grunde sich immer wieder das Heil ein-reden.
Das „Ein-Reden des Heils“ übernimmt im Katholizismus die Kirche, bzw. geschieht durch den verbindlichen Gnaden-Zuspruch eines bevollmächtigen Priesters. Im Calvinismus kann dies nur durch Selbst-Einredung erfolgen… Erstaunlicherweise bestätigt die Psychologie, dass der katholische Weg der effektivere ist.
Ich bin weder Calvinist, noch Katholik, und habe mit beiden Heilsystemen nichts am Hut.
Ich zitiere mal, was Gott zu dem Thema zu sagen hat.
24 Wenn aber ein Gerechter nicht mehr recht vor mir lebt, wenn er anfängt, Böses zu tun, und dieselben Abscheulichkeiten begeht wie der Gottlose, soll er dann am Leben bleiben? Nein! Keine von all seinen gerechten Taten wird ihm angerechnet werden. Weil er sich der Untreue schuldig gemacht und Böses getan hat, muss er sterben! 25 Wenn ihr nun sagt: ‚Was der Herr tut, ist nicht recht!‘, so hört mir zu, ihr Leute von Israel: Meine Handlungsweise soll nicht richtig sein? Sind nicht vielmehr eure Handlungen falsch? 26 Wenn ein Gerechter nicht mehr recht vor mir lebt, wenn er Unrecht tut und daraufhin stirbt, so stirbt er wegen des Unrechts, das er getan hat. 27 Wenn aber ein Gottloser umkehrt, sein gesetzloses Handeln lässt und tut, was gut und richtig ist, dann wird er sein Leben retten
Neue evangelistische Übersetzung (Gefell: Karl-Heinz Vanheiden, 2019), Hes 18,24–27.
Denn im Evangelium zeigt Gott uns seine Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt und Menschen zum Glauben führt, wie es in der Schrift heißt: „Der Gerechte wird leben, weil er glaubt.“
Neue evangelistische Übersetzung (Gefell: Karl-Heinz Vanheiden, 2019), Röm 1,17.
Was nützt es denn, meine Brüder, wenn jemand behauptet, Glauben zu haben, aber keine Werke aufzuweisen hat? Kann solcher Glaube ihn etwa retten
Neue evangelistische Übersetzung (Gefell: Karl-Heinz Vanheiden, 2019), Jak 2,14.
Zwar ist jedes Unrecht Sünde, aber nicht jede Sünde führt zum Tod.
Neue evangelistische Übersetzung (Gefell: Karl-Heinz Vanheiden, 2019), 1. Joh 5,17.
Ihre Sünde besteht darin, dass sie nicht an mich glauben.
Neue evangelistische Übersetzung (Gefell: Karl-Heinz Vanheiden, 2019), Joh 16,9.
Da sieht man auch wie groß die Gnade Gottes ist, in unseren Schwächen, Salomo der reichste und weiseste König aller Zeiten auf Erden ist aus Menschlicher Sicht größter Sünde entstanden.
Veröffentlicht von: @lucan-7Auch so ein Mensch ist nicht davor gefeit, in einer extremen Ausnahmesituation einen Menschen zu töten... sehr wohl aber davor, einen Mord zu begehen. Denn wenn er das täte, dann wäre er in der Tat nie von "neuem geboren" worden.
👍
Veröffentlicht von: @sternDa Holger ja so ein bisschen darauf hinauswollte, dass die katholische Beichte mehr für das Seelenheil bereithält und „effektiver“ ist, wollte ich nur meine Erfahrung schildern, die das so nicht untermauert.
Zumal ich die eingehende Schilderung des Calvinismus auch für verkürzt halte. Das müsste allerdings ein Calvinist beurteilen. Von Außen würde ich sagen: es ist aus meiner Sicht erstmal logisch stimmig, wenn Calvinisten davon ausgehen sollten, dass jemand, der schwer sündigt, nicht bekehrt war. Dem zugrunde liegt die Ansicht, dass man einen Glauben auch an den Werken erkennen sollte. Wenn ich Glaube an den Werken erkenne, funktioniert das in beide Richtungen: Glaube, der negatives hervorbringt, war kein guter Glaube und damit nicht bekehrt. Gute Werke schreiben die Menschen Gott zu und gottgewirkt, aber der logische Umkehrschluss kann durchaus dieser sein: die schlechten Werke zeigen den schlechten Baum. Calvinisten gehen hier also auch von einem sichtbaren Zeichen aus, durch das der Glaube erkannt werden kann. Daraus ergeben sich natürlich noch weitere Anfragen und man müsste das mal kritisch anschauen, aber den Grundgedanken finde ich erstmal logisch schlüssig.
Was das Modell der Beichte angeht, steckt dahinter natürlich der Gedanke, dass der Glaube nicht nur im geistigen Raum hängt, sondern er durch sichtbare und spürbare Zeichen für den Menschen greifbar wird. Das ganze Christentum durchzieht die durch sichtbare Zeichen greifbare Erlösung. Selbst Gott ist in Jesus Christus sichtbar und greifbar Mensch geworden, das Erlösungswerk erkennbar. Das unterscheidet das Christentum von rein philosophischen Modellen oder Religionen, deren Heilshandlungen nicht an konkrete Ereignisse gebunden sind. Das Christentum ist geschichtlich. Angefangen mit Gott, der in die Geschichte hereingebrochen ist, bis in die heutige Zeit, wo das Christentum durch Zeichenhandlungen wirkt.
Veröffentlicht von: @adjutanteAber es gibt Heilsgewissheit, von der die Bibel spricht und von der ich weiß. Sie gilt, solange ich mit Jesus lebe. Das ist mein "Jetztzustand". Diese Gewissheit hängt für mich aufs engste mit Christus zusammen. Ich gehöre zu Christus, weil er alles dafür getan hat, um mich zu erlösen.
Das entspricht katholischer Lehre. 👍
Veröffentlicht von: @sternIch brauche niemanden, dem ich meine Schuld, die ich fühle, gegenüber aussprechen kann und der mich dann freispricht - denn dazu habe ich das Gebet bzw. das Gespräch mit Gott (und durch die Erzählung in Lukas 18,9-14 weiss ich, dass diese Herzenshaltung vor Gott mir Frieden bringt).
Wie bringst du das in Einklang mit Joh 20,22f.:
"Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten."
@pankratius Es gibt viele verschiedene Verse. Ich würde sagen, @Stern könnte sich hier auf 1. Joh 1,9 berufen: "Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit."
@pankratius Ja, da gibt es noch andere Stellen. In 1. Joh 1,9 ist es aber erstmal nicht weiter konkretisiert. Ich würde nicht ausschließen, dass hier das Bekenntnis vor Gott ausreichend ist.