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Forschungsstand zur „Early High Christology“ vs. Vermittlung in der Gemeindepraxis

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ise
 ise
Themenstarter
Beiträge : 1
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich beschäftige mich aktuell mit der Entstehung des frühen Christentums und der Entwicklung des Christusglaubens. Zu diesem Themenkomplex habe ich zwei Fragen an Sie, die das Verhältnis von theologischer Forschung und kirchlicher Verkündigung betreffen:
  1. Zum aktuellen Forschungsstand: In der neutestamentlichen Wissenschaft (u. a. durch die Arbeiten von Larry Hurtado, Richard Bauckham und Martin Hengel) gilt das alte evolutionäre Modell – wonach sich der Glaube an Jesu Gottheitsstatus erst über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg im hellenistischen Umfeld entwickelt hat – als überholt. Stattdessen wird von einer „Early High Christology“ ausgegangen: Bereits in den Jahren 30–40 n. Chr., lange vor den ersten Schriften des Neuen Testaments, wurde Jesus in den jüdischen Gemeinde als göttlich angebetet und das Abendmahl als Feier seiner Auferstehung und Gegenwart als Sättigungsmahl gefeiert. Ist diese Ablösung des Evolutionsmodells hin zur „Early High Christology“ im aktuellen wissenschaftlichen Konsens der evangelischen Theologie so anerkannt?
  2. Zur kirchlichen Praxis: Wenn die Forschung zeigt, dass die hohe Christologie und die Anbetung Jesu auf die frühesten Augenzeugen (Jahre 30–40) zurückgehen und nicht das Produkt einer langen Kirchen- und Dogmengeschichte sind – warum wird in den Predigten und der Erwachsenenbildung der evangelischen Landeskirchen oft gefühlt immer noch das alte „Evolutionsmodell“ transportiert? Warum wird den Gemeinden nicht offensiver vermittelt, dass der christliche Glaube historisch extrem nah an den ersten Zeugen von Tod und Auferstehung ansetzt, anstatt den Eindruck zu erwecken, Jesus sei erst nachträglich zum Mythos erhoben worden?
Ich freue mich auf Ihre theologische Einschätzung und eine spannende Antwort. Danke dafür im Voraus.
Mit freundlichen Grüßen, Bernd Isenbeck
Antwort
24 Antworten
Kappa
 Kappa
Beiträge : 1761

@ise 

Guten Abend,

ein Freund der Theologie studierte sagte mir mal,  das man aufpassen was da alles gelehrt wird. Ich Fragte aber nicht genauer nach.

Ich bin auch überrascht. Sicherlich sind die Schriften später entstanden, aber diese Zeugen ja von diesen ersten Zeiten. Das die Gottheit Christie Dreh- und Angelpunkt gewesen ist, also das in Frage zu stellen, ist schon erschreckend.

kappa antworten


Rafael
 Rafael
Beiträge : 44

@ise 

Gibt es Quellen zu diesen Aussagen?

rafael antworten
Martha
 Martha
Beiträge : 1568

@ise 

Ist diese Ablösung des Evolutionsmodells hin zur „Early High Christology“ im aktuellen wissenschaftlichen Konsens der evangelischen Theologie so anerkannt?

Die deutsche evangelische Neutestamentlichkeit ist historisch extrem stark von der historisch-kritischen Methode und der Trennung von historischem Jesus und geglaubtem Christus geprägt.

Für sie fühlt sich Bauckhams Modell oft wie der Versuch an, das spätere altkirchliche Dogma (Nicäa 325 n. Chr.) unkritisch in die Urkirche zurückzuprojizieren.

Literaturempfehlung (PDF-Datei für 1€):

https://www.academia.edu/124062059/Early_High_Christology_and_Contemporary_Pro_Nicene_Theology

Der Aufsatz „Early High Christology and Contemporary Pro-Nicene Theology“ von Steven Nemes (Philosophia Christi, 2024) befasst sich mit der Spannung zwischen der neutestamentlichen Christologie und der späteren nizänischen Trinitätstheologie.

Der Autor schließt, dass die populäre Berufung zeitgenössischer nicaenischer Theologen auf die biblische „hohe Christologie“ nicht ohne Weiteres funktioniert, da die Logik der biblischen Texte dem nicaenischen Dogma im Kern widerspricht.  

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Ich bin keine studierte Theologin, aber interessiert.

martha antworten


MrOrleander
Beiträge : 2463

@ise 

In der neutestamentlichen Wissenschaft (u. a. durch die Arbeiten von Larry Hurtado, Richard Bauckham und Martin Hengel) gilt das alte evolutionäre Modell – wonach sich der Glaube an Jesu Gottheitsstatus erst über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg im hellenistischen Umfeld entwickelt hat – als überholt

Wissen die Vertreter des 'evolutionären' Modells bereits von diesem Umstand? 😀 

mrorleander antworten
1 Antwort
Arcangel
(@arcangel)
Beigetreten : Vor 25 Jahren

Beiträge : 6563

@mrorleander 

In der Literaurliste in diesem Artikel hier tauchen einige neuere Bücher und Artikel von Hurtado und Bauckham auf. Also nehme ich an das sie diese Diskusion schon noch mitbekommen haben. Auf jeden Fall dürfte diese Diskusion Hurtado und Hegel heute nicht mehr interssieren. 

arcangel antworten
Arcangel
Beiträge : 6563

@ise 

Hallo Ise

Willkommen im Forum, ich werde auch mit dem du antworten, da dies hier im Forum die normale Anrede ist.

Moderne Forschung, hat in den letzten 40 Jahren massive Sprünge gemacht. Dies hängt mit einigen Entdeckungen zusammen, da wäre einmal die Texte aus Ugarit die in den 1920 gefunden wurde und immernoch übersetzt werden (aktuell sind glaube ich 40% Übersetzt wenn ich es richtig im Kopf habe) diese Texte geben einen neuen und tieferen einblick in die Kannanitische Umwelt in dem die Biblischen Texte enstanden sind und rücken diese in ein neues Licht. Die zweite einflussreiche Entdeckung waren die Qumran Rollen und dort insbesondere die nicht Kanonischen Texte, welche ein weiteres Schlaglicht auf die zwischentestamentarische Zeit werfen. 

Auf diesem Hintergrund gilt der Erkenntnissstand zum alten Testament der älter als 40 Jahre ist als überholt und in vielen fällen als Falsch. 

Warum aber schreibe ich über das alte Testament. Ganz einfach weil all die themen die später im NT prominent sind bereits in der zwischentestamentarischen Zeit zum Tragen kommen. 

Warum zum Beispiel: Warum treibt Jesus Dämonen aus, und warum ist das ein Zeichen für den kommenden Messias? In den Kanonischen Texten des AT hat nie jemand einen Dämon ausgetrieben, auch wird dies nie in irgend einer weise als Messianisches Zeichen erwähnt. 

Genau hier liefern diese Texte eine Antwort, in der Messiaserwartung der Zeit war es ein Zeichen des Messias das er Dämonen austreibt, genauso war es eine Messiaserwartung, dass der Messias die Sünde überwindet und eine Moralische wiederherstellung des Volkes Israels erreicht. Die Erwartung, dass der Messias eine Militärische erlösung israels vollbringt gab es zwar auch, aber war nicht Mainstream. 

Nun zu deiner Frage, in dieser Zeit war es Jüdische Orthodoxie von zwei Mächten im Himmel zu sprechen, den Unsichtbaren Unnabaren YHWH den Mose nur von hinten sehen durfte, und den nahbaren physichen Präsenten YHWH der Mose mit angesicht zu angesicht gesprochen hat, der mit Israel gerungen hat, der neben Samuel stand und ihn berufen hat usw. 

Das also YHWH physisch Präsent mit den Richtern, Königen, und Propheten interagiert war also etablierte jüdische Orthodoxie zur Zeit Jesu. Die Botschaft der Jünger war nun, dass Jesus diesr physisch Prästente YHWH ist. Also die Early High Christologie, ist auch nicht korrekt, denn dieses Konzept lässt sich bereits vor die Zeit Jesu datieren. 

Als reaktion zum aufkommenden Christentum, wurde die Theologie des zwei mächte im Himmel von den Rabbienern als Härresie verurteilt und aus ihren Schriften verbannt. Das führte dann dazu, dass moderne Theologen auf die Rabbinische Tradition schauten, sahen das sie vermeindlich immer nur einen unnahbaren transzendenten Gott kannten. Daraus schlossen sie dann, dass die Vergöttlichung Jesus erst mit den Christen enstanden sein musste. So wurde die evolutionäre "late high Christologie" formuliert. 

Ein kurzer Artikel mit literatur dazu findest du hier.

Mit Ausnahme des Buches von Segal, Alan F. das aus den 70gern stammt sind alle Bücher in den 90'gern oder jünger entstanden. 

arcangel antworten


AWHler
 AWHler
Beiträge : 2494
Veröffentlicht von: @gottsucher

Natürlich ist der Sühnetod eine "Zumutung" für das menschliche Empfinden, aber wie sagte schon Paulus: „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft.“ (1.Korinther 1,18).

Auch, wenn ich die "Sühneopfer"-Deutung relativiere (sie ist EINE Deutungsrichtung, die man übernehmen oder mit Fragezeichen versehen kann), bleibt das Kreuz als Ort & Geschehen, in dem Gott & Menschwelt sich kreuzen, eine "Torheit und ein Ärgernis".

Der Verstand (die Griechen) und das Gottesbild (Adonai oder "Allah" ="der Gekreuzigte Gott? Unzumutbar!) wird in der Tat heraus-gefordert!

L'Chaim

awhler antworten
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